Weit oben und tief unten

Weit oben und tief unten

Hinterher ist man immer schlauer. Wenn ich das gewusst hätte, dann hätte ich mir nicht so einen Kopf machen müssen.
Von der israelischen Grenze bis zur jordanischen gab es nach einer Stunde Wartezeit einen Shuttlebus, der uns für drei jordanische Dinar dorthin brachte. Dem Grenzbeamten gab ich meinen Pass mit dem jordanischen Visum, und als er ihn mir später zurückgab, habe ich trotz mehrmaligem Durchblättern nix gefunden. Ich hatte also keinen Hinweis in meinem Pass, dass ich über einen Land-Grenzübergang mit Israel nach Jordanien eingereist bin, und einen Verweis auf Israel gab es auch nicht. Alles gut also.

Für die Weiterreise nach Amman (عمان) habe ich mich an Suzanna, die Ungarin aus dem Scherút, gehalten, die die Prozedur schon öfters hinter sich gebracht hatte. Zielstrebig steuerte sie den Ausgang des Grenzpostens an und so liefen wir findigen Taxifahrern in die Hände. Sie informierten uns, dass der Bus nicht fahre (jaja, die Geschichte kenne ich!) und boten uns eine Fahrt mit dem Taxi an. Der Preis von 20 Dinar für zwei Personen klang trotz alledem recht plausibel, und so haben wir uns in ein Taxi gesetzt, das uns in einer guten Stunde etwa 70 Kilometer weiter in die jordanische Hauptstadt brachte. Nachdem sich Suzanna verabschiedet hatte, fuhr mich der Fahrer noch ein Stück weiter an einen Busbahnhof, von dem ich einen Bus hätte nehmen können.

In der Zwischenzeit hatte ich aber mit Zaid gechattet. Zaid ist quasi ein Kollege von mir, dessen Firma für meine Firma Ingenieurdienstleistungen liefert, wenn bei uns viel Arbeit anfällt – was fast immer der Fall ist. Schon lange vor meiner Reise hatte ich ihm erzählt, dass ich nach Jordanien kommen wolle, und dann war klar, dass ich ihn werde besuchen müssen. So stand ich also an diesem Busbahnhof, irgendwo außerhalb der Innenstadt und habe mir der Einfachheit halber nochmal ein Taxi genommen, um mich mit Zaid zu treffen. Die Freude war groß, und es gab natürlich eine Menge zu erzählen. Bei einem Spaziergang in einem nahegelegenen Park erzählte ich ihm von meiner Reise, und er mir von der Arbeit, die er für und teilweise bei uns vor Ort gemacht hatte. Gegen sieben haben wir uns auf den Weg zu ihm nach Hause gemacht, wo mich seine Familie zum Abendessen einlud. Bis es soweit war, spielten wir mit seiner kleinen Tochter Jana im Wohnzimmer. Anfangs war sie noch ein bisschen schüchtern ob des Fremden in der Wohnung, aber dann taute sie auf und lud uns zur Tea time ein. Aus einem sprechenden Plastikteekessel schenkte sie uns imaginären Tee ein und bot uns bunten Obstkuchen und Cupcakes an. Die Kleine wird so ein bisschen zweisprachig erzogen und kann daher auch schon ein bisschen Englisch.

Es waren die letzten Tage des Ramadan (رمضان, der heiße Monat), und daher hatten Zaid und seine Frau den ganzen Tag noch nichts gegessen. Nur die kleine Jana und ich durften von den getrockneten Kichererbsen auf dem Wohnzimmertisch naschen. Bei Sonnenuntergang war es dann soweit, der Muezzin rief zum Iftar und es war Zeit zum Fastenbrechen. Das Fasten wird für gewöhnlich mit einer ungeraden Anzahl an Datteln gebrochen, und dann gibt es endlich was zu essen und zu trinken. Man spricht auch vom Breakfast, was mich anfangs ein bisschen verwirrt hatte, denn es war ja Abend. Wenn man es sich jedoch recht überlegt, hat es alles seinen Sinn, denn man bricht das Fasten (break fast). Das englische Wort für Frühstück erklärt sich damit auch, denn das nächtliche Fasten wird hierbei gebrochen.

Zum Abendessen wurden allerhand nahöstliche Leckereien aufgetischt. Suppe, Salat, Hummus, Pita, gefüllte Zucchini in Joghurtsoße, Fleischbällchen. Alles sehr lecker und in großen Mengen.

Sobald das Fasten gebrochen war, war in der Stadt die Hölle los. Der Verkehr war enorm, und alle sind draußen auf der Straße um zu essen, sich mit Freunden zu treffen und Spaß zu haben. Zaid und ich sind deshalb auch nochmal raus und in die Innenstadt gefahren. Die Zitadelle war zwar schon geschlossen, aber am römischen Amphitheater war allerhand los. Wir sind ein bisschen herumgelaufen und weiter zu einer Shopping-Mall gefahren. Dort gab es Eis für uns zwei und dann hatte er mich freundlicherweise ins Hotel gefahren. Wir hatten uns eines in Flughafennähe ausgesucht, sodass die Anfahrt für Jordan und Shaan nicht so weit war.

Amman – Römisches Amphitheater (bei Nacht)
Amman – Römisches Amphitheater

Nachdem Zaid mich abgeliefert hatte und ich eingecheckt war, ging’s ab unter die Dusche und dann schnell ins Bett. Nachts um zwei sind die beiden Australier schließlich auch angekommen. Sie sind, kurz nachdem ich mich in Jerusalem verabschiedet hatte, mit dem Bus zurück nach Tel Aviv zum Flughafen und dann über Athen nach Amman geflogen. Ein ziemlicher Umweg, der aber aufgrund von Shaans Job notwendig war. Leider war in dieser Nacht nix mit ausschlafen, denn um neun stand Ahmad auf der Matte, der uns bis Freitag herumkutschieren sollte.

Als wir in Tel Aviv waren und uns unsere weiteren Reisepläne erzählt hatten, haben wir festgestellt, dass sie sich in einigen Punkten deckten. Eigentlich wollte ich von Tel Aviv aus hinunter nach Eilat am Roten Meer und dann von dort über Wadi Rum und Petra hinauf nach Amman. Jordan und Shaan hatten über eine Freundin einen 3-Tage/2-Nächte-Trip nach Petra, Wadi Rum und ans Tote Meer gebucht, und da habe ich mich einfach mit einklinken können.

In gut zwei Stunden brachte uns Ahmad in den Süden Jordaniens nach Petra, jene Felsenstadt, die aus einem Indiana Jones-Film vielen ein Begriff ist. Da wir praktisch noch nichts gefrühstückt hatten, gab es erstmal was zu beißen. Humus mit Hühnchen- und Rinderkebab haben wir uns bestellt, dazu viel Pitabrot, damit man auch anständig gesättigt ist. Am Haupteingang haben wir uns die Karten geholt und einen Führer (mit Namen Issam) gleich dazu. Zaid hatte mir vor meiner Abreise den sogenannten Jordan Pass empfohlen, den ich mir schon im Dezember online besorgt hatte. Damit hat man je nach Kategorie bis zu drei Tage freien Eintritt nach Petra (Πέτρα bzw. البتراء, Al-Batrā) und zu vielen anderen Sehenswürdigkeiten Jordaniens gleich mit dazu. Unsere Tickets beinhalteten auch einen kostenfreien Pferderitt vom Besucherzentrum bis zum eigentlichen Eingang in die Schlucht, durch die es in die Felsenstadt ging.

Bereits auf dem Weg dorthin waren immer wieder Grabnischen und Tempel in den Felsen zu sehen. Wir sind zu Fuß gegangen und wollten uns den Ritt mit dem Gaul für den Rückweg aufheben; die Sache ist zwar umsonst, aber jeder schreit danach nach einem Trinkgeld.

Petra

Die ehemalige Stadt lag auf der Handelsroute zwischen Ägypten und dem alten Mesopotamien, und deshalb sind bereits im Altertum Karawanen durch die Schlucht, dem sogenannten Siq (السيق, As-Sīq), hinunter nach Petra gezogen. Dieser wunderschöne Weg zwischen den hohen Felswänden hat allerdings einen Haken: wenn es in den Bergen ringsum regnet, verwandelt sich die Straße kurze Zeit später zu einem reißenden Bach. Erst drei Wochen zuvor war es wieder soweit gewesen. Issam zeigte uns ein Video, wie es aussieht, wenn ein Sturzbach Schlamm und Geröll mit nach unten spült. Dasselbe Problem hatten freilich auch die Bewohner der Stadt bereits vor 2.000 Jahren. Bei Ausgrabungen wurde ein künstlicher 86 Meter langer Tunnel freigelegt, der schon damals die Wassermassen aus dem Wadi Musa noch vor dem Eingang zum Siq in ein Nebental umleitete.

Petra – Selbstmörderische Pferderikscha

So recht weiß man nicht, wann Petra genau erbaut wurde, aber als Hauptstadt der Nabatäer begann sie ab dem fünften Jahrhundert vor Christus durch den Handel mit Weihrauch, Myrrhe und Gewürzen reich zu werden und zu florieren. Als im 1. Jahrhundert v. Chr. die Römer kamen, wurde die Stadt erweitert und gedieh weiter ins Jahr 363 n. Chr., als ein schweres Erdbeben die Stadt zerstörte. Aufgrund des Erdbebens und der Verlegung der Handelsrouten wurde Petra aufgegeben und spätestens Mitte des siebten Jahrhunderts war die Stadt komplett verlassen und versank in Vergessenheit. Über tausend Jahre später begann ein Schweizer ab 1812 die Gegend zu erforschen und die verlorene Stadt zu suchen. Der Torbogen, der den Eingang zum Siq überragte, stand zu diesem Zeitpunkt noch und stürzte erst später durch ein Erdbeben ein.

Petra – Felsengrab
Petra – Siq
Petra – Siq
Petra – Kurz vorm Highlight

Auf dem Weg hinab gab es in Brusthöhe an beiden Seitenwänden je einen kleinen Kanal, der Trinkwasser in die Stadt leitete. Die Kanäle waren abgedeckt und hatten natürliche Filtersysteme, um das Wasser vor Verunreinigungen zu schützen. Etwa zweieinhalb Kilometer nach dem Torbogen wurde die Schlucht ein gutes Stück enger und Issam bereitete uns quasi auf das Highlight Petras vor: die Schatzkammer (خزنة الفرعون, Chasnat al-Firʿaun, Schatzkammer des Pharao). Beim Näherkommen erkennt man nur einen kleinen Ausschnitt des Gebäudes, weil die Felsen rechts und links die Sicht versperren. Aber sobald man aus der Schlucht heraustritt, liegt das Felsengebäude wahrhaft erhaben vor einem. Indiana Jones war hier auf der Suche nach dem Heiligen Gral und hat ihn natürlich gefunden, um ihn nur kurz darauf bei einem Erdbeben in einer Erdspalte für immer zu verlieren.

Petra – Fast da…
Petra – Schatzhaus des Pharao
Petra – Schatzhaus des Pharao

An dieser Stelle vereinigt sich die Eingangsschlucht mit einer weiteren und öffnet sich nach ein paar Hundert Metern zu einem breiten Tal, in dem seinerzeit die eigentlichen Stadt mit ihren Tempeln, Gräbern, Palästen, Prachtstraßen, Brunnen und Wohngebäuden lag. Weiter hinunter führte uns Issam am großen Theater vorbei, das Platz für 4.000 Besucher hatte und das weltweit einzige Amphitheater ist, das vollständig aus Felsen gehauen wurde.

Petra – Felsengrab
Petra – Trockenes Bachbett
Petra – Großer Tempel
Petra

Es war heiß an diesem Nachmittag in der Wüste. Die Sonne brannte auf uns herunter, und so war es uns mehr als willkommen, als wir auf unserem weiteren Weg einen kurzen Zwischenstopp machten, um etwas zu trinken. Da immer noch Ramadan war, hatte auch Issam seit Sonnenaufgang noch nichts getrunken; bei dieser Hitze ist das alles andere als einfach. Aber er hat uns seine interessante Interpretation des Ramadan erzählt, die sich ziemlich liberal und weltoffen angehört hatte. Etwas, dass so auch bei uns zu hören sein könnte. Nichtsdestotrotz hat es uns teilweise schon ziemlich verwundert: Da wird tagsüber auf Teufel komm raus nichts gegessen und getrunken, nur um dann nach Sonnenuntergang zuzuschlagen. Viel, deftig und süß, bis morgens um vier. Und dann hängt man den ganzen Tag in den Seilen, ist müde und bringt nix zustande. Issam ist wohl einer der wenigen, die im Ramadan abnehmen; viele andere nehmen gut und gern fünf Kilo zu.

Unser Weg ging nun weiter leicht bergab, an einem ehemaligen Brunnen (Nymphaneum) vorbei rechts des Kanals, der die Sturzfluten aus dem Siq aufnimmt und weiter Richtung Meer führt. Auf der linken Seite des Kanals hingegen war die typisch römische Säulenstraßen, die von Tempeln und Palästen gesäumt war. Kurz vor einer Brücke über besagten Kanal verabschiedete sich Issam und organisierte uns noch einen ‚Transfer‘ zum Kloster hinauf. Statt der 40 Minuten zu Fuß sollte uns der Ritt auf drei Eseln knapp die Hälfte der Zeit einsparen, zumal wir ohnehin ein bisschen knapp in der Zeit waren. Ob es tatsächlich so gewesen wäre, sei nun mal dahin gestellt. Jedenfalls haben uns Monica, Jack und ein namenloser Esel zusammen mit einem nebenher gehenden jungen Treiber über einige Hundert Stufen noch oben zum Ad Deir (الدير, Ad-deir, das Kloster) geführt. Die Viecher gingen auf recht glatten, abgelaufenen Wegen gefährlich nah an den Kanten entlang. Obenauf sitzend konnte man manchmal rechts oder links nur noch den Abgrund direkt neben den Treppen oder dem Weg sehen. Ein hilfloses Gefühl, das in diesem Moment noch dadurch verstärkt wurde, dass die Esel in keinster Weiser kontrollierbar waren und einfach machten, was sie wollten. Wir kamen aber letztlich heil oben an und konnten die Anlage aus dem ersten Jahrhundert anschauen und fotografieren. Ursprünglich war sie wohl als Mausoleum für einen Nabatäer-Herrscher gedacht, und erst als im vierten Jahrhundert die Christen kamen, wurde ein Kloster draus.

Petra
Petra – Felsengräber
Petra – Al Deir
Petra – Al Deir

Für spätestens 18 Uhr wollten wir uns wieder mit Ahmad, darum mussten wir uns gehörig sputen. Den Berg hinunter und dann den ganzen Weg zurück zum Besucherzentrum. Die letzten 800 Meter haben wir uns dann je einen Gaul genommen. Aber auch das hätten wir uns sparen können: zu Fuß wären wir schneller gewesen und hinterher nicht nach Pferd gerochen, und trotz gutem Trinkgeld waren die nebenhergehenden Pferdeführer noch unverschämt geworden.

Petra – Rückzug der müden Krieger

Ahmad wartete schon auf uns und ist anschließend mit uns in ein Beduinen-Camp in Wadi Rum (وادي رم) gedüst. Hm, gerast trifft es dabei aber eher. Um rechtzeitig zum Iftar dort zu sein, ist er mit einem Affenzahn durch die jordanische Wüste gefahren, bis wir schließlich, ganz knapp vor Sonnenuntergang dort ankamen. Während Ahmad mit seinen Bekannten vom Camp das Fasten brach, haben wir drei unser Zelt bezogen. Es ist jetzt nicht so, dass wir da in Schlafsäcken auf dem Boden schlafen mussten, es war vielmehr ein richtiges kleines Apartment mit Veranda, Wohnzimmer, Bad und zwei Schlafzimmern. Also eigentlich richtig luxuriös, leicht am Hang gelegen mit tollem Blick auf die anderen Zelte. Wir haben uns eingerichtet und sind dann auch in den Zentralbereich, wo es für alle Gäste Abendessen gab. Es gab ein super orientalisches Büffet, das allen Ansprüchen gerecht wurde. Über offenem Feuer gebratenes Fleisch, leckeres Kebab, frisches Gemüse und Salate, Humus und Tahini, Pita-Brot, und neben Obst und Früchten gab es zum Abschluss Umm Ali (ٲم علي, Alis Mutter). Dabei handelt es sich um ein typisch ägyptisches Dessert, bei dem Brot/Plunderteig, Pistazien, reichlich Zucker und etwas Zimt mit Milch vermengt und überbacken werden. Bei sowas ist mein süßer Magen natürlich sehr empfänglich. Wir haben uns dann nach dem Essen allerdings verzogen, als irgendwann Ahmad in einem Zuckerrausch und Freudentaumel (weil er endlich wieder essen durfte) zu tanzen angefangen hatte. Zurück im Zelt haben wir uns ein bisschen auf die Veranda gesetzt, den Sternenhimmel betrachtet und davon Fotos gemacht – nachdem mir Amos und Marc auf der Osterinsel gezeigt hatten, wie das funktioniert, konnte ich es hier ein bisschen üben.

Jordanien – Zwischen Petra und Wadi Rum

Der Wecker klingelte am nächsten Morgen ziemlich früh. Ahmad hatte uns gesagt, dass unsere Tour mit einem Beduinen um halb sechs starten würde. Als wir zehn Minuten zu spät am Treffpunkt eintrafen, hat uns der Wüstenmann aber erzählt, dass er schon eine Stunde auf uns warte. Uups! Der Sonnenaufgang in der Wüste viel damit flach.
Er hat uns aber trotzdem schnell hinten auf seinen Pickup geladen und ist mit uns an jenen Stein gefahren, auf dem auch schon Matt Damon bei den Dreharbeiten zu Mission to Mars gesessen haben soll. Wir haben einander, auf besagtem Stein und in besagter Pose sitzend, fotografiert. Das Licht der Sonne war wirklich herrlich und hat die Landschaft in ein rotes Meer aus Sand und Gestein verwandelt – quasi fast wie auf dem Mars.
Ein paar Kilometer weiter hat er wieder angehalten um uns im Sand auf einen Felsen raufgehen zu lassen. Die Schuhe haben wir natürlich im Pickup gelassen, und so habe ich mir dummerweise den Fuß an einem Felsen gestoßen. Normalerweise ist so eine Wunde ja kein Problem, aber für den Nachmittag war ein Bad im Toten Meer geplant, das konnte ja lustig werden.
In einem Beduinencamp, in dem Lawrence von Arabien während der Arabischen Revolte (1916 bis 1918) stationiert war, haben wir Tee bekommen und dann ging es zurück in unser Touristencamp zum Frühstück.

Wadi Rum – Unterkunftszelte in Touristencamp
Wadi Rum – Dominiks ‚Mission to Mars‘
Wadi Rum
Wadi Rum – Lorenz von Arabien im Beduinencamp
Wadi Rum – Kamele am Morgen

Ahmad kam, nachdem er endlich ausgeschlafen hatte, auch dazu, machte das Auto startklar und dann ging es weiter zum Toten Meer. Der Weg führte uns ganz hinunter in den Süden, an Aqaba (العقبة, al-Aqaba) vorbei und an der israelisch-jordanischen Grenze entlang wieder Richtung Norden in ein Urlaubsresort am nördlichen Ende des Toten Meeres (ים המלח, Jam ha’mélach, Salzmeer bzw.  البحر الميّت, al-Baḥr al-Mayyit, das tote Meer). Was interessant war: immer, wenn unser Fahrer auf jenes Land auf der anderen Seite des Toten Meeres zu sprechen kam, hat er das Wort ‚Israel‘ nie in den Mund genommen; er sprach immer nur von Palästina. Nach wie vor gibt es auf beiden Seiten Vorbehalte – vor allem auch bei den Palästinensern, die vor Jahrzehnten als Flüchtlinge nach Jordanien gekommen sind. Gleichzeitig dürfen diese (inzwischen) Jordanier nicht nach Israel einreisen, und das obwohl die beiden Länder im Juli 1994 in Washington einen Friedensvertrag geschlossen und dabei den Jordan als gemeinsame Grenze anerkannt hatte. Unweit unseres Resorts mündet der Fluss schließlich ins Tote Meer, das eigentlich ein Salzsee ist. Gespeist wird er neben dem Jordan auch von einigen Wadis aus den umliegenden Wüstengebieten, aber einen Abfluss besitzt er nicht. Heute liegt der Wasserspiegel bei 428 Metern unter dem Meeresspiegel, aber vor 4000 Jahren soll er noch bei ‑250 Metern gelegen haben. Gerade in den letzten hundert Jahren ist der Wasserstand aufgrund von Wasserentnahme (für Trinkwasser und Landwirtschaft) aus dem Jordan dramatisch gesunken. Das Tote Meer ist der am tiefsten gelegene See der Erde; der tiefste See der Erde bleibt aber weiterhin der Baikalsee.

Jordanien – Straße von Aqaba zum Toten Meer

Die Sonne brannte heiß auf uns herab, als wir aus einem überhitzten Auto mit überforderter Klimaanlage ausstiegen. Hier im Resort haben wir erstmal was zu Mittag gegessen und uns anschließend die Badehosen angezogen. In einem kleinen Shuttle ging es ans etwa 500 Meter entfernte Ufer, das sich jedes Jahr mehr und mehr zurückzieht. Es war nicht mein erstes Mal im Toten Meer, aber das erste Mal mit einer offenen Wunde. Anfangs machte die daumennagelgroße Verletzung kein Problem, aber nach etwa einer Minute fing es furchtbar zu brennen an. Es war grenzwertig, aber trotzdem war es ein tolles Erlebnis wieder dort zu baden, wo man nicht untergehen kann. Für Jordan und Shaan war es das erste Mal, und die beiden waren richtig begeistern. Aus einem ummauerten Loch, das wie ein Gülleloch aussah, nahmen wir von der Sonne aufgeheizten Schlamm heraus und rieben uns damit ein. Wir ließen den Dreck, der gut für die Haut sein soll, ein bisschen antrocknen und haben ihn anschließend im Wasser abgewaschen. Bevor es im Shuttle wieder ins Hotel zurückging, haben wir aber das Salz abgeduscht, und bis zur Rückfahrt nach Amman gab es für uns Cocktails an der Bar inklusive Planscherei im Pool und auf den Rutschen.

Totes Meer

Ahmad war ein bisschen stinkig. Es hat ein bisschen länger gedauert in die Hauptstadt zurück zu fahren, und wir wiederum haben ein bisschen länger gebraucht, bis wir im Hotel eingecheckt und uns umgezogen hatten. Es war der letzte Tag des Ramadan, und das Fastenbrechen heute war was Besonderes. Darum wollte Ahmad auch unbedingt rechtzeitig was zu essen und hat uns in ein Restaurant geschleppt, das erwartungsgemäß voll besetzt war. Wir mussten ein bisschen warten, bis wir einen Tisch bekamen, aber als es dann soweit war, wurde uns eine typische Iftar-Speise serviert: Mansaf (منسف). In Jordanien wird es als Nationalgericht propagiert und bedeutet eigentlich ‚großes Tablett‘. Auf einem solchen wird es letztlich auch serviert: zuerst wird Fladenbrot auf dem Tablett angerichtet, darauf kommt Reis und zuoberst Lammfleisch. Das Fleisch wird in einer Brühe aus Wasser und getrocknetem Ziegenmilchjoghurt gekocht wird, die Jameed (جميد) genannt wird. Ungefragt hat Ahmad für jeden von uns Mansaf bestellt, und wenn auch das in einem Schälchen mitservierte Jameed ziemlich geiß-ig geschmeckt hat, so war der Rest doch ziemlich lecker. Das Restaurant hieß Al-Quds (القدس), der arabische Name für Jerusalem, was wörtlich Die Heilige heißt, und war nur eines von vielen einer Kette, die in ganz Amman vertreten war. In einer Schischa-Bar hat uns Ahmad noch irgendwelche Geschichten erzählt und uns dann ins Hotel zurückgefahren.

Amman – Römisches Amphitheater (bei Tag)

Am nächsten Morgen wurden wir wieder von ihm abgeholt und zum Frühstück zu Humus, Pita, Pommes und Oliven geführt. Anschließend gab es eine kurze Besichtigung (bei Tag) des römischen Amphitheaters und einen Besuch in einem typischen Süßwarenladen. Es ist schon erstaunlich wie sehr die Araber auf Süßes aus sind. Ich mag das Zeug ja auch, aber manchmal ist es sogar mir zu süß. Schweren Herzens musste ich dann, noch am Laden, von meinen beiden Reisegefährten Abschied nehmen. Ihr Flug ging nachmittags und Ahmad brachte sie zum Flughafen, während mich sein Schwager/Bruder/Vetter (irgendwer aus der Familie halt) in mein neues Hotel brachte, wo ich erstmal meine Wäsche wusch, am Blog schrieb und mich ausruhte.

Das Ende des Ramadans war in Jordanien ein viertägiger Feiertag. Folglich war am nächsten Samstagmorgen, an dem mich wieder ein Verwandter Ahmads abholte, kaum was auf den Straßen los. Ich wollte mir ein bisschen den Norden des Landes anschauen, um genau zu sein Umm Qais (أم قيس, Mutter von Qais), Adschlun (عجلون) und Jerash (جرش). In Umm Qays gab es hauptsächlich römische Ruinen zu sehen, sowie eine mit wiederaufgestellten Säulen gesäumte Straße, auf der man noch heute die Wagenspuren in den Pflastersteinen sehen kann. Die Stadt hieß seinerzeit Gadara und war aufgrund ihrer Lage an strategisch günstiger Position – von dort oben hatte man einen tollen Blick hinüber zum etwa zehn Kilometer entfernten See Genezareth und nach Syrien.

Um Qais
Um Qais – Hauptstraße
Um Qais – Blick auf den See Genezareth

In Adschlun gab es die im zwölften Jahrhundert erbaute und 1260 kurzzeitig von den Mongolen eroberte Festung zu bestaunen, die auf 980 Metern über der heutigen Ortschaft thront. Bei gutem Wetter soll man von hier sogar die Lichter Jerusalems sehen. Das Innere ist touristisch ganz nett aufgehübscht, aber sonst ist sie nix besonders.

Als wir an meinem letzten Punkt des Ausflugs angekommen sind, war ich eigentlich schon ziemlich fertig von der Herumlatscherei. Es war heiß, und auch die Fahrerei im nichtklimatisierten Auto hatte sehr geschlaucht. Allerdings war es heute wie bei einem guten Film – das Beste kam zum Schluss: Jerash. Die antike Stadt Gerasa erlebte im ersten Jahrhundert unter römischer Herrschaft einen schnellen Aufstieg, und davon zeugen auch heute noch eine fast vollständig erhaltene Stadtmauer, eine 800 Meter lange gepflasterte Hauptstraße, Tempel, Kirchen, Theater und Arenen. Die Stadt ist wirklich imposant, und obwohl es die Hitze einem ganz schön anstrengend gemacht hatte, bin ich tapfer durch Ruinen marschiert, habe die römischen und teils hellenistischen Überreste bestaunt und Tempel betreten, in denen vor 2000 Jahren Göttern wie Jupiter oder Zeus gehuldigt worden war. Zu Ehren des Kaisers Hadrian, der die Stadt im Winter 129/130 n. Chr. besucht hatte, wurde ein großer Triumphbogen erbaut, der heute den Haupteingang für Besucher zu den Ausgrabungen bildet. Von dort bin ich vorbei am Hippodrom, durch das antike südliche Stadttor auf das ovale Forum und dann weiter über die einst von 1000 Säulen gesäumte Hauptstraße bis hin zum Nordtheater. Ich war leider allein unterwegs, aber hätte mir im Nachhinein doch gerne einen Tourguide geleistet, der mir Hintergründe und Geschichten hätte erzählen können. Etwa jene, dass die Araber, die ich im Südtheater dudelsackspielend angetroffen habe, nicht etwa eine schlechte und an den Haaren herbeigezogene Touristenfalle waren, sondern dass der Dudelsack durch schottische Regimenter während der britischen Kolonialzeit tatsächlich im arabischen Raum verbreitet wurde. Eine gewöhnungsbedürftige Kombi war es allemal: die drei Männer in landestypischer Bekleidung spielen Dudelsack mit schottischem Karomuster.

Dscherasch – Hadriansbogen
Dscherasch – Südtor
Dscherasch – Ovaler Platz
Dscherasch – Ovaler Platz
Dscherasch – Arabische Dudelsackspieler im Südtheater
Dscherasch – Nymphäum
Dscherasch – Cardo Maximus

Für den Abend hatte ich über Couchsurfing ein Treffen mit Ala’a ausgemacht. Mit einem Uber habe ich mich zu Treffpunkt bringen lassen und dann sind wir – zusammen mit einem ganz komischen Kumpel von ihm – in die Stadt gefahren. Wir hatten alle Hunger, und so haben mich die beiden in ein vollbesetztes Restaurant geschleppt, irgendwo in einem Hinterhof, wo sie für mich Kofta mit Tahini (كفتة بالطحينة) bestellten. Der gebackene Hackfleischfladen an Tahini-Soße wurde in einer Aluschüssel gereicht, und die Schwierigkeit bestand zum einen darin, ohne Messer und Gabel das Fleisch mit einem Stück Pitabrot in der Hand auseinanderzureißen, und zum anderen, sich dabei nicht allzu sehr einzusauen.

Amman – Köfte mit Tahini

Zum Schluss fuhren wir noch in jene Mall, in der ich mit Zaid schon war, weil es da einen Dutyfree-Shop gab, in dem nur Ausländer einkaufen dürfen. Leider hatte ich in meinem Pass nicht den israelischen Ausreisezettel, und drum wurde uns der Einkauf verwehrt und die beiden gingen leer aus.

Am nächsten Morgen, es war Sonntag und immer noch Feiertag, holte mich Zaid in meinem Hotel ab, gabelte unterwegs noch seinen Kollegen Jerias auf, und fuhr mit uns hinunter zum Toten Meer ins Wadi Mudschib (وادي الموجب, Wadi al-Mudschib). Ein Wadi ist ein Tal oder ein Flusslauf und kann häufig erst nach starken Regenfällen Wasser führen. Da das Einzugsgebiet eines Wadis sehr groß sein kann, ist es möglich, dass ein weit entferntes Gewitter überraschende Sturzfluten verursacht, und dann wird der Aufenthalt lebensgefährlich. Um das allerdings zu verhindern wurde großen Wert auf Sicherheit gelegt. Wir wurden mit Schwimmwesten ausgestattet, ließen unsere Wertsachen zurück und dann ging der Spaß los. Und es war richtig geil. Das Wadi Mudschib wird auch der Grand Canyon Jordaniens bezeichnet und eignet sich prächtig für Canyoning. Der Weg in die Schlucht führte nach etwa 200 Metern eine Leiter hinab, die direkt im knietiefen Wasser endete. Von da an war alles egal und mit jedem Meter weiter, wurde auch der Rest von mir und dem, was ich anhatte, immer nasser. Anfangs sind wir noch durch das seichte Wasser gewatet, dann mussten wir an Seilen entlanghangelnd gegen die Strömung schwimmen, drei Wasserfälle erklimmen, und schließlich endete die Tour an einem großen Wasserfall, an dem es für uns Unerfahrene nicht mehr weiterging. Auf dem Rückweg haben wir uns im wahrsten Sinne des Wortes treiben lassen und sind einen der Wasserfälle sogar hinuntergerutscht. Das Wasser war richtig angenehm und meine beiden Kollegen waren tolle Begleiter. Eine Tour, die man wärmstens empfehlen kann.

Wadi Mudschib – Von der Leiter direkt ins Wasser
Wadi Mudschib
Wadi Mudschib
Wadi Mudschib
Wadi Mudschib – Weiter geht’s nicht…
Wadi Mudschib – Treiben lassen…

Auf dem Rückweg, hinauf nach Norden, sind wir nach einigen Kilometers rechts abgefahren und hinauf zum Dead Sea Panorama. Der Komplex lag inzwischen wieder auf 100 Meter über dem Meeresspiegel und bot einen fantastischen Blick über das Tote Meer und hinüber nach Israel. Nach einer kleinen Erfrischung im Restaurant, ein paar Fotos mit Aussicht und einem kleinen Abstecher in der Moses-Kirche auf dem Berg Nebo hat mich Zaid ins Hotel nach Amman zurück gefahren und wir verabredeten uns für den Abend in einer eher belebten Gegend.

Panorama Dead Sea – Blick übers Tote Meer Richtung Israel
Berg Nebo – Moses-Kirche
Berg Nebo – Moses-Kirche

Ich hatte mir wieder ein Uber genommen und mich mit den beiden getroffen, und zusammen sind wir zu Fuß hinunter in die Stadt. In einem kleinen, stadtbekannten Laden (Habibah Sweets) haben wir sogar anstehen müssen um eine lokale Köstlichkeit zu bekommen: Kanafeh (كنافة‎). Eigentlich kommt die warme Süßspeise, die aus Quark und feinen Teigfäden gemacht wird, ursprünglich aus dem palästinensischen Nablus, aber es ist inzwischen in der ganzen arabischen Welt bekannt. Nachdem wir uns daran gütlich getan hatten, ging es weiter auf der Suche um was zu trinken. Das Ganze sollte sich als Schwierigkeit herausstellen, denn wenn drei Kerle gemeinsam in eine Bar wollen, dann kann es gut sein, dass sie abgewiesen werden. Der Grund liegt darin, dass junge Männer (obwohl wir nun so jung auch nicht mehr waren) oft Ärger machen. Des Abends ziehen sie in kleineren oder größeren Horden durch die Stadt. Die gesellschaftlichen Zwänge erlauben es ihnen nicht, sich mit Mädchen zu treffen, und so müssen sie mit Ihresgleichen Vorzug nehmen. Das Gute daran ist lediglich, dass sie dabei keinen Alkohol trinken (dürfen). Man stelle sich vor, sie wären auch noch besoffen. Drum wird das Problem im Kern dadurch erstickt, dass oft nur Frauen, Familien oder gemischte Gruppen in die netten Bars gelassen werden. So traf es auch uns, denn erst beim vierten Versuch waren wir erfolgreich – auf der Terrasse einer verrauchten Sport‑/Schischa‑/Kartenspiel‑Bar.
Spät in der Nacht, es war schon weit nach zwölf, haben wir in einem kleinen Restaurant noch was gegessen, und dann hat mich Zaid wieder zum Hotel zurück gefahren.

Am Montag schließlich, meinem letzten Tag in Jordanien, hatte ich nicht mehr viel vor. Ich habe ausgeschlafen, bin mit Ala’a von Couchsurfing nochmal zur Mall damit er seine steuerfreien Zigaretten und Schischa‑Tabak kaufen konnte, und danach bin ich ins Hammam. Zaid hatte es mir empfohlen. Ich habe mich in einem stilvollen und schön einrichteten orientalischen Bad abschrubben lassen, habe im Dampfbad geschwitzt und im Jacuzzi gebadet.

Gegen sechs Uhr abends stand dann wieder Ahmad auf der Matte. Er brachte mich hinaus zum Flughafen, von wo mich mein Flieger um 21 Uhr nach Doha und dann weiter nach Schiras brachte.

Jordanien ist voller erstaunlicher Sehenswürdigkeiten. Große Zivilisationen haben hier ihre Spuren hinterlassen. Die Römer nannten Amman, das bereits in biblischer Zeit entstanden ist, Philadelphia, und das soll seinerzeit – wie die Stadt Rom – auf sieben Hügeln erbaut worden sein (heute erstreckt sich die Stadt über 19 Hügel). Amman ist Hauptstadt des Haschemitischen Königreichs Jordanien, das eine konstitutionelle Monarchie ist. Im Land mit seinen 9,5 Millionen Einwohnern ist zwar der sunnitische Islam Staatsreligion, aber sogar an Weihnachten haben die Jordanier einen gesetzlichen Feiertag. Ein tiefes und ein hohes Land, das zusammen mit Israel auf -428 Metern den tiefsten Ort der Erde beheimatet und gleichzeitig den auf 1854 Metern gelegenen Gipfel des Berges Dschabal Umm ad-Dami hat. Es ist ein weit offeneres Land, als ich naiverweise vermutet hatte. Und nicht zuletzt haben meine Reisebegleiter Jordan und Shaan und vor allem auch Zaid und Jerias dazu beigetragen, dass ich mich sehr wohl gefühlt habe.

Schukran! Danke!
Ich komme gerne wieder!

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