Back for more

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Für mich war der Grenzübertritt nach Vietnam ganz einfach. Noch in Kambodscha kam eine junge Frau auf einem Roller daher, hat unsere Pässe eingesammelt und ist damit zum kambodschanischen Grenzbeamten. Danach haben wir die Pässe wieder gekriegt, der Bus ist über die Grenze gefahren und vor der vietnamesischen Grenzkontrolle wollte dieselbe Frau die Pässe wieder haben. Wir mussten aussteigen, ein Gesundheitsformular ausfüllen, einen US-Dollar abdrücken, und dann ging’s zum vietnamesischen Grenzbeamten. Alles Routine sozusagen, denn der Bus, der uns ins knapp zehn Kilometer entfernte Hà Tiên bringen sollte, stand schon bereit. Für eine Französin, die auch mitgereist ist, war der Grenzübertritt aber mit dem Verlust ihres Impfausweises verbunden. Und trotz Suche blieb er unauffindbar. Sie ist erstaunlich ruhig geblieben, und ich habe mich gefragt, ob ich an ihrer Stelle selbst nach vier Monaten Weltreise die gleiche Gelassenheit an den Tag gelegt hätte.

In Hà Tiên bin ich nur umgestiegen, und es hat gerade noch gereicht, um den Bus Richtung Sài Gòn zu erwischen. Seit 1976 heißt die Stadt in Erinnerung an den ersten Staats- und Ministerpräsidenten ja Hồ-Chí-Minh-Stadt, aber hier im Süden benutzt man immer noch den alten Namen.

Einen Bus wie jenen, in den ich dann eingestiegen bin, habe ich noch nie gesehen. Bevor man einsteigen durfte, musste man erstmal seine Schuhe ausziehen und in einer Tüte mit an seinen Platz nehmen. Es gab drei Reihen mit einer Art Bett, die zweistöckig übereinander angeordnet waren. Ich hatte mir ein oberes gebucht, was letztlich nicht ganz so schlecht war, weil ich sonst nie hätte aufrecht sitzen können. Einen großen Komfort bieten die Dinger allerdings nicht, denn sie sind ziemlich schmal und für einen Europäer viel zu kurz dimensioniert. Als ich später zwangläufig meinen Rucksack auf den Schoß bzw. zwischen die Beine nehmen musste, konnte ich die Füße nur schlecht ausstrecken und so sind sie mir ein paar Mal eingeschlafen. Wie schon in Südamerika, so kamen auch hier an den Haltestellen findige Händler herein und verkauften Snacks und sonstigen Krempel.

Vietnam – Reisebus von Hà Tiên nach Thị Xã Cai Lậy
Vietnam – Reisebus von Hà Tiên nach Thị Xã Cai Lậy

Mein Ziel war Tânh Bình, ein Dorf irgendwo im Mekong-Delta. Ein paar Tage zuvor hatte mich Danny auf Couchsurfing angeschrieben und mir angeboten, mich für eine Nacht aufzunehmen. Es hat eine Weile gedauert, bis ich herausgefunden hatte, wie man denn da überhaupt hinkommt, aber schließlich konnte er mir dabei helfen, und ich konnte meine Reise beginnen. Für die 280 Kilometer von Hà Tiên nach Tânh Bính hat der Bus geschlagene sieben Stunden gebraucht. Der Grund dafür ist ein Einfacher, denn die Straßen waren schlecht und der Verkehr furchtbar. Noch dazu führte die Strecke quasi permanent durch Ortschaften und war gesäumt von Geschäften und Verkaufsständen aller Art. Zugegeben haben wir auch zweimal eine etwa 15-minütige Pinkelpause gemacht.

Als mich der Bus dann in Thị Xã Cai Lậy rausgeschmissen hat, war ich erstmal kurz verwirrt, aber ein eifriger Taxi-Fahrer hat mir gleich zugewinkt und ist zu mir herangefahren. Ich habe ihm Dannys vietnamesischen Text gezeigt, und so wusste er, wo er mich hinzufahren hatte. Taxi-Fahrer trifft’s übrigens nicht ganz, denn der Kerl hatte kein Auto, sondern lediglich ein Motorrad. Er nahm meinen kleinen Rucksack zwischen die Beine, ich habe meinen knapp 25-Kilo-Rucksack auf die Schultern genommen, und dann ging’s los. Sicherheitstechnisch war das womöglich mehr als fahrlässig, aber als wir so durch Straßen gedüst sind, hat es mir ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert. Ach ja, einen Helm hatte ich natürlich auf!

Danny macht Couchsurfing seit ungefähr einem Jahr und hatte bisher schon über 100 Gäste. Folglich wissen die Leute im Dorf, wo sie den Motorrad-Fahrer hinzuschicken haben, wenn er mal wieder ein Bleichgesicht hinten drauf sitzen hat. So wurden auch wir von zwei Frauen in die richtige Richtung gelotst, bis wir ihn endlich gefunden haben.

Mein Gastgeber ist Tutor und gibt bei sich zuhause Schulkindern bis ungefähr 15 Jahren Nachhilfeunterricht in Mathe, Vietnamesisch und Englisch. Sein Englisch war nicht allzu schlecht, aber seine Aussprache war – typisch asiatisch – schwierig. Es ist mir öfters passiert, dass ich mehrere Male nachhaken musste, bis ich ihn verstanden habe.

Sein Haus und dessen Ausstattung waren rudimentär. Zwei Schlafzimmer, ein großer Klassenraum mit Tafel und eine kleine Veranda mit Hängematten. Das Bad war ein Raum mit Kloschüssel und einer Dusche nebendran, und die Küche bestand aus einer Gas-Kochstelle und einem Wasserablauf am Boden.

Tânh Bình – Dannys Küche

Am nächsten Morgen sind wir auf den Markt, um mir was zum Frühstück zu besorgen. Wobei „Markt“ es nicht ganz richtig beschreibt, denn es war eine Hütte, in der zwei Frauen Gemüse, Fleisch (bei 25°C ausgelegt auf beschichtetem Papier), Fisch (lebend, der von einer der Frauen bei Kauf mit einem Knüppel frisch erschlagen wurde) und Frösche (in einem Netz gefangen, damit sie nicht davon hüpfen) verkauften. Ich habe mir etwas Fertiges ausgesucht, und so bin ich mit einer Styroporbox mit Reisnudeln, Bambussprossen, einem Stück gebratenem Schweinefleisch, Kräuterblättern, Fischsoße und einer Art Leberkäse nach Hause.

Tânh Bình – Markt

Mein Frühstück war ganz in Ordnung aber nix besonderes, und ich muss sagen, man stumpft ja mit der Zeit auch ab, wenn man so sieht, wie das Essen in Asien zubereitet wurde. Daher habe ich den zusammen mit dem Schweinefleisch zu Tode gebratenen Käfer, der unter meinen Reisnudeln zum Vorschein kam, einfach auf die Seite gelegt und weiter gegessen – also die Nudeln, nicht den Käfer!

Als nächstes bekam ich einen Rundgang durchs Dorf, das entlang diverser Kanäle liegt und über verschiedene kleine Brücken miteinander verbunden ist. Es gibt einige Reisfabriken, zu denen der Reis auf Schiffen gebracht und dort von der Spreu getrennt wird. Es gibt Barber Shops für die Herren und Beautysalons für die Frauen. Es handelt sich hierbei aber lediglich um Euphemismen für Hütten oder Häuser, in denen Haare geschnitten und Zehennägel pedikürt werden. Darüber hinaus gibt es Schreiner, Hersteller von Bonsai-Tontöpfen, eine Schule, einen Kindergarten und natürlich Reis- und Obstbauern, die Mangos, Jackfrüchte, Papayas und sonstige exotische Früchte anbauen. Und obwohl das hier ein kleines Dorf ist, von dem man meinen könnte, die Welt sei noch in Ordnung, so liegt auch hier überall Plastikmüll herum. Es ist furchtbar, und in ganz Asien dasselbe – wenn man von Singapur mal absieht. Ein Müllhaufen von Plastik lag am Hang hinunter zum Kanal und wird beim nächsten starken Regen einfach hinunter ins Wasser gespült. Plastikflaschen schwimmen in den Flüssen, und keiner stört sich dran. Den Leuten fehlt absolut jedes Verständnis! Und noch am selben Tag sollte ich während einer Busfahrt Zeuge werden, wie so eine blöde Schnalle hinter mir den Busfahrer bittet, die Tür an einer roten Ampel aufzumachen, damit sie ihren Müll hinausschmeißen kann. Ich meine, bei uns gibt es ja auch viel zu viele sinnlose Plastikverpackungen, aber wenn ich mir das hier so anschaue, dann wundert mich gar nichts mehr.

Tânh Bình – Werbeplakat für die Heuschrecken
Tânh Bình – Heuschrecken als Tiernahrung
Tânh Bình – Dorfweiher
Tânh Bình
Tânh Bình – Reismühle
Tânh Bình – Reismühle
Tânh Bình – Feldarbeit
Tânh Bình – Gräber im Reisfeld
Tânh Bình

Ob Danny nun zu beneiden ist oder nicht, sei mal dahingestellt. Es ist sicherlich schön, so abgeschieden zu leben, aber dann müsste man es sich halt auch schön und gemütlich einrichten. Wenn Danny Früchte isst, dann wirft er die Schalen oder Kerne einfach hinter sich in seinen Garten. Klar, dass das alles verrottet und letztendlich Dünger wird, aber schön war sein Garten trotzdem nicht. Und auch das Haus war einfach ungepflegt.
Nebenan hatte er einen kleinen Weiher, in dem er gern zum Angeln geht. Sowas hat mir ja noch nie was gegeben, und deshalb bin ich eher widerwillig mit, als er mir sein liebstes Hobby zeigen wollte. Mit Bananen wurden die Fische geködert, und mit ins Wasser geschmissenem Fischfutter herangelockt. Ich hatte als Angler mehr Glück als Verstand und innerhalb von zwei Minuten was gefangen (der Tümpel war aber auch voll mit Fischen). Nachdem auch er was gefangen hatte (teilweise innerhalb von 5 Sekunden! Kein Anglerlatein!), musste er sich aber kurz verabschieden, weil er seinen nächsten Couchsurfing-Gast von der Bushaltestelle abholen musste. Das gab mir die Möglichkeit die Rute beiseite zu legen (ich hätte auch gar nicht recht gewusst, was ich mit einem geangelten Fisch hätte machen sollen!) und online meine nächsten Tage zu planen.

Tânh Bình – Dannys Angelweiher hinterm Haus

Eine knappe Viertelstunde später kam er mit David aus Barcelona wieder zurück, mit dem ich mich dann prächtig unterhalten habe, denn Danny ist jetzt nicht so der große Schwätzer (was mich anfangs ein bisschen verwundert hatte, weil er ja doch schon einige Couchsurfer dagehabt hatte).

Das zuvor auf dem Markt gekaufte Fleisch und Gemüse gab es kurze Zeit später zum Mittagessen. Während man in Thailand und Kambodscha mit Löffel und Gabel isst, werden hier in Vietnam ausschließlich Stäbchen (und für Suppen natürlich auch Löffel) verwendet. Als Nachtisch gab’s Jackfrucht oder Bananen aus dem eigenen Garten, und die konnte man selbstverständlich mit der Hand essen.

Da David unbedingt Boot fahren wollte, hat uns Danny zu seinem Onkel geführt, der an einem der Seitenarme des Flusses ein kleines Langboot besitzt. Beim Einsteigen hat wahrscheinlich selbst David seinen Wunsch bereut, denn das Teil war nicht nur klein sondern auch mehr als wackelig, und Dannys Nachfrage, ob wir denn schwimmen könnten, hat auch nicht unbedingt zu einer Vertrauenssteigerung beigetragen.

Tânh Bình
Tânh Bình

Letztlich ging aber alles gut, und nach unserem Paddelausflug sind wir erstmal nebenan zu Dannys Onkel. Der Bauer, der Reis, Obst und Gemüse angebaut, wohnt mit seiner Frau und den Kindern in einem Häuschen, das alles in einem ist: Wohnung, Stall, Lagerplatz. Wir durften uns ein bisschen umsehen, und es war irgendwie schon krass.

Tânh Bình – Küche von Dannys Tante
Tânh Bình – Miezi in der Küche
Tânh Bình – Stall von Dannys Onkel
Tânh Bình – Schlafgemach von Dannys Onkel und Tante

Danach sind wir weiter durchs Dorf geradelt. An einer Stelle stand ein großer Bagger mitten im Reisfeld und hat große Langlöcher ausgehoben. Danny hat uns erklärt, dass einige Reisfelder neuerdings umgegraben werden um Jackfrüchte anzubauen. Das ganze wird von den Chinesen forciert und bringt wesentlich mehr Geld als Reis. Dass damit ganze Landschaften verändert werden und es sich irgendwann rächen wird, daran denkt aber heute keiner.

Tânh Bình – Bagger für die Jackfrüchte
Tânh Bình – Lotusblume

Zurück an Dannys Haus habe wir alle in seinen Hängematten gedöst und gegen halb vier hat mich mein Gastgeber mit seinem Motorrad zur Bushaltestelle gefahren, von wo aus ich nach Sài Gòn gebracht werden sollte. Zwei Stunden später war ich dann auch da, habe mir ein Grab-Taxi gebucht und bin damit ins Hotel gefahren. Mein Hostel hieß genauso wie Sài Gòn ursprünglich: Prei Nokor (Dorf im Wald). Auf dem Nachtmarkt nebenan gab es für mich noch was zu essen, aber dann war’s Zeit für die Heia.

Hồ-Chí-Minh-Stadt – Blick vom Zimmerfenster

***

Es ist doch eine Ironie des Schicksals. Da kämpfen die Kommunisten Vietnams 21 Jahre lange gegen die Invasoren aus Amerika, nur um heute den US-Dollar in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens als allgemein akzeptiertes Zahlungsmittel zu haben. Natürlich ist nach wie vor der vietnamesische Ðồng offizielles Zahlungsmittel, aber davon braucht man sehr viel. Ein Euro entspricht knapp 27.000 Đồng, da wird man schnell zum Millionär.

Da ich nur einen vollen Tag in Hồ-Chí-Minh-Stadt hatte, habe ich mir eine Tagestour gebucht. In der Früh um halb neun ging es in einem Van los, der uns zu den Củ Chi-Tunneln führte. Unser Guide, der sich als Tiger vorstelle, hielt einen Monolog über sein Heimatland im Allgemeinen und die Củ Chi-Tunnel im Besonderen. Er hat mich ein bisschen an den Tourguide Peter aus dem Colca Canyon in Peru erinnert, nur dass Tiger durch die Imitation eines amerikanischen Akzents teilweise unverständlich war. Aber wenigstens hatte er nicht in der dritten Person von sich gesprochen. Củ Chi liegt etwa 50 km südlich von Sài Gòn und war während des Vietnamkriegs eine harte Nuss für die Amerikaner, die sie letztlich nicht knacken konnten.

Das vietnamesische Volk, wenn man zu Anfang denn schon von einem solchen sprechen kann, hatte über Jahrhunderte Invasoren im Land. Die längste Zeit waren die Chinesen da und haben den Vietnamesen ihren Stempel aufgedrückt, was sich bis heute in ihrer Sprache, Religion und Kultur widerspiegelt. Im 19. Jahrhundert kamen dann die Franzosen, die in ihrem Kolonialisierungsdrang an die natürlichen Ressourcen von Indochina wollten. Nach dem zweiten Weltkrieg, in dem die Franzosen natürlich all ihre Kräfte im eigenen Land brauchten, war es den Vietnamesen vergönnt, eine demokratische Republik auszurufen und sich für unabhängig zu erklären. Ein Kommunist namens Hồ Chí Minh hat das am 2. September 1945 gemacht, aber die Unabhängigkeit dauerte ganze vier Wochen. Am 5. Oktober desselben Jahres waren die Franzosen wieder da.

Als die Franzosen neun Jahre später vertrieben waren, kamen die Amerikaner, um das Land vom Kommunismus zu befreien. Was als Befreiung getarnt war, war letztlich ein Abschlachten. Der Rest der Geschichte ist bekannt. 1973 verließ der letzte amerikanische Hubschrauber Sài Gòn, es folgten zwei Jahre Bürgerkrieg, und seit 1975 ist Vietnam unter einer kommunistischen Führung wiedervereint. Man sieht auch heute noch ab und zu typisch kommunistische Plakate auf der Straße, und wären sie nicht in lateinischer Schrift geschrieben, könnte man meinen, man sei in Russland während des Kalten Kriegs.

Vietnamesisch ist eine der wenigen asiatischen Sprachen, die in lateinischer Schrift geschrieben wird. Europäische Missionare hatten bereits im 16. Jahrhundert damit begonnen, für die bis dato auf dem Chinesischen basierte Schrift eine lateinische Umschrift zu entwickeln. Alexandre de Rhodes veröffentlichte dann 1651 ein Wörterbuch, in dem eine exakte lateinische Transkription festgehalten war. Das war die Geburtsstunde der so genannten Quốc Ngữ-Schrift.

Als die Franzosen unterm dem Vorwand, westliche Missionare zu schützen, 1858 in Vietnam intervenierten, haben sie bis 1910 Quốc Ngữ in ganz Indochina eingeführt. Und da das Vietnamesische eine Sprache mit sechs verschiedenen Tonlagen ist, müssen die Vokale in den einsilbigen Wörtern entsprechend gekennzeichnet werden. Aus diesem Grund findet man kaum ein Wort, das nicht mit einem Sonderzeichen oder Diakritika versehen ist.

Nach zwei Dritteln des Wegs zu den Tunneln wurden wir zu einem touristischen Verkaufsstopp gezwungen, wo es Handarbeiten hauptsächlich von Leuten zu erstehen gab, die im Krieg verkrüppelt oder später mit Behinderungen geboren worden sind. Das Ganze ist sicherlich viel Arbeit und eine gewisse Kunstfertigkeit gehört auf jeden Fall dazu, aber so einen neckischen Nippes würde ich mir im Leben nicht in die Wohnung stellen.

Củ Chi-Tunnel – Werkstätten für die Souvenirs
Củ Chi – Souvenirkauf auf dem Weg zu den Tunneln

Die Củ Chi-Tunnel sind touristisch vollkommen überlaufen. Scharen von Gästen werden hier durchgeschleust. Es wurden martialische Fallen gezeigt und Löcher, in denen sich die Vietcong nach einem Angriff im Boden verstecken konnten. Man konnte gebückt durch die Tunnel gehen und sehen wie die Guerillakrieger gelebt, gekocht und gekämpft hatten.

Củ Chi-Tunnel
Củ Chi-Tunnel – Martialische Fallen der Việt cộng
Củ Chi-Tunnel

Mit den Tunneln hatten vor den Amis schon die Franzosen ihre liebe Not, aber als die US-Invasoren dann mit Bomben die Verstecke zu zerstören versuchten, da bauten die Vietcong einfach tiefer hinunter. Letztlich erstreckte sich das Tunnelnetz auf offiziell 250 Kilometern Länge in einer Tiefe von teilweise über 10 Metern.

Was mich neben den Touristen allerdings richtig verärgert hatte, war schon beim Herumlaufen nicht zu überhören. Ein Schießstand, auf dem schießwütige Deppen mit scharfer Munition (10 Schuss für ca. 22 Euro) geschossen haben. Die Regierung hat einen Ort der Erinnerung, ein Schlachtfeld, auf dem tausende Menschen gestorben sind, zu einem Disneyland verkommen lassen. Das war absolut widerlich und vollkommen pietätslos. Und anstatt eines solchen Scheiß hätten sie lieber in Friedensarbeit investiert, in die Verständigung der Völker und die Ermahnung, dass sowas nicht wieder passiert. Aber es gab genug Idioten, die dumm herumgeballert haben.

Einen Ort der Erinnerung gab es allerdings tatsächlich: das War Remnant Museum in Sài Gòn selbst. Weil ich mit meiner Tour zu spät zurückgekommen war, musste ich mein mitgebuchtes Mittagessen (in 6 Plastikschälchen mit Plastikdeckeln, verpackt in einer großen Plastiktüte mit Plastikgeschirr) in einem Café neben dem Museum essen und hatte nicht mehr allzu viel Zeit. Es ist nicht mehr das neuestes und sicherlich auch kommunistisch angehaucht, aber es zeigt auf drastische Weise, welche Gräueltaten in diesem schrecklichen Krieg verübt wurden.

Danach führte uns unser neuer Tourguide in den Unabhängigkeitspalast, in einen buddhistischen Tempel und an die wegen Renovierungsarbeiten geschlossene Kathedrale vom Notre Dame.

Hồ-Chí-Minh-Stadt – Wiedervereinigungspalast Dinh Độc Lập
Hồ-Chí-Minh-Stadt – Wiedervereinigungspalast Dinh Độc Lập
Hồ-Chí-Minh-Stadt – Kathedrale Notre Dame (Nhà thờ Đức Bà Sài Gòn)
Hồ-Chí-Minh-Stadt – Postamt

Abends hatte ich wieder auf den Nachtmarkt gegenüber meines Hostels was gegessen und den Rucksack für die morgige Weiterreise vorbereitet. Zu meinem Flug nach Đà Nẵng am nächsten Tag musste ich früh aufstehen, und dort angekommen bin ich mit dem Taxi weiter nach Hội An.

Leckere Phở-Suppe zum Frühstück am Flughafen

Irgendwie erwische ich immer nur die Touristen-Hotspots. Hội An ist auch so einer. Etwa 30 Kilometer vom Flughafen entfernt, überrascht das Städtchen mit einer hübschen Altstadt am Seitenarm eines Flusses, der etwa zehn Kilometer weiter ins Südchinesische Meer mündet. Die Häuser sind in einem dunklen Gelb gehalten und zeugen vom einstigen bescheidenen Reichtum der Stadt, die an einem Ast der Seidenstraße lag. Nach meiner Ankunft gegen Mittag bin ich durch das Städtchen geschlendert, das zwar hübsch dekoriert ist und sauberer scheint als andere Städte, aber es ist übersäht mit Souvenirshops, Bars, Kneipen, Massagesalons und Schneidereien.

Hội An
Hội An – Promenade

Am Hostel habe ich mir anschließend ein Rad ausgeliehen und bin damit, vorbei an Reisfeldern und kleinen Dörfern, zu einer verzweigten Bucht gefahren, in der Kokospalmen im seichten Wasser standen. Ich habe ehrlich gesagt nicht gewusst, was mich da erwartet, und habe mir im ersten Moment noch gedacht, wie schön es hier sei. Es ist auch schön, keine Frage, aber nachdem mich eine Frau auf’m Mofa angesprochen und sie mir für 130.000 Đồng eine kleine Bootstour auf dem Wasser angeboten hatte, habe ich das ganze Ausmaß erkannt. Die Boote muss man sich als überdimensionierte Kokosnusshälfte vorstellen, in die locker fünf Personen reinpassen. Ein älterer Mann war mein Kapitän und ruderte mich in einer Privattour durch ein kleines Labyrinth von im Wasser stehenden Kokospalmen. Wir haben versucht kleine Krabben zu angeln (was mir nicht gelungen ist) und sind gemütlich dahingeschippert. Aber: wir waren nicht allein, und das war nicht schwer zu hören. Chinesen und Koreaner, die in Bussen herangekarrt wurden, machten auch Ausflüge in den Kokosnussbooten, und ihre Paddler und Kapitäne hatten Soundboxen mit an Bord. Aus diesen Boxen drangen ohrenbetäubende chinesische Schlager und sonstige Hits. Dazu tanzten die selbsternannten Bootsanimateure und grölten mit ihren chinesischen Passagieren.

Hội An – Reisfelder
Hội An – Paddeln durch die Kokospalmen

Zurück in Hội An war nun wesentlich mehr los als noch um die Mittagszeit, und spätestens als ich abends gegen sieben nochmals vom Hotel in die Altstadt gegangen bin, war es gerammelt voll. Alles war hell erleuchtet, Restaurants waren voll besetzt und auf dem in Asien überaus beliebten Nachtmarkt war die Hölle los. Ich habe mich auf die Dachterrasse eines ruhigen Cafés gesetzt, eine Kleinigkeit gegessen und bin nicht allzu spät ins Bett.

Hội An
Hội An – Markt

Am nächsten Morgen um halb sieben habe ich mich ins Taxi gesetzt und bin wieder zurück nach Đà Nẵng zum Flughafen, von wo um halb neun mein Flug nach Hải Phòng gestartet ist. Dort angekommen wartete schon mein Shuttle zur Hạ Long-Bucht, und so ging es nahtlos weiter.

VietJet Air – Đà Nẵng nach Hải Phòng

Wenn man sich den chaotischen Verkehr in Vietnam bzw. in Asien allgemein anschaut, dann verwundert es schon sehr, dass nicht mehr passiert. Offensichtlich passen die Leute einfach besser aufeinander auf. Keiner besteht auf sein Recht, auf einer bestimmten Fahrspur zu bleiben. Wenn einer, ohne zu schauen, auf die Fahrbahn fährt, dann hupt man halt kurz und fährt rechts oder links vorbei. Keiner fängt zu fluchen an, es ist alles ganz gechillt. Wie schon in Indien werden auf einem Mofa nicht nur ganze Familien transportiert, sondern alles, was man sich vorstellen kann. Blumen, Früchte, Gemüse, Hennen, Baumaterialien, Hunde (die dürfen auch mal zwischen den Beinen auf dem Trittbrett mitfahren), Recyclingflaschen (in Körben an der Seite, wodurch die Breite Mofas gern mal verdreifacht wird). Die Liste ließe sich endlos fortsetzen.
Und wenn das Licht nicht funktioniert: halb so wild!
Wenn man ohne Helm fährt: No risk, no fun.
Was allerdings funktionieren muss, ist die Hupe und die Bremse. Letzteres hat dann aber nicht gut genug funktioniert, als mein Shuttletaxi auf halbem Weg nach Hạ Long von hinten von einem Van gerammt worden ist. Es ist nix passiert, nur ein Blechschaden, und eine Viertelstunde später ging’s weiter.

Im Hafen von Tuần Châu sind die ganzen Touristenboote vor Anker und warten mittags immer auf neue Gäste. Ich hatte mir erst ein paar Tage zuvor eine Kabine gebucht, und so ging es mit Paaren aus Neuseeland, England, Vietnam, Südkorea, China und Myanmar, und mit zwei Backpackerinnen aus München an Bord. Man fährt mit einem kleinen Shuttleboot auf das Cruiseschiff und dann sticht gegen halb eins eine ganze Armada aus Kreuzfahrtschiffen in See.

Hạ Long-Bucht
Hạ Long-Bucht – Kutter im Hafen von Tuần Châu

Die Hạ Long-Bucht ist Vietnams bekanntestes Touristenziel und liegt nur etwa drei Autostunden von Hà Nội entfernt am Chinesischen Meer. Es gibt wunderschöne Buchten zwischen hohen, steil aus dem Wasser ragenden Felswänden. Allerdings bin ich vorgewarnt worden, dass man teilweise durch einen widerlichen Teppich aus Plastikmüll schippert, der einem die Lust an der Sache und vor allem am Baden nimmt. Erfreulicherweise war das bei mir ganz und gar nicht der Fall, es war überall sauber und hat überhaupt nicht den Eindruck einer Mülldeponie gemacht. Ich bezweifle jedoch nicht, dass es Stellen gibt, wo es tatsächlich so ist.

Unser vietnamesischer Bootsguide, der sich Jack nannte, begrüßte uns freundlich, erklärte den Ablauf, und nachdem wir unser Zeug auf die Zimmer bringen konnten, haben wir uns alle wieder zum Mittagessen getroffen. Bis zu Ankunft an einer Perlenfarm haben wir an Deck gechillt und konnten sogar ein paar Sonnenstrahlen erhaschen, obwohl es meist bewölkt war. Die Perlenfarm ist halt typisches Touristenprogramm, und keiner aus unserer Gruppe hat den Krempel anschließend kaufen wollen.

Hạ Long-Bucht – Schlafzimmer

Das Pärchen aus Neuseeland, James und Tory, war ein cooles Gespann, wie man es sich von Kiwis denken würde: Frech, abenteuerlustig und nicht auf den Mund gefallen. Beim Baden waren sie die ersten im Wasser und sind vom obersten Deck in gut sechs Meters Höhe ins Meer gesprungen. Und als Jack es ihnen verboten hatte, haben sie es halt heimlich gemacht.

Hạ Long-Bucht
Hạ Long-Bucht – Unser Schiff
Hạ Long-Bucht

Nach dem Abendessen hatte Jack die Karaokemaschine angeworfen, und jeder konnte sich auf YouTube oder Sing! (eine coole Karaoke-App, die ich mir gleich runtergeladen habe) ein oder mehrere Liedchen aussuchen, die dann geträllert werden durften. Die Chinesen und Vietnamesen haben sich immer irgendwelche vor Schnulz triefenden Balladen ausgesucht, während sich die westlichen Bleichgesichter meist für etwas Fetzigeres entschieden. Als um halb elf der letzte Song gespielt wurde, haben sich die Leute entweder in ihre Kajüten verabschiedet oder aber den Bug des Schiffes zum Tintenfischangeln, den es dann am nächsten Tag zum Mittagessen gab.

Nach dem Frühstück fuhren wir zu einer Höhle (Sung Sot), die erst Anfang des 20. Jahrhunderts entdeckt worden war. Sie war recht groß, aber halt auch nur eine Höhle. Ich habe mich während des Rundgangs mit einer Schweizerin unterhalten, und als wir zurück aufs Boot sind, war’s dann auch gut. Vor dem Mittagessen hat uns Jack in einem kleinen Kochkurs gezeigt, wie man vietnamesische Frühlingsrollen macht. Unsere Rollkünste wurden anschließend Teil des Mittagessens und schon kurze Zeit später mussten wir wieder von Bord. Ein Shuttle brachte uns nach Hà Nội, unterbrochen nur von einem kurzen Verkaufsstopp.

Hạ Long-Bucht
Hạ Long-Bucht – Unser Schiff

Für die Nacht hatte ich mich bei Jimmy einquartiert. Er hatte mir ein paar Tage zuvor eine Übernachtungsmöglichkeit angeboten, die ich gern angenommen habe. Er wohnte ein gutes Stück südlich der Innenstadt und hatte sich erst kürzlich zwei komplette Wohnungen in einem Neubau zugelegt, die er gerade zu einer Englisch-Schule ausbaut. Es standen bereits Stockbetten in den Räumen, Klassenzimmer waren eingerichtet und die Küche war auch schon fast fertig. Es sei wohl ein ziemlich hart umkämpfter Markt in Hà Nội, und deshalb hat es mich schon ein bisschen erstaunt, dass er in seinen Räumen 50 Schlafplätze für Studierende zur Verfügung stellen will.

Nach meiner Ankunft hat er mich in seinem Viertel herumgeführt und mir die Neubauten gezeigt. Bereits auf dem Weg hinein nach Hà Nội sind wir an tollen Neubaugebieten vorbeigefahren, allerdings habe ich in keiner einzigen Wohnung irgendwelche Möbel geschweige denn Menschen gesehen. Laut Jimmy steckt viel misslungene Planwirtschaft der Regierung dahinter.

Hà Nội
Hà Nội – Đình Phùng Khoang
Hà Nội – Kathedrale Nhà Thờ Phùng Khoang

Für den Abend hatte Jimmy ein Couchsurfing-Treffen am anderen Ende der Stadt herausgesucht, zu dem wir mit seinem Motorrad hingefahren sind. Das wäre alles gar kein Problem gewesen, jedoch hatte es auf halber Strecke zu regnen angefangen. Alle Roller- und Motorradfahrer sind daraufhin rechts rangefahren, haben sich ihre Regenponchos angezogen und sind weiter. Wir in unserem Fall haben uns von Verkäuferinnen am Straßenrand Ponchos gekauft, übergezogen und sind weitergedüst. Zum Schluss war der Regen so stark, dass auch der Regenschutz keinen großen Wert mehr hatte. Als wir ankamen, waren meine Schuhe vollkommen durchgeweicht.

Bei dem Treffen waren neben mir und einer Südkoreanerin ausschließlich junge Leute aus Hà Nội da, die interessiert waren ihr Englisch zu üben. Sie haben es verstanden, dass sie nur dann bessere Berufschancen haben, wenn sie ordentliches Englisch können.

Auf der Rückfahrt habe ich meine Schuhe erst gar nicht mehr angezogen, sondern bin barfuß auf Jimmys Motorrad gestiegen. Offensichtlich hatte es zuvor so sehr geschüttet, dass seine komplette Straße knöcheltief unter Wasser stand. Ich möchte nicht wissen, was da alles drin schwamm. Die Nacht war dann zwar ruhig, aber ziemlich hart: zwischen meinem Schlafsack und dem Metallboden des Stockbetts war lediglich eine dünne Reismatte.

Gegen fünf bin ich aufgewacht und habe, in meinem ungemütlichen Bett liegend, die Auswertung des Eurovision Song Contests angeschaut. Also geht es nach nächstes Jahr nach Israel: LaSchana haba’a Biruschalaim! Nächstes Jahr in Jerusalem (traditioneller Wunsch der Juden zu Beginn des Pessachfestes).

Ich bin danach nochmal eingedöst und später mit Jimmy zum Frühstücken. Auch an diesem Sonntagmorgen, das Wasser war inzwischen abgelaufen, war in seinem Kiez richtig was los. Es wurden bereits Motorräder repariert, Wurst und Fleisch verkauft, einige Marktstände hatten schon wieder geöffnet und natürlich auch ein kleiner Handwagen, von dem wir uns eine Art Kebap geholt haben. Danach verfrachtete mich Jimmy in ein Taxi und ich fuhr wieder in das Haus des gestrigen Treffens. Dort hatte ich mich für eine Stadtführung auf einem Moped angemeldet, und so fuhren drei Mädels und ich auf zwei Rollern zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt. Sie konnten dabei ihr Englisch anwenden, ich bekam eine Tour durch die Hauptstadt Vietnams und vor allem musste ich nicht in der schwülen Hitze zu Fuß herumlatschen. Es war natürlich keine hochwertige Stadtführung, aber es hat vollkommen ausgereicht.

Hà Nội – Ausfahrtsgleis des Hauptbahnhofs
Hà Nội – Oper
Hà Nội – St.-Josefs-Kathedrale
Hà Nội
Kennsch du d’Haupdschdadt von Vietnam? – Ha, noi!
Hà Nội – Alte Universität
Hà Nội – Hồ Chí Minh-Mausoleum
Hà Nội – Trấn Quốc-Pagode

Nachmittags habe ich sie noch zu einer Art Englischkurs begleitet, und dann war es Zeit Abschied zu nehmen. Ich bestellte mir ein Grab-Taxi, fuhr damit zum Flughafen und bin nach Hongkong geflogen.

Am Ende meiner Reise durch Südostasien muss mir eingestehen, dass ich lediglich an der Oberfläche gekratzt habe. Eigentlich wäre ich in Vietnam gerne mit dem Zug gefahren, aber dann hätte mir die Zeit hinten und vorne nicht gereicht, denn der Flug nach Hongkong war von Anfang an fix. So musste ich mir die beiden Flüge innerhalb des Landes extra dazu buchen, was aber nicht weiter schlimm war, denn beispielsweise der Flug von Đà Nẵng nach Hải Phòng hat mit 25 Kilo Gepäck gerade mal 37 Euro gekostet.

Hà Nội – Rückfahrt vom Englischkurs
Hà Nội
Da liegt soviel Wahrheit drin…
Kommunistische Propaganda

Trotzdem, vieles habe ich nicht gesehen: Die Reisterrassen von Sapa. Den Wolkenpass, der Nord- und Südvietnam nicht nur klimatisch trennt. Das Mekongdelta in einem größeren Ausmaß. Und, und, und.

Es ist also Grund genug, irgendwann mal wieder zurück zu kommen, um mehr zu sehen, zu schmecken und zu riechen. Back for more.

Ein Gedanke zu „Back for more

  1. Puhh…das liest sich alles sehr interessant und sehr schön. Du hast hier und in den letzten Beiträgen so viel gesehen und erlebt, Menschen kennen gelernt, kulinarische Köstlichkeiten und Genüsse aus-/ probiert und hast dennoch einige Städte, Landstriche und Regionen, die du noch anschauen musst und möchtest. Irre. Als Leser habe ich das Gefühl, dass schon so viel verpackt ist in deinem jeweiligen Aufenthalt und dennoch vereinzelt Zeitnot besteht…das ist kaum zu glauben. Es ist phantastisch und beeindruckend, dass du wiederkommen möchtest, um Deine Erfahrungen und Erlebnisse „rund“ zu machen. Toll. Ich drücke dir die Daumen, dass dein Vorhaben Früchte tragen wird!
    Viele Grüße, Daniel

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