Kochen fürs Seelenheil

Kochen fürs Seelenheil

Gut, dass ich mit der Grab-App einen Fixpreis hatte. Der Fahrer, der mich vom Flughafen Bangkok Suvarnabh (BKK) in die Stadt bringen sollte, war mit mir nämlich eine gefühlte Stunde im Stau gestanden. Der Freitagnachmittagsverkehr war eine Katastrophe, was mir aber die Gelegenheit gab, auf der Rücksitzbank über meinem Rücksack zu dösen, während der Fahrer im Schritttempo gen Hotel fuhr.

Nach dem Checkin habe ich mich erstmal ein bisschen aufs Ohr gelegt, so müde war ich, und erst gegen vier habe ich mich aufgerafft, um was anzuschauen. Mein Hotel lag im Stadtteil Silom, und von dort bin ich zu Fuß die knapp anderthalb Kilometer hinunter zum Fähranleger am Chao Phraya, dem Fluss, der als Hauptschlagader der thailändischen Hauptstadt gilt. Auf einem Linienboot habe ich mich zusammen mit Einheimischen und Touristen für ein paar Baht flussaufwärts bringen lassen. Als das Boot zum ersten Mal auf der gegenüberliegenden Flussseite zu einem Halt anlegte, bin ich ausgestiegen und war direkt am Wat Arun, dem Tempel der Morgenröte. Dieser Tempel aus dem 17. Jahrhundert ist nicht nur ein Wahrzeichen Bangkoks, sondern ganz Thailands. Namensgeber ist die Hindu-Gottheit Aruna, die die Personifikation des roten Glühens der aufgehenden Sonne ist. Die ersten Sonnenstrahlen des Tages hatte ich nachmittags um halb fünf natürlich knapp verpasst, aber auch so war der Tempel sehr beindruckend mit seinem bunten chinesischen Porzellanmosaik auf weißen Grund und dem imposanten zentralen Prang (typischer Tempelturm).

Bangkok – Wat Arun
Bangkok – War Arun
Bangkok – War Arun
Bangkok – War Arun
Bangkok – War Arun
Bangkok – War Arun
Bangkok – War Arun

Natürlich war man – untertrieben gesagt – auf Touristen eingestellt, und so habe ich mir nach der Besichtigung ein Eis an einem kleinen Kiosk geholt, als es kurz darauf zu tröpfeln begann. Bis ich mich zum Holzstil meines Magnum Classic vorgearbeitet hatte, schüttete es ziemlich heftig und ich musste mich beim Warten auf das Boot inmitten anderer Touris mit unterstellen. Da haben sich meine Flipflops wieder ausbezahlt, selbst wenn es dann ein bisschen rutschig drin war. Das Boot zurück zu meinem Ausgangspunkt war diesmal voll, aber die eifrige Schiffsschaffnerin war bemüht, uns Fahrgäste vor dem Regen zu schützen, indem sie an den sonst offenen Seiten Planen abrollte.

Schon auf dem Hinweg zum Fähranleger bin ich an diesem Massagesalon vorbei gekommen. Ich meine, Massagesalons gibt es in Thailand wie Sand am Meer, und nicht selten stehen die Damen, um Kunden werbend, davor und rufen einem schon von der Ferne „Massaaahhss!“ zu. Aber dieser hier sah ganz nett aus, und so bin ich rein und habe mir für 500 Baht (etwa 13 Euro) eine einstündige Thaimassage gegönnt. Es sollte meine erste überhaupt sein, und ich wurde ehrlich gesagt ganz schön durchgeknetet. Nachdem mir die Dame auffallend lange im Schritt herummassiert hatte, fragte sie verschmitzt „Special massage?“. Ich lehnte dankend ab, was ihr dann letztlich wohl ein bisschen unangenehm war. Aber sie knetete mich gekonnt weiter, und mir drängte sich die Frage auf, warum es denn eigentlich Happy End heißt. Wäre Happy Middle in diesem Fall nicht passender? Ist das immer so? Fragen über Fragen…

Ein paar Tage zuvor hatte ich bei Facebook gesehen, dass Freunde aus Frankfurt zum Anzügeschneidernlassen nach Thailand gekommen waren. Ich hatte sie daraufhin angeschrieben und mich mit ihnen zum Abendessen verabredet. Wir haben uns bei mir im Hotel getroffen, und sind zusammen auf der anderen Straßenseite in ein kleines Restaurant gegangen, in dem wir – wieder mal – günstig und lecker gegessen haben. Es war beim besten Willen kein Nobelschuppen, sondern eine einfache Garküche mit Plastikstühlen und –tischen unter einer Plane zum Schutz gegen den Regen, der inzwischen aber aufgehört hatte.

Nach dem Essen sind wir auf einen Absacker noch ein bisschen in eine Bar weiter gezogen. Auf dem Weg dorthin kamen wir durch einige Seitengassen, in denen es neben Souvenirs und gefälschten Markenunterhosen auch einige Sex-Bars gab. Spärlich bekleidete Damen sprachen uns vor den Etablissements an und luden uns dazu ein, bei einem alkoholischen Getränk Zeugen von Pussy Pingpong und Pussy Blowing Wistle zu werden. Alles in allem eine ziemlich entwürdigende Show, die die jungen Mädels aus der Provinz da abziehen müssen. Da waren die nackt an Stangen tanzenden Frauen, die man von draußen auf der Straße noch gesehen hatte, geradezu harmlos. Wir sind weitergegangen und haben dann an der Hauptstraße aber noch eine normale Bar gefunden.

Am nächsten Morgen bin ich lange nicht aus dem Hotel gekommen, weil es zum einen wieder furchtbar geregnet hatte, und weil ich zum andern noch meine Weiterreise nach Kambodscha planen musste. Es war dann schon gegen zwölf, als ich mir in einem kleinen 7eleven einen Regenschirm gekauft hatte und in die nächste Schneiderei gestolpert bin. Das Schneider-Geschäft scheint voll in indischer Hand zu sein. Der Mann im Laden ließ mich einen Stoff für das Sakko, die Weste und die Hose, sowie einen weiteren Stoff für das Hemd aussuchen. Dann schnitt er den Stoff ab, telefonierte kurz und fing an Maß zu nehmen. Noch während er mich abmaß, kam ein Kerl bei der Tür herein und nahm den gerade erst abgeschnittenen Stoff in einer Tüte auf seinem Motorrad mit. Mit meiner Kreditkarte bezahlte ich den ganzen Spaß, gab die Adresse meiner Eltern daheim in Deutschland an, an die der Anzug geschickt werden würde, und für den Abend wurde ein Anprobe vereinbart.

Vom Fähranleger bin ich dann wieder mit dem Boot in Richtung des Großen Palasts gefahren. Leider durfte ich mit meiner kurzen Hose und meinem Fliflops nicht hinein und musste das Ganze auf den darauffolgenden Tag verschieben. Stattdessen bin ich mit meinem Regenschirm im Regen herum gelaufen und wollte Bangkok ein bisschen zu Fuß erkunden. So recht mochte mir das aber nicht gelingen, denn die Altstadt war dann doch ein bisschen weitläufiger als gedacht. Ich bin durch schmutzige Wasserlachen gelatscht und so langsam sind auch meine Füße davon dreckig geworden.

Bangkok im Regen

Irgendwann hatte ich eine Shopping-Mall entdeckt, in die ich rein bin und die feuchte Wärme der thailändischen Hauptstadt hinter mir gelassen und gegen eine kühle Luft aus der Klimaanlage eingetauscht habe. Da ich quasi noch nix gegessen hatte und sich ein kleiner Hunger meldete, habe ich mir nach etwas zu Essen gesucht. Da ich darüber hinaus auch noch ein Süßer bin, bin ich natürlich an einem Crêpes-Stand hängen geblieben und habe mir einen mit Nutella gegönnt. Nachdem ich bezahlt hatte, musste ich noch warten, bis die süßen Leckereien für die Leute vor mir gemacht wurden. So stand ich also vor dem Stand und traute meinen Augen nicht. Ich wollte der Tussi schon zurufen: „Komm Mädel, lass mich das machen!“ So macht man doch keinen Crêpe!! Nachdem der Teig durch war, wurde der Fladen nicht etwa gedreht, sondern direkt mit Nutella bestrichen. Selbiges hat die Thai-Köchin dann richtig verbrennen lassen, und als die Nuss-Nugat-Crème quasi schon getrocknet war, hat sie ihn zusammengefaltet und ihn mir in die Hand gedrückt. Der Crêpe war zum dünnen Keks mutiert, auf den verbranntes Nutella aufgetragen war. Pfui Teufel. Das war quasi wie ein Zeichen. Hätte ich mir lieber was Gesundes zum Essen gekauft!

Bangkok – Missratener Crêpe

Ich ging wieder hinaus, entsorgte die ungenießbaren Reste des Crêpes und schlenderte Richtung Bahnhof. Auf dem Weg dorthin kam ich durch China Town. Anstatt thailändischen Lettern prangen hier chinesische Schriftzeichen von den Häusern und Reklametafeln. Es ist schon erstaunlich, auf was die Chinesen so alles stehen. Neben den üblichen Restaurants, Bistros und Garküchen, gab es hauptsächlich Läden für Goldschmuck und eine Art von Apotheken mit chinesischen Heilmittelchen. Getrocknete Pflanzen, Tiere und was weiß ich noch alles standen in großen Säcken in den Geschäften herum oder wurden aus kleinen Schubladen heraus an die zahlende Kundschaft verkauft. Ich hätte ja ehrlich schon gern gewusst, wozu der ganze Krempel gut sein soll. Ist das Zeug nur gegen Migräne, Schlaflosigkeit und Bronchitis, oder auch gegen Impotenz, Menstruationsbeschwerden und Reizdarm? Eine Antwort darauf bekam ich letztlich dann allerdings nicht, so wie es da allerdings aus den Apotheken herausgerochen hatte, musste es ja hilfreich sein!

Bangkok – China Town
Bangkok – Zeug von der chinesischen Apotheke

Ich hatte schließlich den Bahnhof erreicht und bin zurück in mein Hotel marschiert um meine inzwischen absolut dreckigen Füße zu waschen und mich ein bisschen auszuruhen. Um halb acht hatte ich dann meinen Termin beim Schneider zur Anprobe des neuen Anzugs. Es ist wirklich erstaunlich, wie schnell das geht. Um halb eins nachmittags fingen die fleißigen Schneiderlein an, und schon sieben Stunden später konnte ich einen zu 95% fertigen Anzug schlüpfen. Auf meine Nachfrage hin, wie viele Menschen an diesem Anzug denn nun bereits gearbeitet hatten, antwortete mir der Inder, dass es etwa 20 Leute gewesen sein müssen. Respekt! An ein paar Stellen musste noch nachgebessert werden, was der Schneider mit Stecknadeln abgesteckt hatte, dann wurden die restlichen Formalitäten erledigt, und mir wurde die Auslieferung für den kommenden Montag, also übermorgen, zugesagt.
Auch heute hatte der Regen gegen Abend wieder nachgelassen und so konnten ich und die beiden Frankfurter Marc und Nico wieder draußen in einem Open-Air-Restaurant zu Abend essen. Wir haben danach jedoch sowohl auf das Pussy Pingpong als auch den Drink in einer Bar verzichtet, und sind stattdessen zurück in unsere Hotels gefahren.

Der nächste Tag war ein Sonntag und gleichzeitig mein letzter Tag in Bangkok. Mit dem Taxi habe ich mich diesmal direkt zum Großen Palast fahren lassen und mir eine lange Hose übergezogen, damit sie mich überhaupt rein ließen. Es war die Hölle los! Scharen von Touristen zogen durch die Anlage. Es war nicht mehr schön und völlig überlaufen. Chinesen machten wieder ihre dümmlichen Posen und auch der Rest der asiatischen Besucher bestaunte lautstark den ehemaligen Residenzpalast der Könige von Siam.

Bangkok – Normaler Sonntagswahnsinn im Großen Palast

Das Siamesische Königreich hatte vom 14. bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts seine Hauptstadt in Ayutthaya, etwa 70 Kilometer nördlich von Bangkok. Ab 1764 kamen allerdings die Birmanen auf ihren Eroberungszügen nach Siam und gelangten schließlich zwei Jahre später nach Ayutthaya. Die Hauptstadt wurde zuerst belagert, dann wurde ein Großfeuer gelegt, und 1767 fiel die Stadt letztlich und wurde vollständig verwüstet, sodass an einen Wiederaufbau nicht mehr zu denken war. Die Stadt wurde aufgegeben, aber der neue siamesische König schaffte es mit frischen Truppen die Birmanen aus dem Land zu vertreiben und schon 1769 die Einheit Siams wiederherzustellen. Allerdings musste eine neue Hauptstadt her, und so fiel die Wahl auf Bangkok. Ein neuer, großer Palast wurde somit an einem verheißungsvollen Tag des Jahres 1782 bezogen und Bangkok zur neuen Hauptstadt gemacht. Drei Jahre später war eine große Zeremonie zur Einweihung des Palastes.

Bangkok – Großer Palast
Bangkok – Großer Palast
Bangkok – Großer Palast
Bangkok – Großer Palast
Bangkok – Großer Palast, Thais können auch neo-klassizistisch
Bangkok – Wat Arun
Bangkok – Wachsoldat im Großen Palast
Bangkok – Großer Palast, überall gruselige Gestalten

Als ich mit der Besichtigung durch war, bin ich zu Fuß wieder durch die Stadt, vorbei an Blumenmärkten, Bistros und Restaurants. Schließlich bin ich wieder am Bahnhof rausgekommen und habe die Metro ins Vergnügungsviertel bei Nana. In der Sukhumvit 4 Allee gab es eine Bar an der anderen. Thaifrauen, jünger oder älter, waren mit älteren europäischen Herren zu sehen und hatten Spaß – oder taten wenigstens so. Obwohl es am helllichten Nachmittag war, waren die Kneipen schon gut bevölkert. Lang war die Straße allerdings nicht, und so war ich schnell am Ende, bin durch eine Tabakfabrik und dann weiter zur Hauptstraße. Mein Hotel habe ich vom Regen durchgeweicht, von der Sonne getrocknet und anschließend wieder verschwitzt erreicht, um dann auf dem obersten Stockwerk am und im Pool wieder ein bisschen runtergekommen, zu baden und mich zu sonnen.

Bangkok – Blumen für die Tempel
Bangkok – Blumenbinder
Bangkok – Markt
Bangkok

Ein weiteres Taxi brachte mich gegen halb sieben wieder zurück zum Bahnhof. Hier habe ich mich mit ein bisschen Proviant eingedeckt und mich dann auf den Weg zum Bahnsteig gemacht – zum Nachtzug nach Chiang Mai. 751 Kilometer und 13:05 Stunden nördlich von Bangkok.

Bangkok – Zug nach Chiang Mai

Der Zug war, naja, sagen wir mal, zweckmäßig. Rechts und links des Gangs gab es der Länge nach Schlafkojen, oben und unten, wobei die unteren vorerst noch als gegenüberliegende Sitzplätze aufgebaut waren. Es waren hauptsächlich Backpacker in unserem Waggon, und nur ein paar wenige Einheimische, die den Zug dem Flugzeug vorgezogen haben. Es mussten allesamt Zugromantiker sein, denn mit dem Flieger ist man für teilweise nicht einmal zehn Euro mehr in lediglich einer Stunde und zehn Minuten dort. Statt eines Speisewagens gingen Angestellte durch den Zug und verteilten Menüs fürs Abendessen und fürs Frühstück, das dann auch an Ort und Stelle serviert wurde. Bei Abfahrt des Zuges um kurz nach halb acht hatte es bereits gedämmert, und so dauerte es nicht allzu lange bis eine weitere Bahnbedienstete durch den Waggon zog und jedem sein Bett herrichtete; mein anfänglicher Versuch, es mir selbst gemütlich zu machen wurde von ihr nämlich brüsk beendet. Nachdem ich mein bestelltes Abendessen zu mir genommen hatte, ging’s ins Bordbad, das lediglich aus zwei Waschbecken bestand, und dann in die Koje, den Vorhang zugezogen, damit ich meine Ruhe hatte und mir das Ganglicht nicht ins Gesicht schien. Trotz des monotonen Ratterns über die Schienenstränge fiel es mir nicht ganz leicht Schlaf zu finden, während unser Zug durch die thailändische Nacht fuhr.

Eine morgendliche Unruhe sowie das laute Ausrufen meiner Platznummer weckte mich aus einem Schlaf, der mir nicht wirklich Erholung gebracht hatte. Ich frühstückte im Schneidersitz hinter dem immer noch zugezogenen Vorhang auf meinem Bett und machte anschließend Katzenwäsche im Bad. Die Bahnbedienstete war inzwischen schon wieder durch den Wagon unterwegs, räumte unser Bettzeug weg, bereitete es für die nächste Fahrt vor und machte uns die Sitzplätze wieder zurecht, sodass wir die letzten anderthalb Stunden bis Chiang Mai sitzend genießen konnten.

Am Bahnhof teilte ich mir mit ein paar anderen Backpackern aus Schweden und Slowenien ein Songthaeo (สองแถว), ein rotes Bussammeltaxi, das quasi ein Pritschenwagen mit seitlich meist halboffenem Aufbau ist, wobei sich die Fahrgäste ohne Sicherheitsgurte auf Bänken gegenübersitzen. Die Songthaeos gehören so dominant zum Stadtbild und haben eine solche Lobby, dass es der Stadtregierung nahezu unmöglich ist, einen ordentlichen ÖPNV in der Stadt zu etablieren. Unser rotes Gefährt brachte uns bis an die historische Stadtmauer, von wo es bis in mein Hostel nicht mehr weit war. Da es noch nicht mal zehn war, durfte ich noch nicht aufs Zimmer und so zog ich mir was bequemeres an, ließ meinen Rucksack dort und machte mich auf den Weg in die Stadt. Chiang Mai ist mit seinen knapp 140.000 Einwohnern die größte und wichtigste Stadt im Norden des Landes. In der rechteckig angelegten Altstadt, die von besagter, teilweise noch erhaltener Stadtmauer samt parallel verlaufendem Wassergraben umgeben ist, gibt es etwa 200 buddhistische Tempel. Außerdem ist die Stadt Zentrum des thailändischen Kunsthandwerks, und der Tourismus ist eine wichtige Erwerbsquelle vieler Einwohner.

Chiang Mai – Bahnhof, Porträt von König Rama V.
Chiang Mai
Chiang Mai
Chiang Mai
Chiang Mai
Chiang Mai
Chiang Mai

Es war ja nicht das erste Mal, dass ich buddhistische Tempel gesehen habe. Letztlich sind sie, wie Kirchen bei uns, oft Meisterwerke und bedurften eines erstaunlichen handwerklichen Geschicks, aber letztlich sind doch irgendwie alle gleich. Und wenn man dann mal ein paar gesehen hat, dann wird man ihrer schnell überdrüssig. Ich habe also nur jene besucht, die man mir explizit empfohlen hatte. Gegen Mittag habe ich in einer Garküche für kleines Geld was Leckeres zum Essen geholt und bin zurück ins Hostel. Ich konnte inzwischen in mein Zimmer und mich frisch machen. Um zwei war dann Abholung zu einem Elefantencamp.

Camps, in denen die Dickhäuter gehalten werden, gibt es viele, aber ich hatte mich hier für eines entschieden, das mir als elefantenfreundlich und hinsichtlich der Tierhaltung als artgerecht an Herz gelegt wurde. Zusammen mit fünf anderen Backpackern aus den Staaten, aus England und aus Brasilien ging es wieder auf der Ladefläche eines Pritschenwagens eine knappe Stunde hinaus aufs Land. Es war ein kleines Camp mit fünf Elefanten, darunter ein zentnerschweres Baby, die dort gehalten und liebevoll umsorgt wurden. In dem von einer Tierschutzorganisation betriebenen Camp lebten neben einer ortsansässigen Familie auch die Mahouts, die Elefantentreiber. Wobei das Wort womöglich ein bisschen irreführend ist, denn sie trieben die Elefanten nicht (mehr), sondern waren besorgt um ihr Wohlergehen und ihre Pflege. Daneben gab es allerdings auch noch Backpacker aus verschiedenen westlichen Ländern, die für einige Wochen oder Monate im Camp arbeiteten und die meist ausländischen Gäste mit herumführten und ihnen die Lebensweisen und –gewohnheiten der Dickhäuter auf Englisch besser erklären konnten als die Mahouts, deren Englisch eher rudimentär war.

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde mussten wir uns umziehen und in alte Jeanshemden und ‑hosen steigen, die auch dreckig werden durften, denn bei den Elefanten geht es nicht ganz so zimperlich zu. Wir durften die Tiere als erstes mit Bananen füttern, und dabei waren sie schon ziemlich heikel: wenn die Bananen zu grün waren, haben sie sie verschmäht und einfach auf den Boden fallen lassen – sie wussten ja, es sind genügend Leute da, von denen sie was bekamen. Im Anschluss wurden wir und die Elefanten ein kurzes Stück zu einer Lichtung mit Pflanzen-Leckerbissen geführt und wir konnten uns mit den ausländischen Angestellten ein bisschen unterhalten. Sie erzählten uns, dass die Tiere teilweise für viel Geld aus Arbeitslagern in thailändischen Dschungel herausgekauft und hier wieder aufgepäppelt wurden und in Sicherheit gehalten werden. Auch des Nachts müssten die Familie und die Mahouts immer auf der Hut sein, denn es sei auch schon vorgekommen, dass die Elefanten von irgendwelchen Plantagenbesitzern oder deren Handlangern gestohlen wurden.
Elefanten haben eine unglaublich empfindliche Haut. Es sieht zwar überhaupt nicht so aus, aber sie sind einen großen Teil ihrer Zeit damit beschäftigt, ihre Haut gegen die Sonne und Parasiten zu schützen. Ich habe das bereits im Krüger-Nationalpark gesehen: kaum war die Herde sauber und frisch gebadet aus dem Wasserloch heraus, haben sie mit ihrem Rüssel den losen Staubboden wieder auf ihrem Rücken verteilt. Und obwohl man es sich kaum vorstellen kann, sind die Rücken der Elefanten angeblich überhaupt nicht geeignet um Personen oder Lasten zu tragen. In diesem Camp war ein Elefantenritt also vollkommen ausgeschlossen.

Chiang Mai – Elefantencamp

Nachdem sich die Elefanten gütlich an den Pflanzen getan hatten, ging es weiter zu einem Schlammloch, in das diesmal nicht nur die Tiere, sondern auch wir geführt wurden. Wir durften die Dickhäuter mit Schlamm vollschmieren und abreiben, und es hat nicht nur ihnen gut gefallen, sondern auch den Gästen. Dick mit Dreck war es gerade ein Freunde, kurz darauf ins nebenan gelegene Wasserloch zu gehen (laut unserer Guides alles frei von Schlangen und sonstigem gefährlichem Geziefer!) und unter Gejohle den Schlamm von der Haut zu waschen. Die Elefanten haben hingehalten wie eine lausige Sau, als wir ihnen den Dreck hinter den Ohren wegwuschen und sich dabei einfach ins Wasser umfallen ließen.

Chiang Mai – Elefanten am Schlammloch
Chiang Mai – Elefantencamp

Während die anschließende Dusche für die Elefanten aus Sand und Erde bestand, konnten die menschlichen Besucher eine richtige Dusche mit Wasser genießen und gleich danach noch einen Sprung in einen sauberen Pool. Zum Essen gab es frische thailändische Nudelsuppe, die wir uns selbst zusammenstellen konnten, und dabei wurden die Bilder gezeigt, die von uns während der Tour geschossen wurden. Es dunkelte schon, als wir – diesmal zusammen mit den ausländischen Guides – wieder auf den Pritschenwagen gepackt und in die Stadt zurückgefahren wurden.

Für den Abend war ein Spieleabend im Hostel angekündigt gewesen, dessen Start ich natürlich verpasst hatte, weil wir zu spät zurückgekommen waren. Ich habe stattdessen geduscht und bin erst gegen Ende wieder hinunter an die Bar und habe mir einen Gin Tonic gegönnt; um genau zu sein, es waren drei. Irgendwann wurde dann quasi von einem hosteleigenen Stimmungsmacher entschieden, dass man weiterziehe und zunächst eine Hotelbar und dann eine Karaokebar besuche. Ich hatte mich der Meute angeschlossen, fühlte mich aber vollkommen fehl am Platz. Während einige furchtbar schräg irgendwelche Lieder sangen, spielte ich mit ein paar Amis Billard und kam mir vor wie ein alter Mann. In dieses Hostel und diese Gruppe Teenies passte ich genauso wenig hinein wie seinerzeit in jenes Hostel auf Magnetic Island – gut nur, dass damals Nico mit dabei war. Als es mir dann völlig zuwider war, bin ich abgehauen und habe mich in meine Kajüte verzogen.

***

Ich hatte von Anfang an ja damit gerechnet. Es konnte auch gar nicht ausbleiben, denn alle Tage Sonnenschein gibt es nicht mal auf einer Weltreise. Und so kam, was kommen musste. Nach einem gastrisch-gesundheitlichen Tiefpunkt auf Machu Picchu kam heute der psychische Tiefpunkt. Ich weiß nicht mehr, was ich an jenem Tag gefrühstückt hatte oder wann ich aufgestanden war, ich weiß nur noch, dass es ein Scheißtag war. Ich war mal wieder dabei, einen der unzähligen Tempel anzuschauen, als es mich im Wat Phra Singh Woramahawihan (วัดพระสิงห์วรมหาวิหาร) unter schattigen Bäumen plötzlich überkam. Ich musste mich auf eine Bank setzen. Mir war zum Heulen zumute, und ich sinnierte darüber, wie Kacke doch alles war. Ich war ja oft und viel alleine unterwegs; das war mir von Anfang an klar. In Neuseeland war ich quasi drei Wochen auf mich gestellt und hatte kaum längeren Kontakt mit anderen. Aber hier kam ich mir zum ersten Mal nicht nur alleine vor, sondern richtig einsam. Ich wünschte mir, es käme einfach jemand auf mich zu und nähme mich in den Arm. Scheiße aber auch! Stattdessen war ich wahrscheinlich der Älteste im Hostel. Ich konnte mit keinem der Teenies wenigstens ein Gespräch führen, das nicht oberflächlich war. Nichts klappte auch nur annähernd so wie ich wollte. Ich kam mir wie Luft vor, und das alles in einer Stadt, die mich nicht zu haben wollen schien. Allerdings kann ich sagen, dass ich auch in dieser Situation kein Heimweh hatte. Ich musste hier einfach weg. Zum Glück ging morgen früh der Flug nach Kambodscha.

Chiang Mai – Wat Phra Singh Woramahawihan
Chiang Mai – Zinnsoldat im Wat Phra Singh Woramahawihan

Mein Rettungsanker kam dann am Nachmittag. Ich hatte mich davor noch von einer Taxifahrerin in einem typischen roten Bus für wahrscheinlich viel zu viel Geld hinauf zum Wat Phrathat Doi Suthep (วัดพระธาตุดอยสุเทพ) kutschieren lassen. Von den Souvenir- und Fressständen abgehend führte eine von steinernen Schlangen gesäumte Treppe hinauf zum Tempel, der für seinen weißen Elefanten und die wunderschöne Goldene Chedi berüht ist, die eine Reliquie Buddhas enthalten soll. Zurück in der Stadt kam ich gerade rechtzeitig am Hostel an, wo mich der nächste Pickup schon erwartete. Diesmal ging es mit drei Amis und zwei deutschen Gymnasiastinnen zum Thai-Kochkurs – und von da an ging es langsam wieder aufwärts.

Chiang Mai – Wat Phrathat Doi Suthep
Chiang Mai – Wat Phrathat Doi Suthep, Goldene Chedi
Chiang Mai – Wat Phrathat Doi Suthep, Weißer Elefant
Chiang Mai – Fahrt vom Tempel zurück in die Stadt

Auf einem kleinen Einheimischen-Markt hat uns unsere Kochlehrerin Gewürze, Kräuter und weitere typische Gemüse der thailändischen Küche gezeigt und erklärt, zu welchen Gerichten sie hauptsächlich verwendet werden. Dann ging die Fahrt weiter zu einer Kochschule in einem kleinen Dorf, die von einem Schweizer und dessen thailändischer Frau geführt wurde. Es war eine offene und mit einem hohen Giebel überdachte Veranda, auf der neben einigen Tischen auch Kochstellen für zehn Leute angebracht waren. Dazwischen rannten ein süßer Golden Retriever und ein kleiner Wadlbeißer umher, während eine skeptisch dreinblickende, thailändische Großmutter das Ganze von ihrem Schaukelstuhl an der Wand beobachtete – ob sie uns eher argwöhnisch betrachtete oder einfach nur mit dem falschen Fuß aufgestanden war, konnten wir bis zum Schluss nicht klären.

Chiang Mai – Besuch auf’m Markt

In einem kleinen klimatisierten Nebenraum wurde uns Tee serviert und wir konnten uns ein bisschen unterhalten, bevor es losging. Die beiden Deutschen waren nach dem Abi auf einer Südostasienrundreise und erst ein paar Tage unterwegs. Die drei Amis waren ebenfalls auf einer kleinen Tour durch Asien, sozusagen als Abschluss eines noch viel größeren Abenteuers. Sie waren zuvor nämlich zwei Jahre für das amerikanische Peace Corps in Sambia und haben dort Bauern unterstützt, um die Landwirtschaft in deren Dörfern effektiver zu gestalten. Das Peace Corps selbst ist eine unabhängige US-Behörde und wurde 1961 unter der Kennedy-Regierung ins Leben gerufen um das Ansehen Amerikas in der Welt zu verbessern – ein Unterfangen, das heute aktueller denn je ist. Die an diesem Programm teilnehmenden Freiwilligen verpflichten sich, für 24 Monate im Ausland tätig zu sein und dort gegen Malaria, für den Umweltschutz, für die Aufforstung oder eben in der Landwirtschaft zu arbeiten. Die drei waren in unterschiedlichen Teilen Sambias eingesetzt und haben sich nur selten gesehen, aber sie haben faszinierende Geschichten erzählt von ihren Hütten ohne Strom, Verständigungsschwierigkeiten mit den Einheimischen, der Hitze, wilden Tieren, der absolut dunklen Nacht in der sambischen Wüste und einem atemberaubenden Sternenmeer, das man so bei uns nicht kennt.

Jeder von uns Kochschülern durfte sich aus je vier oder fünf Möglichkeiten eine Vorspeise, eine Hauptspeise und ein Dessert aussuchen. Ich hatte mich für Pad Thai, Khao Soi und als Dessert Pappreis mit Mango entschieden. Wir wurden an einen Tisch geführt, an dem die Köchin und zwei Hiwis alle Zutaten für die jeweiligen Gerichte vorbereitet hatten, und die wir unter gekonnter Anleitung schälen, hacken, kleinschneiden, zerdrücken oder würfeln mussten. Anschließend ging es hinüber zu den Kochstellen. Der Wind hatte inzwischen aufgefrischt und die Brise sorgte dafür, dass es am Herd nicht allzu heiß herging. Nachdem alle Gerichte zubereitet waren, haben wir wieder im kleinen klimatisierten Raum Platz genommen, gequatscht und vor allem genossen, was wir gekocht hatten. Alle sechs waren wir von der thailändischen Küchen im Allgemeinen und von unseren Kochkünsten im Besonderen begeistert, und bei diesem leckeren Essen ließ sich auch einfacher darüber hinwegsehen, dass das Essen auf dem Boden mit 30 Zentimetern hohen Tischchen gerade für uns Westler nicht ganz so gemütlich waren.

Chiang Mai – Thai-Kochkurs

Die Brise hatte sich in der Zwischenzeit zu einem ordentlichen Gewitter mit tropischem Regenschauer entwickelt. Den Golden Retriever hatte es gefreut, denn er tollte draußen im strömenden Regen herum – beim Abschiednehmen haben wir uns schweren Herzens von ihm fern gehalten um nicht selbst mit einem Nasser-Stinkehund-Geruch zu enden.

Zurück im Hotel habe mich auf mein Zimmer verzogen, meinen Rucksack gepackt und mich selbst bemitleidet ob des Tages, der nur durch den Kochkurs noch einigermaßen erträglich wurde. Am nächsten Morgen, der Regen hatte nur unmerklich nachgelassen, habe ich ausgecheckt, mir ein Grab bestellt und mich zum Flughafen bringen lassen. Von Chiang Mai führte mich mein Weg über Bangkok hinüber nach Kambodscha. Das notwendige Visum hatte ich bereits ein paar Tage zuvor im Internet beantragt und mir ausdrucken lassen. Von jetzt sollte es wieder besser gehen. Thailand hätte ein bisschen mehr Organisation und/oder ein bisschen mehr Zeit verlangt, dann wäre es vielleicht noch besser gewesen.

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