Schweißgebadet in Persien

Schweißgebadet in Persien

Im Endeffekt war es schwieriger (um genau zu sein: unmöglich) am Flughafen in Schiras WLAN zu kriegen. Die Einreise hingegen war völlig unkompliziert. Was habe ich geschwitzt und mir Gedanken gemacht! Versteck-Apps heruntergeladen, Bilder versteckt, Ordner unsichtbar gemacht, verräterische Israel-Einreisekärtchen zwischen jordanischen Touristen-Flyern versteckt. Am Ende hat keiner was von mir wollen. So habe ich es mir erhofft, aber man konnte ja nicht wissen…

Jetzt musste ich nur noch eine gute Stunde Zeit totschlagen. Mein Flug, der um 4.45 Uhr gelandet war, hat für anderthalb Stunden geschäftiges Treiben in den Flughafen gebracht. Als alle Passagiere verräumt waren, sind nur noch ein paar Gäste im Terminal übriggeblieben (inklusive mir), und die Angestellten konnten wieder miteinander schwätzen oder am Handy spielen.

Mehrdad, mein Couchsurfing-Host, hatte mir gesagt, dass es in Ordnung wäre, wenn ich um sieben bei ihm aufschlage. Zeit also, um ein bisschen am Blog zu schreiben – ich bin immer noch weit hinten dran. Auf dem Flug waren die Reisenden schon wieder ein bisschen anders. Vor allem an den Frauen hat man es gut gemerkt, dass es jetzt in den Iran geht. Während in Jordanien die meisten Frauen entweder komplett ohne Kopftuch oder aber mit einem Kopftuch, das überhaupt keine Haarsträhne mehr zeigt, herumlaufen, so ist es jetzt anders. Natürlich gibt es auch solche Frauen, die komplett in Schwarz und nur mit Augenschlitz zu sehen sind, aber die meisten haben ein lockeres Kopftuch auf, das das Haar mehr schlecht als recht verdeckt. Ganz ohne was auf dem Kopf, das wäre im Iran für eine Frau in der Öffentlichkeit nicht möglich.

Als ich vor ein paar Jahren in der Stadt in einer Buchhandlung gestöbert habe, ist mir ein Buch in die Hände gefallen: Couchsurfing im Iran. Durch dieses Buch bin ich zum einen überhaupt auf Couchsurfing aufmerksam geworden, und zum anderen war es der Grund, während meiner Weltreise in den Iran zu reisen. Ein Spiegelredakteur hatte das Buch geschrieben und allerhand erstaunliche Geschichten zu erzählen. Ich weiß nicht, ob es notwendig ist, aber wie er werde ich hier im Blog nicht die richtigen Namen verwenden – Couchsurfing ist im Iran verboten, und man weiß ja nicht, wer das hier alles liest. Denn ich glaube, es ist nochmal eine andere Hausnummer als in Russland, wo Couchsurfing zwar offiziell auch nicht erlaubt ist, aber im Iran kann man schon wegen weniger Probleme bekommen.

Um kurz vor sieben habe ich mir ein Taxi geschnappt und mich zu Mehrdad kutschieren lassen, bei dem ich um halb acht angekommen bin. Er hatte mich schon erwartet, und ich wurde in mein Zimmer geführt, das ich ganz für mich allein hatte. Er sah es mir wohl an, und deshalb hat er mich nach einer kurzen Begrüßung erstmal für zwei Stunden pennen lassen, und das habe ich auch dringend gebraucht. Zwischendrin hatte mal das Telefon geklingelt, von dem ich aufgewacht bin, aber danach hab ich mich nochmal umgedreht.

Mehrdad, obwohl schon Mitte 30, wohnte mit seinen Eltern im Nordwesten von Shiraz und war einer der ersten die mich angeschrieben hatten. Überhaupt war es wahrlich erstaunlich, welche Resonanz ich bekommen habe, als ich beim Couchsurfen in Moskau einen öffentlichen Trip im Iran erstellt hatte. Innerhalb einer Stunde hatte ich vier Angebote, innerhalb der nächsten Tage sollte diese Zahl auf über 15 steigen. Die Iraner waren geradezu heiß darauf, mich zu hosten. Ich musste schweren Herzens einigen absagen, und war nun hier gelandet. Die Familie hat mich freundlich aufgenommen, und als ich aufgestanden bin, hatte uns Mehrdads Mutter ein Frühstück hingestellt. Es war einfach, aber hat richtig gut getan.

Nachdem wir uns fertig gemacht hatten, sind Mehrdad und ich aus dem Haus und ab ins ehemalige Zentrum der Stadt. Mein Gastgeber hatte kein Auto und deshalb haben wir uns an die Straße gestellt und keine zwei Minuten später stand ein Privatauto vor uns, das uns als Taxi in die Stadt bringen sollte. Es ging zur Nasir-ol-Molk-Moschee (مسجر نصىر الملک, Masdschid-e Nasir-ol-Molk), die aufgrund ihrer rosagefärbten Kacheln hinlänglich auch als Pinke Moschee bekannt ist. Ende des 19. Jahrhunderts ist das Gotteshaus erbaut worden und vor allem im Gebetsraum kommt man sich wie in einem Kaleidoskop vor, weil das verschiedenfarbige Fensterglas buntes Licht ins Innere wirft. Der Taxifahrer, der uns her gebracht hatte, war inzwischen auch in die Moschee gekommen, zum einen, weil er noch nie hier war, und zum anderen, weil er gerne mit einem Ausländer sprechen wollte. Viel gesprochen hat er allerdings nicht mit mir, denn sein Englisch war eher rudimentär.

Schiras – Pinke Moschee
Schiras – Pinke Moschee
Schiras – Pinke Moschee
Schiras – Pinke Moschee
Schiras – Pinke Moschee

Danach sind wir zusammen ein paar Meter weiter zum Bagh-e Narandschestan-e Ghavam (باغ نارنجستان قوام), der kleinsten Gartenanlage in Schiras, bei der es sich um einen hübschen Orangengarten im gleichnamigen Pavillon handelt. Ein Kadscharenkönig ließ den Garten im 19. Jahrhundert anlegen, dann wurde er an eine der Schiraser Unis verliehen, und seit der Revolution beherbergt das im Garten befindliche Bauwerk ein Museum, das die iranische Geschichte vom Altertum bis hin zur Islamischen Revolution im Jahr 1979 zeigte. Die Anfänge der persischen Kultur liegen in der Antike vor über 5.000 Jahren. König Kyros begründete im sechsten Jahrhundert v. Chr. seine Dynastie, die im heutigen Südiran ihre Hauptstadt hatte. Das Reich Kyros galt als das bis dato größte der Geschichte. Die Römer hatten es nicht vermocht es einzunehmen, und erst Alexander der Große zerstörte das Persische Reich im Jahr 330 v. Chr. Es folgten die Parther und die Sassaniden, bis schließlich im Zuge der islamischen Expansion in Persien die Araber kamen und den Islam brachten. Die bis dahin vorherrschende Religion des Zoroastrismus wurde ersetzt. Es brach ein goldenes Zeitalter für die Perser an, das erst mit dem Mongolensturm im 13. Jahrhundert jäh beendet wurde. 1501 wurde das schiitische Bekenntnis zur Staatreligion, und nachdem die Briten und Russen im 19. Jahrhundert den Einfluss Persiens durch territoriale und wirtschaftliche Konzessionen schmälerten, bekam Persien 1906 sein erstes Parlament innerhalb einer konstitutionellen Monarchie. Lange hielt aber auch diese nicht, denn es folgten Putsche und Bürgerkriege. Im April 1926 setzte sich der Schah selbst die Krone aufs Haupt, und – ganz grob gesagt – folgte in den kommenden Jahren Pluralismus, Presse- und Meinungsfreiheit. In dieser Zeit wurde auch der Iranische Kalender eingeführt, der bis heute gilt: der Tag meiner Einreise in den Iran war demnach nicht der 19. Juni 2018, sondern der 29. Chordad 1397. Gleichzeitig wurde der Name Persien abgeschafft und – nicht ganz unbeeinflusst durch Nazi-Deutschland – durch Iran ersetzt, was Land der Arier bedeutet. Der Nachfolge-Schah setzte ab 1963 umfangreiche Reformen durch, die den konservativen Teilen der schiitischen Geistlichkeit allerdings überhaupt nicht passten. Die politische Opposition durfte sich aber schließlich organisieren und so kam es letztlich 1979 zur Islamischen Revolution. Seitdem ist der Iran eine islamische Republik mit einer theokratischen Demokratie. Das oberste Staatsamt hat der Religionsführer inne (bisher gab es insgesamt nur zwei!). Seitdem die Mullahs herrschen, werden die Frauen wieder mit Schleiern verhängt (wobei es heutzutage etwas lockerer zugeht und sich iranische Frauen mit einem Minimum an Schleier elegant kleiden können), es gibt nach wie vor Hinrichtungen, und es gilt die sogenannte Zwölferscharia. Seit der Revolution wurden die vormals befreundeten Staaten USA und Israel zu Staatsfeinden erklärt, aber auch die arabischen Länder haben mit dem Iran ihre liebe Not.

Schiras – Bagh-e Narandschestan-e Ghavam
Schiras – Bagh-e Narandschestan-e Ghavam
Schiras – Bagh-e Narandschestan-e Ghavam

Nach der Museumstour und einem Honigmelonensaft hat uns unser Taxifahrer ein gutes Stück aus der Stadt heraus gefahren in ein kleines Dorf, von wo wir zu einem kleinen Wasserfall hinaufgewandert sind. Der Aufstieg war harmlos, aber als wir schließlich wieder unten am Auto waren, haben wir uns in einem Imbiss was zu essen bestellt und sind anschließend zurück ins Reihenhaus meines Gastgebers gefahren. Ich war hundemüde und habe an meinem Blog nichts mehr zustande gebracht. Stattdessen habe ich mir einen kleinen Fauxpas geleistet: Als nämlich Mehrdads Bruder und dessen Frau abends um zehn noch zu Besuch gekommen sind, habe ich auf westlichem Reflex heraus natürlich nicht nur dem Bruder die Hand gereicht, sondern auch seiner Frau. Der Mann hat sie angenommen, aber die Frau durfte nicht. Man hat es mir aber – glaube ich – nachgesehen und dann wurde schnell drüber gelacht. Kurz darauf habe ich mich ins Bett verabschiedet – ich brauchte unbedingt eine große Mütze Schlaf.

Schiras – Wasserfall

Iranisches Brot ist ein bisschen anders. Klar gibt es auch Brotfladen, die wir hierzulande einfach Pita nennen würden, aber es gibt auch noch etwas anderes, das quasi aus einem Backautomaten kommt. Es ist relativ dünn, rechteckig und hat Noppen ähnlich einer Blisterfolie zum Verpacken von leicht Zerbrechlichem. In ein solches Brot haben wir am nächsten Morgen Rührei und ein Stückchen Frischkäse eingerollt und gegessen. Und was es noch zum Frühstück gab, war natürlich Tee.

Um neun war dann mein Taxi da, diesmal ein anderer Fahrer, der mich ins 120 Kilometer entfernte Pasargad brachte. Die Fahrt im nicht klimatisierten Auto machte mich schläfrig, und knapp zwei Stunden später waren wir da. Pasargad(ae) (پاسارگاد) war der Sitz Königs Kyros II., der als erster ein persisches Reich gründete. Anfangs vermutlich ein Heerlager, wurde Pasargadae unter seinem Nachfolger zu einer Stadt ausgebaut, die über ein ausgeklügeltes, unterirdisches Bewässerungssystem verfügte und von einer Säulenhalle umgebende Gärten besaß. Außer Ruinen ist von alledem nicht mehr viel übrig. Im ehemals heiligen Bezirk war lediglich das einsame Grabmal des Herrschers und ein paar hundert Meter weiter Steine auf einem Haufen zu sehen, von denen man nicht ganz sicher weiß, ob es ein Aussichtsturm oder was anderes war. Im Jahr 520 v. Chr. wurde die Residenz weiter nach Persepolis verlegt.

Pasargad – Grabmal Königs Kyros II.
Pasargad

Zum Schluss hat mich mein Fahrer wieder eingesammelt und es ging auf gleichem Weg zurück Richtung Schiras. Nach etwa der Hälfte der Strecke bog er ab und brachte mich zum nächsten Besichtigungspunkt Naqsch-e Rostam (نقش رستم, Darstellung des Rostam). Wie sich erst spät herausgestellt hatte, ist der Name der archäologischen Stätte falsch gewählt, denn sie hat nichts mit dem iranischen Nationalhelden Rostam aus der persischen Mythologie zu tun. Nichtsdestotrotz gab es vier riesige Felsgräber achämenidischer Großkönige und drumherum in den Fels gehauene Reliefs, die Szenen von Königen, Kriegen und glorreichen Siegen der Sassaniden zeigten. Gegenüber stand noch ein großer Steinklotz mit einem Graben drumherum, Kaʿbe-ye Zartuscht (کعبۀ زرتشت) dem Würfel des Zarathustra. Es wird vermutet, dass er als Feuertempel oder als Königsgrab verwendet wurde – so sicher ist man sich dabei aber nicht.

Naqsch-e Rostam
Naqsch-e Rostam – Würfel des Zarathustra

Den nächsten Stopp, keine zwei Kilometer entfernt, haben wir übersprungen, denn es wären wieder nur behauene Felsen und ein paar verwaiste Grabanlagen zu sehen gewesen. Stattdessen sind wir gleich ein Stückchen weiter gefahren zu jenem Touristenhighlight, für das Schiras bekannt ist: Persepolis (تخت جمشيد, Tacht-e Dschamschid, Thron des Dschamschid). Die Stadt der Perser hat ihren heute gebräuchlichen Namen von den Griechen erhalten, die, in Person von Alexander dem Großen und seinen Truppen, im Jahr 330 v. Chr. die Hauptstadt des antiken Perserreichs plünderten, in Brand steckten und zerstörten.

Auf dem Weg zum Eingang habe ich Dima aus Hannover kennen gelernt. Er war zuvor auf einer Hochzeit in der Türkei und hat sich relativ spontan dazu entschieden, eine Einladung nach Teheran anzunehmen und bei dieser Gelegenheit auch Persepolis zu besuchen – selbst wenn ihn dieser Ausflug in den Iran seinen ESTA-Status für die Amis gekostet hat. Genau wie mich!

Eine große Treppe führte hinauf zum Hauptpalast, der heute nur noch eine Ruine ist. Allerdings standen direkt davor Leute mit 3D-Brillen, die wir probehalber aufsetzen durften. Dann erst wird einem das Ausmaß – wenigstens ein bisschen – bewusst, das die Anlage mal hatte. Mit der Brille auf der Nase ging der Blick nach oben und zeigte einen bunt gestrichenen Palast, der vor uns weit in die Höhe ragte. Imposante Tore versperrten früher den Zugang. Heute jedoch sind davon nicht mal mehr die Türangeln zu sehen.

Persepolis – Rest vom Hauptportal des Palastes
Persepolis
Persepolis

Wir schlenderten durch die Anlage, schwätzten dabei über unsere Reisen und Dimas baldigen Berufswechsel, relaxten bei einem Stück Kuchen, vor allem rann uns der Schweiß. Es ist immer wieder erstaunlich zu sehen, in welchen – nennen wir es mal – klimatisch anspruchsvollen Gegenden der Welt große Reiche und Bauwerke entstanden waren. Persepolis war, wie so viele andere Orte, auch eine astronomische Funktion zugedacht: am Tag des Frühlingsanfangs, der noch heute der Termin für das iranische Neujahrsfest ist, fällt das morgendliche Sonnenlicht durch das sogenannte Tor aller Länder, einem wichtigen Palast in der Stadt.

Unsere Wege trennten sich, nachdem ich mir noch einen Persepolis-Magneten gekauft hatte und Dima mit seinem Fahrer abgedüst ist. Allerdings nicht mit einem erneuten Staunen darüber, dass man in Ländern wie dem Iran mal wieder Probleme damit hat, wenn man einen Betrag nicht genau, sondern mit einem geringfügig größeren Schein zahlen will. Mir ist es auch in Lateinamerika einige Male passiert, dass sie mit dem Rausgeben Probleme hatten. Klar, bei uns kriegt man unter Umständen auch einen genervten Blick von der Kassiererin, wenn man ein Päckchen Kaugummis mit einem Fuffi zahlt. Aber wirklich niemand müsste zum Kollegen an die Nachbarkasse, weil das Wechselgeld nicht reicht, wenn man einen Betrag um die fünf Euro mit einem Zehner bezahlt. Nicht so im Iran, wo die Magnetverkäuferin das Rausgeld beim Verkaufsstand nebenan holen musste. Aber wahrscheinlich gehört das eh alles dem gleichen Clan. Dima, der Ökonom, erklärte es mir mit dem fehlenden Vertrauen der Leute in die eigene Währung.

Zurück in der Stadt bei Mehrdad wollte mir dieser unbedingt das Ferienhaus seiner Familie zeigen, das, ähnlich einer Datscha, irgendwo auf dem Land lag. Die Sonne war schon lange untergegangen, als wieder der Fahrer vom Vortag vor der Tür stand und uns einsammelte. So recht verstand ich das mit dem Taxifahrer allerdings bis zum Schluss nicht. Nicht, dass der Fahrer uns in dunkler Nacht in die Datscha fuhr, er blieb auch über Nacht dort und brachte uns am nächsten Morgen wieder zurück nach Schiras. Also entweder ist das Vetternwirtschaft, oder die beiden hatten was miteinander – oder ich hör das Gras wachsen.

Bevor es aber losging wurde noch eingekauft – und bei dieser Gelegenheit habe ich auch eine Maschine gesehen, aus der das besagte Noppenbrot im Fünf-Sekunden-Takt herauskam. Dann brachte uns der Fahrer an die Imam-Khomeini-Moschee, in die mich Mehrdad mit hinein nahm.

Ein großer Innenhof mit hübscher Fontäne war von einer wichtigen Koranschule, den dazugehörigen Studentenwohnungen und zwei Moscheen umgeben. Die beiden Gotteshäuser beherbergten je einen Schrein eines berühmten Gelehrten und wurden von den Gläubigen entsprechend hochverehrt. Mir kam es fast schon wie der Heiligenkult im Katholizismus vor, als wir uns bedacht und demütig dem jeweiligen Schrein näherten. Und selbst beim Gehen mussten wir rückwärts hinaus und durften dem Schrein nicht den Rücken zuwenden; das wäre respektlos gewesen. Aber mal davon abgesehen hätte ich als Nicht-Muslim überhaupt nicht in die Moscheen hinein dürfen – allerdings hat keiner was gesagt, selbst wenn ich nicht unbedingt dem Bild eines eher dunkleren Iraners entspreche. Auf dem Boden vor der Imam-Nische sitzend hat mir Mehrdad in gedämpften Ton über den Islam und die Moschee erzählt.

Schiras – Imam-Khomeini-Moschee
Schiras – Imam-Khomeini-Moschee
Schiras – Imam-Khomeini-Moschee
Schiras – Imam-Khomeini-Moschee

Der Taxifahrer, an dessen Namen ich mich aus Sicherheitsgründen (oder Vergesslichkeit?) nicht mehr erinnern kann, wartete schon auf uns, und die Fahrt ging los. Bei einem kurzen Halt in einem kleinen Laden deckten wir uns noch mit Getränken ein und meine beiden Iraner waren ganz gefesselt vom Weltmeisterschaftsspiel ihrer Nationalelf gegen Spanien. Mehrdad erzählte mir, wie die Hölle los war, als die Iraner in das erste Vorentscheidspiel gegen Marokko gewonnen hatten. Autokorsos zogen durch die iranischen Städte, und die Leute feierten so frenetisch, als wären sie schon Weltmeister geworden. Letztlich haben die Niederlage gegen die Spanier und das Unentschieden gegen Portugal die Iraner aber nicht einmal ins Achtelfinale gebracht – genau wie die Deutschen!

Es war bereits nach elf, als wir schließlich auf der Datscha ankamen. Seit der Rente verbrachte Mehrdads Vater einen Großteil der Woche dort, um das Haus instand zu halten und zu verschönern. So auch, als wir eintrafen. Der erste Gang meines Gastgebers war zum Generator, um Strom zu haben, und dann wurde der Grill angeschürt. Eigentlich war ich hundemüde und wollte eigentlich nur noch schlafen, stattdessen wurde Fleisch gebrutzelt und der Tisch gedeckt. Zugegeben, einen Tisch als solchen gab es nicht, lediglich eine Tischdecke. Diese wurde auf einem Bettgestell, das vor der Haustür stand, ausgebreitet, und wir saßen dann letztlich im Schneidersitz um die Tischdecke herum und nahmen unter dem warmen iranischen Sternenhimmel unser Abendessen ein. In der Ferne bellten Hunde, und im Gartenhäuschen schnurrte der Generator.

Wenn man es nicht gewohnt ist, dann kann es nach ein paar Minuten ganz schön anstrengend werden, so zu sitzen, und so musste auch ich irgendwann die Füße ausstrecken. Nachdem der Abwasch gemacht war, durfte ich im Bett der Eltern schlafen, während es sich die drei anderen draußen auf dem leergeräumten Bettgestell gemütlich machten.

Im Garten der Datscha wuchsen neben Kirschen aber auch Sachen, die in deutschen Gefilden importierte werden müssen: Orangen, Feigen, Granatäpfel und viele mehr. Zum Frühstück gab es wieder iranisches Noppenbrot, Frischkäse und Rührei, und anschließend hat uns er Taxifahrer wieder zurückgefahren. Ich hatte gerade noch genug Zeit, um meinen Rucksack zu packen, bevor ich den Bus um 13 Uhr nach Isfahan zu erwischen. Natürlich hat mich wieder besagter Taxifahrer hingebracht und entsprechend abkassiert.

Schiras – Frühstück mit Noppenbrot

Der Bus hatte auf der 480 Kilometer langen Strecke leider eine Verspätung, und so kam ich nicht mehr rechtzeitig zu einem Termin, den ich mit Mobina hatte. Mobina ist eine unglaublich freundliche und vor Lebenslust sprühende junge Frau, die zusammen mit ihrem Mann ein kleines Hostel führt und mehrmals in der Woche iranische Kochkurse abhält. Später sollte ich erfahren, dass sie sich den Mann nicht freiwillig ausgesucht hatte. Offensichtlich sei es ein entfernter Verwandter, mit dem sie ihre Eltern da verheiratet haben. Man sieht es, wie sie mit einander umgehen, und auch optisch passen sie überhaupt nicht zusammen. Auf der einen Seite eine nette Frau, auf der anderen Seite ein ungepflegter, stoppelbärtiger Drialer (schwäbisch, etwa ‚Trantüte‘). Sie bestellte mir über Snap (iranisches Uber, bei dem man den Fahrpreis bar beim Fahrer bezahlt) ein Taxi, das mich direkt vor ihre Haustür brachte.

Freundlicherweise hatte die gesamte Kochkurstruppe auf mich gewartet. Als ich dann also ankam, konnte ich gerade noch mein Gepäck ablegen, und dann wurde mir eine Schürze umgelegt. Eine Familie aus dem Chiemgau mit drei jungen Mädchen sowie zwei Göttinger Studentinnen waren mit von der Partie. Mobina erklärte uns einiges zur iranischen Küche, den dabei verwendeten Gewürzen, und dann wurde geschnippelt und geschält, gebraten und gekocht. Nach gut zwei Stunden stand ein üppiges iranisches Abendessen auf dem Tisch. Geschmacklich ein bisschen ungewohnt, aber trotzdem äußerst lecker. Gegen Mitternacht war alles wieder aufgeräumt, und es ging ab in die Heia – weil nicht viel los war, hatte ich ein Zimmer für mich allein.

Isfahan – Kochkurs – Iranische Flagge als Salat
Isfahan – Kochkurs

Die Sonne schien zum Fenster herein und hatte meine Bude bereits unangenehm aufgeheizt, als ich endlich aufstand. Es war noch recht ruhig, aber Mobina werkelte schon wieder in der Küche und bereitete das Frühstück vor. Ich gesellte mich zu ihr, und nach und nach kamen auch die Chiemgauer herangeschlürft. Kurz bevor ich gehen wollte, holte eines der Mädchen eine Flasche von Mobinas selbstgemachtem Saft aus dem Kühlschrank und stand am Esstisch mitten in der Küche als es sie öffnete. Der Saft hatte ordentlich gegärt, und beim Aufmachen spritzte das dunkelviolette Gemisch durch die komplette Küche. Wände, Teppich, Töpfe, Küchenmöbel, sogar die Decke und vor allem auch wir selbst wurden voll davon. Ich hatte das Gebräu im Gesicht. Es war eine einzige Sauerei. Nach dem ersten Schreck wurde schnell darüber gelacht. Und dann habe ich einen Fehler gemacht. In Erwartung einer Absage, habe ich freundlich gefragt, ob ich beim Saubermachen helfen solle. Diese Frage wurde mit einem „Ja, gern!“ beantwortet. Jetzt konnte ich nicht mehr aus, und musste eine Stunde beim Putzen mithelfen. Wir mussten auf Stühle steigen, und Mobina musste den Teppich im Hof gründlich reinigen. Aber wenigstens hatte – erstaunlicherweise – die kleine Verursacherin tatsächlich fleißig mitgeholfen.

Ich hatte mir inzwischen auch Snap heruntergeladen und mir ein Taxi bestellt, das mich um die Mittagszeit in die Altstadt auf der anderen Seite des ausgetrockneten Flusses Zayandeh Rud zur Koranschule Tschahar Bagh brachte. Ich schlenderte durch die königlichen Gärten des Hascht-Beheschet-Palastes, wartete an der vergeblich auf eine Free Walking Tour an der Chadschu-Brücke und machte mich dann auf den Weg zum Zentrum der Stadt: dem Naqsch-e-Dschahan-Platz (ميدان نقش جهان, Meidan-e Naqsch-e Dschahan). Der rechteckige Platz war zum Zeitpunkt des Anlegens im späten 16. Jahrhundert der weltweit größte Platz und zählt bis heute zu den größten öffentlichen Plätzen der Welt. Er ist umgeben von Moscheen, Königspalast und Basar, war von Anfang an als Markt- und Festplatz, Gerichtsort und Spielfeld konzipiert und wird seit der Revolution auch Imam-Platz genannt. Der Platz machte durch ein phonetisches Wortspiel die Schönheit Isfahans im Persischen quasi sprichwörtlich: Esfahān nesf-e Dschahān, „Isfahan [ist] die Hälfte der Welt“.

Isfahan – Koranschule
Isfahan – Park des Hascht-Beheschet-Palasts
Isfahan – Frauenmoschee am Naqsch-e-Dschahan-Platz
Isfahan – Große Abbasi-Moschee
Isfahan – Große Abbasi-Moschee

Ich bin herum geschlendert und habe mir dann am südlichen Ende die Große Abbasi-Moschee angeschaut, die mit ihrer himmelblauen Zwiebelkuppel und den vielen Mosaiken als Meisterwerk islamischer Baukunst verstanden wird. Beim Rausgehen habe ich meinen Audioguide wieder bei einer jungen Frau abgegeben, die neugierig wissen wollte, woher ich denn komme. Nachdem ich ihr meine Herkunft verraten hatte, druckste sie ein bisschen rum und fragte schließlich, ob ich ihr denn nicht mit ihrer Deutsch-Hausaufgabe helfen könnte – aber nur, wenn ich Zeit hätte. Ich stimmte natürlich zu ihr zu helfen; nichtsahnend, dass daraus fast eine Stunde würde, in der ich ihr irgendwelche Vokabeln und grammatische Strukturen zu erklären versuchte. Aber sie war ganz dankbar und wolle irgendwann einmal Deutschland besuchen.

Es war ein Freitag. Wie in vielen muslimischen Ländern ist es auch im Iran so, dass der Freitag der öffentliche Ruhetag ist. Hier ist also – nicht wie in Israel – die Arbeitswoche (Samstag bis Mittwoch) um einen Tag, sondern gar um zwei Tage nach vorn verschoben. Aus diesem Grund war auch der Park komplett bevölkert. Familien saßen im Park des Hascht-Beheschet-Palasts auf Teppichen verteilt auf dem Boden, schwätzen, picknickten, tranken Tee und spielten Brettspiele oder Fußball. Isfahan genoss den wunderschönen Tag im Schatten der Bäume und ließ den lieben Gott einen guten Mann sein. Ich hatte gerade noch einen Platz auf einer Parkbank gefunden und schaute Kindern zu, wie sie unter der Fontäne eines offensichtlich kaputten Rasensprengers im erfrischenden Wasserschauer herumtollten. Ich hatte gerade ein Hangout auf Couchsurfing klargemacht, als ich mich von der Bank erhob und Richtung Ausgang schlenderte. Keine fünf Meter weiter, ich ging gerade an einer auf einem Teppich sitzenden Familie vorbei, hielt mir die in schwarz gekleidete Frau ein Glas mit Tee entgegen und lud mich ein, mich zu ihnen zu setzen. Etwas schüchtern und gleichzeitig ziemlich überrascht näherte ich mich den vieren, zog meine Schuhe aus und setze mich zusammen mit ihnen auf ihnen Picknick-Teppich.

Richtig Englisch konnte nur die 25-jährige Tochter der Familie, die für die Eltern und den Bruder ins Persische übersetzte. Der Bruder, der ein paar Jahre jünger war, konnte zwar auch Englisch, aber er genierte sich wohl ein bisschen und war deshalb nur stummer Zuhörer. Die Tochter hatte viel zu tun, denn die Mutter wollte allerhand Dinge wissen: woher ich komme, was ich im Iran mache, warum ich in meinem Alter immer noch nicht verheiratet bin *Augenroll*, wie es mir im Iran gefalle, und so weiter und so fort. Wir erzählten uns voneinander, und so erfuhr ich, dass die Tochter bereits ein kleines Mädchen habe und ihr Mann gerade geschäftlich im Ausland sei, während der Sohn nun endlich heiraten solle. Dazu wurden mir neben Tee auch Gebäck und süße Zuckerplättchen gereicht. Wir haben uns toll verstanden und die Sympathie war definitiv beiderseits. Nach einer knappen Stunde verabschiedeten wir uns voneinander, und wieder einmal dachte ich mir, dass so etwas in Europa nicht passieren würde. In Sachen Gastfreundschaft sind die Iraner einfach unschlagbar. Ich kann nur hoffen, dass sie diese tolle Tugend noch eine Weile behalten. Wenn das Land einmal mit Touristen überschwemmt werden sollte, dann wird es damit schnell vorbei sein.

Ich kam gerade noch rechtzeitig zu meinem Couchsurfing-Hangout auf dem Naqsh-e Dschahan, wo ich mich mit einer Iranerin und zwei Touristen traf. Inzwischen war die Hölle los auf dem Platz, denn es fand gerade eine Surchaneh-Show statt. Verschiedene Gruppen aus dem ganzen Land waren nach Isfahan gekommen, um in einem Wettkampf gegeneinander anzutreten. Surchaneh (زور خانه, Krafthaus, Haus der Stärke) ist eigentlich ein Raum, in dem die traditionelle iranische Kraftsportart Verzesch-e Pahlavani (ورزش پهلوانی) praktiziert wird. Es entwickelte sich bereits in vorislamischer Zeit und diente zur körperlichen und geistigen Ertüchtigung. Inzwischen wird der Sport auch so interpretiert, dass damit Glaubensstärke und Loyalität gegenüber dem Propheten Mohammed und den Imamen erwiesen werden. Die Männer waren bei den Vorführungen mit größeren oder kleineren Holzkeulen ‚bewaffnet‘, die sie elegant und mit Geschick hin und her schwangen und auf den Boden oder sich selbst auf die Schultern ablegten. Das Ganze verlief synchron in der Gruppe und folgte lauten, rhythmischen Trommelschlägen. Sogar das Fernsehen war da und übertrug das beliebte Spektakel in den hintersten Winkel des Landes. Zwischendurch moderierte ein schleimiger Kerl vor der Kamera die jeweils nächste Gruppe an, und die Menge bejubelte die Männer frenetisch, die seit der islamischen Revolution nicht mehr, wie traditionell üblich, oben ohne auftreten dürfen.

Isfahan – Naqsch-e-Dschahan-Platz

Nach der Show sind wir zu viert noch über den Platz geschlendert, die Iranerin hat uns noch ein paar Geschichten und Hintergründe erzählt, und dann haben wir uns in ein kleines Café in einem netten Hinterhof gesetzt und gequatscht. Nachdem sich unsere Local verabschiedet hatte, bin ich mit den anderen beiden, ich glaube es waren ein Japaner und eine Schwedin, noch ein Stück Richtung deren Hostel gegangen und dann habe auch ich den Heimweg angetreten. Ich wollte zu Fuß gehen, und habe mich zum Schluss noch ordentlich verlaufen, denn mein Handy war leer. In einem Crêpes-Café, das eigentlich schon geschlossen hatte, habe ich es aufgeladen und festgestellt, dass ich nicht ganz falsch bin. Eine halbe Stunde später habe ich dann endlich die richtige Straße und das richtige Haus gefunden, bin in mein Bett und auf der Stelle eingeschlafen.

Isfahan – Chadschu-Brücke

An nächsten Morgen durfte ich nicht so träge sein und ewig im Bett liegen bleiben. Ich hatte einen Termin um 10 Uhr. Um kurz vor neun habe ich mich also aus meinem überhitzten Zimmer gequält, habe was gefrühstückt und mir ein Snapp bestellt. Auf die Minute genau war ich dann am vereinbarten Treffpunkt mit Firouzeh, die mich in drei Stunden durch Isfahan führte.

Bei ihrer kurzen Vorstellung sagte sie, dass sie Gott dafür danke, dass sie mich treffen darf. Ich wusste in diesem Moment allerdings nicht so recht, ob sie einfach nur maßlos übertreibt, oder ob es ihr wirklich viel bedeutet. Man stelle sich das mal bei einer geführten Tour durch Neuschwanstein vor; man würde den Tourguide für verrückt erklären! So oder so zeigte es aber einfach nur wieder, wie glücklich die Iraner sind, dass ausländische Touristen in ihr Heimatland kommen. Von unterschiedlichsten Leuten wird man auf der Straße mit einem freundlichen „Hello“ oder „Welcome to Iran“ begrüßt, einfach so im Vorbeigehen. Auf unserem Spaziergang sollte uns gar ein Taxifahrer ansprechen, der nachfragte, ob es ratsam sei, illegal nach Deutschland zu kommen und was man als Taxifahrer bei uns denn so verdiene. Und Almanya ist für viele ohnehin das Traumland schlechthin. Noch dazu kommt, dass sich viele sehr mit Deutschland verbunden fühlen, da wir als „Arier ja derselben Rasse angehören“. Als ich das das erste Mal gehört hatte, habe ich mal schnell geschluckt. Und alle erzählen mir dann die Geschichte, dass vor vielen hundert oder tausend Jahren Perser nach Europa bzw. Deutschland (das damals noch nicht mal ansatzweise existierte) ausgewandert sind, und dass Persien im zweiten Weltkrieg an der Seite von Nazi-Deutschland stand. So weit, so richtig. Sowohl das Deutsche als auch Farsi gehören einer gemeinsamen (indo-germanischen) Sprachfamilie an, die durch Migration entstanden ist, und tatsächlich hatte der damalige Schah große Sympathien für Hitler. Dann ist aber schnell Schluss: Niemand würde sich heute bei uns als Arier bezeichnen (von ein paar hirnverbrannten Ausnahmen abgesehen!) und die Nazi-Ideologie des blonden, blauäugigen Ariers hat nicht viel zu tun mit schwarzharigen, dunklenhäutigen Persern! Es bedurfte dann immer einer kleinen Erklärung, dass wir dieses Wort in Deutschland nicht mehr in einem positiven Sinne verwenden!

Firouzeh sprach mit einem imitierten amerikanischen Akzent und war manchmal nicht ganz einfach zu verstehen. Sie erzählte mir von den Schahs und Dynastien, die Isfahan insgesamt drei Mal zur Hauptstadt Persiens gemacht hatten. Der Palastgarten, durch den ich tags zuvor bereits geschlendert war, wurde mir erklärt, und am großen Platz sind wir in den Ali-Qapu-Palast, der einem tollen Blick auf den Platz selbst bietet aber auch auf die Stadt und die umliegenden Berge selbst.

Isfahan
Isfahan – Blick vom Ali-Qapu-Palast auf den Naqsh-e Dschahan
Isfahan – Ali-Qapu-Palast

Nach der Eroberung Isfahans durch die Araber im Jahr 640 begann die islamische Geschichte der Stadt und damit einhergehend ein Aufschwung, der die Stadt später zum Sitz bedeutender persischer Herrscherdynastien machte. Isfahan lag auf der Südroute der Seidenstraße und war bekannt für seine Seide und Baumwolle. Außerdem existierte zu jener Zeit ein großes jüdisches Viertel, das entstanden sein soll, nachdem der babylonische König die Juden aus Jerusalem vertrieben hatte. Ihre größte Blütezeit hatte die Stadt nach der Eroberung der Safawiden im Jahr 1502, und es wurden Künstler und Handwerker aus dem ganzen Land geholt. Das erste Mal auf Isfahan aufmerksam wurde ich durch einen (historisch ungenauen, aber trotzdem tollen) Roman (‚Der Medicus‘) von Noah Gordon. Darin begibt sich ein junger Schotte auf den langen Weg nach Isfahan, um dort von einem Professor namens Ibn Sina in Medizin unterrichtet zu werden. Dabei muss er sich allerdings als Jude ausgeben, denn als Christ hätte man ihn sofort getötet. Als erfahrener Mediziner kehrt er Jahre später wieder in seine Heimat zurück und wird wohlbekannt. Noch heute ist Ibn Sina, der im Abendland unter dem latinisierten Namen Avicenna bekannt ist, nicht nur in Isfahan, sondern in ganz Persien hochverehrt. Er war ein Universalgelehrter und hat insbesondere die Geschichte und Entwicklung der Medizin maßgeblich mitgeprägt. Und weil mich das Buch seinerzeit so faszinierte, wollte ich selbst auch irgendwann nach Isfahan – selbst wenn Ibn Sina in Wirklichkeit nur seine letzten Lebensjahre in Isfahan verbrachte und sich währenddessen auch eher mit Philosophie als mit Medizin beschäftigt hatte.

Isfahan

Kurz vor Ende der Tour hatte mich Firouzeh noch auf ein Ferni eingeladen, einer Art Pudding mit Dattelsirup, der sehr lecker war und vor allem auch süß! Es war jetzt aber höchste Eisenbahn, denn ich musste schauen, dass ich ins Hostel zurückkam. Firouzeh und ich verabschiedeten uns freundlich voneinander und ich habe mir ein Snapp bestellt. Es war die Hölle los an diesem frühen Nachmittag und ich musste ewig warten, bis jemand meine Fahrtanfrage annahm. Als ich meine Unterkunft erreichte, war mein Fahrer schon da. Ich packte mein Zeug, bezahlte meine Zeche bei Mobinas Vater und bin zusammen mit der Familie vom Chiemsee vor die Tür. Die fünf waren gerade dabei ins Schwimmbad zu fahren. So einfach geht das im Iran allerdings nicht. Ihr Ziel war ein Bad, das aus einem Wasserpark und einem normalen Schwimmbad bestand. Täglich abwechselnd gibt es im einen Teil einen Frauentag und im jeweils anderen Teile einen Männertag. Astrid musste also mit den beiden älteren Mädchen in den Wasserpark, wo heute Frauen erlaubt waren, während Georg zum Männertag ins Schwimmbad musste und dabei die Kleinste mitnahm, die als Junge durchgehen musste.

Isfahan – Ferni

Auf dem Weg zum Auto erzählte mir mein Fahrer, dass in der Nacht seine Großmutter gestorben wäre. Damit rechtfertigte er sozusagen seine Raserei auf der Autobahn. Normalerweise sind 120 km/h erlaubt, aber mit eingeschaltetem Warnblinker gingen auch locker 160. Nach gut zweieinhalb Stunden waren wir schließlich in Abyaneh angekommen, dem Roten Dorf an den Hängen des Karkas-Gebirges. Es war nicht viel los an diesem Nachmittag, denn der Sommer ist im Iran aufgrund der großen Hitze Nebensaison. Nur ein paar Touristen und Dörfler waren im Ort unterwegs. Abyaneh ist deshalb so bekannt, weil es fast unverändert aus persischer Zeit stammt. Die lokale Tracht geht auf einen Kleidungsstil aus der Antike zurück, und die Kleidung der Frauen besteht aus einem weißen Schal mit farbigem Blumenmuster – einmalig und deutlich erkennbar in der ganzen Region. Kleine, kanalisierte Wildbäche durchziehen den Abyaneh genauso wie enge Gässchen und steile Wege. Obwohl der auf 2500 Metern über dem Meer gelegene Ort nur etwa 300 Einwohner zählt, findet man hier unter den Sehenswürdigkeiten nicht nur einen zoroastrischen Feuertempel, sondern sage und schreibe acht Moscheen. Ich bin gemütlich durch das Dorf geschlendert, habe Häuser und Gassen angeschaut, mit drei alten Frauen für ein Selfie gepost und bin am oberen Ende wieder herausgekommen, wo mich mein Taxifahrer schon erwartete. Jetzt ging es die letzten knapp 60 Kilometer weiter nach Kaschan, wo mein nächster Couchsurfing-Host gerade noch eine Uni-Prüfung schrieb.

Abyaneh
Abyaneh
Abyaneh
Abyaneh
Abyaneh – mein Harem

Bei der Einreise habe ich geschwitzt, dabei ging alles reibungslos über die Bühne. Inzwischen schwitzte ich wieder, denn es war teilweise brüllend heiß. Wenn ich eines weiß: in den Iran komme ich nicht mehr im Sommer, da ist es fast unerträglich und es schlaucht einfach. Viel lieber im Frühjahr oder Herbst. Dann ist Persien auch schön, und ich nicht mehr schweißgebadet.

Kaschan – Warten auf meinen Host
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