Check, Haken dran

Check, Haken dran

Ich erinnere mich an ein T-Shirt meines Mathe-Profs. Darauf stand „Singapore is a fine city“, und es waren einige jener Fines (Geldstrafen) aufgelistet, die man für ein spezielles Vergehen zu berappen hatte. Überall in der Stadt hängen Verbotsschilder und mit dabei steht auch gleich der Betrag, der bei Nichtbeachtung bezahlt werden muss. Folglich ist Singapur eine saubere und gut durchorganisierte Stadt. Blöd nur, dass ich trotzdem Probleme hatte, am Flughafen auf Anhieb den richtigen Bus zu finden, der mich nach einer Stunde Fahrt ins Stadtzentrum bringen sollte. Als ich dann aber im richtigen Bus saß, konnte ich sehen, wie gepflegt die Stadt tatsächlich ist. Sogar auf dem Mittelstreifen der Autobahn zum Flughafen sind Blumen angepflanzt, die von einem Heer (billiger) Arbeitskräfte (aus Indien, Pakistan oder sonst wo her) instand gehalten werden.

Mein Hostel lag am Rande von Chinatown unweit des Singapore Rivers und der Vergnügungsmeile am Clarke Quay. Da der Flug von Darwin bereits morgens um sechs Uhr startete, musste ich zum einen in aller Herrgottsfrüh aufstehen und war zum anderen schon um elf am Hostel. Folglich konnte ich noch nicht einchecken, sondern durfte meinen Rucksack lediglich in der Lobby lassen.

So bin ich also losgezogen und habe mir erstmal was zum Essen gesucht. Unweit meiner Unterkunft gab es eine der vielen Malls Singapurs und natürlich auch Food Courts für den großen und kleinen Hunger. Ich habe mir eine SIM-Karte gekauft und bin ein bisschen durch die schwülheiße Stadt gelaufen. Zurück im Hotel durfte ich immer noch nicht aufs Zimmer, weshalb ich mich schließlich auf den Weg zum Marina Bay Sands gemacht habe, jenes Hotel, das aus drei Türmen besteht und von einem allüberspannenden Schiffsrumpf auf der 55. Etage abgeschlossen wird. Es hatte inzwischen deutlich abgekühlt und tropische Regenwolken hingen bereits über der Stadt. Ich bin trotzdem weitermarschiert. Irgendwann hat es angefangen zu tröpfeln, dann zu regnen, und schließlich hat es sintflutartig geschüttet als wolle es gar nicht mehr aufhören. Ein kleiner Pavillon bot irgendwann keinen Schutz mehr, da zu allem Überfluss das Wasser nicht ablief, sondern uns Wartenden in die Schuhe, und außerdem kamen immer wieder Windböen hereingeweht. Das Ende vom Lied war eine nasse Hose und durchweichte Schuhe.

Singapur – Marina Bay Sands bei Nacht und im Regen

Eine gute Stunde später habe ich mich dann mit Rahul von Couchsurfing getroffen, mit dem ich während des Wartens geschrieben hatte – aufs Marina Bay Sands hatte ich keine Lust mehr. Wir trafen uns auf einen Kaffee, sind einen kleinen mexikanischen Happen zu essen gegangen und dann habe ich mich auf den Heimweg gemacht. Es war inzwischen nach elf, und beim Gehen in meinen nassen Schuhen ist mir siedend heiß eingefallen, dass die Rezeption seit halb elf nicht mehr besetzt war. Dort angekommen habe ich versucht, irgendjemanden zu erreichen, aber letztlich konnte ich nur ins Hostel und auf mein Zimmer, weil ein weiterer Gast eine nächtliche Hungerattacke hatte und mich einließ. Meine Füße waren verschrumpelt und ich hundemüde. Ab ins Bett.

Durch den Regen war die Schwüle am Morgen danach fast unerträglich. Nichtsdestotrotz machte ich mich auf den Weg nach Chinatown und zum ältesten Hindu-Tempel Singapurs (Sir Mariamman Temple). Wo die Stadt sonst absolut asiatisch ist, überall chinesische Schriftzeichen, so kam ich mir jetzt vor wie in Indien. Leute mich Punkten auf der Stirn und typisch indische Gesichter. Da fühlte ich mich ja fast schon heimelig. Die Zeremonien allerdings, die abgehalten wurden, waren mir nach wie vor fremd. Ein paar hundert Meter weiter habe ich mir noch den ältesten buddhistischen Tempel (Buddha Tooth Relic Temple) angeschaut (hier waren wieder nur Asiaten) und dann war es Zeit, zum Treffpunkt für die Free Walking Tour zu gehen. Priscilla hieß die chinesisch stämmige Dame, die in passablem Englisch über ihre Stadt erzählte und uns durch diverse Tempel führte.

Singapur – Sri Mariamman Temple
Singapur – Sri Mariamman Temple
Singapur – Buddha Tooth Relic Temple
Singapur – Buddha Tooth Relic Temple
Singapur – Buddha Tooth Relic Temple
Singapur – Victoria Theater
Singapur – Yueh Hai Ching Temple

Die Insel an der Südspitze der Malaiischen Halbinsel war bereits im 3. Jahrhundert bevölkert, aber erst als ein hinduistischer Prinz im 14. Jahrhundert aufgrund politischer Wirren in seiner Heimat Sumatra in das heutige Gebiet Singapurs flüchtete, bekam die Stadt ihren Namen. Der Legende nach soll er im dichten Dschungel einen Löwen erblickt haben, gegen den er kämpfen wollte. Doch nachdem sie einander in die Augen schauten, senkte der Prinz sein Schwert und der Löwe wich zurück. Seitdem wird Singapur (chinesisch: 新加坡共和国, malaisch: Republik Singapura, tamil: சிங்கப்பூர் குடியரசு) die Löwenstadt genannt. Der Name entstammt dem Sanskrit (सिंह Singha – Löwe, पुर Pura – Stadt). 1819 kamen die Briten, allen voran ein Handelsagent namens Raffles, der als Gründer des modernen Singapurs gilt. Die Holländer auf dem benachbarten Batavia wollten auch ein Stück vom Kuchen der an der Straße von Singapur strategisch günstig gelegenen Stadt abhaben. Die Briten haben sie aber ausgetrickst, und so wurde Singapur 1867 zur britischen Kronkolonie. Während des zweiten Weltkriegs waren die Japaner da, dann wieder die Briten, und am 9. August 1965 wurde Singapur unabhängig. Heute ist die Stadt mit 5,6 Millionen Einwohnern eines der reichsten Länder der Erde.

Singapur

Die Tour war auf fünf Stunden angesetzt und hätte locker auf die Hälfte gekürzt werden. Priscilla hat uns durch Chinatown geführt und auf einen typischen Markt mit Essensständen, wo sie uns irgendwas ziemlich ekliges vorgesetzt hatte. In einem Bürogebäude zeigte sie uns Singapur in Miniatur. Die komplette Stadt war dargestellt, und die ehrzeigen Projekte der Regierung bei der Erweiterung durch Landaufschüttung waren ebenfalls zu sehen. Sie erzählte uns auch von der Wohnungsvergabe beim Bau neuer Wohnviertel. Da Singapur ein multiethischer Staat ist, wird viel Wert darauf gelegt, dass die verschiedenen Gruppen, in Harmonie zusammenleben. Es gibt daher bestimmte Quoten, nach denen Chinesen, Inder und Malaien auf einen Wohnblock aufgeteilt werden. So soll Ghetto-Bildung verhindert werden und, dass letztlich Viertel mit ausschließlich einer Ethnie entstehen. Zum Abschluss nahm sie uns mit auf einen solchen, relativ neuen Wohnblock hinauf, von wo wir einen tollen auf die Stadt hatten. Danach war ich erstmal platt und bin zurück in mein Hostel.

Singapur – Vogelskulptur zur Versinnbildlichung der Lebensfreude und des Optimismus
Singapur – ohne Klimaanlage geht nix
Singapur
Singapur – Grüne Stadt

Abends habe ich mich auf den Weg zum Marina Bay Sands gemacht. Oben auf dem Schiffsrumpf gab es eine Rooftop-Bar, die an diesem Samstagabend verständlicherweise gerammelt voll war. Ich habe mir einen teuren Gin-Tonic-Mix bestellt und mir einen Platz am Glasgeländer ergattert. Von hier oben war der Blick natürlich unschlagbar. Ein bisschen später hat mich dann ein Ami angesprochen, der – wie ich später erfahren habe – schon seit vier Uhr nachmittags am Saufen war. Dementsprechend hat er zwar noch nicht gelallt, aber recht viel Schrott erzählt. Er hatte zuvor schon eine Gruppe Italiener zugequatscht, die dann irgendwann abgezogen ist, der Ami kurz darauf auch, und so blieben nur noch eine Schweizerin und ich zurück. Wir haben uns super unterhalten und bis nachts um zwei geschwätzt. Sie kam aus der Nähe von Zürich und arbeitet als Lehrerin, und weil sie inzwischen seit zehn Jahren beim Staat arbeitet, durfte sie entweder vier Wochen frei nehmen oder ein extra Monatsgehalt abstauben. Sie hatte sich für zusätzlichen Urlaub entschieden und war deshalb seit knapp drei Wochen in Asien unterwegs. Durchs nächtliche Singapur habe ich mich dann spätnachts auf den Weg zum Hostel gemacht.

Singapur

Mein letzter Tag in Singapur war heiß und schwül. Schon kurz nachdem ich aus meiner Unterkunft draußen war, war ich durchgeschwitzt. Mein erster Gang war zum Merlion, jenem Fabelwesen mit Fischerkörper (mermaid) und Löwenkopf (lion), das seit 1964 als Wahrzeichen der Stadt gilt. Das Tier stand gegenüber vom Marina Bay Sand und spie Wasser aus seinem Maul ins Hafenbecken. Danach bin ich in die Shopping Mall am Marina Bay Sands, um mich zum einen abzukühlen und zum andern ein Eis zu kaufen.

Singapur – Merlion und Marina Bay Sands
Singapur – Teich mit Spiegel, Dominik mit Eis

Östlich vom Marina Bay Sands gibt es das Gardens by the Bay. Das ist ein wunderschöner Park, der bis 2012 auf aufgeschüttetem Land entstanden war. Heute beherbergt er nicht nur den Park mit verschiedensten Installationen an sich, sondern auch Super Trees (pflanzenbewachsene Stahlgerüste) und zwei mit Glas eingehauste Biotope, die verschiedene Pflanzen aus unterschiedlichen Klimazonen beherbergen.
Mein Eis war inzwischen schon weggeschleckt, als ich dort ankam und ein bisschen herumgelaufen bin. Leider habe ich es an zwei Abenden irgendwie nicht geschafft herzukommen, denn dann hätte es ab acht eine Lichtershow und Musik dazu gegeben.

Singapur – Gardens by the bay
Singapur – Gardens by the bay, Supertree

Dann war es aber Zeit zum Hotel zurück zu gehen. Im Schweiße meines Angesichts bin ich also bei brüllender Hitze zurück zum Hostel, habe nicht mehr geduscht, sondern mir über Grab (in Asien ist Uber nicht verbreitet, stattdessen gibt es Grab, aber das funktioniert genauso) ein Taxi bestellt und bin in ein auf 18°C heruntergekühltes Auto gestiegen, das mich zum Flughafen brachte.

Singapur ist ein Land, das quasi auf meiner Strecke lag und das ich mir anschauen wollte. Natürlich habe ich nur einen Bruchteil dessen, was es alles gibt, gesehen, aber ich war jetzt mal da. Es ist halt eine Stadt. Viele Häuser, viele Menschen, viel Verkehr (obwohl der Besitz eines privaten Autos in der Stadt von der Regierung unerwünscht und horrend teuer ist). Es ist ein Land, in dem Drogendealer mit dem Tode bestraft werden (das steht dick und fett auf dem Wisch, den man bei der Einreise ausfüllen muss). Ein Land, in dem Pornografie verboten ist. Ein Land ohne Pressefreiheit (der Besitz einer Satellitenschüssel ist untersagt). Aber auch ein Land, in dem man mit Englisch wunderbar durchkommt. Und eine Armada billiger Arbeitskräfte sorgt auf Baustellen Tag und Nacht dafür, dass Singapur immer weiter wächst.

Einige Wochen später sollte ich bei einer Stadtführung in Moskau einen indisch-stämmigen Singapurer treffen. Nachdem ich ihm gesagt hatte, dass ich erst kürzlich in seiner Heimatstadt gewesen sei, meinte er nur: „Ich hoffe, du warst nicht zu lange dort!“
Ich glaube, das ist recht bezeichnend und trifft’s ganz gut. Es ist schön und nett, aber das war’s dann auch.
Check. Haken dran, und weiter…

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