Ton und Gestein

Ton und Gestein

Manchmal hat man einfach so ein Gefühl. Ich sollte Recht behalten, als ich mich an diesem Mittwochnachmittag mit dem Taxi vom Flughafen zum Hostel fahren ließ. Das Gefühl, dass mich der Taxler grad übers Ohr haut. Und am Ende zahlte ich ein Vielfaches dessen, was mich ein Hostel-Shuttle gekostet hätte – von einer Fahrt mit dem Bus ganz zu schweigen. Die Scheißerei soll er kriegen!!

Mein Hostel lag in der nördlichen Altstadt von Xi’an (西安市), einer 7,8-Millionen-Stadt im Nordwesten Chinas, von der man als Otto-Normal-Europäer womöglich noch nix gehört hat. Aber dennoch ist die Stadt für etwas bekannt, wovon wohl die Meisten dann doch schon einmal gehört haben, und das von hier nur knapp 50 Kilometer entfernt ist: die Terrakotta-Armee des Kaisers Shihuangdi (秦始皇帝) aus der Qin-Dynastie (221–207 v. Chr.).

Ich hatte mich wahrscheinlich an den Klimaanlagen Hongkongs, die auf Gefrierschrank eingestellt waren, erkältet. Mein Hals war trocken, die Nase lief ein bisschen, ich war schlapp. Darum war es mir im ersten Moment auch egal, dass mein Hostel eine aufgehübschte ehemalige Kaserne war, die mir von einem Kollegen empfohlen wurde; ich wollte einfach nur in mein Bett und gruaba.

Xi’an – Hostel, ehemalige Kaserne
Xi’an – Hostel

Bevor es dunkel wurde, habe ich mich dann aber doch nochmal aufgerafft und bin in die Stadtmitte marschiert. Die Altstadt ist in ein Rechteck gepresst, die von einer im 14. Jahrhundert erbauten Stadtmauer umgeben ist. Die Straßen verkaufen allesamt im rechten Winkel, und in der Mitte dieses Systems steht der Glockenturm. Das war mein Ziel an jenem Abend. Das Innere des Turms, die Balken und Wände sind schön verziert, und von der Balustrade, die den Turm umgibt, hat man einen Blick auf das geschäftige Treiben in der Stadt, die teuren Boutiquen und einen Verkehr, den ich mir eigentlich chaotischer und lauter vorgestellt hatte. Tatsächlich war ich erstaunt. Es gibt hier zwar auch relativ viele Mofas, aber die sind nicht mit einem lauten und stinkenden Zweitakter, sondern fast ausnahmslos mit einem leise schnurrenden Elektromotor ausgestattet. Der Ehrlichkeit halber muss allerdings dazu gesagt werden, dass sie deshalb trotzdem bei Rot über die Ampel fahren und nachts ohne Licht – sicherlich um Energie zu sparen. Und diese Energie kommt dann halt aus irgendwelchen luftverpesstenden Kraftwerken, die in unmittelbarer Nähe zu den Städten stehen. Ein Kraftwerk habe ich gesehen, das von den ausufernden Wohnungsbauten sogar komplett eingekesselt worden war.

Xi’an – Blick vom Glockenturm
Xi’an – Glockenturm
Xi’an – Glockenturm

Es war nach neun Uhr des nächsten Tages, als ich mich endlich aus dem Bett geschält habe. Eigentlich war ich immer noch nicht fit, doch irgendwie habe ich es dann geschafft, aufzustehen und mich zu Fuß auf den Weg zum alten Bahnhof zu machen. Erst bin ich ein bisschen herumgeirrt, aber wenn ein Weißer hilflos in dieser Gegend angetroffen wird, dann sucht er für gewöhnlich die Busse mit den Nummern 306, 914 oder 915, die alle hinaus zur Terrakotta-Armee fahren. Daher kommen dann die Busfahrer bzw. deren Helfer auch auf einen zu und verfrachten einen in den richtigen Bus. Die Fahrt dauert ungefähr eine Stunde, und dort angekommen, sucht man auch erstmal nach dem Ticketschalter und einer Informationsstelle. Es sollte mir noch öfter passieren, dass man an irgendeinen Schalter hinkommt (Touristeninformationscenter, Kiosk) und die Angestellten schauen nur widerwillig von ihrem Handy auf um sich mit mir zu beschäftigen. So auch hier.

Angestellte: spielt am Handy
Nerviger Kunde: „Ní hăo! Haben Sie eine Karte der Anlage auch auf Englisch?“
Angestellte: schaut auf, nimmt einen englischen Flyer, legt es dem Kunden hin, spielt wieder am Handy.
Kunde: „Xiè xiè!“ (na vielen Dank auch…)

Ein Bauer war 1974 beim Graben eines Brunnens auf irgendwelche gebrannten Tonfiguren und Holzbalken im Boden gestoßen und sollte damit einen der größten archäologischen Funde Chinas der letzten Jahre entdecken. Die Welt war in freudiger Erregung ob der 2200 Jahre alten Grabbeigaben und des Mausoleums, das in keiner schriftlichen Quelle festgehalten war. Die Führung in Peking hat es natürlich auch ausgeschlachtet und noch im selben Jahr mit dem Bau riesiger Hallen begonnen, die über den Ausgrabungsstellen errichtet wurden und noch heute stehen. Angeblich haben sich seither 60 Millionen Besucher aus aller Welt die Armee angeschaut, die damit die meistbesuchte Touristenattraktion Chinas ist.

Xi’an – Terrakotta-Armee, Kaiser Qin Shihuangdi
Xi’an – Terrakotta-Armee
Xi’an – Terrakotta-Armee
Xi’an – Terrakotta-Armee
Xi’an – Terrakotta-Armee
Xi’an – Terrakotta-Armee
Xi’an – Terrakotta-Armee
Xi’an – Terrakotta-Armee, Tonsoldat
Xi’an – Terrakotta-Armee

Kaiser Shihuangdi starb 210 v. Chr. und ließ sich für sein Begräbnis eine Armee aus 8000 lebensgroßen Terrakottakriegern bauen, die ihm nach seinem Tod auch weiter gehorsam sein sollen. 700.00 zwangsrekrutierte Menschen haben allein beim Bau seines Mausoleums mitgewirkt, und als die Arbeiten fertig waren, wurden die Konstrukteure der Anlage und die Arbeiter auf Befehl des Kaisers lebendig begraben. Er war Begründer der Qin-Dynastie und führte während seiner Regentschaft weitreichende Reformen im gerade vereinten China durch. Allerdings war er alles andere als zimperlich. Er ließ Bücher verbrennen und aufmüpfige Gelehrte umbringen. Unter seiner Herrschaft starben weit mehr als zwei Millionen Menschen durch Hinrichtung oder in der Zwangsarbeit. Vier Jahre nach seinem eigenen Tod war schon wieder Schluss mit der neu gegründeten Dynastie und sein Grab geriet für über zweitausend Jahre in Vergessenheit.

Das Grab des Kaisers selbst liegt ein paar Kilometer weiter westlich, aber mit seiner Eintrittskarte kann man sich in einem kostenlosen Shuttlebus hinfahren lassen. Beim Aussteigen aus dem Bus wird man von Leuten mit Megafonen begrüßt, die einem irgendwas auf Chinesisch mitteilen wollen. Hat man diese hinter sich gelassen, biegt man vor dem Eingangstor zur eigentlichen Grabanlage in eine Allee von Verkaufsständen ein, deren Besitzer schreiend – teils mit Megafonen, teils mit Essen im Mund – auf sich und ihre Waren aufmerksam machen wollen. Es gibt Konterfeis des großen Mao und sonstigen kommunistischen Krimskrams zu erstehen, dazu Früchte, Cola, Nudelsuppen, Fleischspieße und natürlich Souvenirs. Das Grab als solches hätte ich mir jedoch sparen können. Es ist quasi nichts anderes als ein bewaldetes Hügelgrab, umzäunt und der Zutritt ist verboten. Drum herum gibt es unzugängliche Ausgrabungsstellen, und weil ich ohnehin müde und fertig war, habe ich dann schleunigst den nächsten Bus in die Stadt genommen.

Rückfahrt nach Xi’an – Die Chinesen sind ja krass drauf… 😉

Xi’an war in der Qin-Dynastie und im Verlauf von 1.120 Jahren immer wieder Hauptstadt eines Kaiserhauses des Chinesischen Reichs. Die besagte Stadtmauer, die als eine der besterhaltenen Stadtmauern der früheren Hauptstädte Chinas gilt, hat einen Umfang von knapp 14 Kilometern und ist auf der Außenseite von einem Wassergraben umgeben, der heute als kleines Naherholungsgebiet fungiert. Auf der oben 12 Meter breiten Stadtmauer kann man spazieren gehen oder sich ein Fahrrrad ausleihen. Und genau das habe ich an diesem Abend auch noch gemacht. Der Weg ist ein bisschen holprig, aber es hat trotzdem Spaß gemacht, endlich mal wieder Rad zu fahren. Um das Südtor herum ist das Radeln jedoch verboten; dafür gibt man das Rad ab, kriegt eine Karte und kann sich auf der anderen Seite des Tors ein neues holen. Als es gegen acht dämmrig wurde, habe ich meinen Drahtesel am Nordtor wieder zurückgegeben und mich im Hostel für den folgenden Tag vorbereitet.

Xi’an – Nördliches Stadttor
Xi’an – Stadtmauer, Pagode an der nordwestlichen Ecke
Xi’an – Stadtmauer
Xi’an – Stadtmauer
Xi’an – Guang Ren Lama Tempel, der einzige tibetische Buddhistentempel in der Provinz Shaanxi
Xi’an – Blick von der Stadtmauer, Gymnastik zur Erhaltung der Volksgesundheit
Xi’an – Stadtmauer
Xi’an – Stadtmauer
Xi’an – Stadtmauer
Xi’an – Stadtmauer, Hauptsache kitschig beleuchtet…

Ein bekanntes Ausflugsziel in der (relativen) Nähe ist ein im Taoismus heiliger Berg namens Hua Shan (华山). Um auf eigene Faust dorthin zu gelangen, muss man mit der Metro zum neuen Nordbahnhof fahren und den Zug zum Nordbahnhof Hua Shan nehmen. Der Hochgeschwindigkeitszug braucht für die 120 Kilometer eine halbe Stunde.

Zug zum Hua Shan

Ich war, zusammen mit einer älteren Dame, der einzige Weiße im Wagon, und als ich gerade aussteige, spricht mich die Frau an. Wir haben uns auf Anhieb super verstanden und sollten quasi den ganzen Tag – von einer kurzen Trennung abgesehen – miteinander verbringen. Isabelle ist eine in Tahiti geborene und aufgewachsene Australierin, die heute allein unterwegs war, weil ihr Mann wegen Problemen mit dem Magen lieber im Hotel geblieben ist. Gemeinsam haben wir uns auf das kleine Abenteuer Hua Shan eingelassen. Wir haben aufdringliche Taxifahrer abgeschüttelt, den richtigen kostenfreien Shuttlebus genommen, die Eintrittskarten gekauft, den richtigen kostenpflichtigen Shuttlebus gefunden und die Seilbahn erreicht. 340 Yuan später sind wir auf etwa 2.000 Metern über dem Meer angekommen, an der Bergstation des Westgipfels. Da obendrauf wohl nicht genug Platz war, hat man hierfür kurzerhand etwa 200 Meter Gestein aus dem Berg geschlagen, und in dieser künstlichen Höhle steht heute die Bergstation, die durch einen Schacht ebenerdig verlassen werden kann. Ja, da sind die Chinesen schnell dabei, wenn es gilt, einen Berg zu erschließen; früher mussten die Pilger einen beschwerlichen Aufstieg auf sich nehmen, heutzutage brauchen die Touristen nur noch ein paar Minuten.

Hua Shan
Hua Shan – National Tourist Attraction
Hua Shan – So sieht es aus, wenn Chinesen einen Berg touristisch erschließen

Die Seilbahn hat allerdings einen entscheidenden Nachteil: es sind tausende Leute unterwegs. Als wir später am Nachmittag durch das Drehkreuz an der Talstation des Nordgipfels hindurch sind, stand der Zähler gerade auf knapp über 4.000. Andererseits hatten wir aber offensichtlich auch Glück. Im Internet ist auf diversen Seiten davon zu lesen, dass man an guten Tagen gern mal zwei Stunden an der Seilbahn ansteht; bei uns waren es keine fünf Minuten.

Auf Hua Shan gibt es fünf Gipfel (Ost, Süd, West, Nord, Zentral), die über ein Wegenetz miteinander verbunden sind. An fast jeder Gabelung steht ein Schild mit der genauen Anzahl an Metern und Stufen bis zum Gipfel X oder zur Gabelung Y. Wer sich hier verläuft, ist selbst schuld. An den Hotspots der Wanderwege war erwartungsgemäß viel los und man musste für ein Foto vor einem Stein oder einer Stele regelrecht anstehen. Für eine Stunde hatten Isabelle und ich uns dann tatsächlich verloren, aber auf dem Abstieg Richtung Nordgipfel habe ich sie doch wiedergefunden – und die Freude war groß.

Hua Shan
Hua Shan
Hua Shan
Hua Shan
Hua Shan
Hua Shan
Hua Shan – Selbstmordklettersteig, der zum Glück gesperrt war
Hua Shan
Hua Shan – Ein bisschen Propaganda darf nicht fehlen

Für die Fahrt vom Nordgipfel zur Talstation wollten sie nochmal 80 Yuan, und bis wir wieder am Bahnhof waren, mussten wir für den Bus und das Taxi nochmal insgesamt 35 Yuan pro Person zahlen. Rechnet man den Zug von und nach Xi’an mit ein (54,50 ¥ je Richtung), dann kommt man auf 564 Yuan (etwa 75 Euro); was letztlich ja nicht ganz wenig ist. Wohlgemerkt, es ist nur ein Berg und man hat dabei noch nichts gegessen. Und man stellt sich die Frage, wie sich das eine chinesische Familie leisten kann. Zumal es für Chinesen keine Vergünstigungen gibt, wie beispielsweise in anderen Ländern, wo die Einheimischen nur einen Bruchteil dessen bezahlen müssen, was ausländische Touristen zahlen.

Hua Shan – Alle schön in Reih und Glied auf den Zug warten…

Nachdem ich abends meine Wäsche gemacht hatte, habe ich mich nochmals mit Isabelle und ihrem Mann getroffen, um was Kleines essen zu gehen. Auch das gestaltete sich als nicht ganz so einfach, denn aus irgendeinem Grund wollten uns 16 leere Taxis einfach nicht mitnehmen, sie hatten nicht mal angehalten. Erst ein Kamikaze-Tuktukfahrer hat sich unserer erbarmt und uns gefahren.

Ähnlich früh musste ich am nächsten Tag aufstehen, um den Zug nach Peking zu erreichen. Um 9.18 Uhr war die Abfahrt des Hochgeschwindigkeitszuges in die Hauptstadt geplant, und alles verlief glatt und pünktlich. Ich muss gestehen, dass ich vom Zugfahren in China echt beeindruckt bin. Die neuen Schnellzüge sind pünktlich, sauber und fahren auf den neuen Trassen mit einer konstant hohen Geschwindigkeit zwischen 250 und 300 km/h, und das, sobald sie aus dem Bahnhof raus sind. Und damit niemand entgegen der Fahrtrichtung sitzt, wurden in Peking im ganzen Zug für die Rückfahrt die Zweiersitze komplett um 180° gedreht.

Es ist fast wie beim Fliegen. Um in einen chinesischen Bahnhof zu gelangen, wird erstmal das Ticket kontrolliert, dann gibt es einen Sicherheitscheck, und dann wartet man in einem Wartebereich oberhalb der Bahnsteige. Sobald der Zug aufgerufen wird, müssen alle durch den Checkin (erneute Ticketkontrolle) hinunter auf den Bahnsteig. Man sucht sich seinen Sitzplatz und später im Zug wird die Fahrkarte dann nochmal vom Schaffner kontrolliert. Die Schnellfahrtrassen sind meist auf Stelzen und führen teilweise kreuz und quer in die verschiedensten Winkel des Landes. Städte, von denen man noch nie gehört hat, haben Fernverkehrsbahnhöfe mit über 20 Gleisen. Da sollen Sie sich in Stuttgart oder Berlin mal ein Beispiel nehmen. In China wird kein Aufstand wegen irgendeines lumpigen Buchtenkäfers gemacht. Allerdings wird aber auch auf die Anwohner und Menschen entlang der Strecke keine Rücksicht genommen. In einer aufstrebenden, chinesischen Boomwirtschaft mit schnellen Verbindungen zwischen den Städten wird an solche Kinkerlitzchen kein Gedanke verschwendet.

Ein Gedanke zu „Ton und Gestein

  1. …ja,ja,ja…immer diese Eisenbahnen ;o)).
    …wieder ein erlebnisreicher Aufenthalt, mit einem 300km/h schnellen Ende…so schnell kann es gehen. Danke und „zurückbleiben bitte“.

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