Pride

Pride

Er wird heute wieder mehr gebraucht. Immer öfter. Und ich weiß nicht, ob es eine gute Sache ist. Er gilt als eine der sieben Todsünden, und doch erliegen wir ihm immer wieder: dem Stolz.
Wir begegnen ihm überall. Nationalstolz, Stolz auf den Fußballclub, Gay Pride.

Vielleicht liegt es daran, dass ich (als Deutscher) ein gespaltenes Verhältnis zum Stolz habe. Laut Wikipedia ist Stolz „die Freude, die der Gewissheit entspringt, etwas Besonderes, Anerkennenswertes oder Zukunftsträchtiges geleistet zu haben“. Ich kann stolz auf etwas sein, das ich durch mein eigenes Tun geschaffen oder erreicht habe. Und damit fällt vieles andere schnell raus.

Kann man also stolz sein, Deutscher/Franzose/Amerikaner zu sein, nur weil man in dem jeweiligen Land geboren wurde? Kann man stolz sein, FC-Bayern-Fan zu sein, nur weil man einen Mitgliedsausweis hat? Kann man stolz sein, schwul/lesbisch/bi/trans zu sein, nur weil die Gene ein bisschen anders sind?

Ich glaube nicht. Auch die LGBT-Community fällt darauf herein, denn überall auf der Welt kennt man die Paraden unter dem Namen Pride, Fierté, Orgullo oder גאװה (Ga’awá); allesamt ‚Stolz‘, nur in verschiedenen Sprachen. Da gefällt mir die deutsche Bezeichnung doch wesentlich besser: in Erinnerung an die gegen Polizeirazzien aufbegehrenden Transen in der New Yorker Christopher Street nennt man es in Deutschland und der Schweiz Christopher Street Day bzw. Regenbogenparade in Österreich.

Stolz bringt uns nicht weiter. Er grenzt ab und trennt in ein ‚wir‘ und ‚die anderen‘. Dabei sollten wir mehr aufeinander zugehen. Was dieser Welt fehlt, ist ein bisschen mehr Dankbarkeit oder auch einfach nur Freude ob all der Dinge, die wir haben, und die jemand anderes für uns erstritten und erkämpft hat.

Aber nichtsdestotrotz, feiern gehört auch dazu. Im diesem Sinne: Happy Pride!

***

Wenn ich richtig zähle, war es mein sechstes Mal in Israel, also quasi ein Heimspiel. Mit dem Zug vom Flughafen zum Ha’haganá Bahnhof und von dort weiter mit dem Scherút (שרות, ähnlich einer russischen Marschrutka) zum Hostel. Es war Pride week in Tel Aviv, ein Hotel wollte ich mir in dieser Woche nicht leisten!

Nach dem Check-in in einem alles andere als tollen 6er-Zimmer bin ich hinunter an den Strand und ein bisschen an der Promenade entlang gelaufen. Nach Wochen in der Kälte tat die Sonne auf der inzwischen wieder blassen Haut richtig gut. Fürs Abendessen hatte ich mir bei Couchsurfing jemanden gesucht und einen Deutsch-Iraner gefunden. Dankbar hatte ich mich bei einer Pizza auf seine Ausführungen bezüglich der Einreise in den Iran gestürzt. Etwas, das ich mir im Nachhinein lieber nicht angehört hätte, denn er hatte mich ordentlich verunsichert. Apps, Bilder, Videos. Mein ganzes Handy und den Laptop würden sie mir filzen, wenn ich Pech hätte. Na, das kann ja heiter werden!

Tel Aviv
Tel Aviv

Für den nächsten Tag, einen Donnerstag, hatte ich mir ein Ticket für die Waterpark Party gekauft. Zusammen mit einem Londoner, Jack aus meinem Hostel, und Freunden von ihm haben wir uns auf den Weg in die Ben-Jehuda-Straße gemacht und dort auf einen Shuttle-Bus gewartet, der uns ins 20 Minuten entfernte Schefajím (שפיים, Hohe Hügel) brachte. Der Wasserpark war zur Partyzone umgebaut. Es gab was zu essen, Bars und eine große Tanzfläche, auf der anfangs noch kein Mensch war. Wir sind unterdessen zu fünft auf die Rutschen und hatten bei strahlendem Sonnenschein und hochsommerlichen Temperaturen richtig viel Spaß. Was es in der Therme in Erding nur Indoor gibt, war hier in Israel draußen möglich. Da wird man wieder zum Kind.

Wir haben uns unverschämt überteuerte Drinks geholt, haben gechillt und getanzt. Und irgendwann aus den Augen verloren. Stattdessen habe ich aber Jordan und Shaan aus Australien kennengelernt, mit denen ich den Rest des Abends herumgehangen bin und gegen zehn ein Taxi zurück in die Stadt genommen habe.

Tel Aviv – Wasserpark
Tel Aviv – Wasserpark
Tel Aviv – Wasserpark
Tel Aviv – Wasserpark

So eine Weltreise erfordert natürlich ein gewisses Maß an Planung. Einreisebestimmungen müssen studiert und Visa organisiert werden. Jene beiden für China und Russland habe ich mir bereits im Dezember noch in Deutschland in meinen Pass machen lassen. Alle anderen waren, sofern notwendig, Visa on arrival. Darüber hinaus hatte ich aber auch noch einen zweiten Pass, mit dem ich vornehmlich in muslimische Länder gereist war bzw. es noch sollte. Da es nicht möglich war, ein halbes Jahr im Voraus Visa für Jordanien und den Iran zu kriegen, hatte ich meinen Zweit-Pass an eine Visumsagentur geschickt, die die Visa für mich im April/Mai zuhause in Deutschland beantragt hatten. Als sie fertig waren, wurde der Pass an einen Freund in München geschickt, von dem ich wusste, dass er zum Pride in Tel Aviv sein würde. Am nächsten Morgen kam also Tom kurz bei mir am Hostel vorbei, und er brachte mir meinen Pass sowie einen Batzen Bargeld mit. Das Bargeld brauchte ich später für den Iran, denn dort ist es unmöglich mit einer Kredit- oder EC-Karte Geld abzuheben – weil die ausgebenden Institute meist amerikanische Unternehmen sind, sind alle oder wohl die meisten westlichen Karten im Iran unbrauchbar.

Der öffentliche Ruhetag in Israel ist nicht der Sonntag, sondern der Samstag, der jüdische Schabat (שבת). Alles ist quasi einen Tag nach vorn verlegt, denn die israelische Arbeitswoche geht von Sonntag bis Donnerstag. Der Schabat ist der einzige Tag, der konkret einen Namen hat. Alle anderen Wochentage werden im Hebräischen bis heute mit Ordinalzahlen bezeichnet (Erster Tag, zweiter Tag, etc.). Und an einem Schabat geht in Israel nicht viel, wenn Tel Aviv da auch eine kleine Ausnahme darstellt. Es fahren also keine öffentlichen Busse, keine Züge. Restaurants und Geschäfte sind größtenteils geschlossen, und im ultraorthodoxen jüdischen Viertel Méa She’arím in Jerusalem sollen durchfahrende Autos schon mit Steinen beworfen worden sein, so genau nimmt man’s da. Gemäß talmudischer Auslegung der Tora (תורה, Betonung auf der zweiten Silbe. Hebräische Bibel, fünf Bücher Mose) darf man am Schabat nichts arbeiten. Diese nicht-erlaubte Arbeit ist natürlich auch wieder in einer Schrift geregelt, und dazu gehört unter anderem das Feuermachen. Es ist also nicht gestattet, ein Feuer zu entzünden. Die Auslegung geht soweit, dass auch kein Auto gefahren und kein Lichtschalter angeknipst werden darf, denn dabei kann ja ein Funke entstehen. Kurioserweise gibt es in Israel Aufzüge, die einen Schabat-Modus haben. Das heißt, der Aufzug fährt automatisch von Stockwerk zu Stockwerk und hält dort, damit orthodoxe Juden einsteigen können, ohne eine Taste drücken zu müssen. Man stelle sich vor, man muss in den 10. Stock und hat den Aufzug gerade verpasst. Es darf auch kein Herd angeschaltet werden um etwas zu kochen. Aber hier behilft man sich mit einem einfachen Trick. Man kocht zum Schabat einfach etwas, das lange braucht, und der Herd wird einfach vor Beginn des Ruhetags eingeschaltet. Ähnlich wie im Islam, so beginnt auch im Judentum ein Tag bereits am Vorabend; dann nämlich wenn in der Dämmerung ein grauer von einem blauen Faden nicht mehr unterschieden werden kann. In israelischen Kalendern stehen somit am Freitag die Uhrzeiten verschiedener Städte für den Beginn und am Samstag die Uhrzeiten für das Ende des Schabats.

Aus diesem Grund wäre es also undenkbar, eine Parade an einem Samstag zu veranstalten. Und so fand die große Pride Parade auch am Freitag statt. Es ist die größte Parade in ganz Asien, und eine der wenigen im Nahen Osten überhaupt. In den arabischen Ländern rundherum wäre ein ähnliches Event nicht einmal ansatzweise denkbar. In den letzten Jahren waren geschätzt über 200.000 Besucher zur Parade in der sogenannten Weißen Stadt am Mittelmeer – eine riesige Menge, wenn man bedenkt, dass Tel Aviv selbst gerade mal knapp 450.000 Einwohner hat.

Tel Aviv

Teile der Innenstadt waren gesperrt. Überall hingen Regenbogenfahnen. Das Fernsehen berichtete live. Die ganze Stadt war in heller Aufregung auf den Beinen. Es herrschte geradezu Festtagstimmung. Ich traf mich mit Jordan und Shaan in deren Hotel. Joey, ein Amerikaner, kam irgendwann mit dazu, und zusammen mit anderen Gästen haben wir die Parade angeschaut, die direkt vor der Hotelterrasse vorbeiführte. Zum Schluss haben auch wir uns auf den Weg zum Strand und in den Charles Clore Garden gemacht. Es war eine riesige Party. Netta, die israelische ESC-Gewinnerin trat auf, dazu Show Acts und ausschließlich gut gelaunte Menschen unter einer strahlenden Sonne direkt am Strand. Für den Abend hatten wir uns Karten für eine der größten Partys der Stadt besorgt. Aber zugegeben, auf einer Party, die 50 Euro Eintritt kostet (Joey hat an der Abendkasse fast 90 Euro bezahlt), und auf der für ein Gläschen Gin Tonic 58 Schekel (ca. 14 Euro) verlangt werden, da kommt bei mir der Schwabe durch. Und dass der Scheiß Taxifahrer dann auch noch recht unverschämt war, hat die Sache nicht im Geringsten verbessert. Israel ist teuer geworden. Das macht langsam keinen Spaß mehr!

Tel Aviv – Pride Parade
Tel Aviv – Pride Parade
Tel Aviv – Pride
Tel Aviv – Pride

Am Samstag habe ich es ruhig angehen lassen. Ein Ruhetag eben. Ich bin mit Jordan frühstücken gegangen, und es gab etwas typisch Israelisches – oder zumindest wird es heute als solches angesehen. Denn ursprünglich kommt die Schakschuka aus den Maghreb-Staaten. Lecker ist sie allemal. Ein Tomaten-Paprika-Gericht mit poschierten Eiern und mit Koriander. Dazu haben wir uns Pita und Hummus bestellt – ein Traum!

Tel Aviv – Frühstück (Schakschuka, Humus, Pita, Chala), hier in der Spinat-Ausführung

Nachmittags waren wir am Strand und haben die Sonne genossen. Für den Abend wollten wir hinüber nach Jaffa zum Essen, aber das hat sich als aussichtlos herausgestellt. Jaffa ist die Stadt, mit der Tel Aviv (wörtlich: Frühlingshügel) im Jahr 1950 zu Tel Aviv-Jaffa (תל אביב-יפו) vereinigt wurde. Die Metropolregion zählt heute mehr als 3 Mio. Einwohner, und damit 45% der Gesamtbevölkerung des Landes. Tel Aviv wurde 1909 gegründet, aber die Hafenstadt Jaffa war bereits in der Antike bekannt und wird sogar in der Bibel erwähnt. In Jaffa leben mehrheitlich Moslems, und da Ramadan war, und die Leute den ganzen Tag über nix gegessen hatten, waren die Restaurant gerammelt voll. Wohl oder übel mussten wir zurück nach Tel Aviv und haben in der Nähe des Rothschild-Boulevards (שדרות רוטשילד) ein nettes Restaurant gefunden.

Tel Aviv – Blick von Jaffa

Als am nächsten Tag wieder alle Geschäfte auf hatten, habe ich mir erstmal was zum Frühstücken gesucht. Letztlich bin ich dann in einem Bistro gelandet, in dem man mit Russisch genauso gut durchgekommen wäre, wie mit Hebräisch – natürlich konnten sie dort auch Englisch. Überhaupt gibt es in Israel unglaublich viele Russischstämmige. Nach dem Fall der Sowjetunion sind 700.000 russische Juden nach Israel ausgewandert, was damals einen Bevölkerungszuwachs um 20% bedeutete. Heute leben in Israel 8,3 Mio. Menschen, und immer noch ist das Bevölkerungswachstum höher als das von Indien und China.

Nach meinem Frühstück habe ich die Wäsche abgeholt, die ich am Freitagvormittag in dem Salon noch abgegeben hatte, und dann habe ich mich mit Jordan und Shaan in einem kleinen Café in der Nähe des Karmel-Marktes getroffen. Als auch Joey dazugekommen war, sind wir hinüber auf den Markt zum Souvenirs einkaufen. Als ich das erste Mal vor 10 Jahren auf dem Schuk HaKármel (שוק הכרמל) war, gab es gefühlsmäßig noch deutlich mehr Stände für die Dinge des täglichen Gebrauchs. Inzwischen ist aber die Hälfte der Marktfläche vollgestopft mit Souvenirs, während lediglich im hinteren Teil noch Gemüse, Obst, Käse und Haushaltswaren verkauft werden.

Tel Aviv – Karmel-Markt

Ganz zufällig habe ich dann, als wir so durch den Markt schlenderten, Yoni getroffen. Yoni kommt ursprünglich aus Israel, wohnt aber schon seit Jahren in München. Seine Tel Aviver Wohnung liegt nur einen Katzensprung vom Karmel-Markt entfernt, und so habe ich mit ihm vereinbart, dass er freundlicherweise meine gesammelten Souvenirs, Magnete und diverse Eintrittskarten für mich mit nach Deutschland zurück nimmt. Das gleiche hatten auch schon Flo und Chris von Peru aus und Nico von Australien aus für mich gemacht. Andernfalls hätte ich wahrscheinlich fünf Kilo an Mitbringseln und sonstigem Krimskrams durch die Weltgeschichte schleifen müssen.

Den Abend haben wir dann an einer Bar am Strand bei Hummus, Pita und Cocktails ausklingen lassen.

Tel Aviv
Tel Aviv
Tel Aviv – Blick von Jaffa

Am nächsten Morgen haben wir vier uns alle im Hotel von Jordan und Shaan getroffen, eine Kleinigkeit gefrühstückt und sind mit dem Taxi zum Busbahnhof gefahren. Normalerweise fahre ich ja lieber mit dem Zug, aber da die neue Schnellfahrstrecke von Tel Aviv nach Jerusalem erst im September 2018 eröffnet werden sollte, und die Züge auf der alten Strecke über anderthalb Stunden benötigen, haben wir uns für den Bus entschieden. Wenn später mal die Züge in 28 Minuten vom Mittelmeer in die Hauptstadt fahren, dann kann der Bus nicht mehr mithalten, denn der braucht, selbst wenn es gut läuft, mindestens 50 Minuten. Dafür ist das Bus- und Zugfahren in Israel bis heute recht günstig. Gerade die beiden Busgesellschaften Dan und Eged werden vom Staat subventioniert, müssen dafür aber auch Verbindungen in jedes hinterste Nest im Land anbieten.

In Jerusalem hatte Joey für uns eine kleine Wohnung in fußläufiger Nähe zur Altstadt gebucht. Schon bei der Taxifahrt zur Unterkunft wurde offensichtlich, dass Jerusalem anders ist. Hier läuft niemand im ärmellosen Muskelshirt oder im knappen Mini herum. Stattdessen ist das Straßenbild wesentlich mehr geprägt von Kaftan-tragenden Männern mit Schläfenlöckchen, Frauen mit Perücken (das Zeigen der Haare ist für orthodoxe Jüdinnen genauso verboten wie für muslimische Frauen, nur verstecken die jüdischen Frauen ihr echtes Haar unter falschem), oder Frauen mit Kopftuch.
Nachdem wir unser Zeug abgeladen und uns ein bisschen ausgeruht haben, ging es los. Die Edelboutiquen und teuren Restaurants der Mamilla Mall lagen auf unserm Weg zum Jaffa-Tor, einem der acht Tore in die Altstadt. In die Ha‘ír ha‘átika (העיר העתיקה). In die Stadt Davids.

ירושלים – Jerusalem – Jeruschalájim. Die heilige Stadt dreier Weltreligionen. Sehnsuchtsort der Gläubigen. Mehr als 50-mal belagert, 36-mal erobert, zehnmal zerstört und immer wieder aufgebaut. Alle waren sie schon da. Die Jebusiten, Israeliten, Ägypter, Assyrer, Babylonier, Perser, Römer, Byzantiner, Sassaniden, Araber, Umayyaden, Abassiden, Seldschuken, Kreuzritter, Osmanen und die Briten. Seit der Ausrufung des Staates Israel im Mai 1948 sind die Israelis zurück.
Rund 750 Meter über dem Meer in den judäischen Bergen gelegen. Und genauso schwer und steinig wird auch die Lösung der Jerusalemfrage sein, denn immer noch fließt das Blut vieler Unschuldiger, zumal der Status der Stadt bis heute ungeklärt, unsicher und umkämpft ist.
1204 Synagogen, 158 Kirchen und 73 Moscheen werden heute im Stadtgebiet gezählt. Die Altstadt von Jerusalem wurde 1981 zum UNESCO-Weltkulturerbe der Menschheit erklärt. Seit dem Mittelalter ist die Stadt in ein armenisches, ein christliches, ein jüdisches und ein muslimisches Viertel unterteilt. Allesamt suchen die Menschen hier das Heil in ihrer Religion, und finden es gerade deswegen nicht.

Unser erster Gang war durch die von Basaren gesäumten Gassen der Altstadt auf der Suche nach einem frisch gebrühten Tee. In einem kleinen arabischen Lokal in einer Seitengasse haben wir gefunden, was uns zusagte, und danach habe ich versucht, für uns den schnellsten Weg zur Grabeskirche zu finden. Die Grabeskirche ist unterteilt in diverse Kirchen und Kapellen, die wiederum sechs christlichen Konfessionen gehören bzw. zugeordnet sind, was letztlich auch an den Baustilen erkennbar ist. Diese unterschiedlichen vertretenen Glaubensrichtungen führen trotz christlicher Nächstenliebe aber beileibe nicht zu einer Harmonie unter den Priestern und sonstigen Kirchenleuten. Auf YouTube gibt es Videos von vor ein paar Jahren mit sich am Karfreitag prügelnden Mönchen – wohlgemerkt vor dem Grab Jesu. Dringende Reparaturen werden nicht durchgeführt, weil man sich nicht auf die Details einigen kann; die alte Holzleiter, die seit dem 19. Jahrhundert über dem Hauptportal steht, zeugt davon, dass der Status Quo von 1967 nicht angetastet werden soll. Und aufgrund von Streitigkeiten wird der Schlüssel der Grabeskirche schon seit mehreren Jahrhunderten von einer muslimischen Familie verwaltet, die direkt gegenüber wohnt. Eine zweite muslimische Familie sperrt die Haupttür der Kirche morgens auf und abends wieder zu. Die Grabeskirche beherbergt unter anderem den Felsen Golgotha mit der Stelle, wo das Kreuz Jesu gestanden haben soll. Die Steinplatte, auf der Leichnam gesalbt worden sein soll. Das eigentliche Grab, frisch renoviert und ohne hässliche Stahlträger. Und dann noch Stellen tief unten im Gebäudekomplex, an denen Reliquien gefunden worden sein sollen.

Jerusalem – Eingang zur Grabeskirche
Jerusalem – Grabeskirche, Felsen Golgotha (unter dem Alter soll das Kreuz Jesu gestanden haben)
Jerusalem – Grabeskirche
Jerusalem – Grabeskirche
Jerusalem – Grabeskirche, Grab Jesu
Jerusalem – Blick von der Grabeskirche heraus (dahin wo die muslimische Familie mit dem Schlüssle wohnt)

Unser nächstes Ziel war die Klagemauer. Keine 10 Minuten Fußweg sind es vom einen zu anderen Heiligtum, allerdings war es hier noch notwendig durch eine Sicherheitsschleuse zu gehen. Die Klagemauer (הכותל, Ha’Kótel) ist der Rest der westlichen Stützmauer des zweiten Jerusalemer Tempels (Herodianischer Tempel), der nach der Rückkehr der Juden aus dem Babylonischen Exil um das Jahr 515 v. Chr. erbaut und von den Römern 70 n. Chr. im jüdisch-römischen Krieg geplündert, in Brand gesteckt und zerstört wurde. Nicht nur am Freiluft-Teil der Mauer, den man für gemeinhin kennt, sondern auch an jenem überbauten Teil, der linker Hand davon liegt, beten die Juden und stecken Gebets-, Segens- und Wunschzettelchen in die Mauerritzen. Im überbauten Teil der Mauer sind Bücherschränke zu finden, die allerhand religiöse Schriften enthalten, aber auch eine Glasplatte im Boden, durch die man etwa 15 Meter hinunter zum eigentlichen Fundament der Klagemauer blicken kann. Bis zum Sechstagekrieg 1967 war der Bereich bis auf ein paar Meter vor der Klagemauer mit Wohnhäusern bebaut. Nachdem die Israelis wieder die Hoheit über die Jerusalemer Altstadt hatten, wurden die Häuser abgerissen und der bekannte große Platz davor errichtet. Männer müssen beim Besuch der Klagemauer eine Kippa (כפה) aufsetzen und sind dabei von den Frauen getrennt, die lediglich am rechten Teil der Mauer beten dürfen. Überhaupt ist im orthodoxen Judentum die Religion Männersache; sie gehen tagsüber zum Beten, Diskutieren in Tora-Schulen oder die Synagoge (בית כנסת, Béit Knésset). Die Frauen müssen sich um Kinder, Haushalt und sehr oft auch ums Geldverdienen kümmern. Der eigentliche Tempel wird auf dem Tempelberg (הר הבית, Har ha’Báit bzw. الحرم الشريف, Al-harám asch-scharíf) vermutet, der heute muslimische Heiligtümer beherbergt; den Felsendom (قبة الصخرة, Qubbat as-sachra) und die Al-Aqsa-Moschee (المسجد الأقصى, Al-masdschid al-aqsa). Juden ist das Betreten des Felsendoms theoretisch verboten, allerdings nicht weil die Moslems sie da nicht haben wollen, sondern weil dabei der ursprüngliche Ort des Allerheiligsten unbeabsichtigt betreten werden könnte, und der war ausschließlich den Hohepriestern des Tempels vorbehalten.

Jerusalem – Tempelberg
Jerusalem – Klagemauer

Gut einhundert Meter vor der Klagemauer ging ein Durchgang nach links weg und schon kurze Zeit später standen wir mitten im muslimischen Viertel. Zu Beginn war alles noch ganz relaxt. Wir haben uns Falafel gekauft und sind damit weitergegangen. Mit jedem Schritt wurde es enger, und die Leute mehr, und als Joey dann von einem Kerl angeschnauzt wurde, ging es nur noch mit Drücken und Schieben durch eine riesige Menschenmenge hindurch. Es war Ramadan, die Leute waren auf dem Weg nach Hause und hatten den ganzen Tag noch nichts gegessen, und das heutige Fastenbrechen (إفطار, Íftar) stand kurz bevor. Das war auch der Grund, warum der Idiot so aggressiv war: er hatte uns böse gescholten, weil wir es gewagt hatten, etwas zu essen. Joey hatte den letzten Bissen schnell runtergewürgt und dann ging es langsam, ein Schritt nach dem anderen durch die Massen zum Österreichischen Hospiz zur Heiligen Familie, direkt an der III. Station des Kreuzwegs Jesu, der Via Dolorosa. Als die Tür des Eingangstor hinter uns ins Schloss fiel, war auf einmal eine Ruhe, denn der Lärm von der Straße drang nur noch ganz gedämpft herein. Wir haben uns bei Kaffee und Kuchen (hier gibt es von einer Mélange über einen kleinen Braunen bis zur Sachertorte vieles, was es auch in einem Wiener Kaffeehaus gäbe) ein bisschen ausgeruht, und vor dem Weitergehen die herrliche Aussicht vom Dach des Hospizes über die Altstadt genossen.

Jerusalem – Blick vom Österreichischen Hospiz auf die Altstadt

Vorbei am Palast des Pontius Pilatus ging es für uns durchs Löwentor hinaus aus der Altstadt, durch das Kidron-Tal und auf der anderen Seite am Garten Gethsemane entlang hinauf zum Ölberg. Zu Fuß wohlgemerkt, und dazu kam, dass es da wieder ziemlich steil rauf ging. Dort oben, östlich der Altstadt, erstreckte sich die Stadt unter einem und gewährte den Blick auf das Tal, den Tempelberg und die südliche Neustadt. Genau unterhalb der Aussichtplattform ist ein riesiger jüdischer Friedhof angelegt, denn dann hat man es von seinem eigenen Grab nicht mehr so weit, wenn der Messias in Jerusalem einst das Jüngste Gericht abhält. Bereits Jesus soll seinerzeit durch das Goldene Tor auf einem Esel nach Jerusalem eingezogen sein, und wenn der Messias wieder kommt, soll er wieder durch ebendieses Tor einziehen. Allerdings ist das Tor seit dem 16. Jahrhundert zugemauert – bis heute. Eine gängige Interpretation ist die, dass es auf Geheiß des türkischen Herrschers Süleymans des Prächtigen zugemauert wurde, um damit die Ankunft des Erlösers ganz pragmatisch zu verhindern.

Jerusalem – Blick auf den Ölberg (rechts jüd. Friedhof, links Garten Gethsemane)
Jerusalem – Blick vom Ölberg zum Tempelberg/Altstadt

„Alahu akbar“ tönte es auf einmal laut vom Tempelberg herab, als wir später zurück zum südlichen Dungtor unterwegs waren. Das Fasten war gebrochen, die Moslems durften wieder was essen. Wir gingen durch eine erneute Sicherheitskontrolle wieder in Richtung der inzwischen beleuchteten Klagemauer und suchten uns dann durch das jüdische Viertel den Weg zum Jaffa-Tor. Allerdings mussten wir einen hilflosen Eindruck gemacht haben, denn ein junger amerikanischer Jude, der zum Tora-Studium gerade in Jerusalem war, nahm sich unserer an, führte uns gekonnt durch die verwinkelten Gassen aus der Altstadt hinaus und zeigte uns sogar noch ein paar Restaurants fürs Abendessen.

In Israel können alle recht gut Englisch, und sehr vieles ist auch in der Sprache der ehemaligen Mandatsmacht beschriftet. So auch im Restaurant, das wir uns ausgeguckt hatten, und in dem wir von einer ganz lieben Israelin umsorgt wurden. Im Gelobten Land wird Hebräisch und Arabisch gesprochen, wobei Hebräisch seit Juli 2018 de jure alleinige Amtssprache ist; Arabisch besitzt einen Sonderstatus. Genau genommen sprechen die Israelis Neuhebräisch bzw. Iwrít (עברית). Ein polnischer Zionist namens Ben Jehuda Elieser hatte Ende des 19. Jahrhunderts die Idee, das bisher nur in der Liturgie verwendete Althebräisch zu einer modernen gesprochenen Sprache zu erneuern, denn falls irgendwann einmal wieder Juden in Palästina leben sollten, bräuchten sie ein gemeinsames Idiom, mit dem sie sich identifizieren könnten. So erschuf er auf Grundlage des Althebräischen neue Wörter und nahm bei Bedarf auch Begriffe aus anderen Sprachen auf, wie zum Beispiel dem Deutschen und dem Jiddischen. Seine Kinder waren die ersten hebräischen Muttersprachler, und heute ist es die Muttersprache von 5 Mio. Menschen. Außerdem ist die Einführung von Iwrit der bisher einzige gelungene Versuch, eine Sakralsprache wiederzubeleben und zu einer modernen Standardsprache zu machen.

Hebräsich, Iwrit

Am nächsten Morgen haben wir in einem kleinen Bagel-Laden im jüdischen Viertel gefrühstückt (wir kannten inzwischen ja den Weg dahin), und dann wollten wir eigentlich eine geführte, und offensichtlich sehr interessante Tour durch die Tunnel an der Klagemauer machen. Leider hat das aber aufgrund mangelnder Verfügbarkeit nicht mehr geklappt, und so sind wir durch das muslimische Viertel marschiert, haben über das Damaskus-Tor die Altstadt verlassen und sind in der Nähe von Joeys Hostel (er blieb noch länger in der Stadt und brauchte daher eine neue Unterkunft) etwas trinken gegangen.

Jerusalem – Damaskus-Tor
Jerusalem

Gegen eins habe ich mich von den Jungs verabschiedet (von Joey ganz, von Jordan und Shaan nur für ein paar Stunden) und bin mit Sack und Pack wieder hinunter zum Damaskus-Tor gegangen. Von hier aus sollte ich ein Scherút zur Grenze an die Allenby-Brücke nehmen. Ich hatte Glück, denn der Fahrer hatte extra noch auf mich gewartet, und so bin ich zusammen mit einem älteren Araber, einer Ungarin und einem südafrikanischen Israeli Richtung Jordanien gefahren. Hinein ins Ungewisse, denn ich hatte keine Ahnung wie gut oder schlecht der Grenzübertritt und die Sache mit den Stempeln im Pass klappen sollte.

להיתראות, ישראל!
Le’hítra’ót, Israel. Auf Wiedersehen! Und wenn’s klappt, dann sehen wir uns nächstes Jahr nicht zum Pride, sondern zum ESC. Aber das ist ja eh fast das gleiche.

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