Big 5 – finally

Big 5 – finally

Ich musste also nach Südafrika fahren, um das zu sehen, was mir bei meiner Indienreise 2013 nicht vergönnt war, obwohl wir damals konkret danach gesucht hatten – Menschen außen an einem Zug hängen zu sehen. Es waren nicht sonderlich viele. Wahrscheinlich ausschließlich Schwarzfahrer (der wörtliche Sinn des Ausdrucks ist hierbei rein zufällig). Und es war keiner auf dem Dach (was bei einer Oberleitung auch ziemlich töricht wäre). Aber trotzdem nichts, was man aus Europa kennt, zumal hierzulande die Zugtüren auch nicht sperrangelweit offen sind. In Südafrika und anderen Ländern, ist das aber wohl gang und gäbe. Und so habe ich es als Abschluss meines Aufenthalts in Afrika gesehen, nämlich genau dann, als ich von meinem Safaritrip im Krüger Nationalpark an den Flughafen von Johannesburg zurückgekommen bin.

Bei meinem Aufenthalt in Kapstadt habe ich von anderen Backpackern diverse Schauergeschichten über Johannesburg gehört. Gefährlich. Ausgeraubt worden. Solche Geschichten und andere habe ich mir erzählen lassen und dann für mich beschlossen, J’burg, die größte Stadt Südafrikas, links liegen zu lassen. Zugegeben, von São Paulo hatte ich dasselbe Vorurteil. Wenn die Stadt touristisch auch nicht viel hergibt, so musste ich letztes Jahr feststellen, dass es im Stadtzentrum bei Weitem nicht so schlimm ist wie befürchtet. Man kann dort sicher und gut Bus und Metro fahren, und es gibt viele tolle und teure Restaurants, von den Partys ganz zu schweiben. In J’burg wäre es bestimmt nicht allzu viel anders gewesen, aber aufgrund von Zeitmangel kann ich die Stadt guten Gewissens von meiner Liste streichen.

Außerhalb, in der Nähe des Flughafens, habe ich mir nach meiner Ankunft aus Victoria Falls ein nettes Hotel mit Pool genommen. Eines mit kostenlosem Flughafenshuttle, denn meine Abholung Richtung Krüger-Park war vom Busterminal des Flughafens. Ist man erstmal aus dem Getümmel heraus, geht es eine ganze Weile auf der Autobahn nach Nordwesten. Eine sanfte und überaus grüne Landschaft fliegt an uns vorbei. Ein Maisfeld nach dem anderen ist zu sehen, zwischendurch vereinzelte Wiesen und Gemüsefelder, und dann wieder Mais und nochmal Mais. In der Ferne rauchen Kraftwerke. Kohlekraftwerke, die ca. 90 % des südafrikanischen Stroms liefern. Obwohl das Land reich an Küste und unbesiedeltem Gebiet ist, werden erneuerbare Energien kaum eingesetzt. Es gibt nur ein Kernkraftwerk in Südafrika, das zugleich das einzige auf dem afrikanischen Kontinent ist.

Nach zwei Stunden Fahrt wird die Landschaft hügeliger, und rotbraune Felsbrocken liegen immer mal wieder in der Gegend verstreut. Schließlich wird es deutlich kahler und bergiger. Ein kleiner Bergpass wird überquert. Es sind keine grünen Felder mehr zu sehen, sondern wenn dann vielmehr Plantagen, auf denen Orangen- und Mangobäume in Reih und Glied stehen. Aloe Vera wächst fast wie Unkraut am Straßenrand. Nach fünfeinhalb Stunden erreichten wir Hoedspruit, wo ich umsteigen musste, und von Reuben, einem bulligen Schwarzen, weiter in meine Unterkunft gebracht werde. Auf dem Weg dorthin haben wir Margo, eine Schwedin, am Flughafen mitgenommen, und so waren wir zwei die einzigen Gäste im Bushcamp. Zu erreichen ausschließlich über D-Straßen und unebene Feldwege, auf denen mein namibianischer Polo sicher irgendwo aufgesessen wäre. Die Anlage liegt in einem eingezäunten, privaten Reservat. Die wilden Tiere leben hier quasi vor der Haustür.

Bushcamp

Eine scheue Impala schleicht vorsichtig durchs Camp und säuft aus der Wasserschale der Campkatze. Aber die – typisch Katze eben – kriegt das gar nicht mit, weil sie faul auf dem Tisch vor sich hin döst. Nur hundert Meter vom Hauptgebäude entfernt ist eine Plattform aufgebaut worden, von der aus man einen Blick auf ein (künstliches) Wasserloch hat. Und da lagen sie:

Büffel. Check 1 von 5 (der Big 5)

Krüger Nationalpark

Die Big 5 wurden früher von Großwildjägern definiert. Es kommt dabei nicht unbedingt auf die Größe an, sondern vielmehr auf die Schwierigkeiten und Gefahren bei der Jagd. Und wenn man in Südafrika auf eine Safari geht, dann sind diese Tiere sozusagen das Soll, das man erreichen will. Zebras, Giraffen, Impalas und dergleichen gibt es als Beifang dazu. Zu den Big 5 gehören

  • Elefant
  • Löwe
  • Nashorn
  • Leopard
  • Büffel

Nur mit einem Stock bewaffnet hat uns unser Guide dann am späten Nachmittag auf einen Bushwalk mitgenommen. Ein paar Tipps hatte er uns noch mitgegeben, und dann ging’s los. Er hat uns durch den Busch geführt, in dem wir uns ohne ihn heillos verlaufen hätten. Wir konnten wieder die Büffel sehen und dazu Zebras, Impalas, Kudus, Baboons (Paviane). Vom Gepard haben wir nur die Spuren gesehen, bzw. sind sie uns gezeigt worden.

Bushcamp
Bushcamp
Bushcamp – Aloe Vera

Am nächsten Tag ging’s früh raus. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als uns unser Safarifahrer um halb sechs abgeholt und in den Krüger Nationalpark gebracht hat. So früh, bei bedecktem Himmel und durch den Fahrtwind hat es uns sogar mit Pulli, Jacke und Decke gefroren. Wir hatten sozusagen unsere Privatfahrt, denn nur Margo, unser Fahrer und ich waren im Fahrzeug unterwegs, um die Big 5 zu finden. Der Fahrer hieß Ongawa oder so ähnlich, seinen ungewöhnlichen Namen habe ich schon fünf Sekunden nach seiner Vorstellung wieder vergessen. Und kaum waren wir durch das Orpen-Gate des Parks gefahren, gab’s schon den nächsten Check:

Leopard. Check 2 von 5

Der Ehrlichkeit halber muss gesagt sein, dass wir die Katze nur schlecht durch ein Dickicht gesehen haben. Auf einem Baum liegend. Begafft von mindestens noch zwei anderen Fahrzeugen. Leoparden sind super Kletterer. Deshalb schleifen Sie auch ihre Beute, die auch gern mal ihr eigenes Körpergewicht übersteigen kann, rauf auf den Baum. Der Grund ist ein ganz praktischer: Dort oben kommt kein Löwe oder Gepard hin, der ihnen ihr Fressen streitig machen könnte. Und gegen einen Löwen oder gar ein Rudel davon hat ein Leopard keine Chance. Es ging weiter und schon kurz später war wieder eine Gruppe Büffel zu sehen.

Die Impalas standen auf der Straße. An der Böschung eines fast ausgetrockneten Flusses. Unschlüssig irgendwie. Sie haben gemächlich für uns Platz gemacht, und wir wollten schon weiterfahren, als Ongawa plötzlich einen Schlenker machte und langsam Richtung Fluss fuhr. Mit Tomaten auf den Augen hatte es eine ganze Weile gedauert, bis auch wir seine Entdeckung gesehen haben.

Löwe. Check 3 von 5

Krüger Nationalpark – Sieht jemand die Löwin? …in der Bildmitte!

Na gut, es war eine Löwin. Ein Löwe, richtig mit Mähne und so, sollte uns nicht vergönnt sein. Aber ich will ja nicht kleinlich sein. Auf der anderen Seite des Flusses, im Schatten eines Baumes, lag die Dame also und beobachtete die Impalas aufmerksam. Eine richtige Verfolgungsjagd, das wär ja was! Unsicher gehen die Impalas runter ins Flussbett und laben sich am spärlichen, frischen Nass. Die Löwin hätte zwar das Überraschungsmoment auf ihrer Seite, und auch der Wind weht in die für sie richtige Richtung, aber auch die Impalas sind schnell. Und die Entfernung zum Frischfleisch ist zu weit. Es kommen immer mehr Impalas dazu, sind aber immer noch nicht nah genug an der Löwin. So geht das mindestens eine Viertelstunde, während die Impalas, inzwischen gestärkt, langsam wieder abziehen. „She failed!“, das war das einzige, was Ongawa noch sagte, bevor er den Wagen wieder an ließ und wir weiter gefahren sind: zum Mittagessen. Tja, da haben wir’s schon einfacher!

Eine Garantie für die Big 5 gibt einem keiner. Vor allem nicht im afrikanischen Sommer, wenn es eigentlich regnet und die Wasserlöcher reichlich gefüllt sind. Ongawa hätte sicher kein schlechtes Gewissen gehabt, aber natürlich will er auch was bieten. Die Station, die wir nach dem Mittagessen angefahren sind, sei dann auch ein ziemlicher Garant dafür, etwas zu finden. Die große Wasserstelle lag auf der rechten Seite der Straße. Flusspferde lagen fast bis zur Gänze im Wasser. Ab und zu rissen sie ihr riesiges Maul auf und dann war wieder kaum etwas von ihnen zu sehnen. Nilpferde sind Vegetarier und fressen Gras. Allerdings machen sie das nur in der Dämmerung oder nachts. Tagsüber würde ihnen die Sonne die Haut austrocknen und schnell rissig, was die Flusspferde anfällig für Krankheiten ma  Darum liegen sie den ganzen Tag im Wasser oder wenigstens im Schlamm und kommen erst abends zum Fressen raus. Und als wir das so standen, da kommen auf einmal

Elefanten. Check 4 von 5

Krüger Nationalpark – Flusspferde links, Elefanten rechts
Krüger Nationalpark
Krüger Nationalpark
Krüger Nationalpark
Krüger Nationalpark
Krüger Nationalpark

Eine kleine Gruppe von fünf der mächtigen Tiere trottete zum Wasserloch, um zu saufen und zu baden. Kurz drauf gingen alle ins Wasser und durchquerten den kleinen See bis zum anderen Ufer. Der kleine Elefant, der fröhlich und überschwänglich mit dabei war, ist grade noch so groß, dass er nicht untergeht. Auf der anderen Seite angekommen, und jetzt sind auch wir den Elefanten ganz nah, haben sie ganz schön Staub aufgewirbelt, um sich damit einzustauben. Ihnen geht’s ähnlich wie den Flusspferden. Sie müssen ihre Haut nass oder mit einer Staubschicht bedeckt haben, sonst entstehen auch dort gefährliche Risse.

Natürlich sahen wir auch wieder Giraffen und konnten dabei genau beobachten, was uns Ongawa bewusst gemacht hatte. Die Tiere mit den langen Hälsen gehen nämlich nicht wie ein Elefant, Löwe oder Hund (ersten Schritt: Bein vorne links und hinten rechts; zweiter Schritt: Bein vorne rechts und hinten links; usw.), sondern so, dass der eine Schritt immer mit dem Vorder- und Hinterlauf der einen Seite und der zweite Schritt immer mit dem Vorder- und Hinterlauf der anderen Seite gemacht wird. Das im ersten Moment bewusst zu sehen, ist ein bisschen komisch, weil man unwillkürlich meinte, die Viecher könnten umfallen. Tun sie aber nicht! Aber ist ja auch logisch. Wir Menschen fallen ja auch nicht um beim Laufen. Also meistens nicht!

Krüger Nationalpark
Krüger Nationalpark
Krüger Nationalpark
Krüger Nationalpark
Krüger Nationalpark
Krüger Nationalpark – Bushboks, zu erkennen am Abdruck einer Klobrille um den Hintern herum 😉
Krüger Nationalpark

Alle Big 5 wurden also an diesem Tag nicht gesichtet. Was aber weiter nicht schlimm ist, denn wir sind ja noch eine Weile da.

Reuben ließ uns ausschlafen, bevor er uns am nächsten Tag in seinem Pickup zum Blyde River Canyon brachte. Einem der längsten Canyons der Welt, der zweigrößte Afrikas und der weltgrößte grüne Canyon. In den Siebzigern hatte man einen Stausee gebaut, der den Blyde River aufstaut und jetzt dazu führt, dass man auch mit einem Ausflugsschiff drauf fahren kann. Vom Aussichtspunkt konnten wir allerdings nicht nur den Canyon selbst sehen, sondern auch die Three Rondawels gegenüber. Es gibt außerdem noch God’s Window, einen Lisbon Fall und einen Berlin Fall (nicht Wall). Beim Mittagessen erzählte Reuben, der eigentlich aus Malawi stammt, wie es hier in Südafrika so während der Apartheid abging. Es ist erstaunlich und erschreckend zugleich, was er berichtet. Diese Willkür, die damals geherrscht hatte, teilweise auch noch danach, kann man sich nicht vorstellen. Es hört sich an, die wie Herrschaft der Nazis bei uns. Willkürliche Verhaftungen, und Freilassung erst, wenn es dem weißen Polizeichef gepasst hatte. Sei es nun nach einer Woche oder 10 Monaten. Erst als Nelson Mandela Präsident wurde, ist es besser geworden. Aber Reubens Vermutung ist, dass es noch zwei Generationen dauert, bis es wirklich überstanden ist.

Blyde River Canyon – God’s window
Blyde River Canyon – Regenwald bei God’s Window
Blyde River Canyon – God’s Window
Blyde River Canyon
Blyde River Canyon – Bourke’s Luck Potholes
Blyde River Canyon – Bourke’s Luck Potholes
Blyde River Canyon – Bourke’s Luck Potholes
Blyde River Canyon
Blyde River Canyon
Blyde River Canyon – Lisbon Falls
Blyde River Canyon – Berlin Falls

An unserem letzten Tag holte uns Ongawa nochmal in aller Herrgottsfrüh ab und fuhr mit uns in den Park auf Safari. Trotz redlicher Versuche war es ihm aber auch heute nicht möglich, die Big 5 für uns voll zu machen. So blieb uns nichts anderes übrig als gegen halb zehn ins Camp zurück zu fahren und unsere Koffer zu packen. Reuben hat uns ins seinem Pickup wieder zurück nach Hoedspruit gebracht, wo ich in meinen Transfer-Van nach J’burg eingestiegen bin. Auf der Fahrt wird zweimal Halt gemacht. Einmal in Myddelburg, einem kleinen Städtchen mit den typischen Straße Gebäuden, die irgendwie an eine amerikanische Kleinstadt erinnern, und wo die Leute aus der Umgebung selbstangebaute Mangos, Orangen und sonstige Gemüse verkaufen. Und wo an den Straßen in einfachen, gebretterten Buden Hähnchen auf einem Grill gebraten und angeboten werden. Und weil es an so einem Straßenstand natürlich staubt und wahrscheinlich nicht ganz so hygienisch zugeht, sagt man, dass man dort „Chicken Dust“ essen kann.

Der zweite Halt des Transfer-Vans ist an einem Rastplatz an der Autobahn. Dieser hat nach hinten raus ein Wildgehege, in dem ich schon beim Hinweg Zebras und Impalas gesehen hatte. Heut ist aber noch jemand anderes da, und das macht das Soll voll.

Nashörner. Check 5 von 5.

Autobahnparkplatz – Die Big 5 sind voll

Sie sind natürlich nicht in freier Wildbahn, sondern quasi eingesperrt, aber das sind jene im Krüger-Park konkret auch – wenn auch in einem ungleich größeren Gehege! So kann ich Afrika guten Gewissens verlassen. Natürlich ist noch Luft nach oben, denn man könnte ja alle Tiere irgendwo draußen im Busch aufspüren, aber fürs Erste bin ich absolut zufrieden. Ich bin ja nicht undankbar!

Und die am Zug hängenden Leute runden die ganze Geschichte noch ab. Danke Afrika! Für eine tolle Zeit und einen super Einblick in den schwarzen Kontinent. Wer weiß, ob ich in Südamerika nicht auch Menschen an Zügen hängen sehen werde. Eine Sache gibt es aber hier wie dort: Armut. Viel davon. Beim Abflug von J’burg ist man über Slums hinweggeflogen, und beim Anflug auf São Paulo waren es Favelas. In beide sollte man als (weißer) Ausländer nicht rein. Aber ich freue mich auf den Kontinent. Es wird sprachlich eine größere Herausforderung als das englischsprachige südliche Afrika. Ich lass mich überraschen. In diesem Sinne:

Bem-vindo ao Brasil!

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