Hin- und hergerissen

Hin- und hergerissen

1.216 Kilometer weiter und viereinhalb Stunden später bin ich am neuen Westbahnhof der chinesischen Hauptstadt Peking (北京) angekommen. Auf dem Weg zu meinen Hostel mit der Metro musste ich ein paar Mal umsteigen, und als ich es schließlich gefunden hatte, war ich komplett durchgeschwitzt.

China ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Land, in dem die Staatsmacht alles und jeden kontrolliert (aber wer kontrolliert den Staat??). Facebook, Google und WhatsApp sind ohnehin gesperrt. Der staatseigene Messagerdienst heißt hier WeChat, und da man damit (und das machen die Chinesen gern und oft) ganz leicht alles Mögliche bezahlen kann, weiß der Staat auch gleich, was man wofür ausgegeben hat (Bankgeheimnis ade!). Fährt man mit der Bahn, wird von jedem das Gepäck kontrolliert. Gleiches Spiel bei der U-Bahn. Dabei stehen pro Röntgengerät und Metalldetektor mindestens drei oder vier mehr oder weniger motivierte Leute herum und kontrollieren die Passagiere (Haarspray darf man nicht dabei haben, das ist verboten!). Am eigentlich unbedeutenden U‑Bahnhof Beigongmen (am Sommerpalast, 11 Kilometer vom Zentrum entfernt) waren an der Sicherheitskontrolle des Bahnhofseingangs sage und schreibe 14 (vierzehn) Sicherheitsleute herumgestanden. Dazu hängen überall Kameras. Und wie schon in Hongkong, aber hier noch viel extremer, sind in Peking die Straßen durch Zäune vom Fußgängerbereich getrennt. Man kann nicht einfach so an einer Ampel über die Straße gehen. Es ist teilweise richtig verwirrend, denn man muss erst mal seinen Weg durch Unterführungen und U-Bahnhöfe hindurch suchen, um auf die andere Straßenseite zu kommen.

Peking – Zheng Yang Men Jiang Lou-Tor

Das Wort ‚China‘ ist ein westlicher Neologismus, den es als solchen in keiner chinesischen Sprache gibt. Bereits seit dem ersten Jahrtausend v. Chr. ist der Begriff Zhōng Guó (中国) in Gebrauch: Reich der Mitte. Festlandchina ist etwa so groß wie Europa bis zum Ural und hat mit 22.133 Kilometern Gesamtlänge die längste Landesgrenze aller Staaten der Erde.

Für den ersten Abend in der Hauptstadt habe ich mich mit Lorin von Couchsurfing verabredet. Für eine Chinesin ist sie schon einiges auf der Welt herumgekommen, hat schon in Amsterdam gelebt und plant für nächstes Jahr eine Weile nach Spanien zu gehen. Wir haben uns gut verstanden und waren zum Schluss noch in einem leckeren Veggie-Restaurant beim Essen. Es war ein Samstagabend, und um neun mussten wir zahlen. Um halb zehn wurde im bereits aufgeräumten Restaurant demonstrativ das Licht um uns herum ausgeschaltet und als eine Viertelstunde später ein Mitarbeiter aus zusammengestellten Stühlen sein Bett aufgebaut hatte, haben wir uns verabschiedet und sind abgezogen. Ich kam grade noch so zurück ins Hostel, denn ab etwa zwölf Uhr nachts wird in dieser 21,5-Millionnen-Einwohner-Metropole für gut fünf Stunden doch tatsächlich der U-Bahnverkehr eingestellt.

Es war viel los in der Stadt an diesem Sonntag. Tausende Leute drängten sich auf den Platz des Himmlischen Friedens, den Tiananmen-Platz (天安门广场). Jener Platz, der im Sommer 1989 durch die blutige Niederschlagung der Studentenproteste traurige Berühmtheit erlangt hatte; eine geschichtliche Tatsache, die zwar in Hongkong laut ausgesprochen werden darf, aber in Festland-China ein absolutes Tabu ist. Von Süden her stehen zwei prunkvolle ehemalige Stadttore, gefolgt vom Mausoleum des Großen Vorsitzenden Mao Tse-tung (in das sie mich nicht gelassen hatten, weil ich eine normale Kamera dabei hatte!). Nördlich davon steht das Denkmal für die Volkshelden, um das herum vier Soldaten auf kleinen Podesten Wache stehen. Die Jungs hatten über ihrer Uniform einen schützenden Regenparka mit Kapuze, und dazu einen fünften Soldaten-Hiwi, der ihnen die Kapuze wieder vom Haupt nahm und die Mütze zurecht rückte, nachdem der Regen aufgehört hatte. Das Denkmal wird im Westen von der Großen Halle des Vokes und im Osten vom Nationalmuseum flankiert wird.

Peking – Zheng Yang Men Tor am südlichen Ende des Platzes des himmlischen Friedens
Peking – Gedenkhalle für den Vorsitzenden Mao
Peking – Große Halle des Volkes

Dann kommt der eigentliche Platz des Himmlischen Friedens, die Chang’an Allee (auf der noch heute die typischen Paraden abgenommen werden) und schließlich Tian’anmen selbst. Auf dem Balkon dieses Gebäudes hatte der große Vorsitzende Mao am 1. Oktober 1949 die Volksrepublik China ausgerufen. Dahinter folgt die Verbotene Stadt. Diese war über Jahrhunderte hinweg ausschließlich den Angehörigen des Kaiserhofs vorenthalten und diente 24 Kaisern der Ming- und Qing-Dynastien als Residenz. Erst nach der erzwungenen Abdankung des Kaisers 1911 wurden nach und nach Teile davon öffentlich. Schließlich haben die Kommunisten 1949 die komplette Verbotene Stadt für die Öffentlichkeit freigegeben. Heute werden für einen Eintritt von 60 Yuan Tausende Touristen durchgeschleust. Die Verbotene Stadt beherbergt diverse Plätze, Audienzhallen, Wohngebäude der kaiserlichen Familie und Nebenpaläste, die es zu besichtigen gibt.

Peking – Tian’anmen
Peking – Verbotene Stadt
Peking – Verbotene Stadt
Peking – Verbotene Stadt
Peking – Verbotene Stadt

Der Ausgang aus der Verbotenen Stadt ist weiter im Norden und hier schließt direkt der Jingshan‑Park an, mit einer hübschen Pagode auf einem Hügel, von dem man einen Rundumblick auf Peking hat. Dort oben auf der Brüstung sitzend wäre ich fast eingeschlafen, denn ich war müde und die Beine taten mir weh. Aber es half ja nix, also bin ich wieder hinunter, habe eine Runde um die Qiongdoa-Insel gedreht und habe mich auf den Weg zum Sommerpalast (頤和園) gemacht.

Peking – Jingshan Park
Peking – Jingshan Park
Peking – Qiongdao-Insel

Kaiser zu sein, hat schon was für sich. Man kann sich Paläste bauen und Parks anlegen lassen wie man will. So wie Kaiser Qiánlóng (乾隆) aus der Qing-Dynastie, der den Sommerpalast in der Mitte des 18. Jahrhunderts zum 60. Geburtstag seiner Frau Mutter bauen ließen. Eine weitläufige Parkanlage mit Seen, die von einem nahegelegenen Fluss gespeist werden. Der Palast gilt als einer der Höhepunkt der chinesischen Gartenkunst. Fernab der Hektik der Hauptstadt, elf Kilometer außerhalb Pekings. Heute fährt freilich die U-Bahn dort hinaus und erlaubt es Besuchern, und natürlich auch mir, herumzuspazieren. Der Himmel war noch bedeckt, als ich im Park ankam, aber das war immer noch besser als 35°C Hitze. Von einem Hügel mit ein paar Tempeln obendrauf hatte ich einen schönen Blick über den See, und dann war es Zeit in die Stadt zurück zu fahren, denn ich hatte mich über Couchsurfing mit Lev verabredet. Lev ist Mediziner aus der Ukraine, ist aber im Moment dabei in Peking eine Kunstschule aufzubauen.

Peking – Sommerpalast
Peking – Sommerpalast, Kunming-See
Peking – Sommerpalast, Banbi-Brücke
Peking – Sommerpalast, Gaoliang-Brücke
Peking – Sommerpalast
Peking – Sommerpalast
Peking – Sommerpalast
Peking – Sommerpalast
Peking – Sommerpalast, Changqiao

Natürlich war auch an diesem Sonntagabend alles mit chinesischer Küche schon um neun zu, und so mussten wir auf eine italienische Restaurantkette ausweichen. Da es spät wurde, musste ich zur U‑Bahn rennen und habe so gerade noch die letzte Metro in Richtung meines Hostels geschafft. Ein gutes Stück hatte ich aber noch zu gehen, und so kam ich an einem menschenleeren Platz des Himmlischen Friedens vorbei. Es war so gut wie niemand mehr unterwegs, nur an den Sicherheitschecks standen noch Uniformierte herum, um auch des Nachts den Zugang zu kontrollieren.

Für den nächsten Morgen hatte ich mir im Internet herausgesucht, wie ich am besten an ein weniger besuchtes Teilstück der Chinesischen Mauer kommen würde. Am Busbahnhof im Nordosten der Stadt angekommen, kam ein Kerl auf mich zu, der mir sagte, ich habe den Bus gerade verpasst. Ja klar, die Geschichte kenn ich.

Ich bin selbstbewusst weiter und natürlich ist er mir hinterher gegangen. Mit einem Online-Übersetzer hat er mir dann zu verstehen gegeben, dass er mich für nur 18 Yuan mehr als der Bus kosten würde direkt zum Haupttor nach Jinshanling (金山嶺) bringen würde. Schließlich habe ich mich drauf eingelassen, denn für die knapp drei Euro mehr waren wir tatsächlich innerhalb von anderthalb Stunden dort. Und da neben einer Touristin aus Holland noch andere Chinesen mit in seinem Van saßen, war’s sicher keine allzu schlechte Entscheidung – selbst wenn ich die Geschichte mit dem Bus bis heute nicht glaube.

Als uns (die Holländerin Soraya und mich) der Van heraus gelassen hatte, trafen wir noch Sam und Michaela aus London, und wir fragten an einem Häuschen, wann der kostenlose Shuttle zum Haupteingang fahren würde. In 20 Minuten, wenn der Linienbus aus Peking ankäme, ginge es los. Eine halbe Stunde später waren weder ein Linienbus noch ein Shuttle da, und wir fragten nochmal. Die Antwort diesmal: der Shuttle koste 10 Yuan und fahre sobald wir wollten. In solchen Momenten fragt man sich, ob die Chinesen einen einfach bloß verarschen, oder ob es ihnen ihr Chef nur nicht irgendwann mal gesagt hat, wie man sich in einer solchen Situation verhält. Es ist doch offensichtlich wohin die Langnasen aus dem Westen wollen, aber von selber denken haben sie wohl noch nichts gehört. Wohlgemerkt, in der halben Stunde, die wir gewartet hatten, hätten wir den guten Kilometer zum Eingang auch locker zu Fuß gehen können.

Vor dem Haupteingang hat sich unser Quartett zuerst chinesische Pfannkuchen zum Frühstück geholt und dann die Eintrittskarten. Momentan wird noch gebaut: ein typisches sozialistisches Bauern-und-Arbeiter-Bildnis neben dem Ticketschalter, eine Seilbahn für die Geh-Faulen, aber das Kitschigste war der Goldklitzer in den Fliesenfugen auf der Toilette. Ja, wenn die Chinesen neu bauen, dann wird nicht gekleckert, sondern geklotzt!

Chinesische Mauer – Vergoldete Fliesenfugen aufm Herrenklo

Wir sind natürlich zu Fuß hinauf. Die Aussicht war allerdings alles andere als optimal. Es regnete zwar nicht mehr, aber die Wolken hingen tief und Nebel zog über die Berge und die Mauer hinweg. Nix da mit Panorama. Dafür waren so gut wie keine Leute unterwegs. Wir hatten die Mauer quasi für uns. Es ging teilweise ganz schön steil rauf und runter. Alle paar hundert Meter gab es größere oder kleinere Wachtürme, und in ein paar der Türe wurde uns auf Englisch heißer Kaffee/Tee und kaltes Bier angeboten, dazu T-Shirts und Souvenirs.

Chinesische Mauer
Chinesische Mauer
Chinesische Mauer
Chinesische Mauer
Chinesische Mauer
Chinesische Mauer
Chinesische Mauer

Nach vier Stunden kamen wir am Besucherzentrum am Osttor an und versuchten zurück nach Peking zu kommen. Diesmal gestaltete es sich wesentlich schwieriger einen Bus zu finden. Wir wurden gratis an den Autobahnrastplatz gefahren, von wo wir einen Bus nehmen konnten. Von den einen war dort zu hören, dass kein Bus fahre, von den anderen, dass es um halb vier einen gäbe. Oder vielleicht doch erst um vier? Ob es letztlich Unwillen oder Unfähigkeit ist, sei nun einfach mal dahingestellt. Schließlich kam ein Bus und nach ewiger Diskutiererei und Geschachere waren wir mit weiteren Touristen aus Korea in dem voll besetzten Chinesenbus in die Hauptstadt unterwegs. Der Bus fuhr diesmal allerdings in den Südwesten der Hauptstadt. Auf dem Hinweg habe ich von Tür zu Tür knapp über drei Stunden gebraucht, auf dem Rückweg waren’s fünf. Der Rest des Abends ging für Kartenschreiben, Packen und Essen drauf.

Peking – Abendessen

Der Dienstag war der Tag meiner Abreise aus dem Reich der Mitte. Um 7.27 Uhr ging der Zug in die Mongolei. Abfahrt war aber nicht vom Westbahnhof, sondern vom Hauptbahnhof, der für mich gut gelegen nur zwei Metrostationen vom Hostel entfernt war. Bei der Sicherheitskontrolle am Bahnhof wurde mir mein Haarspray abgenommen (Ist das bescheuert oder ist das bescheuert?), und etwa eine halbe Stunde vor der Abfahrt begann das Boarding.

Peking – Hauptbahnhof
Peking – Abfahrt nach Ulan-Bator
Peking – ‚Love Channel‘ am Bahnhof lässt Raum für Interpretationen…
Peking – Abfahrt am Hauptbahnhof
Peking – Zug nach Ulan-Bator
Transmongolische Eisenbahn – Mein Reich für eine Nacht

Jeder Wagon hat einen eigenen Schaffner, aber über mehr als „Hello“ und „Ticket“ ging deren Englisch-Vokabular nicht hinaus. Überhaupt gab es im Zug nicht die geringste Information. Keine Begrüßung, keine Stationsansagen, keine Erläuterung der Aus- und Einreiseprozeduren. Lediglich Zollerklärungen zum Ausfüllen wurden wortlos ausgeteilt. Das kannte ich aus den Schnellzügen anders.

China – Zug kurz hinter Peking

Auf der 1.553 Kilometer langen Strecke nach Ulan Bator gab es nur zwei Zwischenstationen auf der chinesischen Seite (Datong [大同], Jining [集宁]) und zwei auf der Mongolischen (Sainschand [Сайншанд], Tschoir [Чойр]), dazu die beiden Grenzstationen Erlian (二连) und Dsamyn Üüd (Замын-Үүд). Abends um kurz nach acht kamen wir in Erlian an, und nachdem unsere Pässe von den Grenzbeamten eingesammelt wurden, konnten wir raus aus dem Zug. Im Bahnhofsgebäude, das wir allerdings nicht verlassen durften, besorgte uns ein Chinese Instantnudeln und Wasser von außerhalb für unser Abendessen. Als wir damit wieder zurück in den Zug wollten, war die Ausgangstür abgeschlossen und der Zug war weg. Eine englischsprechende Grenzbeamtin teilte uns mit, dass wir für die nächsten zwei oder drei Stunden im Bahnhof bleiben müssten. Dadurch haben wir zwar verpasst, live zu sehen, wie die die Fahrgestelle eines jeden einzelnen Wagons auf die mongolische Spurweite ausgewechselt wurden, aber wir konnten in dieser Zeit auf die Toilette und waren nicht im Zug in unseren Abteilen eingesperrt.

China – Fahrt durch die Innere Mongolei

Ich verlasse ein Land, von dem ich bis zum Schluss nicht weiß, wie ich es finden soll. Es hat eine große Kultur, reiche Geschichte und prächtige Kunst hervorgebracht. Es ist ein riesiges Land, westlich modern und sozialistisch verkrustet und irgendwie auch alles dazwischen. Ich weiß nicht, ob ich willkommen war, oder ob die Chinesen nicht der Meinung sind, dass sie auch gut ohne Gäste aus dem Westen können.

Ich bleibe hin- und hergerissen, während Zug K23 in dieser kühlen Nacht über die Grenze in die Mongolei rollt, dem nächsten Abenteuer entgegen.

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