Kaltes, klares Wasser

Kaltes, klares Wasser

Die Russen sind ein bisschen genauer bei der Einreise. Der Pass wird an Ort und Stelle abgestempelt und dann kommt der Zoll, dann einer, der den nochmal Pass prüft, dann einer, der nach Verstecken sucht, und zum Schluss läuft ein Fünfter mit dem Spürhund durch. Es war schon wieder fast ein Uhr nachts, als ich die Tür zugemacht und mich aufs Ohr gelegt habe.

Tanssibirische Eisenbahn – Dorf in der Mongolei

Um kurz vor sechs war Halt in Ulan-Ude (Улан-Удэ), jener Stadt, wo die Transsibirische Eisenbahn nach Wladiwostok abzweigt. Ab hier ist die Strecke zweigleisig, die Schienen in einem besseren Zustand, und wir fahren wieder mit Strom. Trotz aller Abgeschiedenheit ist hier der Eisenbahnverkehr relativ intensiv. In regelmäßigen Abständen sausen Güterzüge an uns vorbei. Unser Weg ist gesäumt von Birken-, Kiefer- und Lärchenwäldern und von Löwenzahn, der jetzt im Mai erst so richtig zu sprießen beginnt. Schon lange habe ich keine Jurte mehr gesehen, stattdessen bestehen die Siedlungen aus einfachen, windschiefen Holzhäusern und klapprigen Zäunen drum herum. Um 8.44 Uhr war es dann soweit, und ich habe das erste Mal den Baikalsee (Озеро Байкал, Ósera Báikal) gesehen. Ein See, von dem ich als Kind unzählige Dokus und Reportagen im Fernsehen angeschaut habe. Der größte See Russlands, der mit 1.642 Metern tiefste See der Erde. 673 Kilometer lang und durchschnittlich 48 Kilometer breit. 25 Millionen Jahre alt. Er beinhaltet ein Fünftel der flüssigen Süßwasserreserven des Planeten. Sein Wasservolumen ist größer als jenes der Ostsee und 480-mal größer als jenes des Bodensees. Im Winter gefriert der Baikal so zu, dass es sogar Straßen auf dem Eis gibt, auf dem auch LKWs fahren können. In den See fließt das Wasser von über 330 Flüssen und unzähligen kleinen Bächen; allerdings hat er nur einen einzigen Abfluss, die Angara (Aнгара), die wiederum einer der größten Flüsse Sibiriens ist und ins Polarmeer entwässert. Ursprünglich hatte der Baikal zwei weitere Abflüsse, die jedoch zuletzt vor 16.000 Jahren durch Gebirgsbildung und Erdbeben verschlossen wurden.

Baikalsee – Erste Sichtung vom Zug aus
Transsibirische Eisenbahn – Dorf in Russland

Diesmal waren es nur 23 Stunden nach der Abfahrt bis ich an meinem Zielort angekommen bin. Irkutsk (Иркутск), die Universitätsstadt an der Angara mit ihren 590.000 Einwohnern. Die Stadt und der Baikal liegen unweit der Republik Burjatien, ein sibirischer Landstrich, der im 17. Jahrhundert von den Russen aus dem 5.000 Kilometer weiter westlich gelegenen Zarenreich kolonialisiert und dem Reich einverleibt worden war.
Die Katalanen und ich haben eine Marschrútka (Маршрутка) in die Innenstadt auf der anderen Flussseite genommen und sind die letzten Meter ins Hostel zu Fuß.

Irkutsk – Einfahrt mit der Transsib

Obwohl es angeblich erst am Sonntag geschneit haben soll, war heute das Wetter mit an die 30°C sommerlich heiß. Das widersprach irgendwie vollkommen dem Klischee eines eisigkalten Sibiriens. Kurze Hose und T-Shirt war deshalb bei meinem kleinen Rundgang durch die Stadt angesagt. Am Flussufer habe ich mal kurz die Finger ins Wasser gehalten. Brrr! Baden ist hier eine echte Herausforderung. Kein Wunder, dass ich nur einen einzigen Mutigen im Wasser gesehen habe, während alle anderen oben ohne mit ihrer noch käsweißen Haut nur am Ufer lagen, mit dem Tretboot fuhren oder Volleyball spielten.

Irkutsk – Angara
Irkutsk – Bogojawljenski-Kirche
Irkustk – Kirow-Platz

Durch Zufall habe ich einen Couchsurfer aus Würzburg bei mir im Hostel gefunden, und zusammen mit zwei russischen Mädels waren wir beim Schaschlik-Essen. Hier werden die Restaurants zum Glück nicht wie in China schon um zehn zugesperrt! Da Vincent, so hieß der unterfränkische Couchsurfer, die gleichen Pläne für Irkutsk und den Baikalsee hatte wie ich, haben wir nach dem Abendessen im Hostel noch weitere Unterkünfte und Transfers gebucht, bevor ich ins Bett bin, während Vincent mit zwei anderen Deutschen noch was trinken gegangen ist.

In einer mit 20 Leuten voll besetzten Marschrutka ging es am nächsten Morgen um kurz vor neun gut 70 Kilometer nach Süden direkt an den Baikalsee nach Listwjanka (Листвянка). Matschrutki sind Minibusse, die privat betrieben werden und einer normalen Busroute folgen. Entlang dieser Route kann man sie für gewöhnlich zum Ein- und Aussteigen beliebig anhalten. Man bezahlt einen Fixpreis direkt beim Fahrer; in diesem Fall betrug der Fahrpreis für eine Stunde Fahrt 120 Rubel, etwa 1,65 Euro.

Wie einige andere Wörter im Russischen, so hat auch die Marschrutka einen deutschen Ursprung (Marschroute – Маршрут). Diese Lehnwörter sind heute fester Bestandteil der russischen Sprache und werden gemäß der russischen Grammatik auch als solche behandelt und entsprechend dekliniert. Ein Russe kann also mit folgenden Worten genauso viel anfangen wie wir:

– Картофель (Kartófjel, Kartoffel)
– Рюкзак (Rjuksák, Rucksack)
– Бухгалтер (Buchgálter, Buchhalter)
– Бургомистр (Burgamístr, Bürgermeister)
– Бутерброд (Buterbród, Butterbrot)
– Парикмахер (Parikmácher, Friseur [Perückenmacher])
– Фейерверк (Feijerwjerk, Feuerwerk)
– Масштаб (Maßschtáb, Maßstab)
– Шлагбаум (Schlagbáum)
– Шприц (Schpritz, Spritze)
– Шпинат (Schpinát, Spinat)
– Шпион (Schpión, Spion)
– Штраф (Schtraf, Strafe)
und noch viele weitere.

Ein anderes nettes Wort gibt es im Russischen noch, dass allerdings einen Namen als Ursprung hat. Don Juan gilt ja gemeinhin als Verführer, darum lautet das russische Verb für verführen auch донжуанствовать (don-schuán-stwowat).

In Listwjanka angekommen bin ich erst einmal ins Touristenbüro um mich hinsichtlich des Circum Baikal zu informieren. Mein Plan war es, dieses ehemalige Teilstück der Transsibirischen Eisenbahn mit einem Zug zu befahren. Von Irkutsk aus werden Tagestouren für knapp 100 Euro angeboten, aber ich wollte es irgendwie auf eigene Faust machen. Nach einigen Telefonaten hatte mir die Dame dann allerdings mitgeteilt, dass es wohl nicht möglich sei. Sie konnte mir jedoch eine Bootstour anbieten, bei der man ein Stück auf der Strecke gehen kann, die ich mir für den Nachmittag auch gebucht habe. In der Zeit bis zur Abfahrt bin ich im von Restaurants und Souvenirshops gesäumten Dorf herumspaziert, bin über Feldwege hinauf zu einem verschlossenen und lediglich von einem Hund bewachten Sonnenobservatorium gewandert und habe die Sonnenstrahlen am See genossen.

Listwjanka
Listwjanka
Listwjanka – Hafen

Gegen eins ist dann auch Vincent in Listwjanka angekommen und um zwei haben wir die Bootstour zusammen gemacht. Listwjanka liegt an der Stelle am Baikalsee, von wo die Angara abfließt. Auf einem kleinen Kutter namens Shark ging es dann quasi auf die andere Flussseite bzw. noch ein Stück weiter am Ufer des Baikals entlang. Es ist wirklich erstaunlich wie klar das Wasser des Sees ist. Sogar im kleinen Hafen von Listwjanka kann man den Seegrund sehen und laut unserer Führerin beträgt die Sicht bis zu 40 Meter. Als wir etwa eine Stunde später an Land gingen, sind wir eine kleine Böschung hinauf zu den Gleisen. Die ehemalige Bahnstrecke von Irkutsk über Port Baikal (Порт Байкал, direkt gegenüber von Listwjanka), Sljudjanka (Слюдянка, 80 Kilometer weiter am Baikal gelegen) und weiter um den See herum war Anfang des 20. Jahrhundert das teuerste Teilstück der Transsib. Gerade hier mussten insgesamt 38 Tunnel geschlagen und unzählige Viadukte gebaut werden, jedoch verläuft die Strecke auch wunderschön am See entlang. Während der Bau der kompletten Bahn 100.000 Rubel verschlungen hatte, musste das damals noch zaristische Russland für die etwa 260 Kilometer um den See allein nochmal 90.000 Rubel ausgeben. Allerdings war damit ab 1905 eine direkte Verbindung zwischen Moskau und Wladiwostok am Pazifik hergestellt. Der Abschnitt Irkutsk ↔ Port Baikal wurde in den 50ern durch den Bau eines Wasserkraftwerks überflutet und durch eine direkte Verbindung zwischen Irkustk und Sljudjanka ersetzt. Das Stück Sljudjanka ↔ Port Baikal ist heute nur noch eine Sackgasse mit unregelmäßigen Zugverbindungen und eben teuren Touristenzügen per Dampflok.

Zusammen mit Touristen aus Russland, China und den Staaten sind die wir Gleise entlang gegangen, durch Tunnel und zu einem Aussichtspunkt. Die Touri-Dampflok ist natürlich nicht vorbei gekommen, was im Tunnel aber auch ziemlich unpassend gewesen wäre.

Baikalsee – Ehemalige Strecke der Transsib
Baikalsee – Ehemalige Strecke der Transsib
Baikalsee – Schiff zu Überfahrt
Baikalsee – Rückfahrt nach Listwjanka

Zurück in Listwjanka haben wir Souvenirs gekauft und die Marschrutka nach Irkutsk zurück genommen. Für den Abend haben wir uns ein burjatisches Restaurant eingebildet, was ich im Nachhinein bereut habe. Mein Мясной обед (Mjasnói abjéd, Fleischmittagessen) bestand aus Salzkartoffeln, Essiggurken, Tomaten und Knochen mit knorpligem und fettrandigem Fleisch. Von dem auf dem Teller stehenden Schälchen mit Fleischbrühe wusste ich bis zum Schluss nicht, wofür es gut war. Ich musste schließlich noch ein Stück Kuchen essen, um satt zu werden.

Irkutsk – Mjasnói abjéd

Zurück im Hostel habe ich meine Sachen gepackt und musste feststellen, dass mir mindestens sechs Unterhosen, ein paar Socken und zwei T-Shirts fehlten. Ich muss das Zeug irgendwo vergessen oder vom Wäscheservice nicht mehr zurückbekommen haben. Weitere Teile also, die dem natürlichen Schwund zum Opfer gefallen sind. Tja, muss ich halt in Moskau zum Einkaufen gehen.

Für den nächsten Tag hatten Vincent und ich einen Tür-zu-Tür-Shuttle zu unserem Hostel auf der Insel Olchon (Ольхон) gebucht. Um kurz nach neun stand deshalb ein grobschlächtiger Russe mit kurzen Stoppelhaaren in der Eingangstür unseres Hostel. Prägnant und ohne große Einleitung kam von ihm nur ein: „Alchón!“
Dawái, los geht’s! Nachdem wir noch andere Fahrgäste eingesammelt hatten, ging es auf die sechsstündige Fahrt auf die einzige bewohnte Insel im Baikalsee. Die Insel wurde erst 2005 an Stromnetz angeschlossen und noch bis heute gibt es kein fließend Wasser; die Bewohner versorgen sich stattdessen direkt aus dem See. Während der Fahrt habe ich versucht an meinem Blog zu schreiben, bei dem ich sechs Wochen hinterher hing, aber das war gar nicht so einfach. Der Kerl war wahrlich ein Herrgottsfahrer. Volle Pulle ist er über die schlechten sibirischen Straßen gerast. Bei dem Gewackel konnte ich kaum lesen, was ich geschrieben hatte, und aus den Lautsprecher schallte dazu russischer Pop. Die Überfahrt zur Insel mit einer Fähre dauerte etwa eine Viertelstunde, und was danach kam, hatte nichts mehr mit Straßen zu tun. Es waren Feldwege. Teilweise waren sie noch breit, aber es gab solche Schlaglöcher und Unebenheiten, das spätestens ab hier nicht mehr an schreiben zu denken war. Die Fahrgäste wurden einer nach dem anderen in ihren Unterkünften abgeliefert, und bis wir in unserem Hostel einchecken konnten, war es bereits nach vier. Sieben Stunden auf russischen Straßen; und übermorgen denselben Weg zurück! Das kann ja was werden.

Olchon – Hostel in Chuschir
Olchon – Hostel in Chuschir

Das Hostel war allerdings echt toll, und mit ein bisschen Arbeit und Geld könnte man daraus wahrlich eine kleine Perle machen. Es war eine Ansammlung kleiner Häuschen, und Vincent und ich haben ein Zimmer mit privatem Bad bekommen. Es gab ein kleines Bistro Français, und das Frühstück und Abendessen im darüber gelegenen Restaurant waren im Preis enthalten. Unser erster Gang führte uns zum Schamanenfelsen (скала Шаманка, Skála Schamánka), der nur ein paar hundert Meter entfernt lag. Was für ein grandioser Blick auf diese tolle Landschaft. In unseren kurzen Hosen war es ein bisschen frisch, aber wir hatten in weiser Voraussicht schon mal eine Jacke mitgenommen. Zum Abendessen gab es ein kleines Büffet aus zwei Suppen, und für den Hauptgang wurden Salate sowie Fisch, Schwein und Rind, und dazu Reis, Gemüse und typisch russischer Buchweizen angeboten. Keine Haute Cuisine aber dennoch sehr schmackhaft. Anschließend haben wir in einem Magasin (Магазин, Lehnwort aus dem Französischen) noch Wasser und Snacks für den folgenden Tag gekauft und sind dann aufs Zimmer. Nachdem ich mich aufs Bett gelegt habe, bin ich nicht mehr aufgestanden. Der Tag war so anstrengend, obwohl ich eigentlich nichts gemacht hatte. Wahrscheinlich hat mich einfach die lange Fahrt geschlaucht, oder sollte es so plötzlich doch das Alter sein?

Olchon – Chuschir
Olchon – Chuschir
Olchon – Chuschir
Olchon – Chuschir, Schamanenfelsen
Olchon – Chuschir

Am nächsten Tag hatte ich nämlich Geburtstag. Den ganzen Tag über sollte ich kein Internet haben, und erst am Abend bin ich online gegangen, weil ich an diesem Tag selbst noch Geburtstagsgrüße zu verschicken hatten. Ein süßes Frühstück gab es zum Geburtstag: leckere Bliný mit gesüßter, eingedickter Kondensmilch (Блины со сгущённым молоком, Bliný so͜  sguschónnym malakóm). Auf was die Russen zum Frühstück ganz scharf sind, ist Kascha (Каша). Ich hatte das vor etlichen Jahren schon in meiner Gastfamilie während einer Sprachreise nach St. Petersburg immer vorgesetzt bekommen und es nicht gemocht. Ein fader und geschmackloser Brei aus Buchweizengrütze, der nur ordentlich nachgesüßt überhaupt schmeckt. Aber es gab ja die süße Kondensmilch.

Um neun wurden wir zusammen mit anderen Gästen aus dem Hostel zu unserer Tour in den Norden der Insel abgeholt. Es war ein alter Geländebus, wahrscheinlich noch aus Sowjetzeiten, in dem wir an sechs Stellen kutschiert worden sind. Die Fahrt war abenteuerlich, die Wege katastrophal. Spätestens als wir aus dem letzten Dorf heraus waren, war es ein einziges Geschaukel. Die Strecke war zwar staubtrocken, aber trotzdem mussten wir teilweise durch knietiefe Loisa (das ist nicht russisch, sondern schwäbisch, und bezeichnet tiefe, durch Auto-/Traktorreifen verursachte Dreckfurchen auf einem Feldweg! Ich kenne kein hochdeutsches Wort dafür!) oder drum herum. Zwischendurch bestand die Straße auch nur aus Sand. So ging es von einem Aussichtspunkt zum Nächsten bis wir an die Nordspitze Olchons kamen, ans Kap Chobói (Мыс Хобой, Mys Chabói). Die Sonne schien und wir hatten von hoch oben einen super Blick auf den Baikalsee hinunter, der an dieser Stelle knapp 70 Kilometer breit war. Die größte Attraktion hier war allerdings eine Chinesin. Chinesische Touristen verfolgen mich so richtig penetrant seit Neuseeland. Sie treten meist in Rudeln auf, die man mithilfe bunter Käppis oft auch einfach voneinander unterscheiden kann. Sie sind laut, haben fast immer lange Sachen an, damit sie ja nicht braun werden, und posieren dümmlich für Fotos. Besagte Chinesin hatte allerdings den Vogel abgeschossen. In steinigem und unebenem Gelände stand sie da in ihren staubig-schwarzen Schühchen, die mit großen Glitzersteinchen besetzt waren. Über einer weißen Strumpfhose trug sie einen gelb-weißgestreiften Trenchcoat, der France Gall vor 40 Jahren wohl besser gestanden hätte. Auf ihr Haupt hatte sie ein rotes Barett aufgesetzt und passend dazu hatte sie eine rote Handtasche am Handgelenk. In diesem Outfit hätte man in den 70ern eine Dame auf dem Weg ins Theater erwartet, aber nicht hier. Und da stand sie also, hat Selfies von sich gemacht und dazu immer freundlich gelächelt.
Keine weiteren Fragen, euer Ehren!

Olchon
Olchon
Olchon
Olchon – Verrückte Chinesin am Kap Choboi
Olchon – Verrückte Chinesin am Kap Choboi

Das Mittagessen war im Tourpreis enthalten, und so war mein Geburtstagsmittagessen Рыбный суп (Rýbni sup, Fischsuppe). Es waren zwei Stücke eines ausgenommenen Fisches, das Rückgrat und die weiteren Gräten waren auch noch dabei. Da hab ich mich aber gefreut! Dazu gab es Бутерброды с сыром (Buterbródy s͜  sýrom, Butterbrote mit Käse) und Lebkuchen. Über die Reste des Fischs hat sich dann aber letztlich doch noch einer gerfreut: der junge Fuchs, der schon während des Essens scheu und trotzdem neugierig um uns herumgeschlichen war.

Olchon – Fuchs beim Mittagessen
Olchon – Kap Schunte Ljewi
Olchon – Kap Schunte Ljewi
Olchon – Das Örtchen Usur, am Arsch der Welt
Olchon – Einsamer Strand bei Usur
Olchon – Dominik am Strand von Usur
Olchon – Ausflug im Geländebus

Auf der Rückfahrt kamen wir noch an einer hübschen Bucht vorbei, bevor uns die Hoppelfahrt unerträglich lange durch die Pampa, durch Wäldchen und an Wiesen vorbei wieder zu unserem Hostel im 1.200-Seelendorf Хужир (Chúschir) führte.

Olchon – Chuschir, Downtown
Olchon – Chuschir
Olchon – Chuschir

Wir haben zeitig zu Abend gegessen (heute gab es die russischste aller Suppen: Borschtsch [Борщ], Rote-Beete-Suppe) und hatten vor unserem Besuch in der Banja (Баня) noch Zeit, im Bistro Français Postkarten zu schreiben. Bei dieser Gelegenheit wollte ich Vincent auf einen Geburtstagsschnaps einladen, aber das war zum Scheitern verurteilt. Weil angeblich noch keine Hauptsaison war, hatten sie fast nix da, obwohl die schicke Menükarte wirklich eine tolle Auswahl beinhaltete. Trotzdem: Kein Bier, kein Cachaça für Mojito, keine Limonade. Aber was mich beinahe vom guten Glauben hatte abfallen lassen, war, dass sie keinen Wodka hatten! Hä, sind wir schon noch in Russland? Es lief dann letztlich auf eine heiße Schokolade mit Rum für mich und auf einen kasachischen Whiskey aus der Kaffeetasse für Vincent hinaus. Manchmal muss man eben improvisieren.

Olchon – Banja

Zusammen mit einem Russen, der im Staat New York aufgewachsen war, sind wir danach in die Banja. Wir haben ordentlich eingeheizt, aber was noch gefehlt hatte, war jemand, der mit den typischen Birkenzweigen den Blutkreislauf angeregt hätte. So blieb es bei einer normalen Aufgusssauna und einem anschließenden Scrabble-Spieleabend bei Geburtstags-Schoko/Eis-Bliný.

Olchon – Geburtstagsscrabble und -bliný

Am nächsten Morgen haben wir es dann tatsächlich gewagt. Nach dem Frühstück haben wir die Badehose angezogen und sind hinunter an den Strand. Die Sonne war inzwischen hinter den Wolken herausgekommen und der Wind hatte sich gelegt. Perfekt also für ein Bad im 4°C kalten Baikalsee. Zugegeben, es war eher ein kurzes Bad von etwa einer Minute, aber jetzt können wir sagen: „Wir waren im Baikalsee!“

Olchon – Dominik im Baikalsee

Die Zeit bis zur Abfahrt nach Irkutsk um halb eins haben wir damit verbracht, nochmal ein bisschen am See entlang zu gehen und im Bistro auf Altbewährtes zurückzugreifen, von dem wir wussten, dass sie es da haben: Milchshake und Cappuccino. Die Fahrt war zwar auch lange und hoppelig, aber wesentlich angenehmer als zwei Tage zuvor. Es war ein anderer Van und ein anderer Fahrer, und irgendwie schienen auch die Straßen wie ausgewechselt.

Olchon – Chuschir
Olchon – Chuschir, Hafen
Olchon – Chuschir, orthodoxe Kirche

Zusammen mit einem Neuseeländer, der in Vincents Schlafsaal war, sind wir abends noch losgezogen um zum Essen zu gehen und was zu trinken. So endete meine Zeit am Baikalsee und der Transsibirischen Eisenbahn. Zwei Dinge, die irgendwie zusammen gehören. Und jeder der hier war, will diesen Mythos erleben. Einen Mythos und eine Nostalgie von tagelangen Zugfahrten und einem uralten See. Ich hätte gerne noch den Zug bis nach Moskau genommen und wäre in einigen Städten entlang der Strecke für eine Nacht oder zwei ausgestiegen. Städte wie Novosibirsk, Jekaterinburg oder Krasnojarsk. Leider sind mir dazu aber die Tage ausgegangen.

Eines weiß ich allerdings: ich will diese Faszination noch einmal sehen und erleben, wenn es Winter ist. Es soll eine trockene und angenehmere Kälte sein als feuchte minus zehn bei uns. Wenn alles tief verschneit ist und das Quecksilber auf unter ‑35°C fällt. Wenn Väterchen Frost das weite Sibirien in ein eisiges Wunderland verwandelt. Dann, im sibirischen Winter, wenn es kein kaltes, klares Wasser mehr an den Ufern des Baikal gibt, sondern nur noch kaltes, klares Eis.

До свидания, Байкал!
Da͜  swidánja, Báikal!

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