Katarrh, nein Katar!

Katarrh, nein Katar!

Hier war es noch heißer! Als ich aus dem Flughafengebäude ins Freie zu meinem Uber-Taxi trat, war es mal wieder wie gegen eine Wand zu laufen. Das kann ja heiter werden. Ich ließ mich in die Stadt zu meinem Hotel fahren, das in unmittelbarer Nähe der Altstadt Dohas lag, wenn man denn von so etwas überhaupt sprechen konnte.

Das Hotelzimmer war mit 50 m² wirklich riesig und für die Lage recht preiswert. Ich döste auf dem Bett und konnte mich nicht so recht aufraffen, bei der Hitze rauszugehen. Also wartete ich, bis es Abend wurde und machte mich dann auf den Weg zum Basar. Man darf allerdings nicht glauben, dass es nun eine laue Sommernacht war, denn stattdessen waren die Temperaturen nur um wenige Grad gesunken. Auf dem Weg habe ich mir was zu trinken geholt, bin weiter vorbei am Islamischen Kulturzentrum Scheich Abdulla Bin Zaid und dann zum Suk Waqif (سوق واقف). Wie bei fast allem in Doha sieht man auch am Suk, dass die Kataris Kohle haben. Und ziemlich viel davon. Dazu gehören allerdings nicht die armen Schweine, die als ausländische Knechte die Drecksarbeit für die Kataris machen, für die sich diese selbst zu schade sind. Aber auch ich habe, genau wie Franz Beckenbauer, „keine Sklaven gesehen. Die laufen da alle frei rum.“ Glauben tue ich es trotzdem nicht!

Doha – Kulturzentrum Scheich Abdulla Bin Zaid

Der Suk Waqif jedenfalls war vom Feinsten. Ganz logisch, denn der Markt wurde ab 2006 zwei Jahre lang renoviert, um den architektonischen Stil Katars zu konservieren und somit den Touristen ein möglichst authentisches Gefühl in Bezug auf die landestypische Kultur zu vermitteln. Der ganze Bereich bestand augenscheinlich aus neuen Gebäuden, die richtig hübsch auf alt gemacht worden waren. Der eine Teil war ein Wirrwarr an Gassen, in denen Gewürze, Tiernahrung, Haushaltsartikel und Souvenirs verkauft wurden. Der andere Teil hingegen bestand aus Kunst- und Modeboutiquen sowie aus hübschen marokkanischen, italienischen, arabischen oder amerikanischen Restaurants und Bars, die teilweise Tische und Stühle vor oder auf den Terrassen stehen hatten während Touristen und Einheimische gemütlich daran vorbeiflanierten. Zwischendrin verkauften als Osmanen verkleidete Männer scheinbar türkisches Eis und spielten den erstaunten Kindern dabei lustige Tricks vor. Und daneben begeisterten Gaukler ihre Zuschauer, die an diesem Donnerstagabend den freitäglichen Ruhetag mit einem Spaziergang durch den Suk einläuteten.

Doha – Suk Waqif
Doha – Suk Waqif
Doha – Suk Waqif
Doha – Suk Waqif
Doha – Suk Waqif

Jedoch wäre es natürlich nicht sonderlich angenehm, bei 30°C sein Abendessen zu sich zu nehmen. Um es den Gästen daher auch draußen in der heißen katarischen Nacht einigermaßen angenehm kühl zu machen, wurden mobile Klimaanlagen aufgestellt. Sie bliesen zu Dutzenden den Restaurantbesuchern kühle Luft zu, aber anschließend verpuffte die Kühle umgehend in der heißen Stadt. Von Nachhaltigkeit kann hier keine Rede sein. Eigentlich ist es eine Schande, wie hier Energie verschwendet wird. Es hat schon einen Grund, warum sich im arabischen Raum keine Biergärten entwickelt haben – man blieb lieber drinnen im Kühlen. Allerdings erklärt es auch, warum Katar laut den Statistiken der Weltbank derzeit das Land mit dem weltweit höchsten CO2-Ausstoß pro Kopf ist (31 Tonnen CO2, im Vergleich Deutschland 9,9 t CO2 pro Kopf und Jahr). Noch dazu kommt, dass Strom und Wasser für katarische Staatsbürger kostenlos ist.

In einem solch besagten Restaurant habe ich mir (draußen natürlich!) eine orientalische Platte bestellt und in der heißen Nacht beim Essen den vorbeigehenden Leuten zugeschaut. Es waren Touristen aus aller Welt hier, die am Drehkreuz von Qatar Airways einen Stopp-Over auf ihren Reisen nach Fernost oder Ozeanien machten. Zumal Katar (قطر) außer Erdgas, Öl und Wüste nicht allzu viel zu bieten hat, obwohl man sich in den letzten Jahren vermehrt auf Tourismus konzentriert hat. Noch dazu ist es mit 180 Kilometern Länge und 80 Kilometern Breite flächenmäßig etwa halb so groß wie Mecklenburg-Vorpommern. Katar ist nicht nur hinsichtlich des CO2-Ausstoßes pro Kopf ein Land der Extreme: mit einem kaufkraftbereinigten Bruttoinlandsprodukt ist Katar das materiell reichste Land der Welt und gleichzeitig mit einem Jahresniederschlag von unter 100 mm eine der trockensten Landschaften der Erde. Zwar können nur wenige Tierarten unter den Lebensbedingungen der Wüste existieren, aber gleichzeitig weist Katar in den letzten Jahrzenten eine der am schnellsten wachsenden Bevölkerungen der Welt auf (2,7 Mio.). 99,2 % der Einwohner leben in Städten, und weil fast alle Gastarbeiter (aus Indien, Pakistan, Nepal) männlich sind, hat das Land das unausgeglichenste Geschlechterverhältnis der Welt (2016 kamen auf jede Frau 3,4 Männer). Nach der Unabhängigkeit vom britischen Empire am 3. September 1971 wurde das Land ein Emirat und ist somit eine absolute Monarchie. Der Emir ist Staatsoberhaupt, und der Regierungschef ist der Premierminister. Der sunnitische Islam ist Staatsreligion und die Scharia ist Hauptquelle der Gesetzgebung. Katar gilt als autoritärer Staat und belegt im Demokratieindex von 2016 auf dem 136. Platz von 167 Ländern; das politische System wird als ‚nicht frei‘ bewertet.

Doha – Suk Waqif
Doha – Suk Waqif

Nach meinem Abendessen bin ich noch ein bisschen auf dem Suk herumgeschlendert und danach hinunter zur Strandpromenade, wo noch richtig was los war. Als sich dann schließlich von der Hitze und dem Herumlaufen eine gewisse Müdigkeit eingestellt hatte, bin ich zurück zum Hotel.

Doha – Perlenmonument an der Promenade

Am nächsten Morgen, einem Freitag und gleichzeitig dem letzten Tag meiner Weltreise, bin ich spät aufgestanden. Eine gewisse Wehmut war über mich bekommen. Heute Nacht würde mein Flug zurück nach München gehen. Erstaunlich wie schnell ein halbes Jahr vergangen war. Andererseits war es aber auch so, dass mich die Hitze der letzten Wochen wirklich geschlaucht hatte. Irgendwie freute ich mich wieder auf Daheim und auf einen deutschen Sommer mit normalen Temperaturen (wer hätte gedacht, dass es dann auch bei uns einen Rekordsommer geben sollte!). Ja, es war ein komisches Gefühl. Nach wie vor kein Heimweh, aber irgendwie vielleicht doch die Gewissheit und die Freude darüber, dass ich jetzt wieder Freunde und Familie sehen werde. Leute und Ort, die ich kannte. Ich müsste nicht mehr leben wie ein Nomade, sondern käme wieder heim in meine Wohnung. Ich müsste mich nicht jeden Tag in einer neuen Stadt zurechtfinden. Es bedurfte einer gewissen Mühe seinen Tagesablauf zu planen, zumal kein Tag wie der andere war. Endlich wieder eine gewisse Routine. Mal schauen, ob ich das noch kann und will.

Ich verließ das Hotel und stampfte zum Suk Waqif. Gleißendes helles Licht strahlte auf die Stadt herab, und es kam mir fast vor als sähe ich alles durch eine verschmierte Kameralinse. Als ob ein Schleier über der Stadt lag. Vielleicht war es aber auch nur Sand in der Luft.

Im Suk war noch nicht viel geöffnet. Es war kaum etwas los, denn offensichtlich war es auch den Touristen und Einheimischen an diesem Freitag zu heiß. Letztlich fand ich dann ein Restaurant, aber wie sich später herausstellte, hatte ich mich mal wieder für das falsche entschieden. Ich bildete mir ein, dass es heute Mittag etwas marokkanisches sein sollte, und das, obwohl ich damit schon einmal in einem Maghreb-Restaurant in Granada eine so schlechte Erfahrung machte, dass ich mich eine Stunde später in einen andalusischen Straßengraben erbrach.
Ich bestellte mir eine Hähnchen-Tajine, und was ich dann bekam, dafür hätte sich eine marokkanische Köchin mit auch nur einem Funken Stolz in der Brust in Grund und Boden geschämt. Das Naja-Knochenhuhn war nicht auf Reis oder Couscous, sondern auf lätschigen Pommes gebettet. Ein Fauxpas! Wie kann man nur? Ich würgte das Ding wiederwillig runter, spülte mit Cola nach und verließ das Gasthaus inmitten des Suks so schnell wie möglich. Auf dem Rückweg zum Hotel hatte ich einen Umweg genommen, der sich als wesentlich länger herausgestellt hatte als gedacht, aber dort angekommen habe ich mich frisch gemacht, ausgecheckt und mir ein Uber zu The Pearl (اللؤلؤة, al-Lu’lu’a) genommen. Denn während in Dubai Palmen und in Bahrain Seepferdchen aus Sand und Stein ins Meer gebaut werden, so sind das im Emirat Katar Perlen – eine Reminiszenz an die Vergangenheit, als viele Bewohner der Golfstaaten von der Perlenfischerei lebten.

Doha – Suk Waqif
Doha – Moschee
Doha – Einfallstraße

Der Sonne strahlte nun gefühlsmäßig etwas klarer und der Schimmer schien verschwunden zu sein, als ich auf der 400 Hektar großen künstlichen Insel angekommen bin. Das Eiland bestand aus drei kreisrunden Buchten, in deren Mitte jeweils – wie bei einer Muschel – eine kleine Insel die Perle darstellte. Die Perlen waren dabei lediglich über eine kurze Straße mit dem Rest verbunden. An den Ufern der Buchten wurde hochwertige Villen, Reihen- und Apartmenthäuser, Luxushotels, eine Schule, eine Mall, unzählige Luxusgeschäfte und Restaurants sowie eine Moschee errichtet. Die größte der Buchten war eine Marina, in der schon etliche größere oder kleinere Jachten vertäut waren. Ich ging ein bisschen herum, schaute mir den Prunk der Villen und Boutiquen an, der an mediterrane Landstriche in Südeuropa erinnern sollte, und irgendwann begab ich mich in ein stark heruntergekühltes Café, wo der geneigte Katari seinen verzogenen Nachwuchs bei überzuckerten Süßspeisen ruhig zu stellen versuchte. Ich setzte mich auch dazu, schrieb meine letzten Postkarten und versorgte meinen Körper mit einer gefühlten Wochenration an ungesunden Kalorien. Gestärkt verließ ich das Café und machte mich auf den Weg zu einer weiteren Bucht, der Porto Arabia, und schaute mir an, wie Plattenbauten hierzulande so aussehen. Sehr beeindruckend, muss ich sagen, aber das sei auch der Preis.

Doha – The Pearl
Doha – The Pearl – Süße Sünde
Doha – Plattenbau à la qatarie

An einem WLAN-Hotspot schnorrte ich mir Internet und bestellt mir erneut ein Uber, das mich ein paar Kilometer näher an der Altstadt zu einem weiteren Highlight brachte, dem Katara Beach. Neben einen Kulturdorf, das die traditionelle Architektur des Golfstaates zeigte, waren natürlich auch hier wieder Restaurants, die die Strandpromenade säumten. Außerdem gab es Kinos, ein Opernhaus und ein offenes Amphitheater. Alles nur vom Feinsten.

Doha – Katara Beach, Kulturdorf
Doha – Katara Beach, Kulturdorf
Doha – Katara Beach, Amphitheater
Doha – Katara Beach

Von einem normalen Taxi mit einem redseligen Inder als Fahrer habe ich mich dann wieder zurück in Richtung meines Hotels bringen lassen, und bin am Hafen ausgestiegen. Es dämmerte schon als ich ankam, und es war wahrlich die Hölle los. Allerdings waren es nicht unbedingt Araber, die hier unterwegs waren, sondern die Gastarbeiter vom indischen Subkontinent. Zu hunderten oder gar tausenden waren sie hier unten und haben ihren freien Tag genossen. Es herrschte eine ausgelassene Stimmung, laute indische Musik wurde gespielt und im Minutentakt legten Disko-Boote mit wummernden Bässen von den Piers ab, um ihre feierwütige Ladung durch die Bucht von Doha zu schippern; toller Blick auf die Skyline inklusive.

Doha – Skyline

Es war immer noch drückend schwül, und im eigenen Saft watend bin ich vorbei am Museum für islamische Kunst, der halbmondförmigen Promenade folgend, ans Ende eines nett angelegten Armes, der ins Meer hinein ragte. Von hier hatte auch ich einen tollen Blick auf das Museum und das erwähnte Kulturzentrum in der Altstadt, und auf der anderen Seite auf die Skyline des modernen Doha mit ihren Wolkenkratzern, die in bunten Farben strahlten. Ich setzte mich ins Gras, das auf einem aufgeschütteten Hügel wuchs, machte Fotos und genoss den Ausblick. Eine gewisse Melancholie machte sich wieder breit. Das war es also nun. In ein paar Stunden ging mein Flieger in die Heimat. Was ich nicht alles gesehen habe. Wo ich nicht überall war. Und jetzt soll es zu Ende sein? Oh Mann!

Doha – Kulturzentrum Scheich Abdulla Bin Zaid
Doha – Museum für islamische Kunst
Doha – Promenade am Museum für Islamische Kunst

In einem kleinen Strandcafé nebenan waren Gäste, die – ähnlich wie ich – in sich versunken auf die erleuchtete Stadt blickten und das angenehme Lüftchen, das vom Meer hereinwehte, auf ihrer Haut als willkommene Abkühlung begrüßten. Ich holte mir ein überteuertes Getränk und setzte mich an einen freien Tisch. Ich hing meinen Gedanken hinterher. Tja, das war es dann wohl, in elf Tagen würde ich wieder im Büro sitzen.

Doha – Skyline
Doha – Skyline

Mooooment! So weit ist es noch nicht. Ich schob den Gedanken schnell wieder beiseite, trank aus und machte mich auf den Rückweg. Es war inzwischen dunkel geworden, aber die Promenade war hell erleuchtet, Süßwarenbuden boten ihre Naschereien an und Kinder schrien vergnügt bei der Fahrt auf einem kleinen Karussell. Meine Füße trugen mich zurück zum Suk Waqif, wo ich mir eine Kleinigkeit zu essen holte, die letzten Souvenirs kaufte und den Verlockungen der osmanischen  Eisverkäufern nur mit Mühe widerstand. Zurück im Hotel kramte ich aus meinem Rucksack die Klamotten für den Rückflug und duschte im hoteleigenen Fitnessstudio. Ein Uber brachte mich zum Flughafen. Nachts um 1.25 Uhr ging mein Qatar-Flug nach München.

Doha – Flughafen
Heimflug – Gin Tonic

Das war’s dann wohl.
Danke Welt!
Danke für eine tolle Zeit!
Oder um es mit den Worten einer lieben Freundin zu sagen:

Es war mir ein inneres Blumenpflücken!

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