Mit Marianne und Udo durch die Wüste

Mit Marianne und Udo durch die Wüste

Nächtliche Ruhe liegt über der Stadt, und in der Long Street sind nur noch die letzten Nachtschwärmer auf der Suche nach ihrem Uber. Es ist kurz vor halb fünf als ich mich an diesem frühen Mittwochmorgen auf den Weg zum Flughafen mache. Es geht weiter nach Windhuk, in die Hauptstadt Namibias.

Aber man hatte mich gewarnt. Mehrere Leute unabhängig voneinander. Und alle behielten Recht. Windhuk ist ein uninteressantes Nest. Ich war zugegeben an einem heißen Nachmittag dort, aber wo sind die 322.000 Einwohner nur?
Früher einmal war Windhuk der Verwaltungssitz der Kolonie Deutsch-Südwestafrika. Bis 1915, als während des ersten Weltkrieges südafrikanische Truppen die Stadt einnahmen und besetzten, war Deutsch auch Amtssprache in der Kolonie. Dennoch gibt es noch heute viele, die Deutsch sprechen, wenn auch im Vergleich zu Afrikaans nur wenige. Afrikaans hat sich im 17. Jahrhundert aus dem Niederländischen entwickelt und wird in Südafrika von 13,5% der Bevölkerung als Muttersprache gesprochen, wovon es seit den Achtzigern mehr nichtweiße Muttersprachler gibt als weiße. In Namibia wird Afrikaans von 11% der Bevölkerung als Muttersprache gesprochen. Trifft man hier also auf (aber nicht nur) weiße Namibianer, dann könnte man meinen, man ist irgendwo in Holland gelandet.

Am Flughafen nehme ich mir ein Mietauto und fahre zu meiner Unterkunft in der Stadt. Auf den Straßen ist fast nix los. Ist heute Feiertag?
Nachmittags mache ich mich bei brütender Hitze auf den Weg zu den wenigen Sehenswürdigkeiten. Irgendwie scheint man in Namibia ein recht entspanntes Verhältnis zu Diktatoren zu haben. Mitten in der Stadt nämlich treffen die Robert-Mugabe-Avenue und die Fidel-Castro-Street aufeinander. Der Ehrlichkeit halber muss aber dazu gesagt werden, dass es irgendwo am Stadtrand auch eine Mahatma-Gandhi- und eine Hans-Dietrich-Genscher-Street gibt. Und, fast als Wiedergutmachung sozusagen, steht just an der Kreuzungsstelle der Diktorenstraßen eine Kirche. Die Christuskirche, die von deutschen Kolonisten erbaut und 1910 feierlich eingeweiht wurde.

Windhuk, Christuskirche an den Diktatorenstraßen

Die Kirche ist protestantisch schlicht. Das daneben befindliche Monument zur Unabhängigkeit Namibias (von Südafrika übrigens!) im Jahr 1990 erinnert an ein Propagandamuseum aus DDR-Zeiten. Und die Alte Feste, nochmal 50 Meter weiter, mit deren Bau 1890 die Grundsteinlegung der Stadt Windhuk angesehen wird, ist seit 2014 geschlossen. Und dann war’s mir zu bunt bzw. zu heiß. Ich brauchte was zum Trinken. Erst beim zweiten Versuch, etwas Anständiges zu finden, war ich erfolgreich und so habe ich mich in die Skybar vom Hilton gesetzt und (alkoholfreie!) Cocktails geschlürft – hilft ja nix! Wer braucht da denn noch weitere Sehenswürdigkeiten?

Windhuk, Unabhängigkeitsdenkmal
Windhuk, Hilton Skybar

Am nächsten Tag bin ich mit meinem kleinen Polo die gut 350 Kilometer nach Swakopmund gefahren. Ich habe nicht schlecht gestaunt, als ich irgendwann auf der Suche nach einem Radiosender Deutsch gehört habe. Das Programm an sich und die Moderationen waren zwar eher laienhaft, aber es gibt hier tatsächlich noch Sendungen nach dem Motto Um Antwort wird gebeten. Hörer fragen Hörer. Sowas habe ich bei uns ja schon seit über 20 Jahren nicht mehr gehört. Erstaunlicherweise machen das aber auch die englischsprachigen Sender. Wahrscheinlich auch die Afrikaans- oder Oshivambo-Sender, aber das verstehe ich ja ohnehin nicht (Oshivambo ist die Muttersprache von fast der Hälfte aller Namibianer). Und so bin ich dann halt mit 120 Sachen und bei teils über 40°C durch die namibische Wüste gedüst und habe lautstark zu Marianne Rosenberg und Udo Jürgens mitgeträllert. Wohlgemerkt, dass die nicht von meiner Schlager-Playlist gekommen sind!

Swakopmund liegt am Atlantik (an der Mündung des Flusses Swakop) und ist noch deutscher als Windhuk. Hier sind die Spuren der Kolonialzeit noch viel offensichtlicher. Man kann deutsche Leberwurst kaufen, in einer deutschen Apotheke einkaufen, und die Straßen durch die Stadt sind so breit, dass man meinen könnte, die Leute warten hier auf den pompösen Einzug des deutschen Kaisers samt Gefolges. So manche amerikanische Kleinstadt würde ob der Straßenbreite vor Neid erblassen.

Aber auch hier ist nicht viel los auf den Straßen. Dennoch, wohin man hört: Deutsche. Das ist nicht nur hier in Swakopmund so, sondern hat schon in Kapstadt angefangen (gefühlsmäßig war das nach Englisch die am meisten gehörte Sprache, wenn man so durch die Stadt gegangen ist!) und es hat sich in Windhuk fortgesetzt. Das Gästehaus, in dem ich absteige, wird von einem lesbischen Pärchen geführt, das sich rührend um seine Gäste kümmert. Die beiden sprechen aber – oh Wunder! – Afrikaans.

Swakopmund
Swakopmund
Swakopmund
Swakopmund
Swakopmund
Swakopmund
Swakopmund
Swakopmund
Swakopmund

Das Wetter hier an der Küste ist auch wesentlich angenehmer als im heißen Windhuk. So schaue ich mir also bei angenehmen Temperaturen Swakopmund an und gönne mir was Süßes. Tags drauf fahre ich nach Walfischbucht, das eigentlich Walvis Bay heißt, schaue mir die Lagune an und dann geht’s raus in die Wüste. Dieser Teil ist ein Ausläufer der Namibwüste, die ein Stück weiter im Süden liegt, und bei Weitem nicht so rot ist wie der südliche Teil in der Gegend um Sesriem und Sossusvlei. Das Quadfahren macht trotzdem Spaß, aber wäre kein Guide dabei, man würde sich heillos verfahren. Die Sandwüste erstreckt sich auf über 30 Kilometer zwischen Walfischbucht und Swakopmund, und westlich davon kommen nur noch die Verbindungsstraße und dann der Atlantik. Die Düne 7 kann man aber nicht nur befahren, sondern auch besteigen. Und das ist wesentlich anstrengender als es aussieht. Mit jedem Schritt nach oben rutscht man auch die Hälfte wieder runter, aber wenn man dann mal oben ist, ist der Ausblick toll. Weit in der Ferne ist das Meer auszumachen, und auf der anderen Seite ist nur noch endlose Wüste.

Walfischbucht, Dune 7
Walfischbucht, Dune 7
Walfischbucht, Dune 7
Walfischbucht, Dune 7
Walfischbucht, Dune 7
Walfischbucht, Dune 7

Ich verlängere eine Nacht in Swakopmund, und mache am nächsten Tag einen geführten Ausflug mit dem Kayak zu den Seehunden in Walfischbucht. Relativ früh am Morgen geht es los, vorbei an Flamingos, die in der Lagune ihre Köpfe ins Wasser stecken, vorbei an einem Salzwerk und weiter 20 Kilometer auf einer Sandbank bis zu deren Ende am Pelican Point. Es ist natürlich bezeichnend, dass dort keine Pelikane angetroffen werden, sondern ausschließlich Seehunde (und ein paar Wüstenschakale, die’s auf die Seehundbabys abgesehen haben, die sich keine Fische fangen können und verhungern). Jedenfalls liegt ein gewisses G’schmäckle in der Luft. Kein Wunder bei abertausenden Seehunden. Mit dem Kayak an ihrem Strand entlang zu fahren, macht jedenfalls richtig Spaß. Die Tiere sind an Land ziemlich scheu, aber im Wasser sind sie in ihrem Element. Und dort werden sie verspielt und überaus neugierig. So sehr sogar, dass sie fröhlich ums Kayak herumschwimmen und auch mal ins Paddel beißen. In Cape Cross, etwa 130 Kilometer nördlich von Swakopmund, gibt es nochmal eine Seehundkolonie. Diese umfasst allerdings hunderttausende Tiere, und dementsprechend soll es dort regelrecht stinken. Diese Info und die Tatsache, dass ich nun ja quasi mit Seehunden schon im Wasser war, veranlasst mich, meine Route in den Norden zu ändern und Cape Cross links liegen zu lassen. Überhaupt habe ich mich nun entschlossen, nicht weiter südlich zu fahren, sondern rauf Richtung Etosha, und alles ein bisschen langsamer angehen zu lassen, selbst wenn ich dabei auf einiges verzichten muss. Die Strecken sind auch so noch lange genug, und zu diesem Zeitpunkt bin ich noch davon ausgegangen, dass alle Straßen geteert seien. Genug Zeit also um Schlager im namibischen Radio zu hören.

Walfischbucht
Walfischbucht, Pelican Point
Walfischbucht, Pelican Point
Walfischbucht, Pelican Point
Walfischbucht, Pelikan am Pelican Point. Ausnahmen bestätigen die Regel!

2 Gedanken zu „Mit Marianne und Udo durch die Wüste

  1. Tolle Bilder, schöne stimmungsvolle Texte – Danke das du uns teilhaben lässt weiterhin gute Reise

  2. Ich habe das Gefühl, als ob ich mit Dir mitreise.
    Danke, Dominik, dass Du einem den Alltag im Büro mit deinen schön geschilderten Eindrücken versüßt!
    Meine Highlights: Quadfahren in der Wüste, Kayaken mit Seehunden, und natürlich: Schlagerhören beim Autofahren durch die Wüste!

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