La Paz und ich

La Paz und ich

Wir hatten Startschwierigkeiten. So richtig warm (auch im wörtlichen Sinne) wurden wir uns nicht. La Paz und ich.

Übermüdet und frierend bin ich am Freitagmorgen um halb acht am Flughafen El Alto in Boliviens Hauptstadt angekommen. Die Stadt liegt hoch in den Anden zwischen 3600 und 4100 Metern über dem Meer. Der Stadtteil El Alto, der inzwischen mehr Einwohner zählt als das eigentliche La Paz, liegt samt Flughafen ganz oben auf einer Hochebene. Das könnte ja eigentlich ganz nett sein, aber wo oben ist, da sind Wolken. Und wo Wolken sind, da ist nicht selten Regen. So auch an diesem Morgen. Dazu kamen eine Temperatur von knapp zehn Grad und ein Verkehr, der chaotischer kaum sein könnte. Für die 15 Kilometer zu meinem Hostel in der Innenstadt brauchte das Taxi eineinviertel Stunden. Und dann kam noch dazu, dass mein Zimmer nicht bezugsfertig war, obwohl ich zuvor zwei E-Mails geschrieben hatte, um mich so früh anzukündigen.

La Paz

Als es um halb eins trotz oberster Priorität immer noch nicht fertig war, bin ich los in die Stadt, weil ich richtig Kohldampf hatte. Zuerst war ich recht planlos unterwegs, aber dann bin ich in den Mercado Lanza. In diesem Gebäude gibt es auf verschiedenen Ebenen, die kreuz und quer verlaufen, kleine und größere Stände, die fest verbaut sind. In der einen Reihe wird Fleisch verkauft, in der anderen Blumen, dann Elektronik, Kosmetik, Brot, Früchte, und ziemlich oben sind Restaurants, wenn man sie denn so nennen will. Diese sind teilweise samt Küche nicht größer als ein Badezimmer, die meisten sind etwa zwei Meter lang und vielleicht fünf oder sechs Meter breit. Man sitzt auf einer Bank mit Tisch, und direkt davor wird in einem Streifen von einem Meter gekocht. Ich bin ein paar Mal unschlüssig auf und ab gegangen, bis ich mich schließlich in eine diese Küchen gesetzt habe. Und ich wurde nicht enttäuscht. Die Suppe und der Hauptgang waren echt lecker, und – und das freut den in Patagonien geschundenen schwäbischen Geldbeutel – es war spottbillig. Für das Essen und einen Humpen Ananassaft habe ich gerade einmal 12 Bolivianos bezahlt, etwa 1,40 Euro. Klar, dass ich am nächsten Tag nochmal hin bin. Und wer meint, dass man davon einen flotten Otto bekommt, den kann ich beruhigen. Es war absolut nicht der Fall.

La Paz – Meine Casera

Zurück im Hotel habe ich mich erstmal hingelegt und ein bisschen gepennt, und auch der Rest des Abends war ganz gechillt – ein Mojito, nein zwei, haben dafür gesorgt. Nach dem Frühstück am nächsten Morgen bin zur Plaza Murillo, um die herum der Präsidentenpalast sowie das Parlamentsgebäude angesiedelt sind, und habe mich der Free Walking Tour angeschlossen. Pablo, unser Guide, hatte auch einiges zu erzählen. Bolivien, das erst 1825 von der spanischen Krone unabhängig wurde, hatte während seiner Geschichte einige Präsidenten, die vor allem der indigenen Bevölkerung (ca. 50% der Bolivianer) alles andere als wohlgesonnen waren. Zum Beispiel einen, der ein Drittel der Landesfläche Boliviens gegen ein weißes Ross des brasilianischen Präsidenten eintauschte, als dieser Ende des 19. Jahrhunderts zu einem Staatsbesuch da war. Der Gaul starb zwei Monate später. Evo Morales, der aktuelle und erste indigene Präsident, wurde anfangs als großer Heilsbringer gesehen und hat auch einiges für das Land getan. Der Wirtschaft geht es gut, selbst wenn Bolivien immer noch als eines der ärmsten Länder Südamerikas gilt. Nach nun 12 Jahren im Amt kommt von seiner Seite jedoch auch allerhand Unsinn. Die Korruption ist gewaltig, im Moment lässt er sich hinter dem Präsidentenpalast einen Wolkenkratzer (zugegeben, das ist in La Paz nicht schwer; die ganze Stadt hängt ja quasi in den Wolken) hinstellen, und dann bringt er Aussagen wie, die Bolivianer sollen weniger Pollo (Hähnchenfleich) essen, weil das Fleisch zu viele weibliche Hormone hätte und schwul mache. Was die Moralres-Regierung allerdings geschafft hat, war der Bau von Seilbahnen, die in der Stadt den Verkehr entlasten und die enormen Höhenunterschiede spielend überwinden. Die österreichische Firma Doppelmayr, die unsereins vom Skifahren kennt, hat die Seilbahnen gebaut, und obwohl die Einnahmen weit hinter den Erwartungen zurückliegen, ist MiTeleférico ein großer Erfolg. Und den heftet sich der Präsident natürlich selbst ans Revers – von jeder Kabine prangt Evos Visage. Die Regierung fährt außerdem einen äußerst antiimperialistischen Kurs. DieUSA sind sowieso verhasst, und McDonald’s wird man in Bolivien nicht finden. Diese Ablehnung treibt sogar so kuriose Blüten, dass die Uhren am Parlamentsgebäude und am alten Bahnhof nicht die böse imperialistische Zeit anzeigen, sondern quasi spiegelverkehrt und gegen den Uhrzeigersinn laufen. Wenn es also halb elf ist, zeigen die Uhren halb zwei an. Diese Zeitumstellung hat sich aber zum Glück nicht durchgesetzt.

La Paz – MiTeleférico

Im Mercado Lanza ließ uns Pablo Früchtebecher probieren, die groß, lecker und günstig waren. Schon als wir in die Früchteabteilung des Mercado gekommen sind, haben uns eifrige Caseras (also quasi die Wirtinnen) herbeigewunken. Jeder hat angeblich so eine Casera, egal ob auf dem Mercado Lanza oder woanders. Und seiner Casera ist man treu, wie seiner Frau. Wehe, wenn du mal fremdgehst und bei einer anderen Casera einkaufst. Irgendwann erfährt es deine Casera, und dann schickt sie dich zum Teufel. Ohne Pardon!

La Paz – Früchte-Caseras warten auf Kundschaft

Zuhause in Augsburg liebe ich unseren Stadtmarkt, aber fast noch mehr mag ich es, über Märkte in fremden Ländern zu schlendern. Egal ob auf einem Markt im indischen Vishakapatnam, wo sie auf dem Boden Fisch bei 30 Grad im Schatten feilbieten, oder im Mercado Central in São Paulo, wo sie einen von exotischen Früchten probieren lassen, oder eben hier in La Paz auf dem Mercado Rodriguez. Überall gibt es Obst und Gemüse zu kaufen, das man bei uns nicht kennt. Die Düfte und Gerüche (wenn auch nicht immer angenehm), die Atmosphäre und die verschiedensten Waren, das alles sind Eindrücke, die man nicht übers Fernsehen erfahren kann. Die Cholitas sitzen zwischen all ihrem Gemüse und warten auf Kundschaft. Sie verkaufen Kartoffeln in verschiedensten Farben und Formen; im Amazonasgebiet soll es sogar Kartoffel geben, die, ähnlich einer Kiwi, kleine Härchen haben. Mais, weiß oder rot oder dunkel oder gesprenkelt, wird angeboten, und dazu Kräuter, Coca-Blätter und vieles mehr. Die tropischen Früchte kommen aus einer Regenwaldgegend, die nur zwei Stunden entfernt von La Paz liegt – und weit über 2000 Meter tiefer.

La Paz – Mercado Rodriguez
La Paz – Mercado Rodriguez
La Paz – Mercado Rodriguez

Weiter geht es über die Kathedrale San Francisco zum Mercado de la brujas, dem Hexenmarkt. Mehr und mehr zu einem Touristenmarkt verkommend, gibt es hier aber immer noch all jene Ingredienzien, die der geneigte Bolivianer für die Opfer für Pachamama braucht. Die Mutter Erde spielt in der Religiosität der Leute immer noch ein große Rolle – und das Ganze toleriert von der katholischen Kirche, der 78% der Bolivianer angehören. Inzwischen sind die Gebräuche verschmolzen, und Pachamama wird quasi mit der Gottesmutter Maria gleichgestellt. Bevor man beispielsweise zum ersten Mal an seinem Bier oder sonstigem Getränk ansetzt, gießt man einen Schluck davon auf den Boden zum Dank an Pachamama, die besonders den Alkohol liebt. Wenn man etwas Größeres vorhat oder sich kaufen will, dann macht man sich einen Opferkorb. In einem solchen sind heutzutage meist Coca-Blätter, Süßigkeiten und kleine Täfelchen (meist aus Zucker), auf denen der Wunsch abgebildet ist – also zum Beispiel Geld, ein Auto, ein Haus, oder ein Kondor für das glückliche Gelingen einer Reise. Was auf keinen Fall fehlen darf, ist ein Lama-Fötus. Hierbei sei gesagt, dass Totgeburten bei Lamas wohl recht häufig seien. Ob manchmal aber nicht auch nachgeholfen wird, das wollte selbst Pablo nicht ausschließen. Mit diesem Korb geht man nun zu einem Priester und lässt sich den Segen geben. Anschließend fährt man zu einer Hexe, die auch männlich sein kann, und lässt das Ganze von ihr unter Anrufung der Pachamama verbrennen. Da manchmal auch noch Plastik in so einem Opferkorb dabei ist, stinkt es in der Straße in El Alto, in der die Hexen ihre Küchen haben, teilweise bestialisch. So sehr, dass ich tags drauf alles waschen lassen musste.

La Paz – San Francisco
La Paz – Hexenmarkt
La Paz – Opfergabe für Pachamama (man beachte den getrockneten Lama-Fötus)

Der letzte Stopp der Walking Tour mit Pablo war am berühmt-berüchtigten Gefängnis San Pedro. Es ist eine Stadt in der Stadt mit 3000 Menschen, die dort leben, obwohl es nur für 600 ausgelegt worden war. Häftlinge sitzen dort zusammen mit ihren Familien ein, sie verwalten sich selber, denn die Polizei hat nichts zu sagen. Die Kinder gehen dort in die Schule, und die Frauen gehen außerhalb einer Arbeit nach. Berühmt wurde das Gefängnis durch den Insassen Thomas McFadden aus Liverpool, der 1996 mit fünf Kilo Kokain erwischt und in dieses Gefängnis gesteckt wurde. Er hatte es dort drin nach anfänglichen Schwierigkeiten zu etwas gebracht und schließlich sogar geführte Touren für Touristen angeboten hatte. Selbst im LonelyPlanet seien die Touren empfohlen worden, und für jeden Besucher gab es am Ende ein Tütchen Kokain. Nachdem ein ausländischer Reporter darüber berichtet hatte, sah sich die Regierung gezwungen, dem Ganzen einen Riegel vorzuschieben. Das Kokain aus dem Gefängnis sei aber bis heute noch das reinste im ganzen Land.

La Paz – Gefängnis San Pedro

Nach dem Mittagessen bei meiner neuen Casera im Mercado Lanza habe ich mich wieder einer Gruppe angeschlossen, die diesmal von Pablo und seinem Kollegen Marco geleitet wurde. Zuerst wurden wir in einen Minibus gepfercht, und anschließend ging’s es ganz entspannt im Teleférico rauf nach El Alto. Für die Strecke bis ans Ende der blauen Linie haben wir gute 20 Minuten gebraucht; mit dem Auto hätte eine Stunde nicht gereicht. Pablo hat mehrere Caseras in verschiedenen Stadtteilen und für verschiedene Belange. So hat er uns also zu seiner Früchte-Casera in El Alto geführt und uns diesmal Fruchtsaft probieren lassen. Im strömenden Regen stand dann der Besuch bei den Hexen an. Es gab wieder einen Markt, der diesmal aber viel spezialisierter für die Opfergaben war. Gemahlene Gewürze, Pulverchen, Coca-Blätter und die besagten Zuckertäfelchen konnten für die Pachamama erstanden werden. Und dazu gab es Lama-Föten in verschiedenen Farben und Größen, die von den Decken der Stände herunterbaumelten. Ums Eck war dann die Hexenstraße. Je nach Rang und offiziell anerkannter Qualifizierung kostet die Dienstleistung einer Hexe mehr oder weniger, und eine solche Dienstleistung ist dabei nicht nur das Verbrennen der Opferschalen unter Anrufung der Mutter Erde, sondern beispielsweise auch das Vorhersagen der eigenen Zukunft aus Coca-Blättern. Jetzt kann man von all dem halten, was man will, was mich aber sehr verstört hat, war Folgendes: Es ist ja ein spiritueller, wenn nicht gar heiliger Ritus, aber die Hexen wohnen bzw. arbeiten in dreckigen Löchern. Die Opferkörbe werden auf dem Gehweg verbrannt, es stinkt fürchterlich und zwei Meter nebendran läuft der Verkehr auf einer mit Schlaglöchern und Wasserlachen übersäten Schotterstraße. Wo bleibt denn da die notwendige Würde des Ganzen?

La Paz – Hexenstraße
La Paz – Hexenstraße

Völlig durchnässt haben wir mit der Teleférico anschließend den Rückweg angetreten, und als ich am Hostel ankam, war mir’s einfach nur kalt. Folglich war auch dieser Abend unspektakulär. Der nur schlecht funktionierende Durchlauferhitzer der Dusche hat dazu beigetragen, dass selbige äußerst kurz war, und dann ging‘s ab ins Bett. Die Abholung zum Titicacasee war für kurz nach sieben geplant.

La Paz hat touristisch nicht allzu viel zu bieten. Sicher, wenn das Wetter nicht so widrig gewesen wären, dann hätten wir uns mehr angefreundet, La Paz und ich. So bleibt es bei einer Erfahrung. Sollte ich tatsächlich nochmal herkommen, dann heißt es: raus aus der Stadt. Es gibt einige schöne Täler in der Gegend, die in etwa einer Stunde erreicht werden können. Mountainbiker kommen auf der Death Road auf ihre Kosten, und in die Salzwüste nach Salar Uyuni ist es dann auch nicht mehr weit.

Ein Gedanke zu „La Paz und ich

  1. Lieber Dominik, jetzt muss ich mich doch mal wieder in Deinen Blogg setzen und Worte hinterlassen. Es ist so wunderbar, Dich und Deine Erlebnisse zu begleiten und sehnsüchtig darauf zu warten, dass am nächsten Tag gleich wieder ein neuer Bericht online ist. Aber nein, das geht natürlich nicht. Die Erlebnisse mit Dir zu erleben, Deine Erfahrungen und Eindrücke zu verarbeiten in meinen/unseren Alltag…es gibt nichts Schöneres, was momentan die Sonne und Wärme in Deinen Blogg und in die Augen der Leser zaubert. Danke dafür. „Impressionante“ sagte heute mein Freund Rui, dem ich von Deinem Vorhaben und Deinen Aktivitäten erzählte. Anders kann ich es auch nicht ausdrücken. Mach weiter so. Hab viel Spaß. Pass auf Dich auf und genieße weiterhin alles, was es zu genießen und zu erleben gibt. Viele Grüße aus der nahen Ferne, Daniel

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