Terrassenfetisch

Terrassenfetisch

Fürs Frühstück war gerade noch Zeit, bevor ich von meinem Hotel abgeholt und in einen Touristenbus gesteckt wurde, der mich über den Colca Canyon nach Arequipa bringen sollte. Mit an Bord waren überraschenderweise nur zwei andere: Shannon, ein Biologiestudent aus Sydney, der die letzten fünf Wochen an der Uni in Cusco zum Lernen war. Und Linda, eine Tschechin aus dem Riesengebirge, die super Deutsch konnte. Unser Tourguide war kaum zu verstehen, aber auf dem Weg gab es auch so genügend zu sehen. Nach ein paar Fotostopps kamen wir nach Patawasi, wo man uns eröffnete, dass wir getrennt werden sollten. Ich bekam also den letzten Platz in einem 16-Mann-Bus neben einem Ehepaar aus der Normandie. Und auch an den Namen des neuen Tourguides kann ich mich noch gut erinnern – er hat ihn oft genug gesagt: Peter

Auf der Fahrt Richtung Patawasi
Patawasi
Vulkan Misti von Patawasi aus gesehen

Ich möchte nicht alle über einen Kamm scheren, es gibt sicherlich gute und lustige Reiseführer, aber der hier war echt von der übleren Sorte. Und als er dann noch anfing, über sich in der dritten Person zu sprechen, war’s vorbei. Ein Monolog über die südamerikanischen Kamele im Allgemeinen und über Lamas und Alpakas sowie deren Domestizierung im Besonderen ist auf uns herab geprasselt, gespickt mit Quiz-Fragen, die keiner beantworten wollte. Es war grausam.

Am höchsten Punkt, einem Mirador mit Sicht auf acht teilweise aktive Vulkane, waren wir auf 4910 Metern über dem Meer. Das angeblich höchste Klo der Welt steht an diesem Aussichtspunkt, aber wahrscheinlich war das wieder nur mal ein Reiseführermärchen. Tapfere Cholitas harren hier oben in der Kälte aus und verkaufen Souvenirs, Pullis, Mützen und sonstigen Krimskrams. Schon Pablo bei der Free Walking Tour in La Paz hat von den Cholitas erzählt. Die fleißigen Frauen tragen einen Großteil für die Wirtschaftsleistung Boliviens, aber natürlich auch Perus mit bei. Man findet sie überall, und sie sehen alle irgendwie gleich aus – es ist wirklich so, wie man es aus dem Fernsehen kennt. Ihre farbenfrohe Kleidung besteht aus drei Lagen. Über ihrem breiten Becken (Brauereigaularsch) tragen sie einen Rock (mit bis zu 10 Unterröcken), obenrum ist meist eine Schürze zu sehen und darüber tragen sie ein gestricktes Cape. Die beiden Zöpfe tragen sie lang und im Kreuz kunstvoll zusammengebunden; manchmal reichen sie ihnen bis über den Po hinunter. Und was auf keinen Fall fehlen darf: der Hut. Ein italienischer Hutmacher hatte in den 1920ern seine Herrenhüte in Südamerika verkaufen wollen. Aus irgendeinem Grund waren den Herren die Hüte allerdings zu klein und so hatte er den Frauen erzählt, dass seine Hüte für Frauen seien und in Europa gerade der Hit. Klar, dass jede der Cholitas so einen Hut haben wollte, und so haben sie den Italiener zu einem reichen Mann gemacht. Überhaupt ist die Kleidung der Frauen kein Relikt aus Inkazeiten, im Gegenteil: Sie ist nicht viel älter als die Hüte, aber heute tragen die Cholitas ihre typische Kleidung mit Stolz. Und sie arbeiten hart. Wenn eine Cholita 100 Eier zu verkaufen hat, und man würde ihr alle Eier abkaufen wollen, so ließe sie das nicht zu. Man könnte vielleicht 50 Eier haben, aber nicht alle, denn sonst hätte sie den ganzen Tag nichts mehr zu tun, und die Leute würden denken, sie sei faul. Und so findet man sie in Dörfern und in Städten, bunt gekleidet, mit Zöpfen und fast immer mit Hut. Sie sitzen an ihren Ständen, verkaufen Gemüse oder Souvenirs, oder man sieht sie auf der Straße, während sie auf ihrem Rücken alles tragen, was in ihre um die Schultern gebundene bunte Decke passt.

Mirador de los Andes – 4910 m ü. NN
Mirador de los Andes

Der Wind oben am Mirador war frisch, und nach einem 14(!)-minütigen Fotostopp (Peter hat auf die Uhr geschaut!) waren wir froh, wieder im warmen Bus zu sitzen. Diesmal hat er zum Glück die Klappe gehalten, und unser Bus fuhr über Serpentinen hinunter ins 1500 Meter tiefer gelegene Chivay, sozusagen die Hauptstadt und der Ausgangspunkt in den Colca Canyon. Der Eintritt in den Canyon und sogar der Zugang in die Stadt kostet 70 Soles (ca. 17,50 Euro) für Ausländer, Peruaner zahlen nur 20. Ein Restaurante Turístico war gegen eins Ziel der Tour. Das Buffet war nicht schlecht, und mein erstes Ceviche war – obwohl ich kein Fan rohen Fischs bin – erstaunlich lecker.

Nachdem wir auf unsere Ho(s)tels verteilt wurden, konnten wir uns optional für einen Ausflug zu den Baños termales abholen lassen. Aufgeheizt durch die Vulkane in der Gegend sprudelt hier das mit Schwefel angereicherte Wasser mit bis zu 85 °C aus dem Berg. Es gab fünf Freiluftpools unterschiedlicher Temperaturen, in die wir uns legen konnten. Die Wärme hatte es echt in sich und nach einer knappen Stunde war dann auch genug.

Touristen wollen beschäftigt werden. Wenn sich ein Tourist langweilt, dann ist das gar nicht gut. Auch abends nicht. Abhilfe schafft hier ein Restaurante Turístico mit einer Vorführung folkloristisch peruanischer Tänze. Auf gut Deutsch: eine Touristenfalle. Im vollen Bewusstsein dessen, was geschehen wird, habe ich mich also auch dazu angemeldet. Touristen sind auch faul. In das 400 Meter vom Ortszentrum entfernte Restaurant wurden wir selbstverständlich mit unserem Bus gefahren.
Dann habe ich einen Fehler gemacht. Als einziger habe ich nicht das Menú turístico gewählt, sondern ein À-la-card-Gericht. Sowas bringt die Küche verständlicherweise durcheinander. Während die einen noch die Reste ihrer Suppe schlürften, stand mein Alpaka-Steak mit Quinotto (Quinoa-Risotto) schon auf dem Tisch. Freundlicherweise habe ich noch zehn Minuten gewartet, bis es kalt war, und es dann egoistischerweise doch gegessen, ohne auf die anderen zu warten. Als ich fertig war, und ich muss zugeben, es war wirklich gut, vor allem das Quinotto, kam das Essen für die anderen auf den Tisch. Durch diese glückliche Fügung konnte ich aber der Musik umso ungestörter folgen. Die Viermannband war gar nicht schlecht, und außerdem habe ich dabei erfahren, dass die auch bei uns bekannten Lieder „Cuantanamera“ und „Macarena“ peruanische Folkloresongs seien! Sieh an, sieh an – again what learned! Zwischendurch gab es lustige Showeinlagen zweier Tänzer, und zum Schluss holten sich ebendiese einige Mit-Touristen auf die Tanzfläche und tanzten einen typisch peruanischen Ringelreigen. Ein als Kondor verkleideter Tänzer war zum Schluss auch noch mit dabei und hat zu „El condor pasa“ die Flügel geschwungen. Mit Pisco Sour und einer gehörigen Portion Leck-mich-am-Arsch war das Schauspiel zu ertragen. Unwillkürlich kam mir die Frage in den Sinn, ob es sowas bei uns auch gibt. Machen sich bei uns im bayerischen Voralpenland auch Leute in Lederhose und Dirndl allabendlich für asiatische Touristen zum Affen – also vom Oktoberfest mal abgesehen?

Der nächste Tag begann wieder früh. Um halb sieben hat uns Peter mit dem Bus abgeholt und es ging nach Yanque, einem kleinen kolonialen Dorf am Beginn des Colca Canyons. Um den Brunnen auf der Plaza de Armas tanzten einige Schulkinder in farbigen Uniformen aus der Kolonialzeit zu Musik aus einem dicken Lautsprecher (ich habe mich später bei Peter rückversichert, dass die das nicht den ganzen Tag machen, sondern nach der 7-Uhr-Show in die Schule gehen). Die tanzenden Kinder waren allerdings schnell vergessen, als in der Ferne plötzlich Rauch aufstieg. Ein Vulkan, etwa 70 Kilometer entfernt, rauchte vor sich hin. Das war wirklich beeindruckend; das gibt’s nicht alle Tage. Wenn der Vulkan ausbräche, dann wäre Arequipa Geschichte. Ein paar Jahre zuvor sei durch den Vulkan ein Erdbeben ausgelöst worden und tötete allein in Yanque 5 Menschen. Diesmal war aber wohl nix zu befürchten, denn trotz Rauchsäule blieben alle ganz ruhig um die Plaza herum, tanzten weiter und verkauften Souvenirs. Nach einer Viertelstunde war das Schauspiel vorbei und der ausgestoßene Rauch hätte auch als ganz normale Wolke durchgehen können.

Colca Canyon – Vulkan Misti von Yanque aus gesehen
Colca Canyon – Yanque
Colca Canyon – Maca

Eingeführt durch die spanischen Eroberer gibt es in wahrscheinlich jeder Stadt und jedem Dorf Perus eine Plaza. In Spanien nennt man sie meist Plaza Mayor, aber hier in Peru heißen sie allesamt Plaza de Armas. Man ist hier besonders stolz auf die kolonialen Dörfer, dabei wäre es doch eigentlich viel interessanter wie die früheren Dörfer ausgesehen haben. Aber das geht nicht mehr, die Spanier haben alles kaputt gemacht.

Und dann, dann habe ich mich geschämt. Beim nächsten Halt mit Blick auf den Canyon. Ich wusste in dem Moment nicht so recht auszudrücken, was in mir vorgeht. Die alte Frau, die da auf einem Stein saß, ihr mit buntem Halfter geschmücktes Alpaka nebendran. Sie wartete darauf, dass jemand ein Foto mit ihr und dem Tier schießen würde. Der Mirador war nicht sehr groß, aber aus jedem Bus, der ankam, sind die Leute herausgestürmt. Ahs und Ohs der Bewunderung ob des Canyons, und dann haben sie sich an die kleine Mauer gestellt, den Canyon im Rücken, dümmlich gegrinst und ihre Fressen in die Kamera gehalten. Duckface hier, Schmollmund da. Es war widerlich. Und an der Seite sitzend, die alte Frau mit dem Alpaka. Sie hat mir leidgetan. Was sie wohl dachte? Ich habe mich nicht getraut, ein Foto mit ihr zu machen, obwohl ich es jetzt bereue. Anstatt etwas zu tun, die Terrassen der Inkas zu bewirtschaften, ist es hier einträglicher, auf ein paar Mitleid-Soles von Touristen zu hoffen, die ein süßes Alpaka ablichten können. Nicht nur die alte Frau macht es so, auch viele andere, die ihren Ramsch an Touristen verkaufen. Verstört bin ich danach in den Bus gestiegen.

Der Canyon selbst ist der zweittiefste Canyon der Welt und noch dazu grün und bewirtschaftet – beim Blyde River Canyon in Südafrika war es ja ähnlich. Was sich hier ganz deutlich gezeigt hat, war ein ausgeprägter Hang der Inkas, Terrassen anzulegen und zu bewirtschaften. Man könnte es fast einen Fetisch nennen. Schon auf den Inseln des Titicacasees konnte man die Terrassen sehen, und hier sind sie nicht mehr zu übersehen. Die Inkas waren Meister darin, den Bergen Anbaufläche abzuluchsen. Sie sind richtig ausgefeilt, und um ein Abrutschen des Berges zu verhindern, wurden regelmäßige Bepflanzungen angebracht, die den Hang stabilisieren. Was für eine Heidearbeit das war! Man darf aber auch nicht vergessen, dass die Inkas einen entscheidenden Vorteil hatten, ohne den sie nie zu dem geworden wären, was sie waren. Bei uns in den Bergen wächst ab einer bestimmten Höhe nichts mehr. Der Grund: Es fehlt an Wasser. In den Anden gibt es aber auch noch auf teilweise 4000 Metern Quellen, und die haben die Inkas verwendet, um ihre Felder zu bewässern. Nicht überall, aber trotzdem noch an einigen Stellen, wird auf den Terrassen angebaut, was die Leute halt so brauchen. Dazu gehören allem voran Mais, Kartoffeln, Bohnen und sonstiges Gemüse.

Colca Canyon
Colca Canyon
Colca Canyon

Gegen zehn waren wir am Cruz del Condor, einem weiteren Mirador, an dem man aufgrund der guten Thermik vor allem am Vormittag die besten Chancen hat, Kondore zu beobachten. Die Könige der Anden waren eher spärlich vertreten, dafür waren aber umso mehr Exemplare der menschlichen Spezies vorhanden; es war ja der Zielpunkt aller Busse. Zwei Kondore sind direkt über uns drüber geflogen, aber dass sich mal einer hinsetzte und fotografieren ließ – Fehlanzeige!

Colca Canyon – Cruz del Condor

Eine Stunde später ging es zurück nach Chivay zum Mittagessen und dann über Patawasi nach Arequipa. Schon eine Stunde vorher waren wir in den Vorstädten von Arequipa, die wie eine Perlenschnur an der Straße aufgereiht sind, ununterbrochen an bebautem Gebiet entlang gefahren. Der Verkehr in Arequipa war schließlich absolut chaotisch. Die Altstadt ist im Kolonialstil wie ein Schachbrett angelegt, die meisten Straßen sind wie so oft nur Einbahnstraßen, und die zu vielen Fahrzeuge bringen den Verkehr nahezu an den Kollaps. Die restlichen Meter zu meinem Hotel hat mich Peter zu Fuß gebracht, weil mit dem Bus kein Durchkommen mehr möglich war. Das Zimmer hatte blanke Wände wie eine Klosterzelle, aber das Bett war riesig! Noch bei Tageslicht konnte ich mir dann ich die nur einen Katzensprung entfernte Plaza de Armas und die Kathedrale von Arequipa anschauen. Beides wirklich schön und gut gepflegt. Nach einem weiteren Alpaka-Steak und einem obligatorischen Pisco Sour habe ich mich dann aber schnell in mein großes Bett verzogen, denn der Flug zu noch mehr Terrassen am nächsten Tag war auch schon wieder ziemlich früh.

Kurzer Graupelschauer auf 4500 Metern
Arequipa – Kathedrale

Ein Gedanke zu „Terrassenfetisch

  1. Ja solche Folkloreveranstaltungen gibt es natürlich auch bei uns. Die Japaner, Amerikaner und sonstigen Touristen wollen ja sehen was wir so den ganzen Tag machen in Bayern
    http://www.gasthof-fraundorfer.de

    Unsere täglich (außer Dienstag) stattfindenden bayerischen Abende ab 19.00 Uhr mit Musik, Schuhplattlern, Jodler und Gesangseinlagen sind weit und breit bekannt und erfreuen sich großer Beliebtheit.

Kommentare sind geschlossen.

Kommentare sind geschlossen.