He Reiter, ho Reiter, he Reiter, immer weiter…

He Reiter, ho Reiter, he Reiter, immer weiter…

Aus den Lautsprecherboxen des Restaurantwagons dröhnte „Be my lover“ von La Bouche in voller Lautstärke, als ich mit ein paar meiner Abteilnachbarn an diesem Mittwochmorgen gegen neun zum Frühstück ging. An der Grenze war der chinesische Speisewagen durch einen mongolischen ersetzt worden, und auch die Preise waren nun um einiges höher als zuvor. Und während die Gleise in China in einem hervorragenden Zustand waren, so fuhr der Zug seit der Grenze mit viel mehr Gewackel und Geratter, und auch eher ein bisschen langsamer.

***

Ich hatte mich quasi schon bettfertig gemacht und mich hingelegt, weil ich einfach müde war. Glücklicherweise hatte ich ein Viererabteil ganz für mich alleine und so konnte ich mich schön ausbreiten. Nachdem wir die chinesische Grenze langsam fahrend verlassen hatten, hielt der Zug auf der mongolischen Seite, und irgendwann um halb zwei Uhr nachts kamen mongolische Grenzbeamte in unseren Wagon. Eine Frau sammelte unsere Pässe ein und ein Kerl drückte seinen Stempel auf das ausgefüllte Zollformular. Zwischendurch habe ich mich hingelegt; wenn sie was wollen, werden sie mich schon wecken. Es war weit nach zwei als ich meinen Pass mit einem mongolischen Stempel drin wieder zurückbekam, aber dann war’s Zeit. Ich habe die Tür zugezogen, das Licht ausgemacht und bin auf der Stelle eingeschlafen.

Irgendwann um sieben bin ich aufgewacht und habe durch das Fenster nach draußen gespitzelt. Es war taghell, wolkenlos, und es gab doch nichts zu sehen. Endlose, unberührte Weite der mongolischen Steppe. Karges und dürres Land in der einsamen Ebene, nur in der Ferne waren ein paar Erhebungen zu erkennen. Die Landschaft zog an uns vorbei und nur hier und da gab es ein paar Kamele, eine Kuhherde, Rehe, Schafe, Ziegen oder Wildpferde zu sehen. Die kleinen Siedlungen, durch die wir fuhren, bestanden meist nur aus wenigen Häusern, während es in unregelmäßigen Abständen auch mal eine einzelne Industrieanlage gab. In unserem klimatisierten Zug war es nicht möglich zu sagen, wie kalt oder warm es draußen war, nur, dass ein ordentlicher Wind blies. Es schien, als ginge dieser schon eine ganze Weile, denn bereits zwei Stunden hinter Peking konnte man es an den sich biegenden Bäumen sehen, dass es ordentlich zog.

Transmongolische Eisenbahn – Endlose Weiten…
Mongolei

Trotz anfänglichem Zögern habe ich mich dann später im Speisewagen doch als einziger aus unserer Vierergruppe für ein Frühstücksmenü entschieden, das erstens seinen Namen nicht verdient hatte, und zweitens sein Geld überhaupt nicht wert gewesen war. Aber stattdessen nochmal über sechs Stunden zu warten, bis wir in Ulan-Bator ankämen, dazu war ich nicht bereit. Ich sehe schon, dass ich mich für die Weiterfahrt nach Irkutsk im nächsten Zug besser mit Proviant werde eindecken müssen, denn ich hatte quasi nur Wasser mitgebracht, hoffend, dass es im Speisewagen auch einfach nur kleine Snacks oder was Süßes zu kaufen gibt.

Die letzten anderthalb Stunden vor Ulan-Bator wurde die Strecke kurvenreicher und wand sich um einige Hänge herum immer höher hinauf. Außerdem war die Landschaft auf einmal auch weniger karg und immer mehr spärliches Grün zog an den Fenstern vorbei.

Transmongolische Eisenbahn – Zug nach Ulan-Bator
Transmongolische Eisenbahn – Chonchor, kurz vor der Hauptstadt

Ziemlich genau 30 Stunden nach der Abfahrt in Peking fuhr unser Zug in der mongolischen Hauptstadt ein. Obwohl es natürlich eine sehr lange Zeit an Bord war, hatte das Zugfahren etwas Entschleunigendes. Die Stöße an den Gleiselementen waren in einem konstanten Abstand und so führte das Rattern zu einer beruhigenden Monotonie.

Meine katalanischen Nachbarn aus dem Abteil nebenan sind wie ich im selben Hostel abgestiegen und so brachte uns der Shuttle vom Bahnhof gemeinsam dorthin. In der Mongolei gibt es wie bei uns Rechtsverkehr, jedoch gibt es viele Importautos mit dem Lenkrad auf der rechten Seite. So auch das Auto, mit dem wir abgeholt wurden. Ich saß also auf der Fahrerseite, hatte jedoch kein Lenkrad vor mir. Aber nach fast fünf Monaten mit abwechselndem Links- und Rechtsverkehr war auch das nicht weiter schlimm.

Im Hostel hatte ich dann schon wieder Glück, denn obwohl ich ein Bett in einem Schlafsaal reserviert hatte, bekam ich ein Doppelzimmer ganz für mich allein. Oder es war einfach nur deshalb, weil ich für die 4-Tagestour, die ich ebenfalls übers Hostel gebucht hatte, ein kleines Vermögen bezahlt habe?

Als erstes musste ich mein online gebuchtes Zugticket für die Weiterreise nach Irkutsk in einem Büro abholen, das zum Glück nur 5 Minuten zu Fuß von meiner Unterkunft entfernt lag. Danach war ich einkaufen, und zurück im Hotel habe ich mich bei Couchsurfing für ein Hangout verfügbar gemacht. Schon nach fünf Minuten konnte ich mich Julian, den ich gestern bereits im Zug kennengelernt hatte, und Isabelle aus Kanada anschließen. Wir haben zusammen mongolisch zu Abend gegessen und uns von unseren Reisen erzählt. Isabelle kommt aus Montréal und ist für einen Monat in Ulan-Bator, arbeitet als Volontärin und lebt in einer Familie, bei der dreimal täglich fad schmeckendes Lamm auf dem Speiseplan steht. Julian aus Stuttgart hat ein Jahr Auszeit genommen und will so ökologisch wie möglich um die Welt reisen. Der einzige Flug, den er genommen hatte, war von Frankfurt nach Mumbai, und seitdem war er nur zu Lande oder zu Wasser unterwegs. So hatte er es über Südostasien und China bis in die Mongolei geschafft und fährt von hier mit dem Zug bis nach Deutschland zurück. Im Juni muss er wieder zuhause sein, aber anschließend will er umweltverträglich nach Südamerika.

Ulan-Bator – Abendessen
Ulan-Bator – Abendessen
Ulan-Bator – Abendessen
Ulan-Bator – Dschingis Khan vorm Parlament

Wir haben noch kurz am mongolischen Parlament vorbei geschaut und sind anschließend zu einem Couchsurfing-Treffen in einer nahegelegenen Bar. Dort wiederum haben wir Lotte aus Flandern getroffen, die seit Belgien nur per Anhalter über den Balkan, den Nahen Osten, Pakistan, Indien und Südostasien unterwegs und nun in der Mongolei gestrandet ist, weil sie weder für Russland noch für China ein Visum hat. Aber irgendwie wird sie auch das hinkriegen. Die Welt ist voll von erstaunlichen, mutigen und verrückten Menschen. Und dann frage ich mich, warum wir uns in irgendwelchen langweiligen Büros die Ärsche platt sitzen, und nicht wenigstens manchmal ein bisschen verrückt sind und uns die Welt anschauen. Die Welt, wie sie wirklich ist.
Ich weiß, es gibt genug Gründe, sich etwas einigermaßen Sicheres aufzubauen, aber manchmal…

***

Der Van will nicht anspringen. Nach dem zweiten Versuch, wird ein Gang eingelegt, die Kupplung getreten und es geht die leicht abschüssige Abfahrt hinunter. Und schon schnurrt die Karre wie ein Kätzchen. Es gibt immer eine Lösung.

Ich hatte eigentlich eine Gruppentour gebucht, aber der andere Teilnehmer wollte eine private Tour. Dadurch habe auch ich eine Privattour gekriegt und bin nun mit einem Fahrer namens Javkhlantugs und einer jungen Frau namens Udaka, die als Köchin und Reiseführerin fungierte, unterwegs hinaus aufs Land. Vier Tage und drei Nächte werden wir ein Stück dieses riesigen Landes zu entdecken versuchen. Zuerst einmal stehen wir aber im morgendlichen Verkehrsstau in Ulan-Bator. Nachdem wir den hinter uns gelassen hatten, wurde noch Proviant eingekauft (abschüssiger Parkplatz, denn sonst müssen wir noch anschieben), und dann sind wir aus der Stadt.

Ulan-Bator (Улаанбаатар) ist mit 1,4 Millionen Einwohnern die Hauptstadt der Mongolei und gleichzeitig die Stadt, in der 40% der Bevölkerung leben. Insgesamt gibt es gut drei Millionen Mongolen, die in einem Land leben, das knapp viermal so groß ist wie Deutschland. Lange nachdem Dschingis Khans Mongolenreich untergegangen war, setzte die Sowjetunion 1921 eine Marionettenregierung in der Mongolei ein, die völlig von den Russen abhängig war und 1924 eine kommunistische Volksrepublik ausrief. 1989 kam es in der Mongolei zu einer Revolution, die den friedlichen Übergang hin zu einer parlamentarischen Demokratie ermöglichte. Im Februar 1992 wurde eine neue Verfassung verabschiedet und damit der Kommunismus endgültig begraben.

Es dauerte nicht lange und es war wieder die unendliche Weite zu sehen. Die Teerstraße war eher von schlechter Beschaffenheit; es hoppelte und schaukelte ganz nett. Erst heute Früh hatte mir Davka aus dem Hostel noch die Route unseres Ausflugs erläutert, aber letztlich ist das alles eine ziemliche Überraschungsfahrt. Nach etwa zwei Stunden sind wir von der Straße auf einen Feldweg abgefahren, und nach ein paar hundert Metern vom Feldweg in die Steppe. Nur kurz darauf wurde der Van auf einer Kuppe, die Schnauze nach unten, abgestellt, und auf meinen fragenden Blick hin bekam ich die Antwort: „Lunch!“
Ähm, OK.

Die Heckklappe wurde aufgemacht, und die beiden haben angefangen, Campingkocher und Stühle in Position zu bringen. Dann wurde geschnippelt und zu kochen begonnen. 20 Minuten später stand eine leckere Nudelpfanne mit Fleisch und Gemüse auf dem Tisch.

Die Gespräche beim Mittagessen verliefen eher schleppend, während die Sonne vom wolkenlosen Himmel schien. Die beiden konnten nur schlecht Englisch und obwohl ich langsam, in kurzen Sätzen und mit einfachen Worten gesprochen habe, musste immer mal wieder der Google Übersetzer herhalten.

Es ging weiter Richtung Westen. Kilometer um Kilometer zog die mongolische Steppe an uns vorbei, und gegen vier bogen wir wieder von der Straße auf einen Feldweg oder besser auf eine Sandpiste ab. Einige Zeit später hielten wir an einer Ansammlung von Jurten, in der Ferne grasten Ziegen und Schafe, Kühe säugten ihre Kälber und ein traurig dreinschauender Gaul stand angebunden an einem Pfahl.

Mongolei – Nomaden und ihre Viecher
Mongolei – Nomaden und ihre Viecher

Ein alter Mann kam aus einer der Jurten (auf Mongolisch heißen die typischen Behausungen Ger [Гэр], was in etwa ‚Haus‘ bedeutet) und wies uns aus einem fast zahnlosen Mund freundlich lächelnd den Weg in sein Haus. Drinnen empfing uns seine Frau und brachte uns Milchtee, der aber eigentlich nur nach Milch geschmeckt hatte.

Mongolei – Jurtenhausherrin beim Kochen

Eine Jurte ist ein kreisrundes Zelt, dessen Tür immer nach Süden zeigt, denn aus dem Norden kommt der kalte sibirische Wind herunter. Die linke Seite der Jurte ist traditionell die Seite der Männer, wo der Herr des Hauses seine Bettstatt hat. Rechts ist die Seite der Frauen, hier befinden sich das Bett der Frau und die Küchenutensilien. Die Kinder haben meist auch ein eigenes Bett und schlafen auf der einen oder der anderen Seite. In der Mitte ist Platz für den Ofen/Herd und den Tisch für die Mahlzeiten und die Gäste. Der Tür gegenüber sind ein kleiner Schrein und neuerdings auch der Fernseher untergebracht. In der Mitte des Zeltdachs ist ein ebenfalls kreisrunder, hölzerner Ring, der zur Hälfte abgedeckt ist, während die andere Hälfte entweder offen oder mit einer transparenten Plastikplane bedeckt ist, damit Licht herein kommt. Der Schornstein wird mit einem Eisenring in Position gehalten und ein kleiner Spalt zwischen Rohr und Plane verhindert, dass das Plastik nicht wegschmort. Ein Sommerofen besteht nur aus einem zusammengeschweißten Blechgestell mit direktem Kaminrohr, aber bei einem Winterofen sind noch allerhand Steine um den Ofen angebracht und auch die Ablufthitze wird in Steinen gespeichert. Befeuert wird so ein Ofen aus Ermangelung an Bäumen und Holz traditionell mit getrockneten Kuhfladen, Pferdeäpfeln und Kamelkacke. Das macht warm! Strom aus Photovoltaikzellen wird tagsüber in einer Autobatterie gespeichert, während nachts damit der Fernseher und das Licht (LED-Sparlampen!) versorgt werden.

Mongolei – Jurte von innen
Mongolei – Jurte von innen
Mongolei – Jurte von innen, Kamin und Kamelkacke
Mongolei
Mongolei

Meine beiden Reiseführer unterhielten sich mit den alten Leuten und ihrem Sohn in einer Sprache, die zwar in kyrillischen Buchstaben geschrieben wird, jedoch mit dem Russischen überhaupt nix zu tun hat. Das Mongolische benutzt alle Buchstaben, die auch die Russische Sprache verwendet, aber hat darüber hinaus noch zwei eigene hervorgebracht (Ѳ und Ү). Vor dem 20. Jahrhundert war die Sprache zwar dieselbe, aber man hatte sie in einem anderen Schriftsystem von oben nach unten geschrieben. Heute kann kaum noch einer in der alten Schrift schreiben, lediglich auf den Geldscheinen ist sie noch tagtäglich zu sehen. Um die Zusammenarbeit mit der damaligen Sowjetunion zu erleichtern, wurde 1941 das kyrillische Alphabet eingeführt.

Die Mongolen sind freundliche Leute und haben mich regelrecht dazu gezwungen, mich auf einem ihrer Schlafplätze auszuruhen. Nach etwa einer Stunde war schließlich Zeit für unseren Kamelritt. Udaka und ich wurden auf zwei Kamele geladen und der alte Mann führte uns, mit besagtem Gaul voranreitend, durch die Steppe. 80 Jahre sei der Kerl alt, hat mir Udaka erzählt, und als er erfahren hatte, dass ich ledig bin, hat er mir aufgetragen zu heiraten, sobald ich wieder zuhause sei. Das war wie ein Déjà-Vu, denn das gleiche hatte mir ein wildfremder Kerl, den ich in Indien zufällig beim Spaziergehen auf der Straße kennengelernt habe, schon vor drei Jahren vorgeschlagen. Hm, an mir soll’s nicht liegen.

Mongolei – Gäule
Mongolei – Dominik und Kamel
Mongolei – Dominik aufm Kamel
Mongolei – Schrein im Nirgendwo
Mongolei – Nomaden, Viecher, Steine, Steppe
Mongolei

Nach unserem Reitausflug gab es Abendessen, eine Art Eintopf aus Lammfleisch, Kartoffeln, Karotten und Reis, den die alte Frau auf ihrem Holzofen für uns zubereitet hatte. In der Zwischenzeit waren aber auch noch weitere Gäste von Ausflügen zurückgekommen und haben zusammen mit uns gegessen. Die einen waren eine Gruppe von fünf Mädels aus Frankreich, Taiwan und Südkorea, die gerade in der Nähe von Ulan-Bator zwei Wochen lang mit Hacken und Spaten Kartoffeln pflanzten. Freiwillig, wohlgemerkt. Dann gab es noch zwei Urlauberinnen aus der Nähe von Washington D.C. und zwei Familien aus dem kanadischen Saskatchewan.

Mongolei – Abendessen in der Steppe

Am Lagerfeuer habe ich mich mit den Kanadiern unterhalten, und über Nacht war ich zusammen mit den Kartoffellegerinnen in einer Jurte untergebracht. Der Ofen warf eine angenehme Wärme her, aber schon in der Nacht war sie einer Kälte gewichen, die eine weitere Decke über meinem Schlafsack notwendig machte.

Ein kräftiger, kalter Wind weckte uns am nächsten Morgen und machte den Gang nach draußen ziemlich unangenehm. Das Gute war allerdings, dass unser spartanisches Frühstück in der Jurte serviert wurde, und erst zum Zähneputzen und Pinkeln musste ich in die Kälte hinaus. Wie schon am Abend zuvor gab es Katzenwäsche, das Wasser kam aus der Flasche und die Zähne wurden im Freien geputzt, ausspucken auf den Boden, ausspülen, fertig. Und das Klo bestand aus einem Häuschen, zwei Brettern, über einem Loch, dazwischen ein Spalt, fertig. Nur das Herzchen auf der Tür hat gefehlt.

Es ging weiter für unser Trio. Da die Wüste Gobi für eine Viertagestour zu weit entfernt war, mussten wir uns mit der Semi-Version zufrieden geben. Die gab es nach etwa einer Stunde Fahrt in westlicher Richtung. Die Sanddünen zeichneten sich schon von der Ferne ab, selbst wenn sie bei weitem nicht so hoch waren wie jene in Walvis Bay in Namibia. Der Wind blies uns den Sand ins Gesicht, aber es war trotzdem erstaunlich zu sehen, dass auch hier Menschen und Vieh seit Urzeiten lebten.

Mongolei – Semi-Sandwüste
Mongolei

Eine Weile führte die Straße auf Asphalt, doch dann sind wir wieder auf einen Feldweg abgebogen, der uns noch weiter ins Hinterland führte. Das Mittagessen bestand diesmal aus einer Nudelsuppe und wurde im Auto verspeist, weil es draußen viel zu kalt und windig war.

Mongolei
Mongolei
Mongolei
Mongolei
Mongolei
Mongolei
Mongolei

Als wir gegen vier an unserem nächsten Halt ankamen, hatte sich der Himmel in der Zwischenzeit ein bisschen aufgeklart und auch der Wind war nicht mehr so stark. Horse Riding stand heute auf dem Programm, aber die Pferde waren noch nicht da, weshalb wir hinüber zum Fluss gewandert sind. Eigentlich hätten wir auch noch einen schönen Wasserfall sehen können, aber da es in der Gegend schon seit Langem nicht mehr geregnet hatte, war der Wasserfall furztrocken. Was wir trotz alledem hatten, war ein tolles Panorama in die Schlucht des Flusses und eine ganz entspannte und relaxte Zeit in der Natur.

Mongolei – Ausgetrockneter Wasserfall
Mongolei
Mongolei
Mongolei – Ziegen und Schafe am Wasserfall
Mongolei – Ziegen und Schafe am Wasserfall

Da der Mongolen-Cowboy seine Gäule in den Weiten der Steppe angeblich immer noch nicht gefunden hatte, kochte Udaka eine Nudelpfanne während ich gedöst habe. Javkhlantugs hatte unterdessen den Ofen angeworfen, und das Ganze hat mich an meine Patentante erinnert, in deren Stube es im Winter mindestens 30°C hat: es war eine Affenhitze in der Jurte.

Die Nudelpfanne war lecker, was man von dem Gericht, das wir in der Jurte nebenan auch noch bekommen haben, nicht unbedingt behaupten konnte. Es war etwas Typisches aus der Küche der Nomaden: Reis und eine Art Tortellini, mit Kräutern gekocht in einer Brühe aus Milch. Der Freundlichkeit halber habe ich die zum Glück kleine Schale aber komplett leer gegessen.

Dann endlich waren die Pferde da. Sie wurden gesäumt, und es ging los. Das erste Mal auf einem Pferd. Das kann ja was werden! Der Mongole ritt voraus und trug dabei seine typische Kleidung. Er steckte zwar in Hemd und Jeans, aber dazu hatte er hohe Lederstiefel und einen weiten Mantel gegen die Kälte. Sein Gesicht war schon fast dunkel, wettergegerbt von Jahren harter Arbeit bei sommerlicher Sonne und winterlicher Kälte; dennoch glaube ich, dass er jünger war als ich. Er hatte mein Pferd am Zügel und so ritten wir der hinter den Bergen untergehenden Abendsonne entgegen. Fast schon romantisch. Mein Gaul war ein bisschen störrisch, denn manchmal blieb er unvermittelt stehen und musste mit einem beherzten ‚Tschuu!‘ angetrieben werden. Wahrscheinlich hätte er jetzt auch lieber Feierabend gemacht, anstatt mit so einem blöden Touristen auf dem Buckel durch die Gegend zu latschen. Aber da musste er jetzt durch. Genau wie ich, den es mich zum Schluss hin ganz schön gefroren hatte. ♪♫He Reiter, immer weiter…! ♫♬

Mongolei – Dominik aufm Gaul

Für die Nacht wurde wieder der Ofen angeschürt, und dabei kam mir irgendwie der Gedanke, dass es schon ziemlich blöd wäre, in einer mongolischen Jurte an einer Kohlenmonoxidvergiftung drauf zu gehen. Die Sorge war allerdings unberechtigt, denn so schnell es warm wurde, fast so schnell war der Ofen aus und es wurde wieder kalt. Eine warme Decke hat mich daher vor dem Erfrierungstod bewahrt. Ein solcher Tod wäre ja auch genauso blöd gewesen wie eine Gasvergiftung.

Am nächsten Tag sind wir nach dem Frühstück und einer erneuten Katzenwäsche (der Abort hatte hier noch nicht mal eine Tür, sondern nur einen Sichtschutz; allerdings war er auch mindestens 150 Meter von der nächsten Jurte entfernt) denselben Weg zurück gefahren. In der Nähe des Städtchen Chuschirt (Хужирт) gab es Mittagessen (süßen Reis und koreanisches Sushi) und um kurz nach vier waren wir in der ehemaligen Hauptstadt des Mongolischen Reiches.

Mongolei – Nomadenkinder
Mongolei
Mongolei

So manche Schlagerparty bei uns wäre wohl um ein gutes Stück ärmer, hätte es diesen Mann nicht gegeben. Andererseits hatte er tatsächlich ‚Angst und Schrecken in jedes Land‘ gebracht: Dschingis Khan (Чингис Хаан).
Im Jahr 1190 gelang ihm die dauerhafte Vereinigung der bis dahin frei umherziehenden Nomaden-Clans in der mongolischen Steppe und bis 1204 die Unterwerfung anderer Steppenvölker. Etwa 320 Kilometer westlich vom heutigen Ulan-Bator gründete Dschingis Khan wohl im Jahr 1220 seine Hauptstadt Charchorum (Хархорум). Die Stadt war von einer Stadtmauer umgeben und beherbergte Menschen aus allen Teilen des Reiches. Es herrschte Religionsfreiheit, die Einwohner lebten friedlich miteinander, und es gab Moscheen, buddhistische Tempel und eine christliche Kirche. Dschingis Khan war der erste Großkhan, er führte eine einheitliche Schrift und ein Rechtssystem ein, das das Zusammenleben der Mongolen regelte, und baute sein Post- und Kommunikationswesen aus. Nach seinem Tod führten seine Söhne das Reich weiter und drangen in weite Teile Asiens und Europas vor. Sie brandschatzen, plünderten, versklavten und zerstörten Städte. Die (natürlich nicht nur) europäischen Herrscher zitterten vor den Mongolen. Sie trieben ihr Unwesen bis in Russland, der Ukraine, auf dem Balkan, Polen, Ungarn, Tschechien, und standen 1241 vor der Toren Wiens. Nur durch eine glückliche Fügung, nämlich weil der Großkhan Ögödei (Dschingis Khans Sohn) verstorben war, blies der Mongolengeneral Batu zum Rückzug und verschonte die Donaumetropole. Dschingis Khan gilt bis heute als einer der größten Massenmörder der Menschheitsgeschichte, obgleich er den Bewohnern seines Reiches für relativ lange Zeit Sicherheit und Frieden brachte. Heute gibt es gut 50 Kilometer von Ulan-Bator entfernt ein Reiterstandbild von Dschingis Khan, das als das größte der Welt gilt. Das Mongolische Reich war in seiner Blütezeit das größte zusammenhängende Herrschaftsgebiet der Weltgeschichte. Von Charchorum ist nicht mehr viel übrig geblieben. Stattdessen wurden die Überreste der Stadt als Steinbruch für das Kloster Erdene Zuu (Эрдэнэ Зуу) verwendet, dessen Bau ab 1586 den Beginn des mongolischen Buddhismus begründete. Aufgrund kommunistischer Repressalien in den 1930er Jahren sind von den 62 Tempeln nur noch ein paar übrig.

Wir kamen also an einem Museum an, das von außen verlassen und sehr in die Jahre gekommen aussah. Unkraut sprießte zwischen den Pflastersteinen und Putz bröckelte von der Wand. Im Innern allerdings war eine überraschend gute Ausstellung zu sehen, und ich hatte sogar eine eigene Führerin, die mich durch das Museum führte. Einen Kilometer weiter war das besagte Kloster, und auch hier hatte ich einen Führer, der wesentlich besser Englisch konnte als meine beiden Begleiter und der mich durch fünf der verbliebenen Tempel begleitete.

Erdene Zuu – Eingangstor
Erdene Zuu
Erdene Zuu
Erdene Zuu
Erdene Zuu
Erdene Zuu
Erdene Zuu
Erdene Zuu
Erdene Zuu
Erdene Zuu
Erdene Zuu

Nicht weit davon war das Gästehaus für die heutige Nacht. Udaka hatte in der Küche etwas für uns gekocht, und bevor ich mich ins Bett verzog, gab es im Essensraum für einen Neuseeländer und mich eine Privatvorführung zweier Mongolen. Sie spielten eine Art Gitarre, Cello und Zitter und sangen dazu mongolische Weisen. Einer der beiden beherrschte den typischen Kehlgesang, und ich muss sagen, dass das tatsächlich sehr gewöhnungsbedürftig war, wenngleich es eine hohe Kunst ist und jahrelanges Training erfordert.

Mongolei – Kehlgesang

Mongolei – (Kehl-)Gesang

Charchorin – Live-Konzert in der Unterkunft

Obwohl es hier wieder ein richtige Klos und sogar eine Dusche gab, habe ich auch den dritten Tag in Folge auf die Dusche verzichtet (im Bad war es eiskalt) und mich stattdessen in meiner beheizten Jurte in meinen Schlafsack eingepackt.

Nach dem Frühstück am nächsten Morgen gab es einen kurzen Abstecher am sogenannten Penis-Stein. Es kann ja nur ein Kerl gewesen sein, der auf so eine abstruse Idee gekommen war, hier einen Pimmel in die Landschaft zu setzen. Und es ist doch sehr zu bezweifeln, dass er den eigentlichen Zweck erfüllt hat, Mönche vom Verführen von Frauen abzuhalten. Dann ging es den ganzen Weg zurück nach Ulan-Bator.

Pimmeldenkmal
Mongolei
Mongolei

Abends habe ich mir einen Cosmopolitan im Blue Sky Tower gegönnt und bin dann mit Puujee von Couchsurfing mongolisch essen gegangen.

Ulan-Bator – Cosmo in der Hotelbar
Ulan-Bator

An meinem letzten Tag in der Mongolei, einem Tag mit viel Sonne und endlich keinem Wind mehr, habe ich mir noch einen buddhistischen Tempel mit einem haushohen, stehenden Buddha angeschaut und um halb vier nachmittags ging der Zug 305И nach Sibirien. Es waren ganz neue Wagons der Russischen Eisenbahn РЖД, und da in meinem Wagen kaum was los war, durfte ich in ein leeres Abteil (sogar mit Fernseher!) umziehen. Das katalanische Pärchen war auch wieder mit an Bord und wie wir schon auf dem Bahnsteig festgestellt hatten, sind wir auch in Irkutsk wieder im selben Hostel.

Ulan-Bator – Parlament
Ulan-Bator – Blue Sky Tower
Ulan-Bator – Gandan-Kloster

Die Mongolei ist ein extremes Land. Es ist kalt im Winter und kann im Sommer sehr heiß werden. Kleinere Sandstürme habe ich übers Land ziehen sehen. Selbst die asphaltierten Straßen sind teilweise in schlechtem Zustand und alle anderen Straßen sind Feldwege und Sandpisten. Dann gibt es nämlich nicht nur eine Fahrspur, sondern viele nebeneinander und kreuz und quer. Der Viehbestand der Mongolei übersteigt die Zahl der Einwohner um ein 20-faches. Ab und zu sieht man ein verendetes Tier, an dem sich die Adler, Falken und Wölfe satt gefressen haben. Auch hier liegt relativ viel Plastikmüll in der Gegend herum, allerdings auch viele Glasscherben weggeworfener Wodkaflaschen. Der Wind tut das Seinige dazu, auch jede noch so kleine Plastikfolie im ganzen Land zu verbreiten.

Mongolei
Mongolei
Mongolei
Mongolei

Der von zwei Diesellokomotiven gezogene Expresszug fuhr Richtung Norden, und bereits anderthalb Stunden nach Ulan-Bator hatte sich die Landschaft verändert. Es sah schon fast ein bisschen nach Tundra aus. Das Gras war viel üppiger und grüner. Es gab keine Steppe mehr, sondern Bäume und Büsche.

Ulan-Bator -Zug nach Irkutsk
Ulan-Bator -Zug nach Irkutsk
Mongolei – Kinder an der Zugstrecke

1.113 Kilometer sind es nach Irkutsk, wo ich endlich wieder ganze Sätze in der Landessprache werde bilden können. Auf geht’s nach Russland.
♪♫ He Lokführer, ho Lokführer, he Lokführer, immer weiter… ♫♬

Ein Gedanke zu „He Reiter, ho Reiter, he Reiter, immer weiter…

  1. …mit Dschingis Khan im Kopf und einer kräfrigen Taigatrommel vorne dran, nach Sibirien fahrend… Was muss das für ein irres Gefühl sein…?

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