Que tiro foi esse?

Que tiro foi esse?

Das Leben in einer Favela ist hart. Drogen, Bandenkriminalität, Morde. All das stellen wir uns unter einem solchen Ort vor. Und dann knallt immer mal wieder ein Schuss durchs Viertel. Ein Schuss, der vielleicht sogar jemanden getötet hat. Da hören die Leute auf und fragen sich:

„Que tiro foi esse?“

[ke tschíru fói ésse]
Was war das für ein Schuss?

Andererseits leben in einer Favela natürlich Menschen. Die sind dort gelandet, weil sie durch ein Raster gefallen sind. Weil sie, oder vielleicht schon ihre (Groß-)Eltern, kein Glück und folglich keine andere Wahl hatten. Aber vor allem leben dort Brasilianer. Mit all ihrer Lebensfreude und ihrer Musik im Blut. Und das haben sie sicherlich auch deshalb, weil man es da drin anders gar nicht aushält. Im Moment versucht diese Musik, aus den Favelas raus zu kommen und das Land zu erobern. Und es klappt. Einige Sänger(innen) sind mittlerweile in ganz Brasilien bekannt und wollen auch international bekannt werden. Und ein großer Titel ist besagter „Que tiro foi esse?“

Inzwischen ist die Frage aber auch zu einem Slang-Ausdruck geworden. Ist man auf einer Party und auf einmal kommt da ein heißer Feger bei der Tür herein, dann sagt man auch unwillkürlich: „Wow! Que tiro foi esse?“

Die Festa, auf die mich Patrick und Iñaki geführt hatten, hatte auch das Potenzial zu ein paar solcher Tiros. Es war eine Pre-Karnevalsparty an diesem Samstag irgendwo in der Nähe der Avenida Paulista im Herzen São Paulos. Ich hatte die beiden im Jahr zuvor in Buenos Aires kennengelernt, als ich dort zum Geburtstag eines Freundes eingeladen war.

Die Party begann früh, nachmittags um fünf, als die Sonne noch geschienen hatte. Unweit der Party hatten wir in einer riesigen Wohnung, die die kanadische Regierung bezahlt, mit Gin Tonic vorgeglühlt. Und dann ging’s los!

Die Brasilianer sind auf eine gewisse Art und Weise schon zu beneiden. Sie können Karneval im Sommer feiern, während es im Februar/März bei uns kalt und ungemütlich ist. Die Kostüme sind folglich spärlich-sexy, denn es muss ja keiner frieren. Eine Sache allerdings war ziemlich verwirrend, ich möchte fast sagen bescheuert. Ganz sicher aber war sie ineffizient. Es ist wohl nicht überall so, habe ich mir sagen lassen, aber es sei doch recht verbreitet. Auf der Party laufen Angestellte mit einem beleuchteten Schild über dem Kopf herum und verkaufen Getränke-Voucher. Auch bei uns war ich schon auf Partys, auf denen es ähnlich war, aber dann bekommt man Jetons dafür, mit denen man Getränke kaufen kann. Sinnvollerweise haben die Jetons den Wert eines geradzahligen Teils des Getränks. Nicht so in Brasilien. Man gibt die gewünschten Getränke an und bekommt dafür einen Ausdruck (ähnlich einem Kassenzettel) mit abreißbaren Gutscheinen über einen oder zehn Reais. Damit bezahlt man dann an der Bar. Kostet ein Getränk aber beispielsweise 8 Reais und man gibt einen 10-R$-Gutschein hin, bekommt man zwei 1-R$-Gutscheine zurück. Man ist somit doppelt so lange unterwegs um Getränke zu holen, denn man muss nicht nur an der Bar anstehen und mit Quasi-Geld bezahlen, sondern man steht auch beim Gutschein-Verkäufer an. Bei dem kann man zwar mit Kreditkarte bezahlen, aber damit ist’s mit den Vorteilen des Systems auch schon vorbei.

São Paulo – Voucher-Verkäufer
São Paulo – Voucher

Da die Party schon früh begonnen hatte, ging sie auch nicht bis spät. Um zwei wäre ohnehin offiziell Schluss gewesen. Zu einer Zeit also, zu der man in Buenos Aires erst ausgeht, war die Festa vorbei, und ich konnte in mein Bett. Was auch ganz gut war. Der Gin Tonic und der Catuaba, ein typisch brasilianisches (alkoholisches) Getränk, das gern am Karneval getrunken wird, hatten das Ihrige getan. Mein Bett bzw. mein eigenes Apartment hatte ich in Faustos Zweitwohnung, im gleichen Gebäude, in dem auch er wohnt – sofern er nicht gerade irgendwo in der Welt herumjettet. Am Freitagabend bin ich dort nach meinem Zehneinhalb-Stunden-Flug aus Johannesburg angekommen und konnte es mir gemütlich machen.

Ich habe Fausto vor fast zehn Jahren in New York kennengelernt, als er noch dort gelebt hatte. Seitdem sehen wir uns einmal oder zweimal im Jahr, zum Beispiel wenn er zu einer House-Warming-Party in Köln mal kurz übers Wochenende aus São Paulo angeflogen kommt. Bereits letztes Jahr im Januar hatte ich ihn in São Paulo besucht und mir die Stadt angeschaut. Für Touristen gibt es in der größten und reichsten Stadt Brasiliens nicht viel zu sehen. Hier wird Geld verdient, in teuren Restaurants oder sonst wo ausgegeben, und es wird eben Party gemacht. Aus diesem Grund hatte ich mir diesmal nur ein Wochenende ausgesucht, um die drei Freunde wieder zu sehen.

São Paulo – Catedral da Sé
São Paulo

Meinen Reisekompagnon für Patagonien, Fabiano, den ich über Fausto kennengelernt und der inzwischen nicht mehr in der Stadt wohnt, habe ich auch schon vorab gesehen. Am Sonntagabend waren wir im VIP-Kino, und da war er mit dabei. Dieses Kino war etwas Besonderes, das ich so noch nie gesehen hatte. Es gab dort acht Sitzreihen und pro Reihe ebenfalls acht Sitze. Der Saal dazu war aber so groß, dass man bei uns mindestens doppelt so viele Leute untergebracht hätte. Die Ledersessel waren in Zweiergruppen angeordnet, Pärchensitze sozusagen, die allerdings durch eine breite Armstütze mit Getränkehalter getrennt waren. Die Doppelsitze wiederum waren durch einen kleinen Abstandhalter mit Nachttischlampe und kleinem Tischchen auf jeder Seite nochmal voneinander getrennt. Außerdem gab es einen Schalter, mit dem man den Sitz verstellen konnte: die Beine nach oben und die Rückenlehne nach hinten. Und es gab einen weiteren Schalter, über den man wie beim Flugzeug die Bedienung bestellen konnte. Die kam dann auch während der Werbung und hat einem gebracht, was man aus der ausgelegten Menükarte gewählt hatte. Bezahlt wurde per Kreditkarte. Zu Beginn des Films gingen dann alle Nachttischlämpchen aus. Fabiano hat mir erzählt, dass es diese Kinos seit knapp zehn Jahren nach und nach in jeder größeren Stadt Brasiliens gibt. Normale Kinos gibt es natürlich trotzdem noch.

São Paulo – VIP-Kino

Der Montagmorgen begann dann ziemlich früh, weil ich mein Flugzeug nach Buenos Aires um halb neun erwischen musste. Dort angekommen, konnte ich noch nicht ins Zimmer, und so habe ich mir für 660 argentinische Pesos (knapp 28 Euro!) die Haare schneiden lassen. Anschließend habe ich mich mit Rodrigo getroffen, den ich auch bei dem Geburtstag im letzten Jahr kennengelernt hatte. Wir sind ein bisschen durch die Stadt geschlendert und haben was gegessen. Nichts Besonderes also, denn ich habe die Stadt nur als kurzen Stop-over auf dem Weg nach Feuerland genommen.

Buenos Aires – Obelisk

Dort unten im Süden Argentiniens gibt es viel Natur, Meer und Berge. Es gibt einen Sommer, der keiner ist. Und es gibt Pinguine, und zwar die mit den orangefarbenen Füßen. Aber es gibt ganz sicher keine Favelas und keine Tiros!

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