Grüner Lichtblick am Rockzipfel der roten Mutter

Grüner Lichtblick am Rockzipfel der roten Mutter

Es war schon spät an diesem Sonntagabend, als ich am Flughafen in Hongkong (香港, duftender Hafen) gelandet bin, mir den Expresszug geschnappt habe und zum Hauptbahnhof gefahren bin. Ich hatte mir ein Hotel in der Nähe des Hauptbahnhofs gebucht, und deshalb – und aufgrund der langen Warteschlange – auf ein Taxi verzichtet.

Um kurz vor zwölf in dieser Mainacht war es in der Stadt immer noch schwül – und leer. Außer den Taxis fuhren kaum noch Autos in dieser Sieben-Millionen-Metropole. Da diverse Fußgängerwege aus dem Bahnhof heraus in etwa drei Metern Höhe über den Fahrbahnen gebaut wurden, musste ich mich erstmal zurechtfinden, und schauen, wie und wo ich wieder auf das Straßenniveau hinunterkommen konnte. Als auch diese Hürde genommen war, kam die letzte in Form eines leichten Anstiegs und einer Treppe, die ich mit meinem 25-Kilo-Rucksack hinauf musste. Als ich im auf gefühlte 10°C heruntergekühlten Hotel angekommen bin, war ich komplett durchgeschwitzt – perfekt um mir eine Erkältung zu holen.

Für den nächsten Morgen hatte ich mir hier auf Hongkong Island eine Stadtführung gebucht. Eine Unorthodoxe wohlgemerkt, die der politischen Führung in Peking sicherlich nicht gefallen hätte. Wie gut, dass der Treffpunkt vor dem McDonald’s war, denn so konnte ich mir noch eine Kleinigkeit zum Frühstück holen, bevor uns Derek in seiner Heimatstadt herumführte. Er brachte uns an Orte, wo erst vor ein paar Jahren große Demonstrationen gegen immer größere Einflussnahme aus dem Mutterland stattgefunden haben. Er zeigte uns die Waterfront, den Sitz der Bank of China sowie die St. John’s Cathedral. Neben dem üblichen Stadtführungsgeplänkel hat er natürlich auch über die besondere Geschichte und die aktuelle politische Situation gesprochen – oder besser: geklagt.

Hongkong – Central Government Offices
Hongkong – Bank of China
Hongkong – Löwe, der sinnbildlich den Erdball unter seiner rechten Pfote regiert und schützt

Während des ersten Opiumkrieges 1841 wurde Hongkong vom Vereinigten Königreich besetzt und zwei Jahren später zur britischen Kronkolonie erklärt. 1997 erfolgte die Übergabe der Staatshoheit an die Volksrepublik und seitdem ist die Stadt eine chinesische Sonderverwaltungszone mit einer freien Marktwirtschaft und hoher innerer Autonomie. Laut Derek wird wohl viel darüber diskutiert, wie die Zukunft der Stadt aussehen soll. Einerseits könnte Hongkong komplett nach China eingegliedert werden, was dazu führen würde, dass sie den Sonderstatus verlieren und nur noch ein kleiner Teil eines riesigen Reiches sein würde. Denn vor zwanzig Jahren haben die Chinesen noch neidisch auf Hongkong geschaut, aber heute gibt es in China Städte, die wesentlich größer und ökonomisch mächtiger sind. Wer würde dann da noch was von denen aus Hongkong haben wollen?

Hongkong – Blick nach Kowloon

Andererseits wird auch über eine Unabhängigkeit nachgedacht. Aber wenn es dazu käme, dann würde China den Rest der Welt erpressen, keine diplomatischen und schon gar keine wirtschaftlichen Beziehungen mit Hongkong aufzunehmen.

Dazu kommt, dass das Leben in Hongkong sündhaft teuer ist. Die Mieten sind jenseits von Gut und Böse, und oft kriegt man für viel Geld nur eine Absteige. Und an eine Wohnung zu kommen, ist dann nochmal ein anderes Thema. Darüber hinaus gibt es in Hongkong noch sogenannte Cage People, Käfigmenschen im wahrsten Sinne des Wortes. Hunderttausende davon leben je mit mehreren Personen in einem Raum, der wiederum in abschließbare Käfige oder Holzboxen unterteilt ist. Eine solche, oft illegal betriebene „Wohneinheit“ ist gerade mal zwei Kubikmeter „groß“ und teilweise doppel- oder dreistöckig gestapelt. Ganz Familien hausen in solchen Löchern – ohne Privatsphäre, geschweige denn einer Klimaanlage.

Vielleicht ist es letztlich Jammern auf hohem Niveau, aber nach der Führung war ich froh, hier nicht leben zu müssen. Das Ende der Tour war an der St. John’s Cathedral und von dort bin ich noch mit zwei Studenten aus Deutschland (deren Namen ich mal wieder vergessen habe) Jiaozi (餃子) essen gegangen. Jiaozi sind sowas wie chinesische Maultaschen, die es mit allen möglichen Füllungen (Gemüse, Fleisch, Fisch, Meeresfrüchte) gibt. Die Dinger können richtig lecker sein, vorausgesetzt man bestellt sie mit dem richtigen Inhalt.

Für den Abend habe ich mir bei Couchsurfing jemanden für einen Drink im Sky100 gesucht. Das ist eine Bar, oben im 100. Stock im Ritz-Carlton mit einem beeindruckenden Ausblick auf die nächtliche Skyline von Hongkong Island. Zum Schluss bin ich dann mit Michael, einem Schweizer, dort gelandet, der mir ein Ohr abgekaut hat. Anstatt die Aussicht zu genießen, hat er mich zugelabert, mir von seinen tollen Geschäftsplänen erzählt, von den Ärgernissen mit den Behörden, und dass man hier ja so viel Kohle machen kann. Danach hätte ich Müdigkeit vortäuschen sollen, aber stattdessen hat er mich – zurück auf Hongkong Island – noch in eine Bar geschleppt. Als ich auch das ausgestanden hatte, bin ich schnell in mein Bett.

Hongkong – Blick von der Sky100-Bar

An meinem zweiten Tag in Hongkong bin ich zunächst einmal wieder rüber aufs Festland nach Mongkok (旺角) zum wohlbekannten Ladies Market. Was für eine Zeitverschwendung! Es gibt nur sinnlosen Krempel, den kein Mensch braucht, und sowas wie Flair kam zwischen pinken Ponys und den Plastikplanen nicht mal ansatzweise auf. Stattdessen habe ich mir dann im H&M eine dünne lange Hose und ein dünnes langärmliges Hemd für den Iran gekauft, bin zu einem kleinen Park gelatscht und mit der Fähre vom Star Ferry Pier hinüber nach Hongkong Island gefahren.

Hongkong – Kowloon Park
Hongkong – Blick nach Hongkong Island vom Star Ferry Pier aus

Ich war nicht fit. Die Klimaanlagen drinnen und die schwüle Hitze draußen machten mir zu schaffen. Schon allein am Vorbeilaufen an den bescheuerten Nobelboutiquen à la Prada und Louis Vuitton kam eine solche Kälte auf die Straße herausgeweht, dass es mich fröstelte.

Zurück am Hauptbahnhof habe ich mir einen Bus hinauf zum Peak Tower (凌霄閣) genommen um nun die Aussicht von der anderen Seite zu genießen. Da oben, in der Nähe des Viktoria Peak, wurde ein Gebäude hingestellt, das vollgestopft war mit Fressläden, Souvenirshops und Restaurants. Um den richtig schönen Ausblick zu bekommen, muss man natürlich bezahlen. Nach kurzer Abwägung habe ich mich dagegen entschieden und bin stattdessen auf eine Aussichtsplattform nebenan, von der man für umme fast genauso viel gesehen hat. Am Berg entlang gab es einen kleinen Spazierweg, den ich anschließend entlang gegangen bin, und nach einer knappen halben Stunde habe ich mich wieder auf den Rückweg gemacht.

Hongkong – Blick vom Peak Tower

Mit dem Bus ging’s dann wieder runter in die Stadt und zu Fuß zu einem hübschen taoistischen Tempel, der den Göttern der Literatur und der Kampfkunst geweiht war – dem Man Mo Tempel (文武廟). Es war ein alter Tempel, der den mit Bambusstangen eingerüsteten Hochhäusern drum herum trotzte und wahrhaftig ein Ort der Stille war – vorausgesetzt man erlitt keine Hustenattacke. Denn da die Sonne gerade schön hereinschien, wurde das ganze Ausmaß der Räucherstäbchen ersichtlich. Im Tempel herrschte ein Smog, der locker mit Peking oder Delhi an einem Nebeltag mithalten konnte. Hier drin wäre schon längst ein Diesel-Fahrverbot ausgesprochen worden.

Hongkong – Mit Bambus eingerüstetes Hochhaus neben dem Man Mo Tempel
Hongkong – Man Mo Tempel
Hongkong – Man Mo Tempel
Hongkong – Man Mo Tempel
Hongkong – Feinstaub im Man Mo Tempel

In einem amerikanisch angehauchten Coffeeshop habe ich mir nach der Tempelbesichtigung einen Brownie und eine heiße Schokolade gegönnt und bin dann Richtung Straßenbahnhaltestelle gegangen – vorbei an Läden, die mal wieder getrocknete Tierhäute, und komische Gewürze in ihren Auslagen hatten.

Die Straßenbahnen, die durch Hongkong rumpeln, erinnern irgendwie an London. Doppelstöckig sind die Dinger, und augenscheinlich auch aus einer Zeit, in der der Windsor-Liesl noch frisch gekröntes Oberhaupt der Kronkolonie war. In so einer Funken-Chaisse habe ich mich also auf den Rückweg zum Hotel gemacht und mich ein bisschen ausgeruht. Außerdem musste ich noch ein paar Postkarten schreiben, was aufgrund von Platzmangel in meinem 10-Quadratmeter-Zimmer nur in der Lobby vernünftig zu machen war. Währenddessen habe ich auf Couchsurfing nach Leuten fürs Abendessen gesucht.

Hongkong – Doppelstöckige Straßenbahn

Es war schon dunkel, als ich mich schließlich mit Parthi in der Tung Po Kitchen in North Point getroffen habe. Eigentlich wollte noch ein Mädel dazukommen, aber die ist letztlich nicht mehr aufgetaucht. Obwohl es sich bei dem Restaurant tatsächlich eher um eine riesige Garküche handelte, mussten wir warten – aber das, und die Tatsache, dass fast ausschließlich Einheimische drinnen saßen, sprach ja schon mal für die Lokalität. Parthi kam ursprünglich aus Indien, lebt jetzt aber in San Francisco, und war zurzeit für seine Software-Firma eine Woche in Hongkong. Wir haben uns super verstanden, über Indien gequatscht, und übers Essen. Natürlich will auch immer jeder meinen Reiseplan erfahren. Manche ausführlich, und manche nur ganz grob. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie oft ich ihn während meiner Weltreise erzählt habe – und noch erzählen sollte. Parthi wollte ihn jedenfalls zur Gänze ausgeführt bekommen. Nach dem Abendessen habe ich mich wieder in die U‑Bahn gesetzt und bin zurück zum Hotel gefahren.

Am nächsten Morgen war gerade noch Zeit für ein paar letzte Postkarten, bevor ich mich auf den Weg zum Flughafen gemacht habe. Diesmal schob mich mein Rucksack den Hügel hinunter, aber auch so stand mir der Schweiß auf der Stirn, als ich am Hauptbahnhof wieder in den Zug gestiegen bin.

Eine leckere Suppe gab es für mich zum Frühstück, Briefmarken gab es noch zu kaufen, und dann brachte mich Flug KA946 ins chinesische Mutterland nach Xi’an (西安) in die Provinz Shaanxi (陝西省). Für die Einreise nach China habe ich mein Visum dabei, wohingegen ich nach Hongkong einfach mit dem Reisepass hereingelassen worden bin – noch so etwas, das es nach einer möglichen Eingliederung ins große Reich der Mitte wahrscheinlich nicht mehr geben würde.

So langsam habe ich große Städte echt satt. Letztlich sind sie doch alle ähnlich, hektisch, teuer, von Wolkenkratzern durchzogen. Ich freue mich bald auf ein bisschen mehr Natur. Wohlgemerkt, Hongkong ist eine grüne Stadt, denn es sind nur etwa 25% der insgesamt 1104 km² Landfläche bebaut, aber zwischen Hochhäusern und U-Bahnstationen kommt dieses Grün nicht ganz so raus.

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