Moskau, deine Lieder

Moskau, deine Lieder

Die kleine Asiatin war ganz aufgeregt. Sie war sich nicht sicher, ob sie im richtigen Bus saß und hatte zuvor schon verschiedene Leute gefragt. Aber die konnten oder wollten kein Englisch sprechen. Ich habe versucht, sie zu beruhigen, als sie sich im Bus neben mich setzte. Ich wusste auch nur grob, wie ich zu meiner Couchsurfing-Gastgeberin Oksana kommen sollte, aber irgendwie klappt es doch immer. Und natürlich hat es auch geklappt.

Was die Sache erleichtert hatte, war, dass es in der Moskauer Metro, die ich anschließend nehmen musste, freies WLAN gab. So kam ich schließlich zum Красные ворота (Krásnje Waróta, Rotes Tor) [Anmerkung. Die lateinische Umschrift entspricht nicht der offiziellen Transkription, sondern das Russische wird konkret so ausgesprochen], wo sie mich abholte und mich und mein Gepäck in ihre Wohnung brachte. Wohnung ist womöglich nicht ganz richtig. Sie hat ein Zimmer in einer Wohnung, die sie mit zwei anderen teilt. Beim einen lief der Fernseher, die andere war auf der Datscha. So ein bisschen wie WG, nur anonymer. Es war ein typisch sowjetischer Plattenbau.

Als ich 2002 das erste Mal in Russland zu einer Sprachreise in St. Petersburg war, habe ich bei einer alten Frau gewohnt, die meine Хозяйка (Chasjáika, Gastmutter) war. Das Haus, in dem sie lebte, hatte eine offene Haustür und man konnte einfach so ins Treppenhaus. Als ich sie ein paar Jahre später nochmal besucht hatte, war das Haus mit einer hässlichen Metalltür verriegelt, und man kam nur mit einem Badge bzw. einem Code rein. Genauso war es auch bei meiner Couchsurfing-Хозяйка hier in der russischen Hauptstadt. Sowjetcharme wehte durchs Treppenhaus; da war es gleich, dass offensichtlich vor ein paar Jahren ein enger Fahrstuhl eingebaut worden war, der sinnvollerweise erst im ersten Stock begann.
Oksanas Zimmer war ganz in Ordnung, aber der Rest der Wohnung war ziemlich heruntergekommen. Die Küche war geradezu zugemüllt, und im Bad stand eine Mini-Waschmaschine neben einem winzigen Waschbecken (drehte man das Wasser auf, kam immer erstmal rostbraunes Wasser) und einer Badewanne, die mit dem Zeug der anderen zugestellt war und auf dem Wannenboden Rostflecken hatte. So sieht es also aus, wenn sich eine junge Flugzeugingenieurin im Zentrum Moskaus eine Bleibe sucht.

Moskau – Küche meiner Gastgeberin
Moskau – Bad meiner Gastgeberin

Oksana war ein liebes Mädel, das mich dann aber gleich mit raus genommen hat, direkt ins Herz Russlands, auf den Roten Platz (Красная Площадь, Krásnaja Plóschad). Der Platz war voll mit Ständen und Pavillons für eine Kinderbuchmesse, die dort gerade stattfand, und folglich auch voll mit Leuten. Oksana führte mich in den Alexandergarten (Алексадровский Сад, Alexándrawski Sad) und zum Grab des Unbekannten Soldaten, wo wir gerade rechtzeitig zum Wachwechsel ankamen. Junge Bubis stehen hier bei Wind und Wetter jeweils eine Stunde lang an einer ewigen Flamme und bewachen das Grab. Im Kaufhaus GUM (ГУМ), direkt am Roten Platz haben wir uns anschließend in eine lange Schlange eingereiht und für 50 Rubel ein leckeres Eis mitgenommen, und sind damit hinunter Richtung Moskwa, wo erst im September 2017 ein hübscher neuer Park eröffnet worden ist. Überhaupt sieht man überall auch schon die Zeichen auf Fußballweltmeisterschaft stehen. In elf Tagen sollte die WM losgehen, und in der ganzen Innenstadt wurde teilweise noch fleißig geschafft.

Moskau – Grab des unbekannten Soldaten
Moskau – Brunnen am Alexandergarten
Moskau – Orthodoxes Kirchle im Sarjádje-Park an der Moskwa
Moskau – Blick vom Sarjádje-Park Richtung Kreml
Moskau – Blick in den Sarjádje-Park

Oksana verabschiedete sich dann allerdings, weil sie müde war, aber ich bin noch ein bisschen durch die Stadt geschlendert und habe mich zu einem Couchsurfing-Hangout verabredet. Treffpunkt war eine Bierbar im fünften Stock, direkt gegenüber der Lubjanka (Лубянка). Früher war das freundlich-gelbe Gebäude unweit des Kremls das Hauptquartier des KGB. Auch wenn es die Sowjet-Führung bis zum Schluss bestritten hatte, so war es genau hier, wo im Keller die Verhör- und Folterzimmer des Geheimdienstes waren. Viele Unschuldige haben die Lubjanka nicht lebend verlassen. Heute ist der Geheimdienst FSB dort untergebracht und die Folterzimmer sollen verschwunden sein.
Zu dem Treffen kamen Russen, ein Türke, ein Inder, ein Singapurer und eine Chinesin. Die Stimmung war gut, und wir haben viel gelacht. Erst als die Chinesin immer mehr vulgären Mist von sich gegeben hatte, bin ich abgehauen, denn es war schon fast elf und Oksana wartete auf mich; ich hatte keinen Schlüssel zu ihrer Wohnung.
Ich habe natürlich den falschen Treppenaufgang anvisiert, und Oksana kam dort, wo ich gewartet hatte, nicht herunter. Nach einigen bangen Minuten (mein Handyakku war inzwischen gefährlich leer), hat es dann aber funktioniert. Ich hab mich auf ihrem Ausklappsessel in meinen Schlafsack gelümmelt und bin schnell eingeschlafen.

Moskau – Lubjanka

Am nächsten Morgen gab es eine kurze Dusche, und schließlich sind Oksana und ich zusammen los. Nach etwa zehn Minuten Fußweg hatte sie sich in die Arbeit verabschiedet und mir den Weg zu einer Frühstücksbar gewiesen. Ich habe mir wieder Bliný (блины, Pfannkuchen) mit Kondensmilch rausgesucht und unter anderem Сырники (Sirniki); das sind süße, kleine Taler aus einer Art Käsekuchen-/Quarkteig, die in der Pfanne herausgebrachten werden.
Mit der Metro bin ich nach dem Frühstück wieder Richtung Roten Platz und habe auf den Beginn meiner Free Walking Tour an der Reiterstatue des Admirals Schukow gewartet. Unsere Stadtführerin Anna hatte uns natürlich erst einmal auf den Roten Platz zum Kreml mitgenommen und uns einiges dazu erzählt. Als einer der wohl bekanntesten Plätze der Welt gehört er seit 1990 zum UNESCO-Weltkulturerbe und wird umgeben vom Kreml und dem davorliegenden Lenin-Mausuleum, der Basilius-Kathedrale (Собор Василия Блаженного, Sabór Wasílija Blaschénawa) und dem Kaufhaus GUM. Dass er Roter Platz heißt, hat nichts mit dem Sozialismus/Kommunismus und auch nichts mit den roten Kremlmauern zu tun, sondern damit, dass das Adjektiv красный (krásny) ursprünglich sowohl „rot“ als auch „schön“ bedeutete. Im Laufe der Zeit hat es allerdings die Bedeutung von „schön“ verloren und wird heute nur noch als „rot“ verstanden. Nach der Gründung Moskaus im Jahre 1147 war der mittelalterliche Festungskern des Kremls nicht nur Wohnsitz des Zaren, sondern auch ein belebter Handelsplatz. Im 15. Jahrhundert wurde der aus allen Nähten platzende Markt dann hinaus vor die Mauern des Kremls verlegt. Als es auch da zu bunt wurde, hatte man die Stände ein Stück abseits des Platzes verlegt und so begann der Rote Platz gegen Ende des 17. Jahrhunderts tatsächlich ein „Schöner Platz“ zu werden, auf dem fortan Volksfeste und sonstige (religiöse) Feierlichkeiten stattfinden sollten. 1917 wurde die Hauptstadt von St. Petersburg zurück nach Moskau verlegt und der Rote Platz wurde zur Haupttribüne der neuen Staatsmacht. 1924 kam dann das Lenin-Mausoleum dazu, in dem bis heute der Leichnam des Revolutionsführers aufgebahrt ist. Für acht Jahre war darin auch der Leichnam des 1953 verstorbenen Stalin aufgebahrt, aber der Vorsitzende Chruschtschow ließ ihn in einer Nacht-und-Nebel-Aktion 1961 entfernen und hinter dem Mausoleum an der Kremlmauer begraben. Eine endgültige Bestattung Lenins ist mehrmals im Sande verlaufen und steht immer noch aus.

Moskau – Historisches Museum am Kreml mit Denkmal für den General Schukow
Moskau – Lenin-Mausoleum

Die Stadtführerin Anna nahm uns hinunter an die Moskwa, ins GUM und an die 1936 von den Sowjets gesprengte und 1993 wieder eingeweihte Kasaner Kathedrale (Казанский Собор на Красной Площади, Kasánski Sabór na Krásnai Plóschadi). Sie zeigte uns ehemalige Klöster in der Nikolskaja Uliza (Никольская улица, Nikol-Straße), führt uns ans Bolschoi Theater (Большой Театр, Balschói Teatr, wörtlich: Großes Theater) und die Karl-Marx-Statue, erklärte uns den Weg zu kulinarischen Empfehlungen und beendete ihre Tour wieder im Alexander-Garten beim Grab des unbekannten Soldaten. Die Zusammensetzung der Tourgänger war natürlich international, und mit dabei war auch Tini aus München. Mit ihr und einem Katalanen bin ich anschließend ins GUM zum Mittagessen gegangen, bevor wir uns zu zweit Karten für den Kreml geholt haben. Touristen haben nur über eine stattliche Rampe (Dreifaltigkeitsbrücke) aus dem Alexandergarten heraus Zugang durch den Dreifaltigkeitsturm (Троицкая Башния, Tróitskaja Báschnja) in den Kreml und stehen dann direkt am Staatlichen Kremlpalast – einem sowjetisch-hässlichen Bau aus den sechziger Jahren, in dem seinerzeit die Parteitage der KPdSU stattfanden, heute aber nur noch kulturelle Veranstaltungen.

Moskau – Einkaufstempel GUM
Moskau – Kasaner Kathedrale
Moskau – Bolschoi-Theater
Moskau – Fürst Wladimir, Bringer des Christentums nach Russland
Moskau – Dreifaltigkeitstor im Kreml
Moskau – Staatlicher Kremlpalast

Bei Stadtgründung eher eine mittelalterliche Burg, ist der im 15. Jahrhundert erweiterte Kreml der älteste Teil und zugleich der historische Mittelpunkt der russischen Hauptstadt. Anfangs war das 27,5 ha große Areal eine Befestigungsanlage mit Türmen und einer mindestens dreieinhalb Meter dicken Mauer, bis sich schließlich die Bedeutung wandelte und er heute hauptsächlich Repräsentationszwecke hat. Im Innern befinden sich neben Wladimirs Putins Amtssitz und einem für die Öffentlichkeit gesperrten Regierungsbereich zahlreiche Kirchen, Paläste (darunter der Große Kremlpalast) und die Rüstkammer mit den Zareninsignien. Darüber hinaus gibt es quasi Outdoor-Attraktionen in Form einer kaputten, 200-Tonnen-schweren Zarenglocke aus dem Jahr 1735 und einer Zarenkanone mit einem Kaliber von 890 mm. Keine der beiden Antiquitäten ist auch nur ein einziges Mal zum bestimmungsmäßigen Einsatz gekommen.

Moskau – Erzengel-Michael-Kathedrale im Kreml
Moskau – Zarenglocke im Kreml
Moskau – Zarenkanone im Kreml
Moskau – Diverse Kirchen/Kathedralen im Kreml
Moskau – Wladimirs Amtssitz im Kreml

Nach unserem Besuch im Kreml (der Touristenausgang geht wieder direkt auf den Roten Platz) führte uns unser Weg letztlich noch in die Basilius-Kathedrale. Die Geschichte der Kathedrale beginnt im Jahr 1552, aber was heute letztlich zu sehen und weltbekannt ist, stammt aus dem 17. Jahrhundert. Die Kathedrale besteht aus neun einzelnen Kirchen, von denen einige seinerzeit jeweils nur für ein bestimmtes Mitglied der Zarenfamilie vorgesehen war. Auf unserem Weg durch die Kathedrale kamen wir irgendwann in den zweiten Stock hinauf und hörten auf einmal Mönchsgesang. Da die Kathedrale heute nur noch den Status eines Museums hat, waren es natürlich keine Mönche, sondern ein vierköpfige Gruppe junger Tenöre, die die Gäste mit ihren Chorälen entzückten. Wir setzen uns andächtig lauschend dazu und belohnten die Herren mit kräftigem Applaus.

Moskau – Basilius-Kathedrale
Moskau – Alter in der Basilius-Kathedrale

Nach der Besichtigung verabschiedeten wir uns, denn ich war mit Oksana beim WDNCh (ВДНХ, Выставка достижений народного хозяйства) verabredet, der Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft. Wir trafen uns an der gleichnamigen Metrostation und fuhren erst mit einer neu errichteten Schwebebahn in Richtung des Ostankino Fernsehturms bevor wir durch das große Tor auf das Gelände des ВДНХ (We De eN Cha) gingen. 1939 wurde die Ausstellung erstmals eröffnet und nach dem Krieg 1954 mit neu errichteten Pavillons wiedereröffnet. Jede der sowjetischen Teilrepubliken und einige Regionen hatten seinerzeit einen eigenen Pavillon um sich zu präsentieren, während das Gesamtensemble die Errungenschaften des Sozialismus und der Planwirtschaft demonstrieren sollte. Die Restaurierung der Gebäude ist beinahe abgeschlossen, und so sind auf dem Gelände auch heute noch prächtige Bauten mit viel sowjetischem Esprit zu sehen, die an diesem Abend geradezu erhaben vor dem von dunklen Wolken verhangenen Himmel posierten. So steht natürlich Lenin auf einem Podest und es gibt eine große Fontäne der Freundschaft der Völker, um die herum einige wichtige Pavillons angelegt wurden. Weiter hinten besinnt man sich inzwischen auch wieder auf die Geschichte Russlands mit einem Museum über die letzten Zaren und gleich daneben ist eine Ausstellung über die Erfolge der Sowjetunion im Bereich der Raum- und Luftfahrt zu sehen.

Moskau – Eingangstor zum WDNCh
Moskau – WDNCh
Moskau – WDNCh
Moskau – WDNCh
Moskau – WDNCh

Es waren nur noch ein paar Jogger unterwegs, als Oksana und ich durch die Dämmerung über den Boulevard schlenderten und gerade noch rechtzeitig vor einem Regenschauer ins Вареничная (Warjénitschnaja) flüchten konnten. Das Café ist eine Kette, die in ganz Moskau zu finden ist, und traditionelle russische Köstlichkeiten bietet. Noch dazu sind die Restaurants nostalgisch-sowjetisch angehaucht – also perfekt gelegen am ВДНХ. Der Name kommt eigentlich von Wareniki (вареники), die wiederum eine Art russische Ravioli sind mit allen möglichen Füllungen. Solche Wareniki, und zum Abschluss Bliný, hatte ich mir bestellt, während ich mich mit Oksana über ihre Heimat und ein paar Spitzfindigkeiten der russischen Sprache unterhalten habe. Auf dem Heimweg haben wir uns in einem Supermarkt war zum Trinken mitgenommen und sind dann mit der U-Bahn am Plóschad troch waksálaw (Площадь трёх вокзалов, Platz der drei Bahnhöfe) herausgekommen. Ähnlich wie zum Beispiel in Paris gibt es in Moskau sieben Kopfbahnhöfe, was zur Folge hat, das man beim zum Umsteigen möglicherweise mit der Metro durch die halbe Stadt fahren muss. Zuhause hat mir meine Gastgeberin noch einen Cocktail gemixt, und dann habe ich mich müde auf mein Schlafsofa verzogen.

Am nächsten Tag habe ich das Haus noch vor Oksana verlassen und mein Frühstück im Café Puschkin (Кафе Пушкинъ) eingenommen. Das Café ist ja wohlbekannt aus einem französischen Chanson, in dem Gilbert Becaud beschreibt, wie er mit seiner Nathalie dort nach dem Besuch des Lenin-Mausoleums eine heiße Schokolade trinkt.

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Qu’après le tombeau de Lénine
On irait au café Pouchkine
Boire un chocolat

Ob es tatsächlich jenes Café ist, das er da besang, sei dahingestellt. Jedenfalls war es ein edler Schuppen mit Kellnern im feinen Zwirn, wo ich mir erst Egg Benedict bestellt habe und zum Abschluss Aláduschki (Оладушки). Bereits bei meiner Sprachreise 2002 hatte mir meine Chasjáika die kleinen, leckeren Pfannkuchen schon immer zum Frühstück gemacht, die mit einem Klecks Smjetána (Сметана, saure Sahne) serviert werden – und wenn’s ganz schnieke zugeht, ist auch mal Kaviar mit dabei. Und natürlich gab es auch für mich eine heiße Schokolade.

Moskau – Egg Bedenict im Café Puschkin
Moskau – Aladuschki im Café Puschkin

Nun war es Zeit, mir im H&M ein paar Unterhosen und T-Shirts zu kaufen, von denen ich ja irgendwo auf der Reise einige verloren hatte. Danach bin ich gemütlich an der linken Moskwa-Seite entlang zur Christ-Erlöser-Kathedrale (Храм Христа Спасителя, Chram Chrísta Spasítjelja), dem zentralen Gotteshaus der russisch-orthodoxen Kirche. Die Kirche sollte aus Dankbarkeit für den Sieg über Napoleon Bonaparte im Vaterländischen Krieg gebaut werden. Als man sich im zweiten Anlauf geeinigt hatte, stand im Jahr des Baubeginns (1832) dummerweise ein Frauenkloster an genau jener Stelle. Nachdem die Frauen nicht freiwillig gehen wollten, wurden sie samt Kloster in einen Vorort verlegt, um mit dem Bau beginnen zu können. Allerdings haben die Nonnen bei ihrer Quasi-Vertreibung die neue Kathedrale verflucht und prophezeit, dass das Gotteshaus nicht lange stehen bleiben wird. 1883 wurde die Kathedrale dann schließlich mit der Krönung des Zaren Alexanders III. eingeweiht. Schon 1931 ist sie unter Stalin wieder gesprengt worden, der an der Stelle den Palast der Sowjets bauen wollte.  Dieser Prunkbau sollte die neue Ära der Sowjetunion architektonisch repräsentieren, insgesamt (für damalige Verhältnisse gigantische) 415 Meter hoch sein, und einen überlebensgroßen Lenin oben drauf haben, der dann von überall in der Stadt gesehen worden wäre. Der sumpfige Boden der Stadt, die Überschwemmungen der Moskwa und vor allem der beginnende Krieg mit Nazi-Deutschland führten dazu, dass der Bau eingestellt wurde und nach dem Krieg seine Priorität verlor. Zurück blieb ein Fundament mit riesigem Loch, in dem die Moskowiter im Sommer badeten und im Winter Schlittschuh liefen. Irgendwann machte man aus der Not eine Tugend und aus der Baustelle ein 13.000 m² großes, beheiztes Schwimmbecken. In den 1990er Jahren wurden Spenden gesammelt, um die Christ-Erlöser-Kathedrale wieder aufzubauen, und Anno Domini 2000 wurde das Gotteshaus wiedereröffnet. Es bleibt abzusehen, wie lange der Fluch der Nonnen die Kirche diesmal stehen lässt.

Moskau – Christ-Erlöser-Kathedrale
Moskau

Nach der Besichtigung bin ich über die Moskwa hinüber und an der rechten Flussseite, vorbei am kontrovers diskutierten Denkmal für Peter I., weiter in den Gorki Park.

🎵🎶
Follow the Moskva,
down to Gorky parc,…

Dem Wind of change habe ich dabei nicht gelauscht, es war vielmehr ein kaltes Lüftchen unter einem leicht bewölkten Himmel, als ich an einem Fussballpavillon vorbeigekommen bin, in dem sich Coca Cola mit einigem Fan-Aktionen schon mal für die WM in Stellung gebracht hatte. Der 1927 eröffnete Park erinnert an den russischen Schriftsteller Maksim Gorki, ist hübsch angelegt mit Gärten, Seen und kleinen Ständen an denen man sich Getränke und мороженое (Maróschenaje, Eis) kaufen kann. Durch das pompöse Eingangstor bin ich hinaus, zur U-Bahn, und zur Station Площадь Революции (Plóschad rewaljúzi, Platz der Revolution) gefahren. Es gibt sogar geführte Touren in der Moskauer Metro, die zu diversen Stationen führen, und bei denen man die aufwändigen Bahnsteige aus der Blütezeit der Sowjetunion bestaunen kann. In der Moskauer U-Bahn, die zu den ältesten der Welt zählt, wurden die Bahnhöfe einst wie Paläste für die Proletarier gebaut, denn diese öffentliche Pracht gehörte dem ganzen Volk, wohingegen das Volk selbst im wahren Leben elendig arm war. Hohe Decken, Kronleuchter oder aber Figuren an den Pfeilerecken, wie hier am Platz der Revolution. Soldaten mit Revolvern sind zu sehen, bärtige Bauern mit Gewehren oder athletische Oben-Ohne-Bauarbeiter mit Presslufthammer. Und Soldaten mit Hunden. Einem bestimmten dieser Hunde hatten die Moskauer Studenten seinerzeit vor wichtigen Prüfungen die Schnauze gerieben; das sollte Glückbringen. Welchem genau ist inzwischen aber schwer zu sagen, denn heute haben alle vier über die Station verteilte Hunde eine blankpolierte Nase.

Moskau – Denkmal für Peter I.
Moskau – Gorki-Park
Moskau – Eingangstor des Gorki-Parks
Moskau – Sozialistische Kunst in der U-Bahn

Danach bin ich mit der Metro ein Stück weiter zum Кремль в Измайлово (Kreml w‿Ismáilawa, Kreml in Ismailowo) gefahren, den mir Oksana empfohlen hatte. Irgendwie hatten wir aber aneinander vorbei geredet, denn er entsprach nicht ganz meinen Erwartungen. Es war ein 2001 eröffneter Kulturpark, der dem Stil der russischen Architektur des 17. Jahrhunderts nachempfunden war, touristisch aufgemotzt und zu einem kleinen Disneyland verkommen. Junge Frauen in traditionellen russischen Trachten machen Führungen durch das Areal. Es gab Museen (Wodka-, Märchenmuseum), einen Handwerkermarkt, Fressstände, Restaurants und natürlich Souvenirshops mit Fake-Bärenfellmützen, kitschigen Ikonen und Putin-Matroschkas. Aber wenigstens schien die Sonne schön.

Moskau – Kreml in Ismailowo
Moskau – Kreml in Ismailowo

Für den Abend hatte ich mich mit Oksana zu einer Moskwa-Rundfahrt verabredet. Wir hatten uns wieder an einer nahegelegenen Metro-Station getroffen und sind von dort zusammen hinunter zur Moskwa. Kalt blies der Wind über den Fluss, als wir schließlich an der Anlegestelle ankamen und an Bord gingen. Ein Alleinunterhalter tat sein Möglichstes, aber es misslang ihm gehörig, einigermaßen gute Musik zu spielen. Auf einem Parallelarm der Moskwa fuhren wir bis in Höhe des Gorki-Parks, wendeten in Höhe des Verteidigungsministeriums und schipperten anschließend auf dem Hauptarm an der Christ-Erlöser-Kathedrale, dem Kreml und dem Kotelnitscheskaja-Gebäude zurück zu unserem Ausgangspunkt. Inzwischen war es unangenehm windig kalt geworden und das Warten auf den Bus nach Hause war alles andere als toll.

Moskau – Bedrohliche Kulisse über dem Kreml
Moskau – Kotjelnitschéskaja-Gebäude

Am nächsten Tag musste ich früh aufstehen. Von einer halb verschlafenen Oksana habe ich mich gerade noch verabschieden können, bevor ich mit Sack und Pack morgens um sechs eine der ersten U-Bahnen errichte und damit an den Weißrussischen Bahnhof fuhr. Von dort verkehrte der Airport Express hinaus zum Flughafen Scheremetewo im Nordwesten der Stadt. Ich hatte gerade noch Zeit meine letzten Postkarten zu schreiben und am andern Ende des Terminals entsprechende Briefmarken dafür zu kaufen, denn um halb zehn ging der Flug nach Tel Aviv. Heraus aus der russischen Kälte und hinein in die nahöstliche Wärme.

Danke dir, Russland, und bis bald!
Спасибо тебе, России, и до встречи!

Ein Gedanke zu „Moskau, deine Lieder

  1. Schmackhafte Borschtsch, fehlender Wodka, lustig gekleidete Chinesen, Ostblock-Charme mit Platte und beeindruckenden Bildern der Hauptstadt…gibt es mehr in Russland. Ja, definitiv…so, wie du es schreibst.
    Здравствуйте und До свидания.

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