Andenzüge

Andenzüge

Am Malecón, der Flusspromenade, von Guayaquil ist etwas Besonderes zu beobachten. Die einsetzende Flut vom über 50 Kilometer entfernten Meer drückt das Wasser des Río Guaya mit einer ziemlichen Geschwindigkeit zurück ins Landesinnere. Guayaquil ist die größte Stadt Ecuadors, sogar noch größer als die Hauptstadt Quito, und mein Ausgangspunkt für den Flug auf die Galápagosinseln, die etwa 1000 Kilometer vor der Küste liegen.

Vom Hostel hinab zum Malecón führte mich mein Weg in den kleinen Park vor der Catedral Metropolitana. Hier gab es schon den ersten Vorgeschmack auf Galápagos, denn im Park wimmelt es geradezu von Leguanen, und die lassen sich es hier auch gut gehen, denn sie werden von den Besuchern mit Salatblättern und Bananen gefüttert. An der Promenade entlang bin ich nach Norden ins historische Zentrum der Stadt, nach Santa Ana. Die Restaurants am Fluss kamen gerade recht um was zu essen, bevor ich die 444 Stufen hinauf zum Leuchtturm von Santa Ana bin. Obwohl es schon abends um neun war, als ich rauf ging, war da oben an diesem Freitagabend noch einiges los.

Guayaquil – Catedral Metropolitana
Guayaquil – Leguan im Stadtpark
Guayaquil – Aussicht vom Leuchtturm des Cerro Santa Ana
Guayaquil – Leuchtturm des Cerro Santa Ana

Die knapp 17 Millionen Ecuadorianer leben in einem Land in Nordwesten Südamerikas, das zu einem der vielfältigsten der Erde gehört. Es lässt sich in vier geographische Zonen einteilen: die Küste, die zentrale Andenregion, das Amazonastiefland sowie Galápagos. Nach einem Krieg mit Peru, El Niño, diversen Krisen und dem Tiefstand des Ölpreises entwickelte sich eine Währungskrise, die dazu führte, dass Ecuador im Jahr 2000 den US-Dollar einführte, der auch heute noch offizielles Zahlungsmittel ist. Ecuador gilt als viertärmstes Land Südamerikas.

Um am nächsten Tag in meine Unterkunft auf der Isla Isabela auf Galápagos zu kommen, musste ich den Geldbeutel oft aufmachen. Am Flughafen in Guayaquil wird das Gepäck aller Galápagos-Reisenden speziell geprüft und man muss sich eine entsprechende Besucherkarte ausstellen lassen (20 $). Am Flughafen auf Galápagos angekommen, wird der Pass geprüft und man drückt 100 Dollar Nationalparksgebühr ab. Sein Gepäck kriegt man erst, nachdem ein Spürhund drüber geschnuppert hat. Der Flughafen Baltra auf Galápagos liegt auf einer kleinen Insel nördlich der zweitgrößten Insel Santa Cruz. Von dort gibt es einen kostenlosen Flughafenbus zum Fähranleger, dann geht’s auf eine Fähre und man fährt in weniger als fünf Minuten hinüber nach Santa Cruz (1 $). Dort angekommen nimmt man einen Bus ins etwa 40 Kilometer südlich gelegene Puerto Ayora (2 $). Der Bus fährt aber nicht bis ganz ins Städtchen, sondern nur bis ans Busterminal, das etwa zwei Kilometer außerhalb liegt. Mit dem Taxi gelangt man anschließend runter zum Hafen (1,50 $). Am Hafen fahren zweimal pro Tag verschiedene Schnellfähren nach Isabela (30 $) oder zur Hauptinsel San Cristóbal. Die Fähren halten aber nicht direkt am Anleger, sondern man muss in ein Wassertaxi steigen, das einen dorthin bringt (0,50 $). In Puerto Villamil auf Isabela angekommen wiederholt sich das Spiel mit dem Wassertaxi (diesmal 1 $), und wenn man dann an Land ist, sind’s nochmal 10 Dollar Hafensteuer. Aber dann ist man wirklich in einem kleinen Paradies. Seehunde schwimmen im Hafen oder faulenzen auf einer Bank am Fähranleger, und Leguane watscheln über den Strand. Da schmeckt der Caipi zum Sonnenuntergang am Strand umso besser.

Galápagos – Warten auf die Fähre…
Galápagos – Puerto Ayora, auch Seehunde sind mal müde
Galápagos – Caipi zum Sonnenuntergang

Für meinen ersten Tag habe ich mir einen Schnorchelausflug gebucht, der uns zu den Túneles führte. Das sind durch Lava entstandene Formationen, die im Laufe der Zeit eingestürzt sind und jetzt natürliche Brücken in einem zerklüfteten Lavafeld bilden. Dadurch haben sich auch kleine Höhlen gebildet, und in denen legen sich die Haie aufs Ohr. Offensichtlich sind die Viecher Langschläfer, denn als wir gegen zwölf dort waren, haben sie immer noch gepennt. Darío, unser Guide, musste natürlich selbst nach ihnen suchen, doch als er sie dann gefunden hatte, durfte jeder mal schauen, indem Darío einen samt Schnorchelset zwei Meter unter Wasser gedrückt hatte. Ein Stückchen weiter konnten wir Meeresschildkröten sehen, Pinguine und Seelöwen. An unserem dritten Stopp haben wir auch die Blaufußtölpel gesehen. Allerdings nur junge Exemplare, und bei denen sind die Füße erst noch hellblau. Obwohl es quasi den ganzen Tag bedeckt war und es zum Schluss sogar noch geregnet hat, habe ich mir natürlich den Rücken verbrannt. Die darauffolgenden Tage war der Rucksack umso unangenehmer zu tragen.

Galápagos – Los túneles
Los Túneles – Langschläferhaie
Los Túneles – Rochen
Los Túneles – Meeresschildkröte
Galápagos – Blaufußtölpel bei Los túneles
Galápagos – Blaufußtölpel bei Los túneles
Galápagos
Galápagos – Los túneles
Galápagos
Galápagos – Rückfahrt von Los túneles

Am zweiten Tag auf Isabela bin ich in einer geführten Tour auf die Sierra Negra, ein Riesenvulkan, der aus drei kleineren sozusagen zusammengewachsen ist. Überhaupt ist die Insel Isabela mit gerade mal 300.000 Jahren die jüngste und gleichzeitig die größte aller Galápagosinseln, die allesamt vulkanischen Ursprungs sind. Allein Isabela hat sich aus bis zu sechs ursprünglich separaten Vulkanen gebildet. Einer der Vulkane in der Sierra Negra ist erst 2005 ausgebrochen, aber dabei hat sich die Lava lediglich in den Krater ergossen, der Vulkan ist dabei nicht explodiert. Man kann das auch heute noch sehen, denn nur in der Mitte, wo die Lava nicht hinkam, gibt es noch Vegetation, der Rest ist schwarz. Auf dem Weg hinauf zum Vulkan ändert sich die Vegetation vollkommen. Unten auf Höhe des Städtchens Puerto Villamil ist alles ziemlich öd und trocken, große Kaktusbäume wachsen auf dem schwarzen Lavaboden. Dann geht es weiter hinauf und hier haben Ablagerungen und Vulkanausstöße eine fruchtbare Erdschicht für Bäume und Sträucher entstehen lassen. Oben dann gibt es Pflanzen, die auch in einem Regenwald stehen könnten, und auf dem restlichen Fußweg hinauf zum Kraterrand gibt es sogar eine kleine Orchideenart, die weltweit nur in einem Bereich von etwa 100 Höhenmetern auf dem besagten Fußweg wächst.

Galápagos – Vulkan Sierra Negra
Galápagos – Lavatunel auf Isla Isabela

Nachmittags bin ich zur Muro de las Lágrimas gegangen, der Mauer der Tränen. Die Inseln waren natürlich nicht immer ein so geschützter Ort wie heute. Erstmals 1535 zufällig entdeckt durch ein vom Kurs abgekommenes Schiff des Bischofs von Pánama auf dem Weg nach Peru, war es lange Zeit ein Piratennest mitten im Pazifik. Ein weiteres dunkles Kapitel, konkret von Isabela, war die Zeit, als Anfang des 20. Jahrhunderts Strafgefangene auf der Insel inhaftiert waren. Die Reste einer jener Gefängnismauern, der Mauer der Tränen, sind heute noch zu sehen. An sich ist das nichts Spektakuläres, aber gleich daneben kann man auf einen Berg steigen, der eine tolle Aussicht bietet, und auf dem Weg zur Mauer sind riesige Galápagosschildkröten zu sehen. Ich hätte mir aber ein Fahrrad ausleihen sollen, denn stattdessen bin ich die 7‑Kilometer-Strecke (einfach!) in Flipflops gegangen, was im Nachhinein eine ziemlich blöde Idee war.

Galápagos
Galápagos – Strand auf dem Weg zur Muro de las lágrimas
Galápagos – Landschildkröte auf dem Weg zur Muro de las lágrimas

Die Fähre zurück nach Santa Cruz geht nur zweimal am Tag: in der Früh um sechs und nachmittags um drei. Also musste ich am nächsten Morgen früh aufstehen um die erste Fähre zu erwischen. 30 Dollar für die Fähre und 10 Dollar Hafensteuer verstehen sich von selbst; allerdings war diesmal das Wassertaxi – zumindest auf Isabela – umsonst. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als wir abgelegt haben. Was für ein herrliches Panorama, warmes Wasser, eine angenehme Brise und Seehunde, die im Wasser spielten.

Galápagos

Knapp zwei Stunden dauert die Fahrt zwischen den Inseln, und als ich wieder zurück in Puerto Ayora angekommen bin, habe ich erstmal mein Zeug im Hotel abgestellt und was gefrühstückt. Danach habe ich die Bahía de tortugas besucht. Dorthin gibt es einen zwei Kilometer langen Weg durch eine trockene Lavalandschaft, die trotzdem mit Kaktusbäumen und dürren Sträuchern zugewachsen ist. Um auf den Weg zu gelangen, muss man sich – wie so oft – mit Name, Nationalität, Alter und Passnummer registrieren. Ich weiß nicht, wie oft ich in den letzten zwei Monaten meine Passnummer angegeben habe. Inzwischen kann ich sie im Schlaf!
Am Ende öffnet sich der Weg hin zu einem Strand, der schöner kaum sein könnte. Weißer Sand, blauer Himmel, Wellen wie aus dem Bilderbuch und dazwischen Leguane. Leider darf man hier aufgrund der Strömung nicht schwimmen, sondern muss am andern Ende ums Eck zu einem kleineren Strand. Dort bin ich natürlich ins Wasser, selbst wenn das Wasser hier flach und quasi ohne Wellen war. Später bin ich zurück zum Hotel und habe mich erstmal geduscht. Was für eine Wohltat bei dieser Hitze!

Galápagos – Bahia de tortugas
Galápagos – Hai an der Bahia de tortugas

Ein zweiter Strand ist der Strand der Deutschen, die Playa de los Alemanes. Um hierher zu kommen, muss man ein Wassertaxi nehmen (0,80 $), das einen zu einem kleinen Anleger bringt, von dem aus man zur Bucht gehen kann. Ein Stückchen weiter, und das war mein eigentliches Ziel, gibt es Las Grietas, eine große Felsspalte, in der sich Brackwasser gesammelt hat, also eine Mischung aus Süß- und Salzwasser. Von einer kleinen Plattform kann man hier ins Wasser hüpfen und herumschwimmen. Dass ich keine Taucherbrille dabei hatte, war ärgerlich, denn das Wasser war wirklich glasklar.

Galápagos – Las Grietas

Beim Anleger war ein kleines Hotelrestaurant, in das ich mich dann gesetzt und einen Happen gegessen habe. Ein letzter Sprung ins türkisblaue Wasser, und dann habe ich das Wassertaxi zurück nach Puerto Ayora genommen. Dort habe ich mich mit Fabian und Philip, mit denen ich schon die Tour zu den Túneles gemacht habe, zum Abendessen getroffen und zusammen mit einer Holländerin, deren Name ich vergessen habe, sind wir ein paar Straßen weiter, wo die Restaurants ihre Tische auf die Straße gestellt haben. Die frischen Fische wurden in der Open-Air-Auslage kunstvoll mit Erbsen präsentiert, bevor sie dann später auf den Tellern landeten. Als Beilage gab es entweder Reis oder Papas fritas – Pommes. Natürlich verstehe ich, dass auf dem Kontinent, von dem die Kartoffeln stammen, viele Kartoffelgerichte gegessen werden, aber müssen es denn immer triefend-fettige Pommes sein? Dass sich die Leute nicht einfach mal was anderes einfallen lassen.

Galápagos – Puerto Ayora

Den Rückflug nach Guayaquil hatte ich am darauffolgenden Tag gegen Mittag. Davor war also noch Zeit, dass ich mir in der Darwin-Besucherstation einen Stempel abgeholt habe, und dann bin ich mit den dreien vom Abend zuvor mit dem Taxi Richtung Flughafen.

Galápagos – Fischmarkt in Puerto Ayora
Galápagos – Fischmarkt in Puerto Ayora

In Guayaquil angekommen musste ich am nur ein paar Hundert Meter vom Flughafen entfernten Busbahnhof feststellen, dass der letzte Bus nach Alausí trotz anderslautender Aussagen im Internet schon abgefahren war. Tja, das war ziemlich blöd. Muss ich jetzt noch eine Nacht in Guayaquil bleiben, obwohl das Hostel in Alausí schon gebucht war? Aber durch Zufall habe ich ein Pärchen aus Utrecht getroffen, das das gleiche Problem hatte, und so haben wir uns ein Taxi geteilt. Bis es allerdings soweit war, mussten wir ein bisschen rumfragen und handeln. Anfangs wollte uns keiner für 80 Dollar (diesen Betrag hat mir der Taxifahrer zum Flug auf die Galápagosinseln genannt) ins gut 260 Kilometer entfernte Alausí in den Anden fahren. Irgendwann hat sich dann doch noch einer gefunden, und auf den letzten 70 Kilometern des Wegs haben wir auch festgestellt, warum keiner so recht wollte: es ist eine Scheißstraße! Wenn man von der Schnellstraße abbiegt, geht’s durch kleine Dörfer. Irgendwann werden die Abstände zwischen den Dörfern größer und die Schlaglöcher tiefer. Mal war die Straße wegen eines Erdrutsches kaum passierbar, und dann wurde es dunkel und der Nebel immer dichter. Teilweise war die Sicht unter zehn Metern. Ich habe unseren Fahrer nicht beneidet, zumal er, nachdem er uns nach etwa drei Stunden in Alausí bei Regen ausgeladen hatte, ja wieder zurück nach Guayaquil fahren musste.

Alausí ist ein kleines verschlafenes Nest in den Bergen. Dummerweise habe ich mich hier für zwei Nächte einquartiert, obwohl eine mehr als gereicht hätte. Neben einer großen Sankt-Petrus-Statue auf dem Berg, gibt es hier eigentlich nur den Zug zur Nariz del diabolo, der Teufelsnase. Es ist ein Touristenzug, und allein das Einsteigen gleicht, ähnlich dem Zug nach Aguas Calientes, dem Boarding am Flughafen. Vom 2.360 Meter hoch gelegenen Alausí fährt der Zug über verschiedenen Kehren 12 Kilometer hinunter ins 550 Meter tiefer gelegene Síbambe. Das Besondere an dieser Zugfahrt ist nicht nur die Aussicht, sondern auch eine zweimalige Fahrtrichtungsänderung wie im Zickzack. Das heißt, der Zug fährt an zwei Stellen in eine Spitzkehre, also quasi in eine Sackgasse. Ist er komplett dort drin, wird eine Weiche manuell umgestellt, und der Zug fährt rückwärts weiter hinunter ins Tal. Dasselbe geschieht kurz darauf noch einmal, und dann ist die Lok wieder an der Spitze und fährt weiter zu einem Aussichtspunkt auf die Teufelsnase. Hier durften wir aussteigen und fleißig Fotos machen. Nach zehn Minuten hieß es wieder einsteigen, und der Zug stieß ein paar Hundert Meter zurück und hielt im Bahnhof von Síbambe. Dort hatten wir dann eine Stunde Zeit zum Essen und dem Verfolgen einer folkloristischen Tanzvorführung (wie ich es liebe!), während die Lok für die Rückfahrt wieder an die Spitze des Zuges rangiert wurde. Jetzt ist es nicht so, dass der Bahnhof mitten im Ort liegt. Nein, von einer Häuseransiedlung war dort unten im Tal weit und breit nichts zu sehen. Wir waren im und um den Bahnhof quasi gefangen. Nach der Rückfahrt habe ich den Rest des Tages nicht wirklich viel getan, wenn man mal davon absieht, herauszufinden, wie ich von hier am besten wieder wegkomme.

Alausí – Sankt Petrus
Alausí – Zug zur Nariz del diabolo
Alausí – Zug zur Nariz del diabolo
Alausí – Nariz del diabolo
Alausí – Pause in Síbambe
Alausí – Abfahrt aus Síbambe
Alausí – Zug zur Nariz del diabolo

Am nächsten Morgen in der Früh um halb sechs bin ich dann also mit einem der ersten Busse ins gut zwei Stunden entfernte Riobamba. Busfahren in Ecuador ist nicht nur ziemlich billig (Richtpreis 1 Dollar pro Stunde Busfahrt), sondern irgendwie auch ein Erlebnis. Auf den verschiedenen Fahrten, die ich im Land gemacht habe, wurde den Reisenden allerhand angeboten – entweder während eines kurzen Stopps auf der Strecke oder während der Fahrt. Der eine versucht mit Kartenspielertricks die Leute um ein paar Dollar anzubetteln, die anderen verkaufen gekühlte Getränke, Eis, Chips, Nüsse, irgendwelche Plombenziehersüßigkeiten oder frisch duftende Empanadas. Auf der Busfahrt von Baños nach Quito war sogar ein Brüderpaar mit an Bord, das Originalparfum, -brillen und –uhren von Dior, Hugo Boss und Tommy Hilfiger verkauft hat. Und viele Leute haben bei diesen Schnäppchen natürlich nicht widerstehen können. Und ich muss schon sagen, ich war auch versucht. Vor allem die Sachen von Dior hätten mir sehr gefallen 😉

In Riobamba habe ich dann mein Gepäck verstaut und bin in den nächsten Bus zum Vulkan Chimborazo gestiegen. Natürlich bin ich nicht ganz rauf, dazu muss man über einen Gletscher und eine richtige Bergsteigerausrüstung haben. Aber wenn, dann wäre ich auch dem höchsten Berg der Erde gewesen. Das ist kein Witz, denn der Chimborazo ist aufgrund der Äquatornähe (die Erde ist ja keine Kugel sondern ein an den Polen zusammengedrückter Ball, der am Äquator ausgebeult ist) der am weitesten vom Erdmittelpunkt entfernte Punkt auf dem Planeten. Obwohl der Mount Everest höher ist, ist seine Spitze mehr als zwei Kilometer näher am Erdmittelpunkt als die Spitze des Chimborazo. Vom Eingangstor gleich neben der Verbindungsstraße habe ich mich von einer älteren, endlos quasselnden Frau mit Gummistiefeln in einem klapprigen Pickup zur ersten Schutzhütte auf 4.800 Meter fahren lassen. Das war auch gut so, denn auf dem Weg in die zweite Schutzhütte habe ich geschnauft wie ein altes Walross. Mein lieber Scholli! Kleine Schritte, ganz langsam. Zum Glück waren es nur 200 Höhenmeter und dann nochmal 100 bis zur Laguna Condor Cocho auf genau 5.100 Metern über dem Meer. Die Lagune ist nichts weiter als eine größere Wasserlache, aber somit war ich am höchsten Punkt meiner Reise, sogar noch ein paar Meter über dem Aussichtspunkt auf den Rainbow Mountain in Peru. Allerdings war der Chimborazo ein bisschen g’schamig. Er wollte sich mir nicht so recht zeigen, denn er hat sich die ganze Zeit in Wolken und Nebel gehüllt. Wenn er will, kann er aber auch anders, denn dann ist er sogar vom Luftlinie 150 Kilometer entfernten Guayaquil aus zu sehen.

Der Weg komplett runter bis zur Straße war dann wesentlich einfacher und ich bin ihn komplett zu Fuß gegangen. Unterwegs gab es zwischen dem Nebel ein paar Vicuñas (neben Lamas und Alpakas eines der vier Andenkamele) zu sehen, und dann habe ich auch ziemlich schnell wieder einen Bus Richtung Riobamba gekriegt. Von hier bin ich dann ins nochmal zwei Stunden entfernte Baños gefahren, wo ich noch einigermaßen rechtzeitig vor der Dämmerung angekommen bin.

Chimborazo – Wasserlache auf 5100 m
Chimborazo – Vicuñas

In Ermangelung der Verfügbarkeit in einem Hostel am Vulkan Cotopaxi, habe ich mich dazu entschlossen, den Tag über in Baños zu bleiben und am Nachmittag die vier Stunden nach Quito zu fahren. In Baños werden Touren zu den im Tal des Río Pastaza gelegenen Attraktionen angeboten. Dazu wird man in einen Bus gesetzt (offen, ohne Fenster, ähnlich einem Safaribus), wird mit lateinamerikanischen Hits à la Despacito lautstark beschallt und so durch das Tal gekarrt. Die Schlucht des Flusses bietet sich an für Zip-Lining (an einer Stelle sogar mit drei parallelen Seilen), Seilbahnfahrten über der Schlucht, an einer Stelle ist mit ein bisschen Fantasie das Gesicht des Heilands am Berg zu sehen (Rostro de Cristo) und am Highlight des Tals gibt es einen wirklich imposanten Wasserfall (Pailón del diabolo, die Teufelsschlucht). Die Fahrt an sich war nicht teuer (4 Dollar), aber wenn man dann hier mit der Seilbahn fährt oder dort mit der Zip Line, dann geht’s schnell ins Geld.

Baños – Wasserfall in den Río Pastaza
Baños – Rosto de Cristo
Baños – Pailón del diabolo

Am Nachmittag war ich mit einer anderen Tour noch an der Casa del Árbol, dem Baumhaus. Hier auf dem Berg oberhalb von Baños steht ein Baumhaus direkt an einer abschüssigen Kante, und dort hat man zwei Schaukeln angebracht, mit denen man über dem Abgrund schaukeln kann. Natürlich wollen das alle machen und entsprechend lange ist die Schlange. Dafür kriegt man aber einen professionellen Anschucker, der einen hoch hinaus schaukelt, und der dann auch mal nur die Beine nimmt und einen so auf der Schaukel drehen lässt. Die Schreie und Flüche mancher Leute dabei haben das Anstehen zu einem lustigen Zeitvertreib gemacht. Wenn keine Wolken gewesen wären, dann hätte man beim Schaukeln noch einen tollen Blick auf den Tungurahua gehabt, den Hausberg von Baños. Noch dazu ist es in ein sehr aktiver Vulkan, der erst Ende 1999 die komplette Evakuierung der Stadt verursacht hatte. Außer einer Ascheschicht hat er aber nichts weiter hinterlassen, und den einzigen Toten gab es aufgrund von Unruhen, als die Menschen dann wieder in die Stadt zurück wollten.

Baños – Casa del Árbol

Eigentlich sind es von Baños in die Hauptstadt Quito nur gute 170 Kilometer, allerdings brauchte der Bus um die vier Stunden. Und vom Busbahnhof in die Stadt sind es dann nochmal etwa 12 Kilometer. Es war also schon tiefe Nacht als ich in meiner Unterkunft gekommen bin.

Am nächsten Morgen habe ich gleich die Unterkunft gewechselt und bin ins Secret Garden, einem bekannten Hostel im Zentrum von Quito. Das Hostel hat einen Ableger am Vulkan Cotopaxi, und obwohl ich dort gern abgestiegen wäre, war ich zu spät dran und hab keinen Platz mehr gekriegt. Im Secret Garden habe ich dann gefrühstückt und bin auch gleich mit Leuten ins Gespräch gekommen, was nach ein paar Tagen, in denen ich relativ allein unterwegs war, ziemlich gut getan hat.

Anschließend habe ich mich zum Äquator auf gemacht, der nur ein paar Kilometer nördlich von Quito verläuft. Nach einem kurzen Abstecher zu einem Vulkan, in dem seit jeher ein Dorf steht, ging’s zuerst zum richtigen Äquator und dann zum falschen.

1736 hat ein Franzose als erster Europäer die genaue Position des Äquators berechnet. Leider hatte er sich dabei aber verrechnet – wenn auch nur um 240 Meter. So steht heute ihm zu Ehren ein Monolith mit einer Kugel obendrauf auf der falschen Äquatorlinie. Erstaunlicherweise haben die Inkas aber schon vor hunderten von Jahren den Äquator genauer bestimmt als der Franzose. Auf einem Berg ganz in der Nähe hatte man nämlich zufällig eine entsprechende Anlage gefunden; und die steht tatsächlich auf dem richtigen Äquator.
Neben dem falschen Äquator ist aber also auch ein Museum entstanden, das die richtige Line zeigt und noch dazu ein paar interessante Pavillons zu Ecuador, dessen Ureinwohnern und den Landschaften zeigt. Und dann gibt es einen Bereich mit Experimenten zur Gravitation und dem Äquator, allerdings bin ich dort meinem Guide ordentlich auf den Leim gegangen. Ich weiß nicht, wie sie es gemacht hat, aber hier hat sie mich schlichtweg verarscht. Es geht um die Corioliskraft, die auf der Nordhalbkugel Hochdruckgebiete im Uhrzeigersinn und Tiefdruckgebiete gegen den Uhrzeigersinn rotieren lässt. Auf der Südhalbkugel ist es genau anders herum. Gemeinhin wird die Kraft auch für die Drehrichtung beim Ausfluss in der Badewanne verantwortlich gemacht, aber die hier wirkenden Kräfte sind viel zu klein. Die Drehrichtung in der Badewanne wird von anderen Faktoren (z.B. wie man den Stöpsel herauszieht) abhängig gemacht. Ich höre meinen Physikprofessor, Gott hab ihn selig, noch sagen, dass die Sache mit der Corioliskraft nichts mit der Badewanne zu tun hat, und gerade deshalb habe ich auch genau aufgepasst. Aber letztlich muss es ein Trick gewesen sein, dass der Abfluss direkt über dem Äquator ohne Strudel abgeflossen ist, und schon zwei oder drei Meter daneben einen Strudel in die eine oder andere Richtung gebildet hat. Reingefallen!

Quito – Äquator, Mitad del Mundo
Quito – Museum Mitad del mundo
Quito – Mitad del mundo

Nachmittags war ich an und auf der Catedral Metropolitana und später hatte ich auf dem Weg zum El Panecillo eine ziemlich komische Begegnung mit einem Möchtegern-Gangster. Abends gab es im Hotel Geschichten von einigen anderen Backpackern, ein Abendessen und ein Irish Pub Quiz, bei dem unsere Gruppe einen Pitcher Cuba Libre gewonnen hatte. Tags drauf bin ich über Guayaquil nach Santiago de Chile geflogen. 3.800 Kilometer, das Reich der Inkas wäre hier zu Ende gewesen, die Anden noch lange nicht.

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