Alles Roger in Kambodscha

Alles Roger in Kambodscha

Keine Spur von Regen bei meiner Ankunft. Es war warm und trocken, und gefühlt gar nicht so schwül wie in Chiang Mai an den Tagen zuvor. Die Einreise nach Kambodscha, das Land der Khmer, war einfach und der Erwerb einer SIM-Karte ging ganz reibungslos. Es konnte losgehen, hier in Siem Reap (សៀមរាប), der Stadt nahe Angkor Wat (អង្គរវត្ត), dem wichtigsten Touristenziel Kambodschas, das auch auf der Nationalflagge zu sehen ist.

Wenn ich beruflich unterwegs bin, sind wir immer angehalten keine landestypischen Verkehrsmittel zu benutzen. Aber hier bin ich ja privat unterwegs, und natürlich nehme ich mir bei so einer Gelegenheit ein Tuktuk, um in mein Hostel zu kommen. Die Tuktuks in Kambodscha sind ein bisschen anders als in Indien oder Thailand. Vielleicht würde der Begriff Motorradrikscha besser zutreffen, denn es sind eher kleine, einachsige Kutschen, die an ein Motorrad angebracht worden sind. Folglich sitzt man, nicht wie in Indien, auf einem Gastank, der die Energie für den Motor liefert, sondern wird von einem stinkigen Zweitakter gezogen. Ich habe also ein solches Rikschataxi angeheuert, und der junge Fahrer hat mich für neun Dollar in einer knappen halben Stunde in mein Hostel in der Stadt gebracht.

Eigentlich bezahlt man im Königreich Kambodscha (ព្រះរាជាណាចក្រកម្ពុជា) mit Riel. Diese Währung wurde 1956 eingeführt, 1980 erneuert und gilt bis heute. Lediglich in den Jahren der Roten Khmer war Geld in Kambodscha komplett abgeschafft. Für größere Geschäfte oder im Tourismus wird heute jedoch hauptsächlich der US-Dollar benutzt, der ungefähr 4.000 Riel entspricht.

Das Hostel, das ich mir gebucht hatte, war auch wieder so eine gut bewertete Backpacker-Bude, die allerdings einen gewissen Charme in Form von Einzelzimmern in einem ruhigen Nebengebäude hatte. Beim Check-In habe ich irgendwie meine Singapur-SIM-Karte verloren, die ich auch in Vietnam und China noch hätte verwenden können. Somit sollte ich nach Kambodscha wieder für eine ganze Weile ohne mobile Daten sein, was aber letztlich nicht ganz so schlimm war, denn es hatte ja in ganz Südamerika schon wunderbar funktioniert.

Bei meiner Ankunft war es schon später Nachmittag, und um noch ein paar Sonnenstrahlen abzukriegen, habe ich mich auf den Weg hinauf zum Rooftop-Pool gemacht. Und da waren sie wieder: die Backpacker aus Europa, die um das Schwimmbecken mit dem nicht mehr ganz so sauberen Wasser herumsaßen, laut Musik hörten, rauchten und mit ihren 20 Jahren über die Welt philosophierten. Na das fängt ja gut an! Ich bin nicht lange geblieben und habe mich dann auf mein Zimmer verzogen, um über Couchsurfing ein Dinner-Date zu suchen. Mit Jack, einem japanisch-stämmigen Ami aus Washington D.C., habe ich mich dann zum Abendessen getroffen. Die Auswahl von Restaurants in diesem Touristenort Siem Reap ist riesig, und man weiß ja nie so recht, was einen dann so erwartet, aber das Restaurant, für das wir uns entschieden hatten, war in Ordnung, und der Preis fürs Abendessen mit 3 Dollar (inkl. Trinkgeld) etwa genauso teuer wie zuvor in Thailand.

Nach dem Essen habe ich mich alleine noch auf den Weg gemacht, und bin ein bisschen über den Nachtmarkt geschlendert. Nachtmärkte, zumal in einer Stadt wie Siem Reap, sind zu Touristenmärkten verkommen. Natürlich ist es wesentlich angenehmer, dort abends oder nachts herumzuschlendern, wenn die Sonne nicht bei 30°C vom Himmel knallt, allerdings darf man auch nicht damit rechnen, etwas Ursprüngliches oder Traditionelles zu finden. Stattdessen gibt es Souvenirs, Postkarten, Massage-Salons, Eisdielen, und zu Marktständen umgebaute Rikschas, an denen der geneigte Tourist Fleischbällchen, Teigfladen sowie gegrillte Skorpione, Käfer und Schlangen erstehen kann. Abgerundet wird der fröhlich-laute Wahnsinn mit Bars und Restaurants. Obwohl mein Hostel in Rufweite des Nachtmarkts lag, war mein Zimmer ruhig, und dahin habe ich mich auch verabschiedet, denn für den nächsten Morgen war die Abfahrt nach Angkor Wat für 4:30 Uhr geplant.

Siem Reap – Nachtmarkt
Siem Reap – Lecker Skorpione, Schlangen, Käfer etc. auf’m Nachtmarkt. Wohl bekomm’s!

Müde Gesichter hatten sich vor dem Hostel versammelt. Die anderen waren auch noch nicht ganz wach, als uns die Angestellten in diesem Zustand auf verschiedene Rikschas verteilt hatten. Auch ich wurde zusammen mit einem Israeli, einer Römerin und einem Schweizer aus dem Tessin durch die kambodschanische Nacht zum zentralen Ticketschalter gekarrt, wobei uns die angenehme Morgenkühle und ein permanentes Geschaukel schnell aufweckte. Hektische Betriebsamkeit herrschte zu dieser frühen Stunde bereits an den Schaltern, wo man sich 1-Tages-, 3-Tages- und 7-Tages-Karten kaufen konnte. Für drei Tage nehmen sie stolze 62 US$.
Nach weiteren 20 Minuten waren wir am Haupteingang zur Tempelanlage von Angkor Wat, die für die Touristen über eine schwimmende Brücke zu erreichen ist. Die Pontonbrücke überquert dabei einen 190 Meter breiten Graben, der die Anlage umgibt und nach der gängigen Interpretation den Ur-Ozean darstellen soll. Auf der Insel sozusagen führte der Weg durch ein imposantes Zugangstor zum bekanntesten Ort des Landes. Hinter dem Tor erstreckte sich ein großes Areal, in dessen Zentrum sich der Haupttempel mit seinen fünf nach Lotusblüten geformten Türmen erhebt. Der Name dieses Tempels ist eigentlich unbekannt, da weder Inschriften noch eine Gründungsstele gefunden wurden. Heute wird der Ort Angkor Wat genannt, wobei die Gesamtanlage Angkor (អង្គរ, Stadt) aus vielen weiteren, bis zu 1000 Tempeln (វត្ត, Wat) und Heiligtümern besteht.

Siem Reap – Angkor Wat

Und, was soll ich sagen? Wir waren nicht allein!
In der Dämmerung hatten sich bereits hunderte Menschen vor einem halb ausgetrockneten Tümpel mit kümmerlichen Seerosen versammelt, um das beste Bild vom Tempel mit den sich im Wasser spiegelnden Türmen zu machen, während im Hintergrund die Sonne aufging. Es hätte so schön sein können, stattdessen gab es Geschrei und Selfie-Stangen.

Siem Reap – Morgenstimmung in Angkor Wat
Siem Reap – Morgenstimmung in Angkor Wat, die Kehrseite der Medaille

Kurz nach Sonnenaufgang wurde der eigentliche Tempel geöffnet, und auch ich schlenderte ziellos in der Anlage umher. Kurz vor dem Treffen mit unserem Guide war dann aber natürlich auch für mich Selfie-Zeit vor dem Tümpel – nur dass jetzt kaum noch Leute da waren. Unser Guide, dessen Name mir entfallen ist, führte uns dann abermals in den Tempel, erzählte uns ein paar Geschichten und historischen Hintergründe von Königen, siamesischen Überfällen, Kriegen und Göttern.

Ab dem 10. Jahrhundert brachte ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem dem Khmer-Reich großen Reichtum, da mehrmals im Jahr Reis geerntet werden konnte. In dieser Zeit wurden große Städte und gewaltige Tempelanlagen errichtet. Die Region hieß damals noch nicht Angkor, sondern Kambuja, wovon sich der heute Name Kambodscha ableitet. Im 12. Jahrhundert gipfelte die Macht der Khmer im Bau Angkor Wats unter König Suryavarman II. Zu Beginn war es der hinduistische Staatstempel des Königs zur Verehrung des Gottes Vishnu. Erst im späten 13. Jahrhundert wandelte sich Angkor Wat zu einer buddhistischen Kultstätte und verwahrloste ab dem 16. Jahrhundert zwar, wurde aber nie ganz verlassen. Noch heute gibt es buddhistische Schreine im Tempel, und man kann sich gegen eine Spende den gemurmelten Segen eines buddhistischen Mönchs abholen.

Siem Reap – Angkor Wat
Siem Reap – Angkor Wat
Siem Reap – Buddhistischer Schrein im Tempel
Siem Reap – Kampfrelief in Angkor Wat
Siem Reap – Angkor Wat
Siem Reap – Angkor Wat

Zurück auf den Rikschas ging es für unsere Gruppe aus dem Hostel weiter zum nächsten Tempel Angkor Thom. Zur Blütezeit dieses Tempels war er Teil der Hauptstadt Yasodharapura, die größer war als irgendeine Stadt des damaligen europäischen Mittelalters. Danach folgte ein Besuch in einem für kambodschanische Verhältnisse maßlos überteuerten Restaurant, bevor es weiter ging zum Tomb-Raider-Tempel, der eigentlich Ta Prohm heißt. Es ist ein halbverfallener Tempel, der in seinem vorgefundenen Zustand belassen worden ist und daher noch heute von gigantischen Würgefeigen überwachsen ist. Der Film mit Angelina Jolie hat den Rest zur Bekanntheit des Tempel beigetragen.

Siem Reap
Siem Reap – Angkor Thom
Siem Reap – Ta Prohm

Und genau an so einer blöden Würgefeige, als ich mich anstellte um ein Foto vor mir machen zu lassen, da habe ich meine Gruppe verloren. Sagen wir mal so, unser Guide hat einfach nicht auf mich, und wie sich später herausgestellt hat, auch nicht auf andere gewartet. So kam ich also am Tempeleingang wieder raus, wo man mich an den Ausgang auf der gegenüberliegenden Seite geschickt hat. Nur war da keiner mehr. Ein gewiefter Rikschafahrer hatte allerdings meine Not erkannt und mich zum nächsten Tempel gebracht. Zuerst auf die Ausgangsseite, und dann auf die Eingangsseite, wo ich meine Gruppe dann auch schnell wieder im Tempel Banteay Kdei fand. Und er hat mir für die knapp zweieinhalb Kilometer sage und schreibe sieben Dollar und ein paar hundert Riel abgeknöpft. Zum Vergleich, die komplette Halbtagestour inklusive Fahrer und Guide hatte mich gerade mal 15 Dollar gekostet.

Bei den weiteren Erklärungen unseres Guides habe ich dann aber schon gar nicht mehr zugehört, denn es war inzwischen richtig heiß und drückend geworden, ich habe geschwitzt wie ein Schwein und hatte eigentlich auch gar keine Lust mehr. Am gegenüberliegenden Wasserreservoir Srah Srang gab es noch ein paar Fotos, bevor wir in einem kleinen Van – die Rikschas waren schon vorab abgefahren – zurück zum Hostel ging.

Siem Reap
Siem Reap
Siem Reap
Siem Reap – Srah Srang

Für den Nachmittag hatte ich mir ein nettes kleines Hotel in Siem Reap herausgesucht, in das ich dann zu Fuß gegangen bin. Zuerst habe ich mich am Pool gesonnt, und zum Schluss gab es noch eine entspannende Massage. Was für eine Wohltat nach einem so heißen Tag.

Siem Reap – Auf’m Weg zum Hotel-Pool

Den nächsten Tag konnte ich ein bisschen ruhiger angehen lassen, denn mein über Couchsurfing organisierter Fahrer hatte sich erst für 9 Uhr angekündigt und dann über zwei Stunden Verspätung (natürlich per WhatsApp mitgeteilt), weil er noch an seinem Tuktuk herumreparieren musste. Bis dahin habe ich gemütlich gefrühstückt, eine kaputte Hose zum Nähen in die Schneiderei gebracht und Souvenirs gekauft. Dann ging es los zur privaten Sunset-Tour. Mein Fahrer war Mr. Dan.

Siem Reap – Schneider allerorten

Er ließ mich an diversen Tempeln (Preah Khan, Ta Som und Neak Pean) aussteigen, und wir trafen uns nach meinem Besuch am Ausgang auf der anderen Seite wieder. Zum Essen führte er mich wieder in ein Abzockerrestaurant, und weil wir beide so müde waren, haben wir in den Hängematten gleich neben den Tischen sicherlich eine Stunde oder so gedöst. Folglich war das Aufstehen danach umso schwerer. Nach einem weiteren Tempel (Östlicher Mebon) sind wir an den Sonnenuntergangstempel Pre Rup gelangt. Zugegeben, ursprünglich hatte der zwölf Meter hohe Tempel nichts mit der Sonne oder deren abendlichem Untergang zu tun, er war vielmehr stilbildend für die späteren großen Tempelberge wie zum Beispiel Angkor Wat, und er gilt als der bedeutendste Tempel aus dem 10. Jahrhundert. Heute allerdings sitzen allabendlich Horden von Touristen auf der obersten Plattform, lassen die Füße über die Kante baumeln und schauen sich den Sonnenuntergang über Reisfeldern und Wasserbüffelweiden – vorausgesetzt es sind keine Wolken am Horizont, die das schöne Spektakel trüben.

Siem Reap – Wenn der Vater mit dem Sohne…
Siem Reap
Siem Reap – Brückenwächter
Siem Reap – Ta Som
Siem Reap – Ta Som
Siem Reap – Preah Khan
Siem Reap – Auf dem Damm zum Neak Pean
Siem Reap – Neak Pean
Siem Reap – Östlicher Mebon
Siem Reap – Unterwegs zwischen den Tempelanlagen

Da wir weiter über eine Stunde vor dem Sonnenuntergang um 18:20 Uhr ankamen, hat mich Mr. Dan nebenan zu einem rustikalen Khmer-Imbiss mitgenommen. Khmer (ខ្មែរ) bezeichnet dabei nicht nur die Sprache (ភាសាខ្មែរ), die in Kambodscha gesprochen wird, sondern auch das Volk der Kamboschaner an sich. 97% der knapp 16 Mio. Kambodschaner gehören der Khmer an, wobei die restlichen Etnien Vietnamesen, Chinesen, Laoten und Thai sind. Kambodscha ist ein Königreich mit einer parlametarischen Wahlmonarchie und einem parlamentarischen Regierungssystem. Im Gegensatz zu den Nachbarländern ist das Khmer keine Tonsprache, und auch die Khmer-Schrift ist von indischen Schriften abgeleitet. Und dann gibt es bzw. gab es noch die Roten Khmer. Diese Guerillabewegung kam unter Pol Pot im Jahr 1975 an die Macht und regierte das Land als totalitäre Staatspartei bis 1979. Die Roten Khmer wollten die Gesellschaft mit Gewalt in einen Agrarkommunismus überführen, was sie unter anderem mit der vollständigen Vertreibung der Bevölkerung aus der Hauptstadt erreichen wollten. Das Ganze mündete in einem Genozid, der in die Geschichtsbücher einging. Das steinzeitkommunistische Regime hat dabei je nach Schätzung zwischen 1,7 und 2,2 Mio. Menschen auf dem Gewissen. Erst durch vietnamesische Invasionstruppen kam es zu einem Sturz und der Zerschlagung des Regimes, das jedoch bis zur Auflösung 1998 noch als Untergrundbewegung Bestand hatte.

An unserem Imbiss wurden unterdessen Fleischspieße über Kohlen gebraten, und dazu gab es undefinierbaren Salat, der mich an dünn geschnittene Paprikastreifen erinnert hatte. Was mir allerdings in den höchsten Tönen angepriesen wurde und gut für meine Potenz gewesen wäre, waren Baby-Eggs: halb ausgebrütete und gekochte Hühnereier, die wie ein hartgekochtes Ei mitsamt bisher entwickeltem Küken von den Kambodschanern genüsslich ausgelöffelt wurden. Ich habe dankend abgelegt.
Aber auch die Fleischspieße hatten es in sich. Für den Rest des Abends bis zum Zähneputzen hatte ich einen ganz widerlichen Fettfilm am Gaumen, den ich trotz aller Bemühungen mit der Zunge nicht wieder weggekriegt habe.

Siem Reap – Khmer-Imbiss
Siem Reap – Gaumen-‚Freuden‘ am Khmer-Imbiss

Als es dann Zeit wurde, habe auch ich mich zusammen mit einer großen Schar anderer die steilen Treppen des Tempels hinaufgeschleppt und mich an die westliche Ecke der Plattform gesetzt. Die Fläche war so voll, dass die Leute teilweise sogar in zweiter Reihen stehen mussten – von Sonnenuntergangsromantik also keine Spur. Irgendwann bin ich hinunter und habe das Elend von dort fotografiert, wie sie alle wie Hühner auf der Stange der Sonne beim Untergehen zuschauen. Da Wolken in der Ferne dem Ganzen tatsächlich ein bisschen die Stimmung nahmen, bin ich zu Mr. Dan und habe mich zurück in die Stadt fahren lassen.

Siem Reap – Sonnenuntergang vom Pre Rup
Siem Reap – Sonnenuntergangsbeobachter auf’m Pre Rup

Zähneputzen war jetzt dringend notwendig, und dann habe ich in der bereits gestern gut bewährten Garküche zu Abend gegessen. In einer Touristenstadt wie Siem Reap (was übersetzt so viel heißt wie: Ort der Niederlage der Siamesen) gibt es Massagesalons mit Massenabfertigung für die geh-erschöpften Touristen. Unter Vordächern sind dazu 30 oder mehr Fußmassagesessel aufgestellt, und wenn die Bude voll ist, sitzen da die Touris und lassen sich von Dutzenden Kambodschanerinnen für einen Dollar je 30 Minuten die Füße massieren. Dabei glotzen sie auf den Fernseher oder filmen die armen Frauen, um danach ein lustiges kleines Video auf Facebook zu stellen. Irgendwie können einem die Masseusen leidtun. Ich gebe zu, auch ich habe mir so eine Fußmassage gegönnt, aber in dem kleinen Salon war außer mir keiner dort. Mit einem Cocktail in der Hostel-Lounge, dem Blogschreiben und dem Organisieren meiner Weiterreise habe ich den Rest des Abends verbracht und bin zeitig ins Bett.

Siem Reap – Fußmassage

Eigentlich hätte ich gern noch ein bisschen mehr vom Land gesehen und wäre mit dem Bus weitergefahren, aber stattdessen habe ich mir aus Zeitmangel einen Flug von Siem Reap hinunter nach Sihanoukville gebucht, um meine zweite Unterkunft in Kambodscha zu erreichen. Der Flug ging am nächsten Morgen um viertel nach zehn, und in Sihanoukville angekommen wartete schon mein Shuttle um mich ins 100 Kilometer entfernte Kampot zu bringen.

Kampot – Zug auf dem Weg zur Unterkunft
Kambodscha

Auch dieses Hostel hatte ich mir aufgrund von Empfehlungen auf hostelworld.de gebucht, und um ehrlich zu sein, wurde ich diesmal echt nicht enttäuscht. Die letzten zwei Kilometer dorthin war es lediglich eine Schotterstraße und zum Schluss ging die Fahrt nur noch über einen engen Feldweg. Das Hostel wurde von einem alternativen Aussteigerpärchen aus Frankreich betrieben und lag wirklich herrlich an einem kleinen, mit Schilf zugewachsenen Flüsschen. Mein Zimmer war eine Hütte, die direkt am Bach mit Blick hinaus in die Wildnis lag.

Kampot – Zimmerausblick

Nachdem ich mein Zeug in der Hütte verstaut hatte, bin ich zurück und habe mir was zum Essen bestellt: eine Dame Blanche. OK, nicht unbedingt nahrhaft, aber ich hatte halt Lust auf Eis und was Süßes. Und wie ich da so sitze, denke ich mir noch: „Hoi, da riecht’s aber ganz schön nach Gras!“. Ein Blick zu Seite klärte den Umstand auf, denn der Kerl, der sich gerade neben mich gesetzt hatte, zog ganz genüsslich an seinem Joint. Jetzt ergab auch das handgeschriebene Schild an der Wand auf einmal einen Sinn.

Cookie – 4$

Aha, alles klar!

Den Nachmittag habe ich am Pool verbracht, der zwar an sich ganz nett war, aber zum Sonnen und Faulenzen nebenan dann doch eher nicht so einlud. Stattdessen habe ich auf einer Wiese mein Buch gelesen und ein bisschen gedöst. Die Sonne geht in diesen Breiten ja immer ungefähr zur gleichen Zeit unter. Anfangs finde ich das immer etwas verwirrend. Es ist warm, man ist in kurzer Hose unterwegs: das fühlt sich an wie Sommer. Bei uns geht die Sonne im Sommer irgendwann um zehn unter, und wenn sie dann weg ist, dann ist es richtig spät. Hier in der Nähe der Tropen ist es jeden Tag im Jahr spätestens um sieben stockdunkel, und irgendwie habe ich dann immer so ein Gefühl, dass es schon richtig spät sein muss. Da lobe ich mir unsere Sommerzeit.

Da es Samstagabend war, gab es in meiner Unterkunft das allwöchentliche BBQ am Pool. Neben Fleisch gab es natürlich auch vegetarische Spieße und eine nette kleine Runde mit den Gästen aus den anderen Hütten. Ich kam dann irgendwann mit einer Italienerin (Maria mit Namen – wie auch sonst…) ins Gespräch, die wohl für Adriano Celentano und dessen angeblich giftspeiende, unsympathische Frau arbeitete. Wir haben uns prächtig unterhalten, und gerade noch rechtzeitig bevor die Küche zumachte, haben wir uns ein Vanille-Eis mit Cookie bestellt. Oh Mann, der Scheiß wirkt bei mir nicht! Denn während Maria, in der Hängematte liegend, irgendwann zu philosophieren angefangen hat, bin ich einfach nur müde geworden. Ich nahm das zum Anlass, mich bald in die Heia zu verabschieden, und so stolperten wir beide mit Handytaschenlampe bewaffnet durch den unbeleuchteten Garten zurück in unsere Zimmer.

Obwohl ich am nächsten Morgen noch so ein bisschen am Dösen war, hatte ich das unbestimmte Geräusch aus der Ferne wohl wahrgenommen. Es hörte sich an wie ein alter Traktor, so ein liebevoll gepflegter Lanz, mit dem betagte Herren zu Schausonntagen ausfahren. Langsam aber stetig schien das Geratter näher zu kommen, und dann war es so nah, dass es bei mir direkt vor der Tür vorbeifuhr. Ich war inzwischen aufgestanden und hatte die Tür aufgemacht, und da sah ich es vorübergleiten: ein alter Kutter mit drei jungen Kerlen, die an diesem Sonntagmorgen auf dem Weg zum Fischen fahren. Später am Abend sollten nochmal zwei Kutter vorbeifahren, die sich ähnlich lautstark ankündigten.

Kampot – Fischer auf der Heimfahrt

Nach dem Frühstück habe ich mir bei der französischen Chefin des Hauses einen Roller gemietet, um ein bisschen die Gegend zu erkunden. Es dauerte jedoch eine Weile bis mein Vehikel bereit stand, denn es musste erst noch aus dem Städtchen hergebracht werden. Meinen Führerschein wollte keiner sehen, und auch die durch Recherchen im Internet aufgekommene Frage, ob ich als Ausländer mit meinem deutschen Führerschein in Kambodscha überhaupt einen Roller fahren darf, wurde mit einem Handwisch à la „Passt schon!“ abgetan. Na dann los! Aber um nicht irgendwo liegen zu bleiben (weder die Tankanzeige noch die Angestellten konnten verlässlich angeben, wieviel Sprit noch im Tank war), musste ich eben zum Tanken. Sprit für den Roller wurde dabei ganz simpel in alten Ein-Liter-Cola-Flaschen am Straßenrand verkauft und das Befüllen des Tanks gehörte zum Service mit dazu. Jetzt aber los!

Meinen ersten geplanten Stopp habe ich aufgrund Nichtauffindens der richtigen Abzweigung ausfallen lassen und bin stattdessen einfach weitergedüst zu einer offenbar bekannten Höhle. Nach dem Entrichten der Eintrittsgebühr sind zwei findige Kinder auf mich zugekommen und haben mich ungefragt durch die Höhle geführt. Sie zeigten mir einen kleinen Schrein, der angeblich schon tausend Jahre alt sein soll, irgendwelche Tropfsteinformationen, die Elefanten und Tigern ähneln sollen, und zum Schluss mussten wir ordentlich kraxeln, um auf der anderen Seite der Höhle wieder ans Tageslicht zu kommen. Das kleine Trinkgeld hatten sie sich dann auch redlich verdient.

Kampot – Tourguides durch die Höhle
Kampot – Reisfelder

Kampot ist ja quasi der Ort, wo der Pfeffer wächst. Buchstäblich. Denn Kampot ist weltbekannt für seinen besonders aromatischen Pfeffer, der auch als das Gold von Kambodscha bezeichnet wird. Meine nächste Station war also so eine Pfefferfarm, aber da es bereits Mittag war, hatte sich auch ein kleiner Hunger bemerkbar gemacht. Wie gut, dass da auf einmal mitten im Nirgendwo an einem See eine kleine Garküche auftauchte, vor der ein paar windschiefe Bänke aufgestellt worden waren, um hungrige Rollerfahrer zu bewirten. An einem der Tische saß Izabela aus Polen. Schon als ich mich zu ihr an den Tisch setzte, empfahl sie mir das herrliche Veggie-Curry, und das habe ich dann zusammen mit einem Fruchtsaft auch bestellt. Wir haben uns super verstanden und anschließend beschlossen, die Pfefferfarm gemeinsam zu besichtigen. Izabela war auch mit einem Mietroller unterwegs, und so sind wir nach unserem tatsächlich superleckeren Mittagessen zuerst hinter einer Kuhherde auf dem Feldweg und dann hinter LKWs auf der Überlandstraße unserem Ziel entgegen gefahren.

Kampot – Auf’m Motorrad wird alles transportiert
Kampot – Kuhherde voraus

Wir waren die einzigen Besucher an diesem Sonntagnachmittag, als uns der Besitzer freundlich begrüßt und über das Anwesen geführt hatte. Kampot-Pfeffer wird biologisch angebaut, und wie überall wird der grüne, schwarze, rote und weiße Pfeffer von ein und derselben Pflanze geerntet. Lediglich die Verarbeitungsweise verleiht ihm dann die typische Farbe und Geschmack. Ähnlich wie Hopfen wachsen die Pfefferstauden an Stangen und aufgespannten Drähten nach oben, nur mit dem Unterschied, dass das Pflücken hier noch Handarbeit ist. Bei unserem Rundgang sind alte Männer auf Leitern gestanden und haben die kleinen Pfefferbobbel von den Pflanzen gepflückt und in Bastkörben gesammelt. Das Trocknen des Pfeffers wird in einer Art Treibhaus gemacht, und dann kommt die richtige Fleißarbeit. Auf dem Boden sitzend pickten hauptsächlich Frauen die schlechten Pfefferkörner aus großen, kreisrunden Blechschalen und sammelten sie in kleinen Schüsseln. Zum Schluss gab es für uns Besucher einen Fruchtsaft und als Mitbringsel für die Frau Mama ein bisschen Kampot-Pfeffer.

Kampot – Pfefferpflücker
Kampot – Pfefferernte
Kampot – Pfeffertrocknen
Kampot – Pfefferpulen
Kampot – Pfefferpulen
Kampot – Nebenerwerb, Ananas in der Pfefferplantage
Kampot – Nebenerwerb, Jackfrüchte in der Pfefferplantage
Kampot – Tea time mit Parabolspiegel

Wie ein feines, wenn auch eher unangenehmes Peeling auf der Haupt fühlte sich dann der Regen an, der uns auf der Rückfahrt nach Kampot-Stadt überraschte. In der Stadt selbst war dann alles schon wieder vorbei und nur noch dampfig. Nachdem ich mich von Izabela verabschiedet hatte, war der Rest des Abend im Hostel ganz entspannt.

Kampot – Meine Hütte
Kampot – Abendstimmung am Hostel

Am nächsten Morgen brachte ein Tuktuk mich und die Italienerin Maria in die Stadt, von wo sie einen Bus in die Hauptstadt und ich einen Transfer an die vietnamesische Grenze genommen habe. Eine junge Schwedin, die schon seit zwei Jahren unterwegs war, sowie ein Pärchen aus Frankreich waren mit an Bord, während unser Khmer-Fahrer Richtung Hà Tiên fuhr.

Es waren nur ein paar Tage, die ich in Kambodscha hatte. Die Hauptstadt Phnom Phenh (ភ្នំពេញ) habe ich bewusst übersprungen, denn ich habe mir sagen lassen, dass es dort nicht viel zu sehen gibt. Allerdings wäre es von dort möglich gewesen, über den Mekong in dessen Delta zu fahren. So habe ich also nur die Hauptsehenswürdigkeit des Landes gesehen und kann getrost weiterfahren. Es hat alles wunderbar geklappt. Die Flüge, der Transfer und vor allem kein Stimmungstief. Alles Roger sozusagen. Alles Roger in Kambodscha!

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