Size does(n’t) matter

Size does(n’t) matter

Es müssen Hohn und Spott gewesen sein, mit denen das Verkehrszeichen auf mich und meinen Polo herabgeschaut hat. Achtzig. Mehr war nicht erlaubt auf dieser D-Straße.
Die Straßen in Namibia sind mit Buchstaben klassifiziert. B ist eine hervorragend ausgebaute Teerstraße. C ist eigentlich eine gute Teerstraße, aber es gibt auch Abschnitte mit Schotter. D ist eine Schotterstraße in teilweise verheerendem Zustand. Und der Vollständigkeit halber sei gesagt, A-Straßen habe ich auf keiner Landkarte gesehen, zumal diese erst 2017 überhaupt eingeführt wurden. Es sollen Autobahnen mit zwei Spuren je Fahrtrichtung sein. Auf so etwas bin ich für ein paar Kilometer auch gefahren, aber sie waren noch mit B klassifiziert.

Auf meiner ersten D-Straße bin ich unterwegs zur Spitzkoppe, einem Berg im Nirgendwo mit Quellen und Felsmalereien. Von Swakopmund, wo ich herzlich von der Chefin des Hauses verabschiedet worden bin, ging es erst auf einer B-Straße Richtung Windhuk, und dann kam die Abzweigung. Nach zwölf Kilometern Schotter habe ich aufgegeben und die Spitzkoppe übersprungen. Schlaglöcher, Bodenwellen. Man kommt sich vor als führe man auf einem Wellblech. Zurück an der Abzweigung gab es die Möglichkeit, auf der Teerstraße einen Umweg von 100 Kilometern oder aber auf einer allem Anschein nach besseren D-Straße querfeldein zu fahren. Ich habe mich dummerweise für die D-Straße entschieden und es hinterher bereut.
Doch wenn man da so mit 20 oder 30 dahin tuckelt, dann macht man sich natürlich Gedanken. Nicht unbedingt über das Leben im Allgemeinen und das eigene Leben im Speziellen, sondern vielmehr, wie sowas überaus Bescheuertes wie eine Waschbrettstraße überhaupt entsteht. Ich habe später danach gegoogelt und auch tatsächlich Artikel gefunden, die das Phänomen der Wellen zwar annähernd erklären, aber dessen Auswirkungen nicht im Geringsten mindern. Für die 100-Kilometer-Abkürzung habe ich dann halt zweieinhalb Stunden gebraucht und mich auch schon auf die geteerte C-Straße gefreut, aber bis auf 5 Kilometer war auch die nur eine Schotterpiste. Allerdings eine gute, auf der sogar 100 km/h gingen – also stellenweise.

Spitzkoppe, leider ist da nix draus geworden
D-Straße

Später, nach nochmal 15 Kilometern D-Straße, bin ich dann endlich an meinem Zeltcamp angekommen. Irgendwo in der Wildnis. Im Zelt gab’s keinen Strom, sondern wenn dann nur im Rezeptionsbereich – vom Generator. Im ganzen Camp kein Internet, und nur auf’m Berg konnte man mit viel Glück überhaupt Mobilfunk kriegen. Das Abendessen wurde auf Feuer gekocht (nicht von mir, sondern von einem Koch), und der Sonnenuntergang in der Savanne einfach nur toll. Das Klo, die Dusche und das Waschbecken waren open air.

Madisa Camp
Madisa Camp – Kein Strom, aber dafür Gin Tonic
Madisa Camp
Madisa Camp – Mein Zelt
Madisa Camp – Open-Air-Klo
Madisa Camp – Open-Air-Waschbecken
Sonnenuntergang vorm Zelt
Madisa Camp
Madisa Camp – Blick aus dem Bade“zimmer“
Madisa Camp
Madisa Camp
Madisa Camp von oben
Madisa Camp

In völliger Dunkelheit ging’s zurück zum Zelt. Und da war er! Ein Sternenhimmel wie man ihn nicht beschreiben kann. Wie man ihn bei uns zuhause nicht kennt. So viele Sterne! Man konnte sich gar nicht daran sattsehen. Wow!
Der kleine rote Skorpion, der in meinem Außen-Waschbecken auf mich gewartet hat, konnte die Stimmung ob der Sterne nicht mindern. Er hat mich nur dazu veranlasst, das Zelt vor dem Schlafengehen anständig zu verschließen.

Nach dem Frühstück ging’s weiter zum Vingerklip, der auch wieder nur über eine 18-Kilometer-D-Straße erreichbar war. Einfacher Weg! Die Gegend hat mich an den Westen der USA erinnert, wenn auch ein bisschen grüner. Und an einer Stelle sind die Formationen allerdings ein bisschen anders – am Vingerklip. Nach 30 Millionen Jahren Erosion ist hier nur noch ein 35 Meter hoher Gesteinsbrocken stehen geblieben, der aufragt wie ein Finger in der Wüste. Eine einzelne Frau hat an der Zugangsstraße 10 Namibia-Dollar kassiert und mich dann in die Einsamkeit weiterfahren lassen. Kein Mensch außer mir weit und breit. Nix los.

Vingerklip
Vingerklip
Vingerklip
Pool in Outjo

Mein Lodge am Abend in Outjo hatte einen schönen Pool und ich bin so zeitig angekommen, dass ich mich noch in die Sonne legen konnte. Herrlich! Nach der ganzen Fahrerei tut diese Entspannung richtig gut. Am nächsten Morgen mache ich mich auf in den Etosha Nationalpark. Zebras, Springböcke, Impalas. Alles läuft hier einfach so rum. Ab dem eigentlichen Zugang zum Park gibt es nur noch Schotterstraße. Diesmal sind sie zwar auch schlecht, aber das ist heute nicht ganz so schlimm, weil ja links und rechts des Weges Tiere zu sehen sind, die man nur aus dem Zoo kennt. Eine Herde Zebras grast am Wegesrand. Eine Gruppe Strauße sucht unter einem Baum Schutz vor der Sonne. Giraffen ziehen in der Ferne dahin. Eine Herde Springböcke geht vor mir über die Straße und versteckt sich im Dickicht. Und an den Wasserlöchern sind alle zusammen zu sehen. Kudus, Gemsböcke, Steinböcke, Antilopen, Paviane und Warzenschweine.

Etosha-Salzpfanne

Der Etosha-Nationalpark hat eine Größe von 22.275 km² und umfasst fast die gesamte 4760 km² große Etosha-Pfanne. Bereits 1907, also noch zur Zeit der deutschen Kolonialherrschaft, ist das Gebiet zum Naturschutzgebiet erklärt worden.
Vor 4 Mio. Jahren war die Pfanne mal ein See, aber durch tektonische Aktivitäten vor 2 bis 4 Mio. Jahren haben sich die Flussläufe geändert und der See trocknete aus. Was übrig blieb ist die heutige Kalk- und Salzpfanne, die eine grünliche und weiße Oberfläche aufweist. Nur in der Regenzeit kann es vorkommen, dass die Pfanne bis zu 10 Zentimetern vollläuft. Außerhalb der Pfanne gibt es allerdings ganzjährig Wasserstellen, an denen Tier zu finden sind. Beispielsweise auch Elefanten aus der Gegend meines gut 300 Kilometern entferntes Zeltcamps (Madisa Camp, Damaraland) kommen in den Etosha, wenn es sonst nirgends Wasser gibt.

In der Ferne zieht eine Regenwand über’m Etosha auf und gibt auf den letzten 50 Kilometern ein geradezu bedrohliches Bild ab. Die Natur wird es freuen, wenn es wieder regnet. Mir aber kommt der Regen ziemlich ungelegen, denn dann kann ich mir den Pool in der Mokuti Lodge abschminken. Und natürlich, gerade als ich ankomme fängt es zu regnen an. Allerdings nicht so lange, den Pool kann ich später immer noch ausprobieren. Fürs Auto aber – ich weiß, man kann es mir eh nicht recht machen – hätte es noch ein bisschen mehr sein können, denn jetzt hat der Regen den ganzen Staub einfach weiter verteilt und meinen Polo nur noch unansehnlicher gemacht. Obwohl die Lodge eigentlich das Budget eines Backpackers weit übersteigt, hat sich die Investition gelohnt. Das Zimmer ist super, das Dinner-Büffet ausgesprochen lecker, und der Pool absolut erfrischend.

Pool in der Mokuti Lodge

Mit einer Gruppe Italiener, allesamt Römer um genau zu sein, sitze ich am nächsten Morgen um halb sieben in einem offenen Safari-Bus, und wir machen uns auf die Suche nach Tieren. Zur dieser frühen Stunde werden wir auch schnell wieder fündig. Gnus und Geier sind unterwegs, Zebras und Springböcke sowieso, und dann erblicken wir sogar noch zwei Löwinnen. Und die machen, was Katzen einfach am besten können: faul in der Gegend rumliegen. Ein Hyänenjunges wartet in einem Erdloch auf die Mutter, während Perlhühner gefährlich nahe daran vorbeigackern. Giraffen strecken ihre Hälse durch die Bäume und fressen, nachdem sie uns kurz gemustert haben, genüsslich weiter. Eine Elefantenherde flüchtet von einem Wasserloch, als ein Safari-Bus nach dem anderen heranfährt und unzählige Fotoapparate auf sie gerichtet werden. Und irgendwo in der Ferne erblickt unser Guide einen Cheetah – einen Gepard. Alle im Bus müssen lange suchen, bis sie den Fleck tatsächlich als ein Tier ausmachen. Aber aus der Ferne hätte das auch ein Tiger sein können.

Zurück im Hotel mache ich mich auf den Weg nach Tsumeb. Hier bin ich nur zum Übernachten und quasi um Zeit zu überbrücken, da der Direktflug zu meinem nächsten Ziel nicht jeden Tag geht. In Tsumeb gibt es nicht viel, aber das Hotel hat einen gewissen Charme. Es ist unterbracht in einem alten Kino, und um überhaupt einmal in die Zimmer zu kommen, muss man durch den kompletten Vorführsaal gehen, der nun noch sehr selten genutzt wird. Die Familie, die das Hotel leitet, macht den Aufenthalt mit viel Liebe zum Detail außergewöhnlich.

Kino-Hotel in Tsumeb

Auch der Tag drauf macht nicht viel her. Das Gepard-Resort, das ich (auf einer D-Straße!) besuchen will, wird kurzerhand von der Liste gestrichen, denn die Straße, in die mich mein Navi abbiegen lassen will, existiert nicht. So kann ich die Strecke nach Okahandja einfach weiterfahren und habe dort auch noch die Möglichkeit, den Polo waschen zu lassen. Teilweise zu dritt kümmern sie sich um die Karre, und verlangen dafür nur 40 Namibia-Dollar (knapp 3 Euro). Ich gebe ihnen ein ordentliches Trinkgeld, hole mir etwas zu essen und genieße den letzten Abend in Namibia. Morgen früh geht es die letzten 130 Kilometer zum Flughafen nach Windhuk und von dort weiter an die Viktoriafälle.

Die Sache mit den D-Straßen hat mich schon ein bisschen geärgert. Feldwege in Deutschland sind teilweise in einem wesentlich besseren Zustand. Manchmal hätte ich mir schon einen Größeren gewünscht! Also ein größeres Auto, meine ich! Vor allem dann, wenn die Einheimischen in ihren dicken Pickups mit einem Affenzahn an mir vorbeigedüst sind, während ich so langsam fahren musste, dass es nicht mal gestaubt hat. Andererseits darf ich mich nicht beklagen. Mein Polo hat mich ohne Mucken, ohne Platten und immer zuverlässig während der 9 Tage 2092 Kilometer durch Namibia gebracht. Und gerade bei meiner ersten D-Straße, die mit dem 80er-Schild, war es ganz zum Schluss, zwei Kilometer vor der Abzweigung auf die C-Straße, dann tatsächlich noch so, dass ich Gas geben konnte. Bis auf 90 km/h konnte ich meinen Polo treiben! Ätsch, du blödes Schild! Und wie das gestaubt hat. Grad geil war’s!

2 Gedanken zu „Size does(n’t) matter

  1. Lieber Dominik,
    Hammer was Du jetzt schon alles erlebt hast und super wie schön Du das alles beschreibst. Reise in Gedanken mit Dir und wenn es mehreren Dagebliebenen so geht, brauchst Du defenitiv das nächstemal ein größeres Auto.
    Weiter so und viele Grüße aus dem stürmichen old Germany.
    Ute

  2. Ein Hotel in einem alten Kino. Wie cool ist das denn bitte!
    Das wäre auch was für Benny und mich 🙂
    Grußi

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