Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?

Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?

Der Staub aus Ushuaia hätte hier keine Chance. Zu stark weht der Wind in diesem Teil Patagoniens. Bei uns würde die Bahn den Verkehr einstellen, so sehr bläst es hier an einigen Stellen. So sehr, dass die fuertes vientos sogar auf den Landkarten eingetragen sind. Dazu regnet es gern auch mal und ist ziemlich ungemütlich. Willkommen im patagonischen Sommer!

Den zweiten Teil unseres gemeinsamen Trips haben wir aufgeteilt in zwei eigentliche Ziele: den chilenischen Nationalpark Torres del Paine und den argentinischen Nationalpark Los Glaciares. Von Ushuaia aus sind wir ins argentinische El Calafate geflogen und haben uns dort wieder einen Mietwagen genommen. Allein die Erlaubnis zum Ausführen des Autos nach Chile kostet mal schlappe 120 US-Dollar.

Vom Flughafen aus ging es in unsere chilenische Hospedaje in Cerro Castillo, die direkt an der Grenze liegt. Knapp 300 Kilometer sind es hierher, wenn man die Straße via La Esperanza auf Asphalt fahren will. Weitere 60 sind es nach Puerto Natales, die einzige Stadt im Gebiet des Nationalparks, in der man auch tanken kann. Da wir schon gegen drei am Nachmittag in unserer Hospedaje ankamen, sind wir gleich noch nach Puerto Natales gefahren und haben zuerst bei einem chilenischen Weißwein viel gequatscht und dann beschwipst in einem kleinen, aber feinen Restaurant zu Abend gegessen. Als wir die Rechnung bekommen haben, waren wir dann doch ziemlich erstaunt. Solche Beträge für ein Abendessen zu dritt ist keiner von uns gewohnt. 90.750 chilenische Pesos, etwa 120 Euro.

Torres del Paine – Puerto Natales
Torres del Paine

Unsere Unterkunft war beim besten Willen nichts Besonderes, und noch dazu nicht wirklich günstig. Aber zum Schlafen hat sie getaugt, und für El Calafate hatten wir uns was Hübsches für fast denselben Preis gebucht. Tags drauf ging es dann also in den 50 Kilometer entfernten Nationalpark und hier gleich zum Highlight: den drei Torres del Paine, den Türmen des blauen Himmels. Der Eintritt (ca. 30 Euro) in den Park berechtigt dazu, an drei aufeinander folgenden Tagen mit dem Auto hineinzufahren. Vom Parkplatz aus ist der Aufstieg zu den Torres mit vier Stunden angegeben (einfacher Weg), aber schon nach nicht mal der Hälfte der Zeit hat Carol aufgegeben und auch Fabiano war auf eine solche Tour trotz Fitnessstudios nicht ganz vorbereitet. Sie meinten, ich solle alleine weitergehen, während sie im Refugio, das etwa auf halber Strecke liegt, auf mich warten oder schon mal den Abstieg antreten würden. Also bin ich alleine weitergegangen und nach zwei weiteren Stunden und in eisigem Wind oben angekommen.

Torres del Paine – Wanderweg zu den Torres
Torres del Paine

Die Szenerie ist absolut beindruckend. Vor einem kleinen Gletschersee erheben sich die drei Torres del Paine majestätisch in den Himmel, während sich Dutzende Wanderer auf den Felsen am See in Position bringen und Fotos schießen, was das Zeug hält. Zwischendurch fahren kräftige Böen über den See, wirbeln Wasser auf und wehen die Leute fast davon. Auf der gegenüberliegenden Seite des Sees ragen Felswände fast senkrecht nach oben. Dann werden sie eher schräg, aber trotzdem noch flach genug, damit sich dort im Winter Schnee sammeln kann, der jetzt im Sommer schmilzt und so den See speist. Und dann geht es wieder senkrecht nach oben zu den Torres, zwischen 2600 und 2850 m über dem Meer. Man muss sich vor Augen führen, dass die Wanderung bei gerade einmal 130 Meter beginnt und auf 870 m hinaufführt. Das heißt, die Torres ragen vom See aus fast zwei Kilometer in die Höhe.

Torres del Paine – Die drei Torres
Torres del Paine
Torres del Paine
Torres del Paine

Da ich Carol und Fabiano nicht zu lange warten lassen wollte, bin ich zügig los, da ja immerhin noch knapp vier Stunden Abstieg bevorstanden. Aber nach einer halben Stunde sitzt da auf einmal Fabiano auf einem Felsen. Was blieb mir also anderes übrig als mit ihm nochmal hinauf zu gehen, denn so kurz vor dem Ziel wäre es töricht von ihm gewesen, die Tour abzubrechen. Und im Nachhinein hat er es auch nicht bereut. Auf dem Rückweg, für den wir dreieinhalb Stunden brauchten, ist Carol nirgends zu sehen. Wir trafen sie erst wieder unten am Parkplatz, wo sie im Café nebenan erschöpft an ihrem Cappuccino schlürfte.

Bis nachts um zwei war neben unserer Unterkunft eine Fiesta, die sich angehört hatte wie ein Rodeo. Ein Rancho hat immer wieder was ins Mikro geplärrt, und dazu gab es Musik – viel und laut. Damit war, obwohl wir alle müde waren, das Einschlafen dann gar nicht so einfach. Und mit dem Ende der Fiesta hat der Regen begonnen. Bis zum Frühstück hat er aufs Dach geprasselt. Irgendwie wollte daher keiner von uns an diesem Sonntagmorgen aufstehen, und so haben wir natürlich den Katamaran verpasst, der uns an ein Refugio am Lago Grey bringen sollte. Von dort wollten wir wieder ein bisschen wandern – diesmal wär’s auch bei Weitem nicht so steil hinauf gegangen – darauf hatte Carol bestanden. Es blieb uns also nichts anderes übrig, als mit dem Auto auf die andere Seite des Sees zu fahren. Carol hat’s gefreut, denn dadurch war es nur ein längerer Spaziergang, der uns aber trotzdem einen Blick auf den Gletscher Grey in der Ferne erlaubte, wie er – sich um einen kleinen Berg herum windend – in den See kalbt.

Torres del Paine – Wasserfall in den Lago Pehoé
Torres del Paine – Lage Pehoé
Torres del Paine – Bucht im Lago Grey
Torres del Paine – Lago Grey mit Gletscher
Torres del Paine – Lago Grey mit Gletscher

Da der Tank nur noch Viertels voll war, mussten wir nach Puerto Natales zum Tanken. Auf dem Weg dorthin hatten wir einen tollen Blick auf das Torres-Massiv. Die Gipfel waren in Wolken gehüllt, aber der Rest wurde wunderbar von der Sonne angestrahlt, die inzwischen wieder schien. Auch der Lago Toro mit seinem türkisblauen Wasser glänzte in der Sonne und bot ein fantastisches Panorama.

Torres del Paine – Lago Toro mit Torres-Massiv
Torres del Paine
Torres del Paine – Lago Toro

Es war immer nie ganz trivial, mit Fabiano zum Essen zu gehen. Nicht, weil er heikel wäre, sondern weil er eine Gluten- und Laktoseintoleranz hat. Der arme Kerl ist echt nicht zu beneiden. Ich würde drauf gehen! Oft ist es mir daher passiert, dass ich ihm angeboten habe, von meinem panierten Schnitzel oder meinem Dessert zu probieren. Natürlich gab es immer was für ihn, er musste keinen Hunger leiden, aber meist waren es halt nur Steak mit Pommes oder Salat. Und für die Vitamine gab es Obst; von einer Fruktoseintoleranz ist er zum Glück verschont geblieben. Gluten- und laktosefreie Kekse gab es aber auch in Patagonien zu kaufen.

Am letzten Tag im Torres del Paine hatten wir uns einen weiteren Mirador – einen Aussichtspunkt – ausgesucht. Einen mit Blick auf das Massiv aus der Nähe und auf den Lago Nordenskjöld. Das ganze Seengebiet im Nationalpark ist miteinander verbunden, denn das Schmelzwasser muss ja irgendwo ablaufen. Der Lago Grey fließt in den Lago Toro, der Lago Nordenskjöld in den Lago Pehoé und der wiederum in den Toro. Und so macht sich das Gletscherwasser durch verschiedenste Seen und an diversen Gipfeln vorbei immer weiter auf den Weg in den Pazifik. An einigen Stellen gibt es nette Wasserfälle, wenn ein See in den anderen stürzt, und an einen davon führte uns auch der Weg zum heutigen Mirador. Wir mussten kräftig gegen den Wind ankämpfen, um überhaupt voran zu kommen, doch der Blick auf das Massiv und konkret der Cuerno war die Anstrengungen wert.

Torres del Paine
Torres del Paine
Torres del Paine – Wasserfall des Río Paine
Torres del Paine – Abfluss des Lago Nordenskjöld in den Pehoé
Torres del Paine – Cuernos
Torres del Paine – Lama auf dem Weg zum Mirador
Torres del Paine – Mirador Cuerno mit Lago Nordenskjöld
Torres del Paine – Mirador Cuerno mit Lago Nordenskjöld

Es war schon dämmrig, und der patagonische Sommerregen tat das Seine dazu, als wir abends gegen acht in El Calafate ankamen. Die Stadt ist vollkommen auf Touristen eingestellt, denn die Hauptstraße durch die Stadt besteht einzig aus Restaurants, Bars, Souvenirläden und Reiseagenturen. Nachdem wir unseren Trip für den darauffolgenden Tag bestätigt hatten, nahmen wir die Empfehlung für ein Restaurant an und wurden nicht enttäuscht. Naja, fast nicht, denn die Crème brûlée, die ich mir bestellt hatte, hat ihren Namen nicht verdient. Und obendrauf gab’s einen Klacks Schokomousse. Also das kann ich besser!

Die sündhaftteuere Tour auf den Perito Moreno Gletscher war definitiv das Highlight Patagoniens. Mit dem Boot ging’s zehn Minuten über den See und dann etwa anderthalb Stunden am Gletscher entlang, wo wir schließlich unsere Spikes für die Schuhe bekamen. Nach weiteren 15 Minuten im eiskalten Regen waren wir schließlich auf dem Eis. An der Seite, die sich langsamer ins Tal bewegt als die Mitte, hat der Gletscher Schutt und Geröll „aufgewirbelt“, der die Oberfläche grau gemacht und mit einzelnen größeren Steinen bedeckt hat. Die beiden Mädels, die uns sozusagen aufs (Glatt)Eis geführt hatten, leiteten uns um Gletscherspalten herum und erklärten uns den Gletscher. Immer wieder haben wir größere oder kleinere Bäche Schmelzwassers überquert, das nach unten oder ins Innere des Gletschers abfließt. Das Erstaunliche daran ist, dass das Wasser tiefblau ist. Allmählich kam auch die Sonne heraus, wärmte uns wieder ein bisschen auf und machte das Blau geradezu leuchtend. Die mitgebrachte Verpflegung konnten wir im Sonnenschein essen und das Panorama dazu war einmalig. Wir aßenin einem Gletschertal, während zehn Meter weiter ein breiter Gletscherbach gemächlich nach unten floss. Da sich nun auch der Nebel einigermaßen gelichtet hatte, konnten wir das riesige Ausmaß des Gletschers langsam erahnen und endlich auch die Mitte sehen. Dort nämlich sind haushohe Eisspitzen dicht aneinander gereiht und geben ein bizarres Bild ab. Unsere achtköpfige Gruppe wanderte weiter, vorbei an kleinen Bächen und Eisbögen, bis wir schließlich an eine Lagune kamen, die uns alle erstaunen ließ. Der kleine See ist ein paar Zentimeter hoch mit Wasser gefüllt und glitzert in der Sonne tiefblau. Da hatten die Mädels echt nicht zu viel versprochen. Dahinter die Gletscherspitzen und die Berge. Wow! Auf eine gewisse Weise hatten wir Glück, denn schon morgen könnte der See wieder weg sein, wenn das Wasser irgendeinen „unterirdischen“ Abfluss gefunden bzw. gemacht hat.

Perito Moreno
Perito Moreno – Rechts trifft er auf Land
Perito Moreno – Linke Seite des Gletschers
Perito Moreno – Mittagspause auf dem Gletscher
Perito Moreno
Perito Moreno – Gletscherbach
Perito Moreno – Gletscherbach
Perito Moreno – Lagune auf dem Gletscher

Auf dem Rückweg fing es wieder zu regnen an, und erst als wir auf der anderen Seite aus dem Boot stiegen, kam die Sonne zwischen den Wolken hervor. Mit dem Auto ein kleines Stück weiter, konnten wir den Gletscher dann von vorne sehen. Natürlich gibt es viele Gletscher, die ins Wasser kalben, selbst wenn das bei uns in Europa nirgends der Fall ist. Dabei geht die Eisfront in den See hinein und alle paar Minuten brechen dann größere oder kleinere Eisbrocken ins Wasser ab. Und das kann man nicht nur sehen, sondern auch hören. Es hallt wie ein Donner über den See, wenn es mal wieder soweit ist und der Gletscher kalbt. Am Aussichtspunkt konnten wir aber auch sehen, dass die Brocken unterhalb des Wasserspiegels abbrechen, als auf einmal ein riesiger Eisberg vor dem Gletscher aus dem Wasser aufstieg, auseinander brach und dann vom Gletscher wegtrieb. Der Perito Moreno hat neben allen anderen Gletschern aber eine Besonderheit: Ihm direkt gegenüber ist eine Halbinsel, und auf diese treibt das Eis mit etwa zwei Metern pro Tag zu. Das führt dazu, dass sich ein Damm bildet, der den südlich gelegenen Lago Brazo Rico vom Rest des Seensystems und dem dazugehörigen Abfluss in den Atlantik abschneidet. Da aber in den Brazo Rico auch Bäche und Seen aus den Bergen ringsum abfließen, läuft der See regelmäßig voll und zwar zwischen fünf und 30 Zentimeter pro Tag. Bei unserem Besuch war der See schon elf (!) Meter über seinem normalen Pegel. Maximal wär ein Pegel von 25 Metern möglich, denn dann würde der See über andere Gebiet abfließen. Zur Veranschaulichung hier mal einen Ausschnitt von Google Maps:

Perito Moreno – von vorn
Perito Moreno
Perito Moreno – Links stößt er auf Land und bildet einen Damm

Wenn der Damm bricht, und keiner weiß genau wann das ist, vermutlich erst im April/Mai, gibt das ein gewaltiges Schauspiel. Zuerst wird sich das Wasser unterhalb der Wasseroberfläche seinen Weg freipressen und abfließen, und irgendwann fällt dann der Rest des sichtbaren Teils im Strom des Wassers unter brausendem Getöse in sich zusammen. Der Perito Moreno ragt bis zu 77 Meter über die Wasseroberfläche hinaus und geht gleichzeitig noch bis zu 160 Meter in die Tiefe. Er ist 30 Kilometer lang und ist einer der wenigen Gletscher, die nicht zurückgehen. Ich habe hier mal ein Video vom letzten Zusammenbruch des Dammes aus dem Jahr 2016 herausgesucht:

Zurück in der Stadt haben wir uns für den darauffolgenden Tag noch eine entspannte Schiffstour auf besagtem Seensystem gebucht, was gegessen und sind ziemlich durchgefroren ins Hotel. Die heiße Dusche war eine Wohltat!

Auf einem Katamaran mit Ledersitzen und vor allem mit Heizung ging die Fahrt am nächsten Tag auf den Lago Argentino, den größten See Argentiniens, und von dort weiter zu den kalbenden Gletschern des Nationalparks. Durch das Reiben der Gletscher auf dem darunterliegenden Gestein entsteht ein milchiger Abrieb, der dem See (wie auch schon der Laguna Esmeralda in Ushuaia) eine türkis-trübe Färbung gibt. Schon im Flugzeug kann man sehen, dass das nicht einfach nur ein See ist, sondern dass er auch eine ganz typische Farbe hat. So konnten wir also den Gletscher Spegazzini, den Gletscher Upsala und den Perito Moreno nochmals vom Wasser aus betrachten, bevor wir zurück im Hotel unsere Sachen für den morgigen Abflug gepackt und nochmal fein gespeist haben.

Gletscher Spegazzini – Ein Seitenarm des Gletschers, der wie die europäischen Gletscher am Berg endet und dort einen Abfluss bildet
Gletscher Spegazzini
Lago Argentino – Eisberg vom Gletscher Upsala
Lago Argentino

Meine Weiterreise war dann ein ziemlich anstrengendes Unterfangen. Zusammen mit Fabiano und Carol bin ich über Buenos Aires weiter nach São Paulo, und von dort ging der Flieger über Santa Cruz de la Sierra (Bolivien) zu meinem nächsten Ziel La Paz. Über 24 Stunden unterwegs, konnte ich dann aber leider nicht gleich in mein Zimmer.

Obwohl ich Fabiano konkret nur bei einem Kurzurlaub 2014 auf Mykonos und letztes Jahr in São Paulo traf, und seine Schwester überhaupt nicht kannte, haben wir uns alle drei super verstanden. Es gab keinen Streit und wir hatten viel zu lachen. Der Abschied am Flughafen Guarulhos war folglich nicht ganz leicht. Vielen Dank euch beiden für einen wunderbaren Urlaub in Patagonien! Seid mir in Deutschland herzlich willkommen!

Ein Gedanke zu „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?

  1. Da fällt mir nur eines ein: Als ob es überhaupt eine Nachspeise gäbe, die du nicht besser kannst?! 🙂

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