Eine Reise wert

Eine Reise wert

Das Café, an dem mich der rasende Taxifahrer abgeladen hatte, war nicht zufällig gewählt, und mein Couchsurfing-Host war dort wohlbekannt. Anfangs war ich der einzige Gast an diesem Sonntagabend, aber später kamen ein paar Gäste dazu und natürlich sprachen sie mich an. So oft sitzt da wohl kein Ausländer. Später stellte sich heraus, dass nicht nur die anderen Gäste, sondern auch der Café-Besitzer Freunde von Youssef, meinem Host, waren.

Als es schon zu dämmern anfing, kam dieser dann auch dazu und begrüßte mich herzlich. Er bestellte mir ein Taxi, sagte dem Fahrer die Adresse, und dann ging es los. Mit seinem Motorrad kam er ein paar Minuten später hinterher. Sein kleiner Bruder und seine kleine Schwester erwarteten mich schon an der Haustür des Mehrfamilienwohnhauses, das in einer Neubausiedlung am südwestlichen Stadtrand lag. Ganz aufgedreht haben sie mich im Fahrstuhl hinauf zu ihrer Wohnung im vierten Stock gebracht, wo die Mutter schon mit den Vorbereitungen fürs Abendessen beschäftigt war. Es war eine neue Wohnung, sicherlich erst ein paar Jahre alt, in dem die Familie wohnte. Auf den ersten Blick ist es mir nicht aufgefallen, aber später am Abend wurde es dann offensichtlich. Im Vergleich zu einer westlichen Wohnung war diese hier nämlich schon irgendwie besonders: es gab keinen Tisch und kein einziges Bett. Lediglich der Computer war auf einem kleinen Schreibtisch mit Stuhl untergebracht.

Nach dem langen Tag in der Hitze habe ich erstmal geduscht, und dann wurde das Abendessen serviert – und zwar auf dem Boden. In der Mitte des Wohnzimmers haben die kleine Schwester und der kleine Bruder eine Plastiktischdecke auf dem Boden ausgebreitet, und anschließend brachte die Mutter das Essen für uns vier. Es gab diesmal kein Noppenbrot, sondern Brotfladen (wir würden sie wahrscheinlich Pita nennen), und dazu Kräuter, Salat, Reis und Fleischspieße. Jeder nahm sich davon und aß es so oder in Brot eingewickelt. Zwar hatten alle ein Teller, aber Besteck hatte keiner. Zum Abräumen durfte ich natürlich nicht helfen, denn das machten stattdessen die Mutter und Youssefs junge Geschwister.

Während der Fernseher lief, lernte Youssef für seine nächste Prüfung, und seine kleine Schwester versuchte mir, das persische Alphabet beizubringen. Sie holte dazu extra ihr eigenes Schullehrbuch aus dem Zimmer und zeigte mir einfache kurze Worte auf Farsi. Da sie auch schon ein paar Brocken Englisch konnte, musste Youssef nur selten übersetzen. Sie tat ihr Möglichstes, doch ich scheiterte kläglich. So schnell mal in einer Stunde geht das mit dem Lernen nicht. Nicht mal für mich, der ich für solche Sachen eigentlich immer sehr empfänglich bin. Viele Buchstaben sind ähnlich und unterscheiden sich nur dadurch, dass drüber oder drunter ein, zwei oder drei Punkte geschrieben werden. Außerdem werden, ähnlich wie im Hebräischen, lediglich lange Vokale geschrieben, und wenn man ein Wort mit kurzen Vokalen nicht kennt, braucht man gar nicht erst zu versuchen es korrekt auszusprechen.

Die persische Sprache (زبان فارسى, Zabān-e fārsi) ist die Muttersprache von bis zu 70 Millionen Menschen, die im Iran, in Afghanistan, Tadschikistan und Usbekistan leben. Außer in Tadschikistan, wo das kyrillische Alphabet verwendet wird, so benutzt man in allen anderen Ländern das erweiterte arabische Alphabet zum Schreiben. Das Altpersische wurde noch in Keilschrift geschrieben, aber seit der islamischen Expansion schreibt man mit den Buchstaben der Eroberer. Allerdings musste das arabische Alphabet um ein paar Buchstaben ergänzt werden: Pe (پ), Tsche (چ), Že (ژ) und Gāf (گ). Noch heute werden diese Schriftzeichen im Arabischen nicht verwendet, ebenso wie die Vokale O und E. Das heißt, dass ein Perser sehr wohl den Markennamen Pepsi schreiben und aussprechen kann (‚Pepsī Kōlā‘), während ein Araber nur ein ‚Bībsī‘ hinbekommt. Bestrebungen, das Arabische auch in Hinblick auf Lehnwörter aus anderen Sprachen zu erweitern, scheitern immer noch an dem Argument, dass die Sprache des Korans nicht verändert werden kann, weil das Wort Gottes überhaupt keiner Veränderung bedarf.

Aber wenigstens konnte ich mir – zumindest für die Dauer meines Iranaufenthalts – die persischen Zahlen merken, die geringfügig von den arabischen Zahlen abweichen, aber ganz anders sind, als das, was wir unter arabischen Zahlen verstehen.

Europäisch 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9
Arabisch ٠ ١ ٢ ٣ ٤ ٥ ٦ ٧ ٨ ٩
Persisch/Urdu ۰ ۱ ۲ ۳ ۴ ۵ ۶ ۷ ۸ ۹

Irgendwann haben wir das mit dem Lernen aufgrund meiner begrenzten Aufnahmefähigkeit aufgegeben und uns bettfertig gemacht. Da es keine Betten in der Wohnung gab, wurden aus diversen Schränken knapp zehn Zentimeter dicke Matratzen (übrigens auch ein Lehnwort aus dem Arabischen) und die dazugehörigen Decken auf dem Boden ausgelegt, und ich durfte es mir alleine in Youssefs Zimmer gemütlich machen. Die Mutter und die Kinder haben sich im Wohnzimmer beziehungsweise im Elternschlafzimmer ihre Bettstatt aufgestellt.

Geschenk von Fahrids Schwester
Dominik auf Farsi, aber ich bin mir nicht sicher, ob die Kleine das richtig transkribiert hat. Eigentlich müsste mein Name so aussehen: دومینیک

Am nächsten Morgen nach dem Frühstück nahm mich Youssef mit in die Innenstadt von Kaschan (كاشان) und zeigte mir den Basar und die Agha-Bosorg-Moschee (مسجد آقا بزرگ, Masdschid-e Agha Bosorg) aus dem späten 18. Jahrhundert, die auch eine theologische Schule beherbergte. Die Moschee wurde einst als der schönste islamische Komplex in Kaschan beschrieben und hatte ein typisch symmetrisches Muster. Neben einem Innenhof am Eingang gab es in der Mitte der Anlage einen zweiten Innenhof, der um ein Stockwerk nach unten versenkt war und in dem Bäume gepflanzt und ein Garten angelegt war.

Kaschan – Basar
Kaschan – Agha-Bosorg-Moschee
Kaschan – Agha-Bosorg-Moschee (Rückansicht)
Kaschan – Agha-Bosorg-Moschee

Anschließend sind wir ins historische Viertel rund um das sogenannte Tabatabayi-Haus (خانه طباطبايىى ها). Das Bürgerhaus aus dem 19. Jahrhundert ist im Rahmen bzw. als Bedingung für eine Hochzeit gebaut und zum architektonischen Maßstab für Schönheit erklärt worden. Youssef nahm mich in ein schönes, ehemaliges Hammam und erzählte mir Geschichten zu den Leuten, die hier einst wohnten. Zum Schluss ging’s durch einen unscheinbaren Eingang in ein im Keller gelegenes Restaurant, in dem wir war zu Mittag gegessen und vor allem auch was getrunken haben. Trotz der Lage im Untergeschoss war die Decke so hoch, dass die Sonne durch bunte Fenster den großen Innenraum zwar erhellte, aber nicht aufheizte. Es gab nur ganz wenig Tische, denn eigentlich war alles mit einer Art großer Diwane ausgestattet, auf der vier oder fünf Personen gemütlich Platz hatten um dort im Schneidersitz um eine Plastiktischdecke herum zu essen. Youssef erzählte von der Uni, und wir quatschen und genossen die persische Küche.

Kaschan – Ehem. Hammam
Kaschan – Ehem. Hammam
Kaschan – Dach des ehem. Hammams
Kaschan – Tabatabayi-Haus
Kaschan – Tabatabayi-Haus
Kaschan – Tabatabayi-Haus
Kaschan – Tabatabayi-Haus
Kaschan – Restaurant
Kaschan – Mittagessen

Für den Besuch der Fin-Gärten, für die Kaschan noch so bekannt ist, hat es mich leider nicht mehr gereicht. Stattdessen sind wir mit dem Taxi zurück zu Youssefs Familie, ich habe meine Sachen gepackt, und dann hieß es leider schon wieder Abschiednehmen. Wirklich schade, dass ich nicht mehr Zeit mitgebracht hatte. Nicht nur ich, sondern auch die Familie hatte es bedauert, dass ich nach nur einer Nacht weiter nach Teheran gefahren bin. Ein Taxifahrer brachte mich zum Busbahnhof, wo ein Bus gerade abfahrbereit quasi auf mich gewartet hatte. Kaum war ich eingestiegen, da ging die Fahrt in die knapp 250 Kilometer entfernte Hauptstadt des Irans auch schon los.

Am Anfang waren wir nur zu dritt oder viert im Bus, aber mit jedem Halt kamen mehr Leute herein. Familien, alte Männer, junge Frauen, Soldaten. Bis wir in der Dämmerung in Teheran ankamen, war der Bus voll. An einem großen Busterminal im Süden der Stadt war Endstation, und ich suchte mir einen Taxifahrer, der mich zu Fahrid brachte. Ich hatte meinem zukünftigen Host schon vom Bus aus geschrieben und auch als ich ins Taxi gestiegen bin. Allerdings hatte er nicht reagiert, und die WhatsApp-Nachrichten waren ungelesen. Mit meinem schweren Rucksack stand ich dann also nun an der genannten Straßenecke mitten in Teheran – und war gestrandet. Fahrid ging nicht ans Telefon, las meine Nachrichten nicht, und obwohl ich sicher nur wenige Meter von seiner Wohnung entfernt war, hatte ich keine Ahnung, wo ich klingeln sollte. So stand ich da also. Irgendwie verloren. In meiner Verzweiflung hatte ich schon nach Hostels in der Nähe gesucht, in denen ich wenigstens die Nacht verbringen könnte. Noch dazu kam, dass mein Akku mal wieder bedrohlich leer war. Einige Passanten, die an mir vorbei gingen, fragten mich schon, ob ich Hilfe bräuchte, aber im Vertrauen auf Fahrid lehnte ich immer dankend ab. Schließlich hatte ich mir ein Zeitlimit gesetzt. Wenn ich bis viertel nach neun nicht weiter bin, dann such ich mir nach einer anderen Unterkunft.

Etwa zehn Minuten vor Ablauf meiner selbst auferlegten, maximalen Wartezeit brüllt auf einmal jemand fünf Meter über mir meinen Namen. Eine knappe Stunde war vergangen, bis Fahrid nach einem Nickerchen wieder aufgewacht war und meine Nachrichten gelesen hatte. Puh, das war knapp. Und ich habe tatsächlich direkt unter seinem Wohnzimmer gewartet.

Ich war ziemlich erleichtert, als er mich dann in seine Wohnung gelassen hatte, die er mit einem Mitbewohner und zwei kleinen Miezekätzchen teilt. Ich brachte erstmal mein Zeug ins Wohnzimmer und wurde vorgestellt. Und mir wurde der Grund für sein Nickerchen genannt: er hatte in letzter Zeit ziemlich viel Stress und jetzt kam noch dazu, dass sein Vater im Krankenhaus im Sterben lag und er ihn jede Nacht besuchte. So würde es auch diese Nacht wieder sein. Nachdem sein Mitbewohner für uns alle dann was zum Abendessen gemacht hatte, war Fahrid kurz darauf auch schon wieder weg – nicht ohne mir seinen Zweitschlüssel für die Wohnung da zu lassen, damit ich morgen jederzeit wieder zurückkommen könnte. Da sein Mitbewohner frühmorgens in die Arbeit musste, verzog sich auch dieser schnell in sein Zimmer und so blieb ich mit den Katzen zurück. Ich machte mir mein Nachtlager im Wohnzimmer zurecht, duschte, warf die Katzen aus dem Raum und legte mich in meinen Schlafsack auf einer dünnen Matratze auf dem Boden.

Teheran – Fahrids Miezekatze

Als ich am nächsten Morgen, dem 26. Juni, aufwachte, war eine unangenehme Hitze im Raum. Ich war allein in der Wohnung, aber als ich wieder aus dem Bad heraus bin, kam gerade Fahrid vom Krankenhaus zurück. Er sah ziemlich fertig aus, dem Vater ginge es immer schlechter. Er bat mir Frühstück an, aber ich hatte keinen Hunger und machte mich stattdessen fertig für meine Erkundungstour durch die Stadt. Normalerweise hätte er mich begleitet und mir was gezeigt, aber er musste sich erstmal hinlegen.

Ich bestellt mir ein Snap, und der Fahrer brachte mich in die Nähe des großen Basars, dem wohl größten und schönsten im Land. Allerdings gab es da ein Problem: der Basar war geschlossen. Streik.

Schon am Tag zuvor wurde im ganzen Land gestreikt. Dass aber gerade die Händler streikten, die eigentlich eine konservative und politisch einflussreiche Kaste bilden, ist schon ziemlich ungewöhnlich und zeigt die Tragweite des Ganzen. Sie schimpfen über den Verfall der Landeswährung Rial und dass sie nicht mehr an Dollar kommen. Und die Kunden schimpfen über steigende Preise. Jetzt wurde mir auch klar, dass die Leute so scharf auf meine Euros waren. Der Staat gab den US-Sanktionen und der ‚psychologischen Kriegsführung‘ der Amis die Schuld für die Krise. Die Händler wiederum sehen die Schuld in der Misswirtschaft des Staates, und sogar Sprechchöre gegen die kostspieligen Militäreinsätze in Syrien, im Irak und im Jemen gab es bei den größten Protesten in der Hauptstadt seit 2012. Folglich waren alle Metallrollläden im Basar heruntergezogen und es herrschte gähnende Leere in die überdachten Gassen. Lediglich ein paar Imbissbuden hatten geöffnet und boten den Kunden ihre Kebabs, Nudeln und Früchte feil.

Am Anfang hatte ich ohnehin ein bisschen Mühe mit dem Geld. Da meine Karten im Iran nicht funktionieren, hatte ich ja Bargeld dabei und musste das entsprechend umtauschen. Meine Wechselkurs-App zeigte mir einen Kurs von knapp 1:50.000 an. Bei meiner ersten Wechselaktion am Flughafen in Schiras habe ich auch diesen Kurs bekommen. Aber später habe ich dann erfahren, dass ich aufgrund der Krise auf dem Schwarzmarkt bis zu 90.000 oder 100.000 Rial für einen Euro bekommen würde. Tja, da hatte ich mich zuvor wohl schon ein paar Mal über den Tisch ziehen lassen, denn der Kurs zu knapp 50.000 Rial ist jener, an dem die Regierung krampfhaft festhält, der aber nichts mit der Wirklichkeit zu tun hatte. Was mich weiterhin verwirrt hatte, war eine zweite Einheit. Oft wird ein Preis nicht in der offiziellen Währung Rial, sondern in Toman genannt. Ob das nun Selbstbetrug ist oder nicht, sei mal dahingestellt, jedenfalls sind 10 Rial genau 1 Toman. Folglich werden die Preise um eine Stelle gekürzt, und eine Taxifahrt von Fahrids Wohnung zum Basar kostet dann nicht 60.000 Rial, sondern eben nur 6.000 Toman – so oder so, ein lächerlicher Preis für 15 Minuten Taxi. Und dabei haben vergleichbar lange Fahrten in Isfahan gerade mal 40.000 Rial gekostet.

Ich bin ein bisschen durch die Straßen geschlendert und habe dann im Schahr-Park (پارک شھر) unter den Bäumen Schutz vor der heißen Sonne gesucht. Auf einer Parkbank sitzend habe ich mir online ein Café gesucht, in dem ich meine Postkarten schreiben konnte. Und so habe ich später in der Hitze der Stadt das nahegelegene Café gesucht, das gegenüber eines schicken Hotels lag und so gar nichts mit der Hektik draußen gemein hatte. Es war recht westlich, aber durch die bunten Glasfenster an der Eingangstür und der persischen Musik bekam es eine orientalische Note. Ich suchte mir einen Tisch, von dem aus ich das ganze Lokal überblicken konnte und bestellte mir bei der Bedienung, die fließend Englisch sprach, einen leckeren Milkshake und einen New-York-Cheesecake. Daneben gab es allerdings für jeden Tisch auch Knobelspiele, die mit an den Tisch gebracht wurden, und für mich speziell einen Iran-Bildband zum Durchblättern. Na das war mal echt ein toller Service. Ich könnte es jetzt auf die kniffligen Knobelspiele oder die große Zahl an zu schreibenden Postkarten schieben, aber ich bestellte mir noch einen zweiten Milkshake und verabschiedete mich dann von den freundlichen Angestellten, um mir draußen ein Snap zu Fahrids Wohnung zu bestellen.

Teheran – Eingang zum Platz der Imam-Moschee
Teheran – Imam-Moschee im nördlichen Teil des Basars
Teheran – Golestan-Palast
Teheran – Brot (Käsekuchen, Limonade) und Spiele

Fahrid war ein großer Musicalfan, denn gerade als ich wieder bei der Wohnungstür hereinkam, schallte es aus seinem Zimmer heraus, wo er mit Freundinnen irgendwelche Disneyfilme anschaute und alle lautstark dazu grölten. Wobei, damit tue ich ihm vielleicht Unrecht, denn so schief war sein Gesang auch wieder nicht. Jedenfalls war er mit ganzem Herzen dabei. Sie zogen mich auch alle vor seinen Computer und ich musste mir die Streifen bzw. die Musikszenen mit anschauen. Nach einer halben Stunde machten sich die Mädels zum Gehen fertig, und als sie zum Verabschieden wieder in den Raum kamen, hatten sie – natürlich – alle ein Kopftuch auf. Trotzdem war es komisch, sie auf einmal so verhüllt zu sehen. Ja, kein Wunder, dass es den Mädchen und Frauen ein Graus ist, das Ding immer aufziehen zu müssen.

In der kommenden Nacht wollte Fahrid nicht ins Krankenhaus und dort bis zum Morgen bleiben. Stattdessen kam gegen zehn – ich muss zugeben, ich war eigentlich schon hundemüde – ein Kumpel von Fahrid und seinem Mitbewohner, und dieser nahm uns in seinem neuen Auto mit, um damit ein bisschen durch die Stadt zu cruisen. Sie spielten laute Musik, sprachen Farsi, und folglich verstand ich kaum etwas. Ab und zu jedoch hat mir Fahrid ihre Witze und Späßchen ins Englische übersetzt. Irgendwann parkte der Freund sein Auto und wir stiegen aus, um in einem Park spazieren zu gehen. Das war etwas, das man bei uns jetzt nicht unbedingt machen würde, aber er war hell erleuchtet und es waren noch einige Leute und sogar Familien mit kleinen Kindern unterwegs, während sich die Jungs zum Schwätzen auf eine Bank setzten. Bars oder dergleichen, wo man am Abend einfach mal hingehen könnte, gibt es nicht wirklich. Stattdessen treffen sich dich Leute halt draußen auf den Straßen und in den Parks, wenngleich die Moralpolizei immer irgendwo mit dabei ist.

An den Autobahnen habe ich auf meiner Reise durchs Land immer mal wieder größere, grüne Schilder gesehen, die allem Anschein nach Informationstafeln waren. Wie ich richtig vermutet hatte, waren es solche Informationen für Pannen oder Unfällen mit den entsprechenden Telefonnummern. Später habe ich mir dann allerdings erklären lassen, dass auf den Tafeln auch die Telefonnummer der Moralpolizei drauf ist. Dort kann man nämlich anrufen, wenn man ein sündhaftes oder unmoralisches Verhalten melden will – oder bei Bedarf auch den unliebsamen Nachbarn. Für unsere Begriffe scheint das absolut willkürlich, und genauso muss es auch den beiden Mit-Köchinnen vom Kochkurs in Isfahan vorgekommen sein. Sie hatten nämlich erzählt, dass sie in ihrer ersten Nacht im Iran bei einem Studenten couchgesurft haben. Dabei sind sie wohl erst am späteren Abend in die Wohnung des Iraners gekommen sein, sodass offensichtlich ein Nachbar drauf aufmerksam geworden war, der dann auch prompt zum Hörer griff und die Moralpolizei anrief. Mitten in der Nacht war dann ein ordentlicher Aufruf im Haus und die Polizei hämmerte wild gegen die Tür des Couchsurfing-Hosts und schrie diesen an. Das Ende vom Lied waren riesige Probleme und angeblich auch ein Knastaufenthalt für den Iraner, während die Mädels mit einem blauen Auge davongekommen waren. Fortan suchten sich die zwei Deutschen nur noch Familien, bei denen sie couchsurften, und keinen alleinstehenden Mann, dem sofort irgendwelche Hintergedanken hätten nachgesagt werden können.

An diesem Abend wollte allerdings niemand was von uns, und so fuhren wir nachts um zwölf wieder zurück zu Fahrids Wohnung, wo ich mich schnell in meinen Schlafsack verkroch.

Das Wohnzimmer, in dem ich auf dem Boden schlief, war wieder mal zu einer Sauna geworden. Meinen Schlafsack hatte ich schon lange aufgeschlagen, aber trotz – oder vielleicht wegen – der Hitze war ich zu faul zum Aufstehen. Erst als ich dann Fahrid in der Küche hörte, und es schließlich auch die Kätzchen schafften, die Tür zum Wohnzimmer aufzumachen und hindurch zu schlüpfen, stand ich auf und ging ins Bad. Fahrid war auf dem Sprung ins Krankenhaus, und ich hatte mir ein Café in der Stadt herausgesucht, in dem ich frühstücken wollte. Die Snap-Fahrt dorthin dauerte aber aufgrund irgendwelcher Straßensperrungen und/oder des morgendlichen Berufsverkehrs außerordentlich lange, sodass ich mit einer gehörigen Verspätung ankam, nur um dann festzustellen, dass es das Café gar nicht mehr gab. Stattdessen habe ich mir unterwegs was mitgenommen, bin ein bisschen herumgelaufen und habe mich um 13 Uhr mit Shirani zu meiner persönlichen Free Walking Tour am Kreisverkehr um dem Imam-Khomeini-Platz traf.

Unser erster Gang führte uns allerdings zur Post, denn ich hatte noch Postkarten aus Isfahan, die ich an meinem letzten Tag im Iran noch abschicken wollte. Außerdem hatte ich noch zwei Karten aus Jerusalem, die ich auch noch loswerden wollte. Auf Anraten von Shirani steckten wir diese allerdings in einen Briefumschlag, nicht dass sie von einem regimetreuen Postbeamten aussortiert werden würden. Anschließend ging die Tour los, und Shirani lotste mich durch Teheran (تھران). Einer Hauptstadt, in deren Stadtgebiet etwa 8,7 Mio. Menschen leben und die auf etwa 1100 Meter über dem Meer liegt. Direkt im Anschluss an den nördlichen Stadtrand erhebt sich das Elburs-Gebirge dahinter in nur 100 km Entfernung (Luftlinie) erstreckt sich das Kaspische Meer. Die Stadt liegt nicht nur in einem stark erdbebengefährdeten Gebiet (ähnlich wie in Los Angeles steht das nächste große Beben nicht mehr allzu lange bevor), sondern sackt in Teilen auch erheblich ab. Grund dafür sind die dichte Bebauung sowie ein Mangel an Grundwasser aus einer Überbeanspruchung der natürlichen Ressourcen – ein Problem, das alle Megastädte dieser Welt in den nächsten Jahren haben werden. Nachdem im Jahr 1789 ein Regent der der Zand-Dynastie seine Residenz hierher verlegt hatte, begann der Aufstieg Teherans. Und schließlich wurde hier 1979 die Islamische Republik Iran ausgerufen.

Teheraner Street art

Wir gingen am Café, in dem ich am Tag zuvor die Postkarten geschrieben hatte, vorbei und direkt in ein schön hergerichtetes, historisches Viertel, in dem neben dem Außenministerium auch die Teheraner Kunsthochschule untergebracht war. Shirani erzählte mir von den Anfängen der Stadt, dem Bau wichtiger Gebäude im Zentrum und gab mir einen kurzen Umriss in iranischer Geschichte. Durch das Sardar-e Bagh-e Melli-Tor (سردر باغ ملی), das Tor zum Nationalgarten, führte sie mich wieder hinaus in die Hektik der Stadt, und dann ging es durch eine ruhigere Seitenstraße zur Chaim-Synagoge (کنیسا حییم), einer der insgesamt 25 (aktiven) Synagogen. Obwohl sich Israel und der Iran spinnefeind sind, leben allein in der Stadt 18.000 Juden mehr oder weniger frei ihren Glauben, und sogar eine der renommiertesten jüdischen Schulen des gesamten Nahen Ostens außerhalb Israels steht in Teheran.

Teheran – Außenministerium
Teheran – Sardar-e Bagh-e Melli-Tor
Tehera – Sardar-e Bagh-e Melli-Tor (von außen)
Teheran – Chaim-Synagoge

Von den 96% Muslimen der Stadt einmal abgesehen, gibt es natürlich Christen, aber auch die Zoroastrier, also Anhänger jener Religion, die im gesamten persischen Raum bis zur islamischen Eroberung durch die Araber vorherrschte. Und ich gebe ich, ich hatte bis dahin keine Ahnung davon.

Der Zoroastrismus ist eine der ältesten monotheistischen Religionen, deren Wurzeln bis ins zweite vorchristliche Jahrtausend reichen und von einem Priester namens Zarathustra gestiftet wurde. Spätestens ab dem fünften Jahrhundert vor Christus wurde er quasi Staatsreligion im persischen Reich. Seit jeher gab es im Zoroastrismus das Ringen um Gut und Böse. Der gute Schöpfergott Ahura Mazda (اهورا مزدا) hatte von Anbeginn der Zeit einen Widersacher, den bösen Dämon Ahriman. Deren Kampf, also zwischen dem Herrn des Lichts und jenem der Finsternis, wird auf der Erde ausgetragen und wird so lange dauern, bis Ahura Mazda den Dämon in seinen Abgrund zurückgestoßen hat. Wem diese Geschichte jetzt irgendwie bekannt vorkommt, dem sei noch gesagt, dass dem Judentum bis zum Babylonischen Exil so etwas wie Himmel und Hölle unbekannt war. Erst nach der friedlichen Zusammenkunft beider Religionen und der Rückkehr der Juden nach Palästina entwickelte sich ein Dualismus von Gott und Teufel sowie dem Glauben an das Ende der Welt und dieser ist später nicht nur ins Judentum, sondern auch ins Christentum und den Islam eingegangen.

Auch ich besuchte mit Shirani einen zoroastrischen Feuertempel, konkret den Adrian Fire Temple (آتشكده آدريان). Allerdings konnten wir nicht in den eigentlichen Tempel hinein, weil dieser gerade geschlossen war. Dennoch standen wir im Hof vor dem Tempel, und sie erzählte mir davon, dass die Gläubigen in den Tempeln ein ständig brennendes Feuer hüten, das als Symbol der Gottheit und der vollkommenen Reinheit gilt. Feuer (Atar) wird dabei als jenes Medium betrachtet, durch das spirituelle Erkenntnis und Weisheit erlangt werden können. Andererseits wird auch dem Wasser (Apas) eine wichtige Stellung zugedacht, das seinerseits als Quelle der Weisheit gilt. Noch heute gibt es unter anderem in der Stadt Yazd, dem 620 km südöstlich von Teheran gelegenen Zentrum des iranischen Zoroastrismus, Feuertempel, deren Feuer laut Überlieferung niemals gelöscht worden sein sollen. Trotz monotheistischem Schöpfergott gibt es auch im Zoroastrismus mehrere Gottheiten und unsterbliche Heilige, die Ahura Mazda beim Kampf gegen Ahriman unterstützen. Für Außenstehende alles wohl ein bisschen verwirrend, aber erklär mir einer theologisch korrekt die Dreifaltigkeit des christlichen Gottes, vom Heiligenkult des Katholizismus ganz zu schweigen.

Teheran – Feuertempel

Nach dem Besuch der armenischen Marienkirche (کلیسای ارامنه مریم مقدس), schräg gegenüber des Feuertempels, haben wir uns in ein Café gesetzt und bei Kuchen und Cola geratscht. Wir erzählten uns voneinander, und sie vor allem davon, wie es im Iran so läuft, und dass so viele einfach nur raus wollen. Die Mullahs halten mehr schlecht als recht ein Land am Laufen, dessen Bevölkerung in seinen Freiheiten so sehr eingeschränkt wird, dass sie alles tut, selbst oder wenigstens ihren Kindern ein Leben im freien Ausland zu ermöglichen. Dabei will natürlich kaum einer in ein anderes muslimisches Land, sondern in den Westen. Denn spätestens seit den achtziger Jahren haben sich immer mehr Iraner vom Islam entfremdet. Es ist halt wie immer, wenn man gezwungen wird, etwas zu tun macht man es nicht gern oder fängt es gar an zu hassen. Dabei ist es egal, ob es sich um Religion oder Klavierspielen handelt. Das Erstaunliche aber war für mich anfangs, zu erfahren, dass das Teheraner Regime denjenigen Ärzten, Ingenieuren und weiteren Akademikern, die gehen wollen, keine großen Steine in den Weg legt. Auf den ersten Blick ist es tatsächlich verwunderlich, denn wie soll ein Land ohne solche Leute seine Bevölkerung medizinisch versorgen oder wissenschaftlich voranbringen. Aber den Mullahs ist es ganz recht, wenn diese Menschen emigrieren, denn genau diese wären es, die die nächste Revolution anzetteln könnten. Und dann könnte es den Mullahs an den Kragen gehen.

Teheran – Herrenhaus
Teheran – Armenische Kirche

Shirani und ich verabschiedeten uns schweren Herzens voneinander und ich machte mich im Snap-Taxi auf um zurück zu Fahrids Wohnung zu fahren. Er war gerade noch zuhause, aber machte sich schon wieder auf den Weg zu seinem Vater. Da nicht klar war, ob wir uns am nächsten Morgen nochmals sehen werden, habe ich mich bei ihm bedankt und er verschwand ins Krankenhaus. Unterdessen habe ich mir bei Couchsurfing ein Dinner-Date gesucht und wurde nach kurzer Zeit auch fündig. Zwei iranische Studentinnen und ein Ingenieur wollten sich mit mir treffen und haben mir ein Restaurant vorgeschlagen, zu dem ich mich dann kurze Zeit später aufgemacht habe. Unterwegs ich eine der beiden Mädels mit meinem Snap aufgelesen und wir sind zu unserem Treffpunkt. Die drei haben mir Empfehlungen für meine Bestellung gegeben und wir haben uns toll und teilweise kontrovers unterhalten. Die Studentinnen waren auf eine gewisse Art und Weise aufgeregt, denn die eine sollte in vier Wochen nach Colorado und die andere in sechs Monaten nach Toronto zum Studieren ziehen. Nun wäre das für unsereins natürlich auch ein großer Schritt, aber kommt man aus dem Iran, dann verhält es sich nochmal ein bisschen anders. Erschreckenderweise sei es nämlich so, dass keine der beiden wisse, wann und ob sie ihre Eltern jemals wieder sehen würden. Entweder dürften die Mädels nicht in den Iran, und ihre Eltern nicht nach Nordamerika. Es sind ganz andere Dimensionen als bei uns, wenn man sich zum Studium in ein anderes Land aufmacht.

Gleichzeitig hat sich gezeigt, dass iranische Männer, zumal solche, die auch beim verbotenen Couchsurfing angemeldet sind, trotzdem noch ziemlich abstruse Ansichten haben können. Als die Mädels nämlich aufs Heiraten und konkret aufs Sich-Scheiden-Lassen kamen, verteidigte der junge Iraner doch tatsächlich die gängige Gesetzeslage, die Männern mehr Rechte auf Ehescheidung einräumte als Frauen. Es sei vollkommen in Ordnung, wenn sich Frauen von ihren Männern nicht so leicht scheiden lassen können, da Frauen viel zu emotional und irrational dabei seien. Ich pflichtete den beiden Studentinnen bei, die ganz und gar anderer Meinung waren, aber der Couchsurfing-Revoluzzer ließ sich nicht so schnell von seinem Standpunkt abbringen. Der guten Stimmung tat der Disput aber zum Glück keinen Abbruch.

Teheran – Abendessen

Nach einem leckeren Abendessen haben mich die Mädels im Auto mitgenommen und zu Fahrids Wohnung gebracht, während unser vierte im Bunde mit der U-Bahn nach Hause fuhr. Ich habe meinen Rucksack für eine schnelle Abreise fertig gemacht und dann meinem Schlafsack auf Fahrids Bett gelegt, um im klimatisierten Schlafzimmer meines Gastgebers eine ruhige Nacht zu verbringen.

Mein Flug nach Doha am nächsten Tag ging zwar erst um 12.45 Uhr, aber ich machte mich schon relativ zeitig auf den Weg. Fahrid war noch nicht wieder aus dem Krankenhaus zurück, und so bestellte ich mir ein Snap, passte auf, dass die beiden Kätzchen nicht ins Treppenhaus gelangten, und zog die Tür hinter mir zu. Der Weg zum Flughafen führte uns durch die Stadt, und am Stadtrand an einer protzigen Moschee vorbei, die mir schon bei der Fahrt von Isfahan aufgefallen war. Die Moschee war der Schrein des Ajatollahs Ruhollah Chomeini, dem ersten Staatsoberhaupt nach der Islamischen Revolution. Weiter ging’s, vorbei an kleinen Mädchen und Jungs, die direkt am Straßenrand der dreispurigen Autobahn alleine Blumensträuße oder Plastikhaushaltswaren verkauften, auf die Zufahrtstraße zum Flughafen.

Als ich später, schon wieder zu Hause in Deutschland, verschiedenen Leuten von meiner Reise in den Iran erzählt habe, waren einige hellauf begeistert während andere ziemlich erschrocken waren. Mein Aufenthalt im Land der Mullahs und Ajatollahs war zwar nicht sonderlich lange, aber er war toll. Ich habe Menschen kennengelernt, die sich freuen, wenn Touristen in ihr gebeuteltes Land kommen. Ich habe Menschen kennengelernt, die einfach nur raus wollten, und solche, deren Traum von der Ausreise bald Wirklichkeit werden sollte. Und ich erinnerte mich an einen Satz auf dem Cover jenes Buches (Couchsurfing im Iran, ISBN 978-3492310833), das mich zur Reise in den Iran bewegt hatte. Der Autor Stephan Orth schreibt darin, die Iraner „seien Meister darin, den Mullahs ein Schnippchen zu schlagen“. Das Leben ist schwer und entbehrungsreich, aber die Leute machen das Beste draus. Das Land, aus dem nur negative Nachrichten kommen, ist voller lebenslustiger Leute, die versuchen sich nicht unterkriegen zu lassen. Der Iran ist jedenfalls eine Reise wert. Natürlich muss man sich in einigen Dingen ein bisschen einschränken, aber dafür überrascht das Land umso mehr. Die Landschaft ist schön, die Geschichte ist beindruckend, und die Menschen sind gastfreundlich. Fahrt hin, solange es noch so ist!

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