Zwischen Bergen und Meer

Zwischen Bergen und Meer

Mit über zweieinhalb Stunden Verspätung bin ich in Santiago gelandet und irgendwann nachts um zwei im Hostel angekommen. Und da mein Zimmer aus irgendeinem Grund nicht fertig war, musste ich für eine Nacht in ein Ersatzzimmer. Das war mir in dem Moment dann aber auch egal, weil ich einfach nur müde war und schlafen wollte.

Santiago liegt grob etwas nördlich der Mitte von Chile, das sich über eine Länge von rund 4200 Kilometern wie ein Streifen an der Westküste des südamerikanischen Kontinents entlang zieht. Mit einer durchschnittlichen Breite von gerade mal 200 Kilometer ist das Land quasi eingepfercht zwischen Pazifik und Andenkordillere. Von den 18 Millionen Chilenen wohnen 44% in der Hauptstadt und der unmittelbaren Umgebung. Pro Quadratkilometer leben in Chile nur 23 Menschen, in Deutschland sind es zehnmal so viele.

Am ersten Tag in der chilenischen Hauptstadt habe ich mich einer Free Walking Tour angeschlossen, in der wir allerdings nicht die Hauptsehenswürdigkeiten abgeklappert haben, sondern vielmehr ein bisschen abseits unterwegs waren. Marcía, unsere Führerin, hat uns auf diverse Märkte geschleppt und anschließend noch auf einen Friedhof. Unterwegs hat sie uns Geschichten über Land und Leute erzählt, uns Empfehlungen für diverse chilenische Gerichte ausgesprochen und uns vor allem auch ein Getränk empfohlen, das wir unbedingt probieren müssten: Terremoto. Erdbeben. Chile ist ja nach Japan das zweitstärkste gefährdete Erdbebengebiet der Erde. Erdbeben sind an der Tagesordnung, und alle zehn Jahre ist mit einem richtig Großen zu rechnen.
Und wenn man also so ein Terremoto trinkt, das aus jungem Wein (ähnlich Federweißem), einem süßen Likör und Ananaseis besteht, dann merkt man anfangs nichts vom Alkohol. Aber sobald man aufsteht, scheint man mitten in einem Erdbeben zu sein!

Santiago – Mercado Central

Der Rundgang über den Zentralfriedhof, auf dem zwei Millionen Menschen beerdigt liegen, hat mich an Recoleta erinnert, jenen Friedhof in Buenos Aires, auf dem Evita Perón begraben liegt. Auch hier in Santiago sind die Gräber nicht wie bei uns unter der Erde, sondern es gibt Sargnischen in langen Mauern oder aber kleinere und größere Mausoleen, in die die Särge gelegt werden. Manche dieser Begräbnishäuser sind palastähnlich angelegt und ebenso pompös und aufwendig gestaltet. Da sie allerdings Eigentum der jeweiligen Familien sind, kann es auch gut sein, dass sie mit der Zeit verkommen, einstürzen (Stichwort Erdbeben) oder sonst nicht mehr instand gehalten werden, wenn entweder das Geld ausgegangen ist oder keine Nachkommen mehr da sind. Für den europäischen Besucher gibt es hier keine großen bekannten Namen, wie zum Beispiel Evita in Buenos Aires. Ein Mann allerdings liegt hier begraben, dessen Name auch ich schon einmal gehört hatte: Salvador Allende, ehemaliger Präsident Chiles.

Und dann wurde Marcía sehr persönlich. Sie ließ uns an einem Treppenaufgang zu einem Nachbarmausoleum Platz nehmen und erzählte uns einen Teil ihrer Geschichte.

Allende war Sozialist und wollte in Chile auf demokratischem Wege eine sozialistische Gesellschaft etablieren. So recht gelang ihm das nicht. Er und seine Regierung führten diverse Verstaatlichungen des Kohlebergbaus und der Textilindustrie durch. Als Folge der Wirtschaftspolitik kam es zu Lebensmittelknappheit. Dann folgten Rationierungen und daraus resultierend Proteste, Straßenschlachten, Terroranschläge. Darüber hinaus war es auch nicht im Interesse der USA, dass eine sozialistische Regierung in Südamerika funktioniert, und somit kam es bereits seit den 60ern zur illegalen Einflussnahme in Chile. Letzten Endes kam es am 11. September 1973, drei Jahre nach Allendes Amtsantritt, zu einem Militärputsch, unterstützt durch verdeckte Operationen der CIA. Noch am selben Tag beging Allende Selbstmord, und Augusto Pinochet führte die Militärdiktatur bis zum 11. März 1990. Erst in den 90ern wurde Allendes Leichnam auf den Zentralfriedhof überführt.
Obwohl Marcía an jenem 11. September erst sechs Jahre alt war, erinnerte sie sich ein Leben lang an die Angst ihrer Mutter an jenem Abend. Sie wuchs also auf in einer Diktatur, ständig mit der Furcht davor etwas Falsches zu sagen oder zu tun. Leute wurden verschleppt, gefoltert, umgebracht. Sie erzählte davon, wie ihr eine ihrer Freundinnen den weiteren Umgang mit ihr verbot um nicht selbst auch ins Fadenkreuz der Schergen zu kommen. Sie war sehr emotional und am Ende ihrer fünfzehnminütigen Erzählung hatten alle einen Kloß im Hals.

Diesen Kloß haben wir mit Terremoto runtergespült. Gegenüber vom Friedhof gab es eine Bar, in die uns Marcía geschleppt hat, und dort konnten wir alle den wohl chilenischsten aller Drinks probieren. Sehr süffig. Wohlgemerkt, es war noch nicht mal zwei. Zum Glück blieb das Erdbeben aus.

Santiago – Zentralfriedhof
Santiago – Zentralfriedhof

Den Rest des Tages bin ich in der Stadt rumgeschlendert, hab mir die Plaza de Armas angeschaut, und versucht herauszufinden, wie ich am nächsten Tag am besten nach Valparaíso komme.

Santiago – Plaza de Armas
Santiago – Catedral Metropolitana
Santiago – Plaza de Armas

Valparaíso ist eine Küstenstadt am Pazifik mit einem der bedeutendsten Häfen des Landes. Die Stadt beherbergt das Parlament, gilt als Kulturhauptstadt Chiles und ist aufgrund ihres Charakters wohl weltberühmt. Klar, dass ich da auch hin musste. Und ich sag es ganz ehrlich: ich wurde maßlos enttäuscht!
Mit dem Bus, der quasi alle 15 oder 20 Minuten von Santiago aus fährt, bin ich kurz nach elf angekommen. Der Busbahnhof liegt ein bisschen nördlich der Altstadt, und da ich mich nicht so recht drauf vorbereitet hatte, war ich natürlich erstmal planlos. Also habe ich mir in einem kleinen Café Wlan geholt und war beruhigt, dass ich wenigstens schon mal in die richtige Richtung gegangen bin. Noch ein Stück weiter und schon konnte ich auf den Cerro Concepción hinauf gehen, einen der unzähligen, angeblich pittoresken, Hügel der Stadt. Dort oben wohnen hauptsächlich Künstler und Studenten, es gibt Cafés, Kneipen, Restaurants und kleine Boutiquen. Irgendwie kam es mir alles langweilig vor. Klar, es gibt ein paar nette Häuschen, ein bisschen Street Art, aber so richtig vom Hocker hat mich das alles nicht gehauen. Trotz einer gewissen Ernüchterung war die Stimmung immer noch gut.
Also habe ich mich dann frohen Mutes auf die Terrasse eines kleinen Restaurants mit Blick auf die Stadt gesetzt. Als ich aber zwanzig Minuten später noch nicht mal ein Karte bekommen hatte, bin ich wieder abgezogen und den Hügel runter. Die Stimmung war jetzt schon nicht mehr so gut.
In einem Supermarkt, in dem ich mich mit Duschgel und neuer Zahnbürste eingedeckt hatte, habe ich mich zuerst über die Preise geärgert und dann an der Kasse über den sinnlosen und absolut verschwenderischen Verbrauch von Plastiktüten. Die Stimmung war jetzt am Boden.
Die Empanada von einer Straßenverkäuferin hat getrieft vor Fett und besonders gut war sie auch nicht. Und überhaupt hat es in der ganzen Stadt nach Hundescheiße gestunken. Da pfeif ich doch auf das vielbeschworene Haus des chilenischen Nationaldichters Pablo Neruda oder die weiteren Cerros, auf die ich sicherlich zu Fuß hätte raufgehen müssen, weil die blöden Ascensores – Standseilbahnen – ohnehin nicht funktioniert hätten. Nix wie raus hier. Haken dran und weg. Gut, dass die Busse so regelmäßig fahren.

Valparaíso – Tür auf dem Cerro Concepción
Valparaíso – Street Art, oder nennt man das Sachbeschädigung?
Valparaíso – Street Art
Valparaíso – tolle Stadt, gell?
Valparaíso

Zurück in Santiago habe ich mich im Hostel frisch gemacht und mir dann eine Rooftopbar gesucht. Ich liebe das! Toller Blick, leckerer Drink. Was braucht man mehr? Ich habe dann auch tatsächlich eine gefunden, im The Singular, dem wohl teuersten Hotel der Stadt. Die Aussicht auf die im Dunst liegenden Anden in der Abendsonne war spektakulär. Der Preis für meinen Gin Tonic war üppig, aber dafür richtig gut, und die Gesellschaft erst. An einem langen Tisch sitzend habe ich Martina und Oliver aus Hamburg kennengelernt. Die beiden haben auf ihrer Tour durch Argentinien und Chile gerade in Santiago Station gemacht und sich, genau wie ich, eine Rooftopbar ausgesucht, obwohl auch sie nicht im dazugehörigen Hotel abgestiegen sind. Wir haben uns prächtig unterhalten und viel Spaß miteinander gehabt. Danke euch zwei für den tollen Abend!

Santiago – Der Mond ist aufgegangen…über den Anden
Santiago – Gin Tonic in der Rooftop Bar

Die beiden sind übrigens zwei Tage später auch nach Valparaíso und haben danach per Whatsapp geradezu davon geschwärmt. Hm, ich kann’s mir auch nicht so recht erklären. Naja, ist ja alles subjektiv! 😉

An meinem letzten Tag in Chile wollte ich unbedingt nochmal in die Anden. Chile ist ja wirklich nicht breit. Von Santiago aus kommt man in einer guten Stunde entweder ans Meer oder in die Berge und an die argentinische Grenze. Ein wichtiger Ort in der Gegend und auch ein Ort der Sommerfrische für die Hauptstädter ist San José de Maipo. Es ist der Ausgangspunkt für Ausflüge in den Cajón del Maipo, die Maipo-Schlucht, und für den Skitourismus im Winter. Mit einer geführten Tour bin ich dort hin und noch ein Stück weiter. Der Ort an sich ist nix besonderes, wie so oft ist man besonders auf die kolonialen Bauten stolz. Anschließend ging die Fahrt weiter an den Embalse El Yeso, den El-Yeso-Damm. Mitten in den Bergen auf 2.568 Metern über dem Meer liegt dieser Damm und staut den El Yeso auf, der als Trinkwasserreservoir für Santiago dient. Das Wasser ist so schön klar, man möchte geradezu reinspringen. Wahrscheinlich aber würde man es schnell bereuen, da er nicht ganz Badetemperatur hat. Nach einer kleinen Wanderung am See entlang gab es Käse, Cracker und Saft am Transferbus mit den anderen Teilnehmern, einem Mädel aus Frankreich und zwei Mädels aus Buenos Aires. Mit denen habe ich auf dem Rückweg dann auch zu Mittag gegessen, und wir haben eines der Gerichte probiert, die Marcía so begeistert empfohlen hatte.

San José de Maipo – Plaza de Armas
Embalse El Yeso
Embalse El Yeso

Zurück in Santiago bin ich noch auf den Gran Torre Santiago, mit genau 300 Metern das höchste Gebäude in Südamerika, bevor ich mit der Metro zurück zum Hostel bin.

Santiago – Gran Torre
Santiago – Gran Torre

Mein Flug auf die Osterinsel ging um 9.30 Uhr, weshalb ich schon um kurz nach halb sieben mit einem Uber zum Flughafen gefahren bin. So früh am Morgen war noch nicht viel los in der Stadt. Naja, nicht ganz. Ein paar Leute waren doch schon unterwegs, hauptsächlich Leute mit schwarzer Hautfarbe. Sie sind alle angestanden um eine Arbeits- oder Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Und die Schlange war richtig lang. Ungelogen Hunderte Meter, vom einen Block zum andern. Alle auf der Suche nach einem besseren Leben, nach einem sichereren Leben. Erst als die Schlange in eine Querstraße abbog, kam sie aus meinem Blickfeld. Und ich verwöhnter, weißer Europäer bin dann halt mal Richtung Südsee gejettet…

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