Südamerikanisches Zeitempfinden

Südamerikanisches Zeitempfinden

In Südamerika gehen die Uhren anders. Meistens gehen sie nach. Mir war klar, dass nicht immer alles streng nach Plan geht. Und so habe ich mich von vorn herein auf eine Verzögerung eingestellt. 10 Minuten zu spät – ist ja noch fast pünktlich. 20 Minuten zu spät – damit muss man rechnen. 40 Minuten nach der vorgegebenen Zeit bin ich aber unruhig geworden und zurück ins Hostel, um die Transferfirma anrufen zu lassen. Weil es Sonntagfrüh um kurz vor acht war, ging natürlich niemand ans Telefon. Aber zum Glück hallte dann auf einmal mein Name durchs Hostel. Der gestresste Fahrer kam auf mich zu geeilt, versicherte sich, dass ich der Richtige war, und dann ist er voraus zum Bus gespurtet. Nach einem Zwischenstopp am zentralen Omnibusbahnhof fuhr unser Bus hinauf nach El Alto und dann weiter nach Copacabana. Nein, nicht das in Rio am Atlantik, sondern das in Bolivien am Titicacasee. Das Wetter bei der Abfahrt von La Paz war kalt und regnerisch, irgendwie hatte ich einen Durchhänger, und dann war ich grad froh drum, aus der Stadt raus zu kommen.

Copacabana liegt auf einer Halbinsel im Titicacasee. Von Bolivien aus ist das Städtchen aber nicht über den Landweg zu erreichen, sondern nur über eine Fähre. In einem Dörfchen namens San Pablo de Tiquina mussten daher alle aus dem Bus raus und mit einem kleinen Boot rüber. Der Bus hingegen kam auf eine abenteuerliche Holzfähre und wurde damit die 800 Meter auf die andere Seite übergesetzt. Danach ging es für eine knappe Stunde weiter bis Copacabana.

Titicacasee – San Pablo de Tiquina
Titicacasee – San Pablo de Tiquina, Fähre für den Bus

Der Ort ist vollkommen auf Touristen eingestellt; das Stadtbild sieht dementsprechend aus. Berühmt ist Copacabana allerdings vor allem als Wallfahrtsort. Aus ganz Bolivien und Peru kommen die Leute zur Jungfrau von Copacabana herbeigepilgert. Zusätzlich war an diesem Wochenende noch Lichtmess – Candelaria –, und das wird hier umso mehr gefeiert, denn just an diesem Feiertag im Jahr 1583 wurde die Kathedrale der Virgen de Copacabana geweiht. Der Grund für die große Kirche und die große Beliebtheit liegt aber natürlich auch in einem Trick der katholischen Kirche. Seit nämlich die Jungfrau Maria mit der Pachamama quasi gleichgestellt worden war, kamen die indigenen Leute zuhauf – und das hält bis heute an.

Titicacasee
Titicacasee
Titicacasee
Titicacasee – Copacabana
Titicacasee – Copacabana

Ich hatte mir die Tour zum Titicacasee über eine deutsche Agentur gebucht. Am nächsten Morgen kam deshalb mein Guide extra aus La Paz angereist und hat mich mitgenommen zur Isla de la luna und zur Isla del sol – den Inseln des Mondes und der Sonne. Die Boote auf der zweistündigen Überfahrt waren voll, aber erstaunlicherweise war ich der einzige, der die konkrete Tour gebucht hatte, und so bekam ich an diesem Tag meinen persönlichen Führer. Victor hieß der Kerl, und er hat mir viel über die Inseln, den See und vor allem über die Leute, die hier seit Urzeiten leben, erzählt. Schon lange bevor die Inkas hier ihr großes Reich aufgebaut haben, hatten unterschiedliche Völker den See besiedelt und konkret die Sonneninsel als Heiligtum angesehen. Schon damals sprachen die Menschen Quechua oder Aymara, und diese Sprachen haben sich – mit einem gewissen Einfluss des Spanischen – bis heute gehalten. Die Orte und Bezeichnungen in diesen Sprachen habe ich aber gleich, nachdem Victor sie ausgesprochen hatte, wieder vergessen. Overflow sag ich nur.

Auf der Mondinsel wohnen heute wohl noch sieben Familien, die vom Tourismus leben – eine Stunde am Tag. Die Boote kommen um elf an und fahren um zwölf weiter zur Sonneninsel. Währenddessen machen Touristen fleißig Fotos, und ich war ehrlich gesagt froh, jemanden zu haben, der mir was dazu erzählt hatte, denn sonst wäre ich nur gelangweilt durch die Ruinen gelaufen. Für den Rest des Tages gehört die Insel wieder den Bewohnern wieder.

Titicacasee – Isla de la luna
Titicacasee – Isla de la luna

Die Sonneninsel ist wesentlich größer. Hier gibt es mehrere Dörfer, aber seit ein paar Jahren sind die Dörfer verstritten, und es ist für den normalen Touristen nur noch der Südteil der Insel zugänglich. Victor und ich gingen etwas südlich vom Hauptort an einer Ruine an Land, ich bekam Infos zur Ruine, und dann ging es ein paar Meter nach oben. Eigentlich nicht schlimm, aber der Titicacasee liegt auf 3812 Metern über dem Meer, und irgendwie musste ich ganz schön schnaufen. Oder liegt es daran, dass ich seit zwei Monaten keinen Sport mehr gemacht habe? Immer nur in Autos, Bussen und Flugzeugen sich den Arsch platt zu sitzen, davon kriegt man keine Kondition. Der Einfachheit halber habe ich es auf die Höhe geschoben, und dazu hat mir Victor empfohlen, Mate de Coca zu trinken und an einem Kraut namens Coa zu riechen, dann soll’s besser werden. Relativ eben ging der Pfad dann weiter zu meiner Unterkunft, vorbei an blau blühenden Kartoffelfeldern, an Bohnenfeldern und an kleinen Kindern, die für ein oder zwei Bolivianos ein Foto mit ihren Lamas anboten. Solche Szenen sollte ich noch öfters sehen, und auf irgendeine Weise waren sie mir unangenehm. Aber trotzdem, die Lamas mit ihren süßen Gesichtern und die Alpacas mit ihrer dicken, weichen Wolle sind schon knuffig. Davon möchte man eins daheim haben.

Titicacasee – Isla del sol

Viktor hat mich an meinem Hostel abgegeben und ist wieder nach La Paz zurück gefahren. Ich unterdessen bin unter Schnaufen auf den höchsten Punkt der Insel gewandert und habe mir anschließend wieder einen Humpen Ananassaft und Panqueque con frutas y chocolate gegönnt (hm, vielleicht liegt das Schnaufen doch nicht an der Höhe…?!).

Ansonsten ist auf der Insel nicht viel geboten. Die Leute leben vom Tourismus und von ihren Feldern sowie den paar Stück Vieh, das sie auf den spärlichen Wiesen der Insel grasen lassen. Strom gibt es auf der Isla del sol erst seit etwa zehn Jahren, und das Wasser holen sich die Bewohner seit alters her nicht aus dem See, sondern von einer Quelle. Auch heute sprudelt diese Quelle noch, und des Morgens holen sich die Bewohner der höher gelegenen Häuser das Wasser aus der Quelle mit Eseln noch oben.

Titicacasee – Quelle auf der Isla del sol
Titicacasee – Isla del sol

Für die Inkas war die Sonneninsel die Wiege ihrer Kultur. Als die Spanier kamen und die Ureinwohner nach der Quelle ihres Goldes und ihres Reichtums fragten, gaben diese die Sonneninsel an. Die goldblinden Spanier wurden hierauf natürlich enttäuscht, denn eine Goldmine oder ähnliches gibt es auf der Insel nicht. Überhaupt ist Geschichte der spanischen Invasion nicht nur eine Geschichte von viel Leid, sondern auch von Missverständnissen. Nach dem Namen des Sees befragt, gaben die Inkas den Namen der Sonneninsel an. Tixi qaqa hieß diese, was ‚grauer Puma‘ bedeutet und wesentlich besser zu einer Insel passt, als zu einem See. Die Spanier machten daraus Titicaca. Als die Spanier eines Lamas ansichtig wurden, eines Tiers, das sie nie zuvor gesehen haben, fragten sie auch nach dessen Namen: ¿Cómo se llama? Die Inkas verstanden nicht und wiederholten nur die Frage. Seitdem heißt das Lama auf Spanisch Llama. Wie es auf Quechua heißt, hab ich vergessen (s.o. Overflow). Ob die Geschichte tatsächlich so stimmt, sei jetzt mal dahingestellt.

Der Titicacasee ist ein Wärmespeicher und sorgt dafür, dass rund um den See trotz der Höhe Landwirtschaft betrieben werden kann. Und genau davon haben die Inkas sowie deren Vorgängerzivilisationen gelebt. Darüber hinaus hatten sie eine vorbildliche Organisation ihres Riesenreiches, das von Kolumbien bis in die Mitte des heutigen Chiles reichte – eine Strecke vom Nordkap bis nach Sizilien.

Titicacasee
Titicacasee – Tempelruine auf der Isla del sol
Titicacasee – Isla del sol
Titicacasee – Kartoffelfeld auf der Isla del sol
Titicacasee – Isla del sol
Titicacasee – Isla del sol, comunidad Yumani
Titicacasee – Isla del sol, Feierabend
Titicacasee – Sonnenuntergang auf der Isla del sol

Am nächsten Tag ging es mit dem Boot zurück nach Copacabana und von dort weiter nach Puno in Peru. Die Grenze liegt nur 10 Minuten von Copacabana entfernt, aber bis nach Puno sind es noch weitere zwei Stunden Busfahrt und eine Stunde Zeitverschiebung. Puno liegt ebenfalls am Titicacasee und ist Ausgangspunkt für einen Besuch bei den Uros auf ihren schwimmenden Inseln. Sofort nach der Ankunft am Busbahnhof bin ich mit dem Taxi zum Hotel gefahren und gerade als ich eingecheckt hatte, war auch schon der Kerl da, der mich zum Ausflug zu den Uros abholen sollte. Vom Hafen schipperten wir gemütlich raus auf den See, auf einer Wasserstraße gesäumt von Schilf bis wir nach einer guten halben Stunde bei den Uros ankamen. Unsere Gruppe ging an Land und wurde vom Inselvorsteher begrüßt. Es gab ein paar Informationen über die Leute, die Bauweise ihrer Schilfinseln und ihrer Häuser. Die Uros wurden erst relativ spät entdeckt, weil sie immer, wenn Fremde an die Ufer des Titicacasees kamen, auf den See hinausflüchteten. Heute leben sie vom Tourismus. Auf der Insel, die wir besucht haben, leben 21 Menschen in sieben Familien. An diesem späten Abend waren nur alte Leute zu sehen, und so durften wir nach der Vorstellung in die Häuser. Mit vier anderen vom Boot bin ich in das Haus eines alten Paares gegangen, dass auf geschätzten knapp 20 m² lediglich aus einem Schlafplatz für die beiden und einer kleinen Kochstelle bestand. Von der Decke baumelten selbstgemachte Mobiles mit den typischen Booten der Uros und dazu bunt angezogene Figuren. Die Stimmung war eigenartig. Der alte Mann hatte kaum mehr Zähne im Mund und sprach ein bisschen unverständliches Spanisch, sodass sogar die Muttersprachler aus Chile, die mit dabei waren, Probleme hatten, ihn zu verstehen. Die Frau beherrschte nur ein paar Brocken Spanisch und war hauptsächlich darauf aus, ihre Teppiche mit Lama-, Pachamama- und sonstigen Inkamotiven zu verkaufen. Natürlich wollte keiner von uns etwas kaufen, und nach ein paar unangenehmen Minuten hatte es der chilenische Mit-Besucher geschafft, uns unter Loben der Handarbeiten und dem Murmeln freundlicher Entschuldigungen wieder aus der Enge des Hauses herauszuführen. Draußen auf dem Platz war das Herumtollen mit dem süßen, kleinen Welpen wesentlich entspannter. Für weitere 10 Soles mehr durften wir alle eine Runde mit dem Mercedes, dem Sonntagsausflugsboot der Inselbewohner, eine Runde zu einem Touristenrestaurant drehen. Zum Abschied sangen uns die Frauen und Männer der Insel zuerst Lieder auf Quechua und Spanisch, aber als sie dann anfingen die Yellow Submarine zu singen und klatschen, wurde es peinlich. Diese Leute müssen sich echt für ein paar Soles für eine Bande Touris zum Affen machen.

Titicacasee – Peru
Titicacasee – Schwimmende Inseln der Uros
Titicacasee – ‚Mercedes‘ für den Sonntagsausflug
Titicacasee – Uros
Titicacasee – Restaurantinsel der Uros
Titicacasee – zurück nach Puno

Auf der Restaurantinsel gab es einen kleinen Laden, Kaffee und heiße Schokolade zum Aufwärmen, sowie leckere Auszog’ne (bei mir daheim würde mach Baurakiachla sagen) aus Quinoa. Sogar Kartoffeln und anderes Gemüse kann auf den Inseln angebaut werden, aber wie das mit den Toiletten funktioniert, haben wir irgendwie nicht rausfinden können. Dann gab es noch einen Stempel in den Pass, und wir sind alle wieder raus aufs Boot. Die Sonne ging gerade hinter den Bergen unter, als wir auf Puno zusteuerten. Die Nacht war kurz, die Abholung am nächsten Morgen schon um sechs Uhr zehn. Diesmal mit nur 15 Minuten Verspätung. In Peru gehen die Uhren wohl ein bisschen genauer.

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